Angst ist ein grundlegendes menschliches Gefühl, das als biosoziales Signal eine entscheidende Rolle für sichere zwischenmenschliche Beziehungen und eine risikobewusste Interaktion mit der Umwelt spielt. Sie drückt Bedrohung aus und weist auf Gefahren hin. Angststörungen hingegen zeichnen sich durch unverhältnismäßig starke Ängste aus, deren Gefahrenattribution und/oder Persistenz im subjektiven Urteil als unrealistisch eingestuft werden und mit hohem Leidensdruck sowie psychosozialer Beeinträchtigung einhergehen.
Klassifikation und Diagnostik von Angststörungen
Die modernen psychiatrischen Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-5 orientieren sich bei der Darstellung von Angststörungen an einem deskriptiven Ordnungsprinzip. Dabei werden verschiedene Formen unterschieden:
- Panikstörung: Unerwartet auftretende Angstattacken mit einer bestimmten Häufigkeit und Dauer ohne somatische Ursache, verbunden mit anhaltender Besorgnis vor wiederkehrenden Attacken. Typisch ist ein crescendohaftes Ansteigen der Angst, begleitet von somatischen Symptomen, Todesangst, Kontrollverlust, Depersonalisation und Derealisation.
- Agoraphobie: Vermeidungsverhalten gegenüber Situationen, in denen das Auftreten von Angstattacken befürchtet wird. Ursprünglich als Angst vor öffentlichen Plätzen definiert, bezieht sie sich meist breiter auf zahlreiche Orte und Menschenansammlungen. Oftmals eine Folge von Panikattacken.
- Generalisierte Angststörung: Anhaltend erhöhtes Angstniveau ohne beherrschende Paniksymptome, mit zentralen unrealistischen Besorgnissen oder übertriebenen Katastrophenerwartungen (Sorgenkrankheit). Symptome sind muskuläre Verspannung, autonom-nervöse Hyperaktivität und Hypervigilanz.
- Soziale Phobie: Unangemessene, häufig dauerhafte Furcht vor und Vermeidung von sozialen Situationen, in denen Menschen im Mittelpunkt stehen und einer interpersonalen Bewertung ausgesetzt sind. Angst vor leistungsbezogenem Versagen, sozialer Beschämung und Demütigung sind typisch.
- Spezifische Phobien: Irrationale Furcht vor bestimmten Situationen oder Objekten, die ein starkes Bedürfnis nach Vermeidungsverhalten auslöst. Häufige Beispiele sind Tier-, Raum-, Höhen- oder Flugangst.
Die europäische ICD-10 fasst die "phobischen Störungen" (Agoraphobie, soziale Phobie, spezifische Phobien) von den "anderen Angststörungen" (Panikstörung, generalisierte Angststörung) ab. Das amerikanische DSM-5 hat hingegen Zwangsstörungen sowie akute und posttraumatische Belastungsstörungen aus der Gruppe der Angsterkrankungen ausgegliedert. Agoraphobie und Panikstörung werden nun als zwei unterschiedliche und komorbid zu diagnostizierende Entitäten betrachtet.
Diagnostische Herausforderungen
Trotz der prinzipiell guten Erfassbarkeit der Angstsyndrome ist der diagnostische Status einzelner Angststörungen nicht unumstritten. Ein Problem ergibt sich aus der engen Verwobenheit mit anderen psychischen Störungen wie Depressionen. So wurde im Vorfeld des DSM-5 die "anxious depression" diskutiert, fand aber letztlich nur als "specifier for depressive disorders" Eingang.
Epidemiologie von Angststörungen
Angststörungen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen in der Bevölkerung. Eine Studie zur 1-Jahres-Prävalenz in der EU sowie der Schweiz, Island und Norwegen ergab eine Prävalenz von 14 % und ca. 61,5 Mio. Betroffenen. Eine Metaanalyse von weltweit 63 Ländern zur Prävalenz psychischer Erkrankungen zwischen 1980 und 2013 ergab eine Lebenszeitprävalenz von 12,9 %, wobei Frauen etwa doppelt so häufig betroffen sind wie Männer.
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Die Panikstörung weist eine Lebenszeitprävalenz zwischen 2 % und 5 % auf. Agoraphobie kann isoliert oder in Verbindung mit einer Panikstörung auftreten. Die Lebenszeitprävalenz der generalisierten Angststörung wird in europäischen Studien mit 0,1 % bis 6,9 % angegeben. Die soziale Phobie weist hohe Häufigkeitsraten auf, wobei die Angaben aufgrund unterschiedlicher diagnostischer Kriterien stark variieren. Die Lebenszeitprävalenz spezifischer Phobien liegt in der Allgemeinbevölkerung zwischen 8,8 % und 12,5 %.
Neurologische Aspekte von Angststörungen
Angststörungen sind komplexe Erkrankungen, bei denen neurologische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig verstanden, aber es gibt zunehmend Hinweise auf spezifische Veränderungen in Gehirnstrukturen und -funktionen.
Beteiligte Hirnregionen
- Amygdala: Diese Hirnregion spielt eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen, insbesondere von Angst. Bei Angststörungen zeigt sich oft eine erhöhte Aktivität der Amygdala als Reaktion auf angstauslösende Reize.
- Hippocampus: Der Hippocampus ist wichtig für das Gedächtnis und die Kontextualisierung von Informationen. Bei Angststörungen kann die Funktion des Hippocampus beeinträchtigt sein, was zu Schwierigkeiten bei der Unterscheidung zwischen sicheren und gefährlichen Situationen führen kann.
- Präfrontaler Kortex: Der präfrontale Kortex ist für die Regulation von Emotionen und die Planung von Verhalten zuständig. Bei Angststörungen kann die Aktivität des präfrontalen Kortex reduziert sein, was die Fähigkeit zur Kontrolle von Angstgefühlen beeinträchtigen kann.
Neurotransmitter
- Serotonin: Dieser Neurotransmitter spielt eine wichtige Rolle bei der Stimmungsregulation. Ein Mangel an Serotonin kann zu Angstzuständen und Depressionen beitragen.
- Noradrenalin: Noradrenalin ist ein Neurotransmitter, der für die Aktivierung des Körpers in Stresssituationen verantwortlich ist. Bei Angststörungen kann es zu einer Überaktivierung des Noradrenalin-Systems kommen, was zu Symptomen wie Herzrasen, Schwitzen und Zittern führen kann.
- GABA: GABA ist ein hemmender Neurotransmitter, der die Aktivität von Nervenzellen reduziert. Ein Mangel an GABA kann zu Angstzuständen führen.
Bildgebende Verfahren
Mithilfe bildgebender Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) und der Positronenemissionstomographie (PET) können Veränderungen in der Gehirnstruktur und -funktion bei Angststörungen sichtbar gemacht werden. Studien haben beispielsweise gezeigt, dass Patienten mit Panikstörung ein geringeres Volumen des Hippocampus aufweisen können.
Therapieansätze bei Angststörungen
Die Behandlung von Angststörungen umfasst in der Regel eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten.
Psychotherapie
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Die KVT ist eine der am besten untersuchten und wirksamsten Therapieformen bei Angststörungen. Sie zielt darauf ab, negative Denkmuster und Verhaltensweisen zu identifizieren und zu verändern. Ein wichtiger Bestandteil der KVT ist die Expositionstherapie, bei der sich die Patienten schrittweise den angstauslösenden Situationen oder Objekten stellen.
- Expositionstherapie: Die Expositionstherapie ist eine spezielle Form der Verhaltenstherapie, bei der sich die Patienten unter therapeutischer Anleitung den angstauslösenden Reizen aussetzen. Dies kann in vivo (in realen Situationen) oder in sensu (in der Vorstellung) erfolgen.
- Achtsamkeitsbasierte Verfahren: Achtsamkeitsbasierte Verfahren wie die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) können helfen, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu lenken undAngstgefühle zu reduzieren.
- Virtual Reality Expositionstherapie (VRET): Die VRET ermöglicht es, Patienten in einer sicheren und kontrollierten Umgebung mit virtuellen angstauslösenden Situationen zu konfrontieren. Mehrere Metaanalysen haben die Effektivität der VRET bei der Behandlung von sozialer Phobie, Agoraphobie mit Panikstörung und spezifischen Phobien gezeigt. Die VRET ist in ihrer Wirksamkeit vergleichbar mit der Expositionstherapie in vivo und signifikant wirksamer als Kontrollgruppen.
Medikamentöse Therapie
- Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI): SSRI sind eine häufig eingesetzte Medikamentengruppe zur Behandlung von Angststörungen. Sie erhöhen die Konzentration von Serotonin im Gehirn.
- Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI): SNRI erhöhen die Konzentration von Serotonin und Noradrenalin im Gehirn.
- Benzodiazepine: Benzodiazepine wirken beruhigend und angstlösend. Sie sollten jedoch aufgrund ihres Abhängigkeitspotenzials nur kurzfristig eingesetzt werden.
- Trizyklische Antidepressiva (TZA): TZA werden seltener als SSRI oder SNRI eingesetzt, können aber bei bestimmten Angststörungen wirksam sein.
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