Anabole Diät und Migräne: Ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der schätzungsweise sechs Prozent aller Männer und 15 Prozent aller Frauen in Deutschland betroffen sind. Die Erkrankung ist bislang nicht heilbar, und die Ursachen sind noch nicht vollständig erforscht. Es wird jedoch angenommen, dass eine genetische Veranlagung und bestimmte Triggerfaktoren eine Rolle spielen. Zu den Triggern gehören Stress, Lärm, grelles Licht, hormonelle Schwankungen und Veränderungen im Tages- und Lebensrhythmus. Auch bestimmte Nahrungsmittel können bei manchen Betroffenen Migräneattacken auslösen.

Migräne: Eine komplexe neurologische Erkrankung

Migräne äußert sich in mittleren bis starken pulsierenden Schmerzen auf einer Kopfseite. Die Attacken können zwischen vier Stunden und drei Tage andauern und werden teils von neurologischen Symptomen wie Sehstörungen eingeleitet. Migräne geht oft mit Übelkeit sowie Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit einher. Die Reizverarbeitung im Gehirn von Migränepatienten funktioniert offenbar anders, wodurch das Gehirn quasi immer unter Hochspannung steht und sehr viel Energie verbraucht.

Ernährung als möglicher Triggerfaktor

Bestimmte Nahrungsmittel können bei manchen Betroffenen Kopfschmerzen mit auslösen. Beispiele hierfür sind der sogenannte Hot-Dog-Kopfschmerz, der durch zu hohe Nitratspiegel ausgelöst wird, und das sogenannte „China-Restaurant-Syndrom“, das durch zu hohe Glutamatspiegel im Blut entsteht. Auch Alkohol kann bei Personen, die nicht zu Migräne neigen, Kopfschmerzen auslösen. Rotwein gehört zu den wenigen Lebensmitteln, bei denen ein bewiesener Zusammenhang mit Migräne besteht.

Dr. Myriam Schwickert-Nieswandt von der Migräne- und Kopfschmerzpraxis Wiesbaden rät Migräne-Betroffenen, ihre individuellen Reaktionen auf Lebensmittel zu beobachten. Eine pauschale Migräne-Diät für alle Betroffenen gibt es aus medizinischer Sicht nicht. Fachleute empfehlen jedoch eine ausgewogene Ernährung mit frischen, vollwertigen Produkten und wenig Fertiggerichten, Wasser, ungesüßtem Tee und wenig Zucker. Eine Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren ist, scheint ebenfalls zuträglich zu sein. Omega-3-Fettsäuren sind beispielsweise in Nüssen, Leinsamen, Chiasamen und Fisch zu finden.

Die ketogene Diät im Fokus der Migräneforschung

Ernährungskonzepten wie der ketogenen Diät stehen einige Experten skeptisch gegenüber, während andere eine positive Wirkung auf den Krankheitsverlauf vermuten. Die ketogene Diät reduziert die Zufuhr an Kohlenhydraten stark und setzt stattdessen auf ausgewählte Fette und Proteine. Durch die hohen Fett- und Proteinanteile soll der Blutzuckerspiegel konstant bleiben.

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Eine Studie von Cherubino di Lorenzo von der Universität Rom und seinen Kollegen deutet darauf hin, dass eine ketogene Diät bei Migräne helfen könnte. In dieser Studie unterzogen sich übergewichtige Frauen, die regelmäßig unter Migräne litten, einen Monat lang einer fett- und proteinreichen, aber kohlenhydratarmen ketogenen Diät. Es zeigte sich, dass Zahl und Ausmaß der Migräneanfälle bei den Frauen mit ketogenem Essen stärker abnahmen als bei einer Vergleichsgruppe, die eine kalorienreduzierte Kost aß.

Die ketogene Ernährungstherapie imitiert den Zustand des Fastens. Sie wird in der Regel wie ein Medikament ärztlich verordnet. Es gibt mehrere Formen, alle sind sehr fettreich und extrem kohlenhydratarm, liefern aber ausreichend Kalorien und Eiweiß. Die jeweilige Diätform wird von einer Ärztin, einem Arzt oder einer Ernährungsfachkraft für jede Patientin und jeden Patienten individuell, abhängig von Alter, Erkrankung und Situation festgelegt.

Eine ketogene Diät kann anfänglich müde machen und Übelkeit auslösen; außerdem verursacht sie einen typischen Mundgeruch. Dennoch überraschen die Ergebnisse Migräneforscher Markus Dahlem von der Humboldt-Universität zu Berlin: "Bislang hieß es, dass man sich als Migränepatient regelmäßig kohlenhydratreich ernähren solle. Deswegen müsste es eigentlich sogar eine schädliche Diät sein. Doch so einfach scheint die Sache nicht zu sein." Womöglich hängen Migräneattacken mit plötzlichen, starken Stoffwechselschwankungen zusammen. "Sie treten wohl nicht mehr auf, wenn die Betroffenen dann auf solch eine Diät umstellen", so der Wissenschaftler.

Weitere Studienergebnisse zur ketogenen Diät und Migräne

Eine weitere Studie untersuchte die Auswirkungen einer 2:1-Ketodiät auf Migräneattacken. Die Teilnehmer ernährten sich drei Monate lang entweder mit Lebensmitteln mit niedrigem glykämischen Index oder erhielten eine 2:1-ketogene Kost. Die Ergebnisse legen nahe, dass sowohl die ketogene Diät als auch eine Ernährung mit niedrigem glykämischen Index Migränesymptomen vorbeugen und/oder abmildern könnte.

Massimiliano Caprio von der San Raffaele Roma Open University in Rom, Italien, verglich in einer aktuellen Studie die sehr kalorienarme ketogene Diät (VLCKD) mit der hypokalorischen ausgewogenen Diät (HBD) bei Patienten mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 27 kg/m2 und hochfrequenter episodische Migräne (HFEM; 8-14 Migränetage monatlich). Die Studie zeigte, dass die VLCKD der HBD in Woche 8 überlegen war. Der Trend setzte sich auch in Woche 12 unter der kalorienarmen Diät der VLCKD-Gruppe und in Woche 24, in der alle Teilnehmer die gleiche Ernährungsintervention erhielten, fort.

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Mikronährstoffe und Migräne

Studien haben gezeigt, dass Migränepatienten verminderte Konzentrationen der Mikronährstoffe Riboflavin (Vitamin B2), Magnesium und Coenzym Q10 aufweisen. Diese Mikronährstoffe spielen eine wichtige Rolle bei der Energieerzeugung in den Mitochondrien und sind an zahlreichen physiologischen Prozessen beteiligt, die das Krankheitsgeschehen der Migräne beeinflussen.

Ernährungsempfehlungen für Migränepatienten

Nach derzeitigem Wissensstand lassen sich keine allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen für Migränepatienten begründen. Es ist jedoch ratsam, auf eine ausgewogene Ernährung mit frischen, vollwertigen Produkten und wenig Fertiggerichten zu achten. Regelmäßige Mahlzeiten und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr sind ebenfalls wichtig. Bestimmte Nahrungsmittel, die als Triggerfaktoren in Frage kommen, sollten vermieden werden.

Dr. Myriam Schwickert-Nieswandt rät zu einer „Rhythmisierung des Alltags“ mit regelmäßigen Mahlzeiten. „Eine gute Balance zwischen Anspannung und Entspannung wirken vorbeugend“, ergänzt sie. Regelmäßiger Ausdauersport sowie Entspannungstraining in den schmerzfreien Phasen wirkt Studien zufolge ebenfalls vorbeugend.

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