Migräne ist nicht nur ein Problem von Erwachsenen. Auch Kinder leiden unter starken Kopfschmerzen und Migräne. Etwa fünf bis zehn Prozent der Kinder im Alter von sieben bis fünfzehn Jahren haben bereits Migräneattacken erlebt. Sogar Kinder ab dem dritten Lebensjahr können von den Symptomen der Kindermigräne betroffen sein. Viele Kinder machen bereits in der Grundschule Erfahrungen mit Kopfschmerzen und Kindermigräne. Es ist wichtig, die spezifischen Aspekte der Migräne im Kindesalter zu verstehen, um eine frühzeitige Diagnose und angemessene Behandlung zu gewährleisten.
Häufigkeit und Verlauf der Migräne im Kindesalter
Im Kindesalter tritt die Migräne bei etwa 4 bis 5 % der Kinder auf. Bei jedem zweiten Kind klingt sie in der Pubertät wieder ab. Eine Migräneattacke bei Kindern kann anders verlaufen als bei Erwachsenen. Oft ist eine Attacke schon nach zwei Stunden vorüber, kann aber auch gelegentlich bis zu 48 Stunden anhalten. Viele betroffene Kinder hören mit dem Spielen oder Lernen auf, sind blass und legen sich freiwillig zum Schlafen hin.
Vor der Pubertät gibt es keinen geschlechtsspezifischen Unterschied in der Häufigkeit von Migräne. Dies ändert sich jedoch nach der Pubertät, wenn die Häufigkeit bei Jungen um 50 Prozent sinkt, während sie bei Mädchen ansteigt. Diese Entwicklung hängt unter anderem mit der Zu- oder Abnahme des Geschlechtshormons Östrogen im Laufe des Lebens einer Frau zusammen. Auch der Menstruationszyklus hat Einfluss auf den weiblichen Hormonhaushalt. Besonders betroffen sind zudem Kinder mit einer Vorbelastung durch die Eltern. In den letzten Jahren wird Migräne bei Kindern immer häufiger diagnostiziert, wobei die Gründe dafür unklar bleiben.
Ursachen und Auslöser von Migräne bei Kindern
Was die Migräne bei Kindern genau auslöst, ist noch nicht vollständig geklärt. Grundlegend sind die Auslöser von Migräne bei Kindern sehr ähnlich zu denen von Erwachsenen. Der Unterschied ist jedoch, dass Kinder weitaus anfälliger und sensibler auf viele Reize reagieren. Eine genetische Disposition spielt eine Rolle. Wenn Elternteile ebenfalls an Migräne leiden, besteht für die Kinder ein erhöhtes Risiko.
Häufige Trigger für Migräne bei Kindern und Jugendlichen sind:
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- Stress: Leistungsdruck in der Schule, lange Betreuungszeiten in der Kita, Kurse und Programme am Nachmittag können Kinder mit Neigung zu Migräne überfordern. Auch Fernsehen und Computerspiele können die Nerven überreizen.
- Unregelmäßiger Tagesablauf: Abweichende Essenszeiten und zu wenig Schlaf können zu Kopfschmerzen führen, da sie einen schwankenden Blutzuckerspiegel und Übermüdung verursachen.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel wie Koffein (in Cola), fermentierte Kuhmilchprodukte (Käse, Butter, Sahne), Schokolade oder Glutamat können als Auslöser in Frage kommen.
- Wetter: Einige Kinder reagieren empfindlich auf Wetterumschwünge und schwül-heißes Klima.
- Physikalische und chemische Reize: Laute Geräusche, helles Licht oder starke Gerüche von Zigaretten, Klebstoffen oder Benzin können Migräne auslösen.
Es ist essentiell, dass Kinder im Alltag so wenig Stress wie möglich erleben.
Symptome und Diagnose der Kindermigräne
Im Vergleich zu Erwachsenen ist es in aller Regel erheblich schwieriger, die Migräne bei Kindern festzustellen. Sie sind oft nur bedingt in der Lage, ihre Schmerzen ausreichend in Worte zu fassen. Ältere Kinder klagen in der Regel über starke Kopfschmerzen. Bei Kindern, die sich noch nicht so gut ausdrücken können, sind die Symptome meist durch eine Veränderung im Verhalten zu bemerken. So sind Betroffene der Kindermigräne oftmals gereizt oder wirken müde. Zudem ziehen sie sich zurück, legen sich hin, hören mit dem Spielen auf oder weinen.
Migräneschmerzen treten bei Kindern häufig beidseitig auf, teilweise mit Aura. Übelkeit, Erbrechen und Schwindelgefühle können wesentlich stärker ausgeprägt sein als die Schmerzen. Einige Kinder haben auch nur eine „Bauchmigräne“ (abdominelle Migräne), begleitet von Blässe, Appetitlosigkeit, Übelkeit und/oder Erbrechen und Bauchschmerzen.
Weitere typische Symptome einer Migräne bei Kindern sind:
- Der Schmerz betrifft meistens beide Kopfseiten und die Stirn.
- Eine Kindermigräne dauert häufig ein bis zwei Stunden.
- Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen sind Begleiterscheinungen, die auch ohne Kopfschmerzen auftreten können.
- Schwindelattacken sind möglich.
- Eine Aura in Form von neurologischen Ausfällen ist bekannt (Alice-im-Wunderland-Syndrom).
Da sich die Kindermigräne in einer Vielzahl von Varianten äußert, ist jene ohne Kopfschmerzen als eine mögliche Vorstufe zu verstehen. Das heißt, hier können bereits Symptome auftreten, die auf eine Migräne hinweisen. Die betroffenen Kinder sollten vom Arzt untersucht werden, um potentielle Fremdursachen, wie etwa andere Krankheiten, auszuschließen. Im weiteren Verlauf können sich die Beschwerden auch zu einer vollständigen Migräne entwickeln. Vergleichbar damit ist die abdominelle Migräne (auch Bauchmigräne genannt), die ebenfalls ohne die üblichen Kopfschmerzen auftritt. Das Kind klagt meist morgens über Übelkeit und erbricht kurz danach. Eher selten treten bei der Kindermigräne Symptome einer Migräne mit Aura auf. Wichtig zu wissen ist hierbei, dass diese Symptome nur vorübergehend und meist vor den eigentlichen Migräne-Kopfschmerzen auftreten.
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Abdominelle Migräne
Als Bauchmigräne, auch abdominelle Migräne genannt, bezeichnen Ärzte Bauchschmerzen, die in regelmäßigen Abständen und anfallsartig auftreten. Eine solche Migräne-Attacke kann sich von einer Stunde bis zu drei Tagen erstrecken. Zwischen den Attacken herrscht eine völlige Beschwerdefreiheit. Etwa ein bis vier Prozent der Kinder und Jugendlichen sind von einer Bauchmigräne betroffen - wobei sie meist im Grundschulalter sind. Häufig klingt die Bauchmigräne mit der Pubertät ab und geht in eine Kopfmigräne über.
Eine abdominelle Migräne geht typischerweise mit plötzlich auftretenden Bauchschmerzen einher. Doch auch weitere Symptome begleiten eine Bauchmigräne, zum Beispiel:
- Übelkeit
- Erbrechen
- Appetitlosigkeit
- Blässe (manchmal auch Gesichtsröte)
- Dunkle Augenringe
- Lichtscheue
Kinder lokalisieren die Magenschmerzen meist im Bereich des Bauchnabels sowie entlang der Mittellinie des Bauches. Grundsätzlich sollte bei Kindern mit Bauchschmerzen immer ein Arzt konsultiert werden, damit dieser krankhafte Ursachen ausschließt. Um die Diagnose Bauchmigräne zu stellen, erfragt der Arzt zunächst einmal die genauen Symptome. Die Behandlung einer Bauchmigräne umfasst vor allem Entspannungsverfahren, wie die progressive Muskelentspannung bei Migräne oder autogenes Training, und das Abschirmen von auslösenden Reizen. Um die tatsächlichen Triggerfaktoren herauszufinden, sollten Eltern mit ihren Kindern ein Bauchschmerztagebuch führen. Es gibt hingegen nur wenige Medikamente zur Therapie einer Bauchmigräne.
Therapieansätze und Behandlungsmöglichkeiten
Eine komplette Heilung der Migräne ist nicht möglich. Die Attacken können jedoch reduziert werden. Eine nichtmedikamentöse Therapie ist bei Kindermigräne empfehlenswert. Sollte diese nicht ausreichen, ist es ratsam, einen Arzt zu konsultieren, um abzustimmen, ob und in welchem Umfang eine Therapie mit Arzneimitteln sinnvoll ist.
Nicht-medikamentöse Therapie
- Regelmäßiger Tagesablauf: Regelmäßige Zeiten zum Essen und Schlafen dienen dazu, eine Unterzuckerung zu vermeiden sowie den Schlafrhythmus im Takt zu halten. Vor allem das Frühstück ist ein wichtiger Lieferant für die über Nacht verbrauchten Nährstoffe. Auch das Weckerstellen am Wochenende auf dieselbe Uhrzeit wie wochentags kann helfen, den Schlafrhythmus über die freien Tage in Balance zu halten.
- Ausreichend Bewegung: Ausreichende Bewegung im Freien und Sport sorgen für die notwendige Frischluftzufuhr und helfen, Stress und Anspannung zu lösen.
- Gesunde Ernährung: Eine gesunde und ausgewogene Ernährung liefert die nötige Energie für den Tag und erhöht so die Stresstoleranz.
- Flüssigkeitszufuhr: Viel Wasser trinken vermindert das Risiko von Flüssigkeitsmangel, was als ein zusätzlicher Auslöser für Kindermigräne angesehen wird. Für etwas mehr Abwechslung und Geschmack bei der Flüssigkeitszufuhr können Sie Ihrem Kind auch Tee zubereiten, idealerweise Lindenblütentee: dieser gilt als bewährtes Hausmittel gegen Migräne.
- Entspannungstechniken: Einfache Entspannungsverfahren wie die Muskelrelaxation nach Jacobson haben sich bei Kindern zur Behandlung und Vorsorge bewährt. Die Patienten lernen hier gezielt - z.B. in Form von Fantasiereisen durch den Körper -, einzelne Muskelbereiche anzuspannen und wieder zu entspannen.
- Schlaf: Zur Linderung der Beschwerden wird empfohlen, das Kind in einer dunklen und ruhigen Umgebung schlafen zu legen. Ein entspannter und erholsamer Schlaf kann hier sehr viel bewirken.
- Kühle Kompressen: Als schmerzlindernde Maßnahme eignen sich zusätzlich kalte Kompressen, die auf Stirn, Schläfe oder Nacken gelegt werden.
- Pfefferminzöl: Auch das Einreiben der genannten Stellen mit Pfefferminzöl kann bei der Kindermigräne schmerzstillend wirken.
Medikamentöse Therapie
Viele Medikamente, die Erwachsenen helfen, können bei Kindern schwere Schäden anrichten. Geben Sie daher Ihrem Kind keine frei verkäuflichen Schmerzmittel oder Ihr persönliches „Anti-Kopfschmerzmittel“. Für Kinder sind in erster Linie Paracetamol oder Ibuprofen empfehlenswert. Stärkere Wirkstoffe oder Mittel zur Vorbeugung verschreibt der Neurologe bzw. Kinder- und Jugendarzt nur in seltenen Fällen.
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Gerade die Verabreichung von Acetylsalicylsäure oder Metoclopramid, also Wirkstoffe, die sich häufig in Migränemedikamenten für Erwachsenen befinden, sind bei Kindern nicht geeignet. Sie können in einer falschen Dosierung schwere Gehirn- und Leberschäden verursachen. Auch Präparate aus der Wirkstoffgruppe der Triptane dürfen bei Kindern unter 12 Jahren nicht bzw. nur ausnahmsweise nach Rücksprache mit dem Arzt angewendet werden.
Migräne-Tagebuch
Um den Trigger der Kindermigräne herauszufinden, hat sich das Ausfüllen eines Migränetagebuchs als sinnvoll erwiesen.
Kinderneurologie: Ein umfassendes Spektrum
Die Kinderneurologie (Neuropädiatrie) umfasst ein sehr großes Spektrum von Störungen und Erkrankungen, die das Gehirn, das Rückenmark sowie die Nerven und Muskeln betreffen. Das Altersspektrum der Patienten geht vom kleinen Frühgeborenen bis zum Jugendlichen (bis 18. Geburtstag). Die erforderliche Diagnostik und Behandlung kann ambulant und stationär stattfinden, bei medizinischer Notwendigkeit auch auf der Kinder-Intensivstation.
Einige der häufigsten Erkrankungen, die in der Kinderneurologie behandelt werden, sind:
- Entwicklungsstörungen: Abweichungen der Entwicklung im Vergleich zu altersgleichen gesunden Kindern, die die motorischen und/oder sprachlichen Fähigkeiten umfassen können.
- Epilepsien, epileptische Anfälle, Fieberkrämpfe: Der epileptische Anfall ist das Leitsymptom der Erkrankung „Epilepsie“. Die häufigste Form von Krampfanfällen im Kindesalter sind Fieberkrämpfe.
- Muskel- und Nervenerkrankungen: Erkrankungen des peripheren motorischen Systems, die sehr unterschiedliche Symptome zeigen können.
- Neurofibromatose: Eine vererbte Erkrankung mit sehr variablem Erscheinungsbild, die insbesondere Veränderungen an der Haut, den peripheren Nerven, dem Gehirn, den Augen und dem Skelettsystem verursacht.
- Kindlicher Schlaganfall: Ein Schlaganfall im Kindes- oder sogar Neugeborenenalter, dessen frühzeitiges Erkennen der Symptome für eine erfolgreiche Behandlung entscheidend ist.
- Komplexe Hirnfehlbildungen und Hydrocephalus: Hydrocephalus (früher „Wasserkopf“) meint eine Vergrößerung der Hirnwasserräume mit einer Vermehrung des Hirnwassers.
- Kopfschmerzen: Jedes dritte Kind leidet häufiger an Kopfschmerzen.
- Schädel-Hirn-Trauma: Kinder und Jugendliche mit Schädel-Hirn-Trauma werden von einem Netzwerk aus Ärzten verschiedener Disziplinen versorgt.
- Spina bifida („offener Rücken“): Kinder, die einen „offenen Rücken“ haben, werden mittlerweile fast alle bereits während der Schwangerschaft durch Ultraschall entdeckt.
- Stoffwechselerkrankungen: Angeborene (oder erworbene) Störungen des Stoffwechsels, die sich an ganz unterschiedlichen Körperorganen auswirken können.
- Tumorerkrankungen des Nervensystems
- Zerebralparesen („Spastik“): Körperliche Beeinträchtigungen, die durch verschiedene frühe Hirnschädigungen verursacht werden.
Diagnostische Verfahren in der Kinderneurologie
Für die Betreuung der Patienten stehen alle modernen Geräte und Untersuchungsmethoden zur Verfügung. Dazu gehören:
- Labordiagnostik, Stoffwechseldiagnostik: Untersuchungen aus Blut, Urin oder Liquor (Nervenwasser).
- Magnetresonanz-Tomographie (MRT „Kernspin“): Zur Darstellung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark).
- Amplitudenintegriertes EEG (CFM: cerebral function-Monitoring): Eine Überwachung der Hirnströme bei Neugeborenen und Säuglingen.
- Genetische Diagnostik: In Kooperation mit spezialisierten Ärztinnen der Humangenetik.
- Entwicklungsdiagnostik und testpsychologische Untersuchungen: Durch ausgebildete Psychologen/innen mit umfangreichen und objektivierbaren neurokognitiven Testungen.
- Evozierte Potentiale: Bei Messung der evozierten Potentiale wird die Fortleitung und zentrale Verarbeitung von unterschiedlichen sensorischen Reizen (visuell, akustisch, sensibel) untersucht.
- Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Neurographie): Hierbei werden unterschiedliche Nerven an Armen und Beinen auf ihre Leitungsfähigkeit und mögliche Erkrankungen geprüft.
- Sonographie von Gehirn, Rückenmark und Muskeln: Eine dynamische und schonende Untersuchungsmethode mit modernsten und leistungsstarken Geräten.
- Wach-,-Schlaf-, Langzeit EEG mit simultaner Videoregistrierung: Die Methode der Wahl, um Krampfanfälle zu untersuchen und sicher eine Epilepsie nachzuweisen und zu klassifizieren.
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