Die Frage, ob Männer und Frauen unterschiedlich fühlen, denken und ob es Unterschiede in ihren kognitiven Fähigkeiten gibt, beschäftigt viele. Niemand kann sich sein Geschlecht aussuchen, und doch hat wohl jeder schon darüber nachgedacht, wie es wäre, die Welt aus den Augen des anderen Geschlechts zu betrachten. Immer noch gibt es Klischees, nach denen Männer technikvernarrt und durchsetzungsstark sind, aber unfähig, ihre Gefühle zu benennen. Viele Menschen glauben, solchen Zerrbildern lägen reale Unterschiede zugrunde, schließlich formen Chromosomen und Hormone unsere Körper in der Regel typisch männlich oder weiblich. Wie sollte dies nicht auch das Denken, Fühlen und Verhalten der jeweiligen Geschlechter beeinflussen? Doch empfinden Männer und Frauen tatsächlich unterschiedlich? Wie groß sind die Differenzen in Fragen der Persönlichkeit, in den Fähigkeiten, Einstellungen, Interessen wirklich? Und wenn es Unterschiede gibt - sind die im Gehirn verortet? Von Hormonen gesteuert? Oder in den Genen verankert? Es ist außerordentlich schwierig, diese Fragen eindeutig zu beantworten - zu komplex sind die Faktoren, die unser Wesen prägen, zu hartnäckig scheinen sich bestimmte Überzeugungen und Prämissen in dieser Debatte zu halten. Daher wird auch unter Forschern darüber gestritten, ob Geschlechterdifferenzen angeboren oder anerzogen sind, erlernt oder evolutionäres Erbe.
Um diese Fragen präziser zu klären, haben Experten zahllose Gehirnscans, Tests, Experimente und Fragebögen ausgewertet. Was sie gefunden haben, mag überraschen: Es deutet zum einen darauf hin, dass sich geschlechtsspezifische Trennlinien längst nicht so klar ziehen lassen wie lange gedacht.
Gibt es ein typisches Frauenhirn?
Viele Menschen gehen davon aus, dass sich geschlechtstypische Verhaltensweisen und Vorlieben in Strukturen des Denkorgans widerspiegeln. Für sie ist klar: Es gibt ein Frauenhirn und ein Männerhirn. Tatsächlich sind die Gehirne von Männern nicht zuletzt schon aufgrund von deren rein statistisch betrachtet größerer Körpermasse im Schnitt gut zehn Prozent voluminöser und gut 100 Gramm schwerer. Und auch unabhängig vom Einfluss der Gesamtgröße zeigt sich in bestimmten Bereichen ein unterschiedliches Volumen - zum Beispiel im Hippocampus, einer Gehirnregion, die an Erinnerungsvermögen und Lernen, aber auch an der Steuerung von Affekten beteiligt ist.
Inzwischen ist jedoch klar: In den meisten Fällen ergibt es wenig Sinn, ein Gehirn anhand derartiger anatomischer Auffälligkeiten als typisch männlich oder typisch weiblich zu kategorisieren. Ein internationales Team von Neurowissenschaftlern hat anhand von Kernspintomografie-Aufnahmen die Gehirne von mehr als 1400 Personen im Alter zwischen 13 und 85 Jahren analysiert und sich dabei auf die Hirnregionen mit den größten geschlechtsspezifischen Unterschieden konzentriert. Doch auch in diesen Bereichen fanden die Forscher noch starke Überschneidungen zwischen den Geschlechtern: Zwar war der linke Hippocampus bei Männern meist größer als bei Frauen. Um diese Überlappungen darzustellen, haben die Forscher ein Spektrum von Merkmalen für das gesamte Gehirn entworfen: An dem einen Ende dieses Spektrums hielten sie jene Merkmale fest, die eher typisch für männliche Gehirne waren, am anderen Ende jene, die häufiger bei Frauen zu beobachten waren.
Das Ergebnis: Das gleiche Gehirn kann in einem Bereich am weiblichen und in einem anderen Bereich am männlichen Ende des Spektrums liegen. Ein typisch weibliches Merkmal sagt nichts darüber aus, ob auch andere Hirnregionen weiblich geprägt sind. Nur sechs Prozent der Gehirne zeigten allein typisch weibliche oder männliche Strukturen. Die überwiegende Mehrheit der untersuchten Denkorgane wies eine Mischung aus männlichen und weiblichen Merkmalen auf. Ob und wie diese Unterschiede in den Strukturen mit dem Verhalten zusammenhängen, ist nicht hinreichend geklärt. Denn das Gehirn formt das Verhalten - und das Verhalten formt das Gehirn. Vor allem Erfahrungen, die wir wiederholt machen, können das Denkorgan nachhaltig prägen. Alltägliche Anforderungen sorgen dafür, dass sich unser Gehirn dem Bedarf anpasst, ganz individuell. Möglich wäre es also auch, dass unterschiedliche Alltagserfahrungen von Männern und Frauen ihre Gehirne geschlechtsspezifisch formen und dazu führen, dass sie sich je nach Geschlecht unterschiedlich verhalten.
Lesen Sie auch: Detaillierte Erklärung der Gehirn GIF Animation
Der Einfluss von Hormonen
Beide Geschlechter produzieren sowohl männertypische Hormone wie Testosteron als auch frauentypische wie Östrogen und Progesteron - allerdings in unterschiedlichen Konzentrationen: Die Menge an Testosteron im Körper eines Mannes ist im Mittel zehnmal so hoch wie die im Körper einer Frau. Der Hormonspiegel beeinflusst Eigenschaften, Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmale wie beispielsweise die Extraversion oder auch die mütterliche Fürsorge.
In einem Experiment zeigten Forscher der Universität Montreal 25 Frauen und 21 Männern diverse Bilder: amüsante, furchteinflößende, traurige. Die Teilnehmer sollten ihre Gefühle beim Anblick der Bilder beschreiben, gleichzeitig untersuchten die Forscher ihre Hirnaktivität per Magnetresonanztomografie und analysierten ihre Hormonspiegel im Blut. Je höher der Testosteronspiegel der Probanden war, umso stärker waren diese beiden Areale in ihrem Gehirn verknüpft. Frauen haben im Schnitt einen niedrigeren Testosteronlevel, sie zeigten daher eine schwächere Verknüpfung von Gefühls- und Kontrollzentrum - und reagierten stärker auf negative Reize. Das könnte möglicherweise erklären, so schlossen die Forscher, weshalb Frauen beispielsweise doppelt so häufig an Depressionen und Angststörungen leiden wie Männer.
Kein Gehirn ist ein Leben lang dem immer gleichen Hormoncocktail ausgesetzt. Je nach Tages- und vermutlich zudem je nach Jahreszeit unterliegt auch der Hormonspiegel von Männern starken Schwankungen. Bei Frauen verändert sich die Konzentration der Botenstoffe im Blut im Laufe des Menstruationszyklus sowie mit dem Einsetzen einer Schwangerschaft oder der Menopause. Mit enormer Wirkung: Studien zeigen, dass die Hormonflut während einer Schwangerschaft das Gehirn in bestimmten Bereichen regelrecht umgestaltet. Mehr noch: Auch die subtileren hormonellen Schwankungen im Monatsrhythmus der Menstruation verändern regelmäßig die Hirnstruktur. Was sind Geschlechter, was ist eine geschlechtliche Identität? Die vermeintlich einfache Frage hat viele Antworten.
Möglicherweise wirkt sich der Hormonspiegel nicht nur auf Emotionen und Verhalten aus, sondern auch auf kognitive Leistungen. Während ihrer Menstruation, wenn der Östrogenspiegel niedrig ist, zeigen Frauen beispielsweise ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen. Umgekehrt können Verhalten und Erfahrungen die Hormonaktivität beeinflussen - etwa die Konfrontation mit Geschlechterklischees. Bei einem Experiment sollten männliche und weibliche Teilnehmer Aufgaben zum räumlichen Denken lösen. Die Folge: Bei diesen Probanden lag der Testosteronspiegel um 60 Prozent höher als in der Kontrollgruppe. Schon die Erwartung also, allein aufgrund ihres Geschlechts bei dem Test besser abzuschneiden, hatte offenbar das Selbstvertrauen dieser Männer gestärkt, ihre Körper schütteten mehr Testosteron aus (was ihnen wiederum wohl ermöglichte, die Aufgabe schneller und besser zu lösen). Auch soziale Faktoren haben also zuweilen Einfluss auf biologische Vorgänge im Körper.
Sozialisation und Stereotype
Beide Persönlichkeitsmerkmale waren bei Frauen im Schnitt stärker ausgeprägt als bei Männern, und das kulturübergreifend. Allerdings fiel der Effekt mal mehr, mal weniger deutlich aus. Er war vergleichsweise groß, wenn die Teilnehmer direkt befragt wurden und ihre Persönlichkeit selbst einschätzen sollten - und deutlich kleiner, wenn die Unterschiede implizit erhoben wurden, zum Beispiel in Assoziationstests. Offenbar ließen sich die Probanden in ihrer Selbsteinschätzung von Stereotypen und sozialen Erwartungen beeinflussen. Oft haben wir also unbewusst Vorstellungen darüber, wie Männer und Frauen sind und sein sollen. Denn Stereotype prägen unser Selbstbild, unseren Blick auf andere, unser Verhalten. Spätestens im Vorschulalter kennen auch Kinder diese Rollenmuster. Viele Forscher halten Geschlechterunterschiede daher sogar für komplett anerzogen.
Lesen Sie auch: Gehirn unter Drogeneinfluss
Die Professorin an der Universität Wisconsin hat 46 Meta-Analysen ausgewertet, in die wiederum Daten aus mehreren Tausend Studien eingeflossen waren. Sie überprüfte Unterschiede für insgesamt 124 Faktoren, darunter mathematische und sprachliche Leistungen, Wahrnehmung, Motorik, aber auch Aspekte wie Aggression, Sexualverhalten oder Lebenszufriedenheit. Der größte Geschlechterunterschied, den sie dabei fand: Männer werfen ein Wurfgeschoss besser als Frauen; deutlich schneller, deutlich weiter. Angesichts der Unterschiede in Körpergröße und Muskelmasse war das kein besonders überraschender Befund. Vergleichsweise groß fiel der Unterschied bei einer Aufgabe aus, die das räumliche Vorstellungsvermögen testet. Schon in den Jahren vor der Pubertät beginnt sich die Beziehung zwischen Eltern und Kind zu verändern. Männer sind dabei im Vorteil - und zwar überall auf der Welt, in unterschiedlichsten Regionen und Kulturen. Aber je nach Herkunft der Probanden ist ihr Vorsprung mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Und innerhalb der Geschlechter gehen die Leistungen viel weiter auseinander: Zwei zufällig ausgewählte Männer unterscheiden sich in dieser Fähigkeit also oft stärker als ein Mann und eine Frau, die jeweils dem Geschlechterdurchschnitt entsprechen. Bei den meisten kognitiven Leistungen und bei den psychischen Merkmalen waren die Differenzen zwischen Männern und Frauen deutlich geringer.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Forscher um die US-Psychologen Ethan Zell und Zlatan Krizan, die 106 Meta-Analysen von Geschlechterunterschieden zusammenfassten: Insgesamt waren das mehr als 20000 einzelne Studien - mit Daten von über zwölf Millionen Menschen. Bei zehn Merkmalen fanden die Forscher größere Abweichungen zwischen den Geschlechtern: Männer sind aggressiver, schneiden bei der Fähigkeit zur mentalen Rotation besser ab und legen bei der Partnerwahl größeren Wert auf physische Attraktivität. Wie die Unterschiede zustande kommen, konnten die Wissenschaftler aus ihrem Datenberg zwar nicht ablesen. Bei mehr als drei Vierteln der untersuchten psychischen Merkmale aber fanden sie breite Überschneidungen zwischen Männern und Frauen. Ob kognitive Leistungen, Persönlichkeit, Sozialverhalten oder allgemeines Befinden: Wenn es überhaupt messbare Unterschiede gab, waren sie überwiegend klein oder sehr klein. Umwelteinflüsse, aber auch die eigene Lebensführung, haben Einfluss darauf, wie die Gene in unserem Körper wirken. Die Antwort der Forscher: Weil Menschen dazu neigen, nicht den Durchschnitt, sondern die Extreme wahrzunehmen - so Zlatan Krizan. Möglicherweise fallen ihnen auch mehrere kleine Unterschiede gleichzeitig auf, die sich zu einem anderen Gesamtbild summieren. Allerdings: Da rund die Hälfte der Wesensmerkmale eines Menschen von den Eltern an die Kinder vererbt werden, spricht vieles dafür, dass einzelne geschlechterspezifische Charaktermerkmale eine erbliche Komponente haben. Hinzu kommen vielfältige pränatale und nachgeburtliche Prägungen sowie Erfahrungen im späteren Kindesalter und in der Pubertät, die ihrerseits einen Teil der Persönlichkeit und des Verhaltens eines Jungen oder Mädchens formen. Auf all diesen Ebenen können kleine biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern auftreten.
Wie Denkprozesse im Gehirn ablaufen
Ihr löst Probleme, erinnert euch an Vergangenes, plant euer Handeln und ordnet Neues bestehendem Wissen zu. Wenn ihr denkt, verändert sich euer Hirn. Das ist ein lebenslanger Prozess, der niemals endet. Ob Kind oder Erwachsener - unser Gehirn entwickelt sich ständig weiter. Damit Denkprozesse im Gehirn möglichst reibungslos funktionieren, verändern sich Synapsen, Nervenzellen und auch ganze Hirnareale anatomisch, aber auch im Hinblick auf ihre Aufgaben. Um die Abläufe im Gehirn besser zu verstehen, untersuchen Forscher deshalb, wie Lernen und Erinnern ablaufen, inwiefern diese Vorgänge die Gestalt von Neuronen und Hirnarealen beeinflussen und wo sie im Hirn verorten werden könnten. Was wird wo im Gehirn gedacht? Zusammen mit einem internationalen Forscherteam haben die deutschen Neurowissenschaftler zwei Achsen identifiziert, entlang derer die evolutionäre Entwicklung unseres Gehirns verlief - nämlich einmal von "hinten" nach "vorn" und einmal von "oben" nach "unten". Das Wissen, warum bestimmte Hirnareale an einem bestimmten Ort und in konkreter Nachbarschaft zu anderen Netzwerken angeordnet sind, vergleichen die Forscher mit einem Kompass, mit dessen Hilfe sie sich besser im Gehirn zurecht finden können. So hätten frühere Studien gezeigt, dass sich die Organisationsachsen von Personen mit Autismus-Spektrum-Störung von denen Gesunder unterscheiden. Grundlage für die Erkenntnisse der Wissenschaftler sind Daten von eineiigen und zweieiigen Zwillingen sowie nicht verwandten Personen. Dabei zeigte sich, dass es vor allem genetische Faktoren sind, die die Lage der Hirnregionen beeinflussen. Zugleich scheint das Prinzip evolutionär sehr stabil zu sein.
Die Rolle der Intuition
Intuition: eine mystische Eingebung, ein sechster Sinn oder gar die Stimme Gottes? Weit gefehlt! Psychologen sehen in der Intuition eine unbewusste Form der Informationsverarbeitung. In den vergangenen Jahrzehnten haben Forscher Intuition als ernst zu nehmenden Forschungsgegenstand entdeckt und als unbewusste Quelle des Denkens aufgewertet. Wissenschaftler verstehen unter Intuition Gefühle, sich in eine bestimmte Richtung zu entscheiden. Sie tauchen rasch im Bewusstsein auf, ihre Gründe hingegen sind uns nicht vollständig bewusst. Diese Gefühle seien aber oft stark genug, uns direkt danach handeln zu lassen. Forscher vertreten unterschiedliche Ansichten, welche Denkprozesse der Intuition zugrunde liegen. Einige Forscher nehmen an, dass Intuition auf einfachen Heuristiken basiert. Diese Faustregeln klammern die Mehrzahl der vorhandenen Informationen aus oder ersetzen relevante durch irrelevante Informationen, um schnelle Entscheidungen zu ermöglichen. Es wurde nachgewiesen, dass Intuitionen zu Denkverzerrungen führen können. Ob Intuition zu guten oder schlechten Entscheidungen führt, kann aber nicht pauschal beurteilt werden. Wie intuitive Entscheidungen gelingen können, zeigt sich unter anderem am Beispiel beruflichen Handelns, etwa wenn eine Krankenschwester frühzeitig eine Infektion bei einem Patienten erkennt und Alarm schlägt. Diese intuitiven Entscheidungen beruhen auf viel Erfahrung und Wissen.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass hier Daniel Kahneman eine Frau ins Spiel bringt. Immerhin besagt ein altes Vorurteil, dass vor allem Frauen eine Begabung für die Intuition hätten. Seit der Epoche der Aufklärung gilt uns die Vernunft mehr als die Intuition. Und auch Frauen standen lange Zeit im Schatten der Männer und mussten mit dem Vorurteil kämpfen, Logik und Denken seien nicht ihre Sache. Bei der Stellung und dem Ansehen der Frauen hat sich mittlerweile einiges getan. Der Ruf der Intuition dagegen bleibt zweifelhaft: Esoteriker deuten die Intuition nach wie vor als etwas Mystisches und in der Gesellschaft hat sie noch nicht den Ruf, etwas zu sein, das wissenschaftlich erklärt werden kann. Dabei hat die Wissenschaft die Intuition (von dem lateinischen Wort intueri für ansehen, betrachten) inzwischen als einen ernst zu nehmenden Forschungsgegenstand entdeckt und zu einer Form des unbewussten Denkens aufgewertet. Wie die Intuition genau funktioniert, darüber streiten die Experten noch heute.
Lesen Sie auch: Animation zur Synaptic Verrechnung
Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin macht in seinem Buch „Risiko - Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ deutlich, was Intuition jedenfalls nicht ist: „Eine Intuition ist weder eine Laune noch ein sechster Sinn, weder Hellseherei noch Gottes Stimme. Sie ist eine Form der unbewussten Intelligenz.“ Die Annahme, Intelligenz sei notwendigerweise bewusst und überlegt, sei ein Riesenirrtum, so der Psychologe und Risikoforscher. Intuition ist für Gigerenzer gleichbedeutend mit einer Bauchentscheidung: Statt dass wir uns den Kopf zerbrechen, haben wir ein Gefühl im Bauch (Entscheidend: Bauchgefühl oder Verstand?). Dieses Bauchgefühl ist so stark und es taucht so rasch im Bewusstsein auf, dass wir uns auf dieses Gefühl verlassen und nach diesem entscheiden - auch wenn uns die Gründe für das Gefühl nicht näher bekannt sind. Gigerenzer vertritt die Position, dass intuitive Entscheidungen auf so genannten Heuristiken basieren, welche auch das Geheimnis des Erfolgs von Intuition ausmachen. Heuristiken sind gewissermaßen Faustregeln. Sie gründen nur auf wenigen Informationen und klammern einen großen Teil der vorhandenen Informationen aus, um zu besseren Urteilen zu kommen. Laut Gigerenzer haben diese oft die Struktur, dass man sich nur auf die zuverlässigste Information stützt und alles andere ignoriert.
Ein anderes und teilweise pessimistischeres Bild der Intuition zeichnet der eingangs erwähnte Daniel Kahneman. Der Wirtschaftsnobelpreisträger unterscheidet in seinem Besteller „Schnelles Denken, langsames Denken“ zwei Systeme des Verstandes, die er wie zwei Akteure in seinem Buch auftreten lässt. Der erste Akteur - das unbewusste System - arbeitet automatisch, schnell und ohne willentliche Steuerung. Es kommt etwa zum Zuge, wenn man die Feindseligkeit aus einer Stimme heraushört oder auf einen Blick sieht, was „2+2“ ergibt. Der zweite Akteur - das bewusste System unseres Verstandes - ist hingegen mehr der akribische Typ. Es stellt komplizierte Berechnungen an und kann eine wohlüberlegte Wahl zwischen verschiedenen Optionen treffen, etwa wenn man zwei Waschmaschinen auf das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis hin vergleicht. Der Preis ist allerdings: Die Tätigkeiten des bewussten Systems erfordern Aufmerksamkeit. Auf das Waschmaschinen-Problem muss man sich konzentrieren und von daher kann das bewusste System nicht mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen. Außerdem kostet das sorgfältige Kalkulieren und Abwägen Zeit und das Gedächtnis kann nur eine begrenzte Menge von Informationen gleichzeitig bewusst verarbeiten. Nach Kahneman gibt es daher durchaus gute evolutionäre Gründe für das flinke unbewusste System Das Unbewusste ist wohlinformiert: „Es erhöhte die Überlebenschancen, wenn man die schwerwiegendsten Bedrohungen oder die vielversprechendsten Gelegenheiten schnell erkannte und umgehend darauf reagierte.“ Selbst beim modernen Menschen übernehme heute noch das unbewusste System die Kontrolle, wenn Gefahr droht. Normalerweise arbeitet das automatische unbewusste System zuverlässig. Das möchte auch Kahneman keineswegs bestreiten. Doch in jahrzehntelanger Forschung hat er auch gezeigt, wie die Intuition immer wieder in kognitive Fallen tappt und Denkverzerrungen zum Opfer fällt Verzerrtes Bauchgefühl.
Wie hilfreich ist die Intuition also letztlich bei Entscheidungen und wo versagt sie? In einem Fachaufsatz filterten Daniel Kahneman und Gary Klein von der Firma Applied Research Associates die Bedingungen erfolgreicher beruflicher Intuitionen aus Jahrzehnten empirischer Forschung heraus. Bemerke etwa eine Krankenschwester intuitiv eine Infektion bei einem Neugeborenen, gelingt ihr das nur, weil ihre berufliche Umwelt stabil sei und zuverlässige Hinweise zu der jeweiligen Situation liefere. Bei einem Neugeborenen gebe es häufig frühe Anzeichen einer Infektion, die eine Krankenschwester im Laufe der Zeit erlernen könne. Zudem erhalte sie ein schnelles und eindeutiges Feedback, ob sie mit ihrer Intuition richtig gelegen hat. „Ob intuitive Entscheidungen erfolgreich sind, hängt davon ab, ob sie auf genügend Erfahrung beruhen“, sagt auch der Psychologe Henning Plessner von der Uni Heidelberg. „Intuition beruht auf viel Wissen und bewusster Erfahrung. In der Entscheidungssituation selbst denkt man dann nicht mehr viel nach.“ Die Position, dass Intuition auf unbewussten Prozessen der Informationsverarbeitung basiert, die es Menschen erlauben, eine Vielzahl von Informationen und Erfahrungen gleichzeitig zu berücksichtigen, wird inzwischen von vielen Intuitionsforschern geteilt. Die in den komplexeren Modellen hervorgehobene Rolle von auf Erfahrungen basierendem Wissen bedeutet aber auch: Intuitionen, die nicht auf viel Erfahrung beruhen, sollte man eher misstrauisch begegnen: Damit man keine voreiligen Schlüsse zieht.
tags: #animation #denkprozess #weibliches #gehirn #lustig