Hypersensibilität nach Schlaganfall: Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

Ein Schlaganfall kann nicht nur motorische und kognitive Beeinträchtigungen verursachen, sondern auch zu einer veränderten Wahrnehmung von Sinnesreizen führen. Viele Betroffene entwickeln eine Hypersensibilität, bei der normale Reize als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfunden werden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und möglichen Behandlungsansätze dieser oft übersehenen Folgeerkrankung.

Einführung

Nach einem Schlaganfall können verschiedene neurologische Funktionsstörungen auftreten, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Neben den bekannten motorischen Ausfällen wie der Fußheberschwäche oder kognitiven Einschränkungen wie Konzentrations- und Wortfindungsstörungen, kann es auch zu einer veränderten Wahrnehmung von Sinnesreizen kommen. Eine solche Veränderung ist die Hypersensibilität, bei der normale Umweltreize als übermäßig stark oder unangenehm wahrgenommen werden. Diese Überempfindlichkeit kann verschiedene Sinnesmodalitäten betreffen und den Alltag der Betroffenen erheblich belasten.

Ursachen der Hypersensibilität nach Schlaganfall

Die genauen Mechanismen, die zur Hypersensibilität nach einem Schlaganfall führen, sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass die Schädigung bestimmter Hirnareale, die für die Verarbeitung sensorischer Informationen zuständig sind, eine Rolle spielt.

  • Schädigung sensorischer Bahnen: Ein Schlaganfall kann die Nervenbahnen schädigen, die sensorische Informationen von den Sinnesorganen zum Gehirn transportieren. Dies kann zu einer fehlerhaften Verarbeitung der Reize führen, wodurch sie als übermäßig stark oder unangenehm empfunden werden.
  • Veränderte Hirnaktivität: Nach einem Schlaganfall kann es zu Veränderungen in der Aktivität verschiedener Hirnareale kommen. Diese Veränderungen können die Verarbeitung sensorischer Informationen beeinflussen und zu einer Hypersensibilität führen. Die Spreading Depression, eine massive elektrochemische Entladungswelle im Gehirn, die bei Schlaganfall auftritt, kann ebenfalls eine Rolle spielen. Diese Welle unterdrückt vorübergehend die normale Hirnaktivität und könnte die sensorische Verarbeitung beeinflussen.
  • Zentrale Sensibilisierung: Infolge der Schädigung des Nervensystems kann es zu einer zentralen Sensibilisierung kommen. Dabei werden die Nervenzellen im Rückenmark und Gehirn überempfindlich, wodurch normale Reize als schmerzhaft wahrgenommen werden.

Symptome der Hypersensibilität

Die Symptome der Hypersensibilität nach einem Schlaganfall können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Sinnesmodalitäten betroffen sind. Einige häufige Symptome sind:

  • Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis): Normale Umgebungsgeräusche werden als übermäßig laut oder unangenehm empfunden. Dies kann zu sozialem Rückzug und Isolation führen.
  • Lichtempfindlichkeit: Helles Licht oder flackernde Lichter werden alsBlendend oder schmerzhaft empfunden.
  • Berührungsempfindlichkeit: Leichte Berührungen werden als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfunden. Dies kann die Körperpflege oder das Tragen von Kleidung erschweren.
  • Temperaturempfindlichkeit: Extreme Temperaturen (heiß oder kalt) werden als besonders unangenehm empfunden. Thermische Reize seien auch ganz unangenehm, also so extrem, dass er es nicht tolerieren kann.
  • Schmerzempfindlichkeit: Eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit kann dazu führen, dass alltägliche Aktivitäten schmerzhaft sind. Viele Betroffene leiden zudem unter ausgeprägten Schmerzen wie Muskel- und Gelenkschmerzen und Kopfschmerzen eines neuen Typus.
  • Überempfindlichkeit auf Sinnesreize: Hinzu kommen Muskelzuckungen und -krämpfe, massive Schlafstörungen und neurokognitive Symptome wie Konzentrations-, Merk- und Wortfindungsstörungen (oft als „Brain Fog“ bezeichnet).

Diagnose der Hypersensibilität

Die Diagnose der Hypersensibilität nach einem Schlaganfall basiert in der Regel auf der Anamnese und der Beschreibung der Symptome durch den Patienten. Eine gründliche neurologische Untersuchung kann helfen, andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen. In einigen Fällen können auch spezielle Tests zur Messung der sensorischen Wahrnehmung durchgeführt werden.

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  • Audiologische Untersuchung: Bei Geräuschempfindlichkeit kann eine audiologische Untersuchung durchgeführt werden, um das Hörvermögen zu überprüfen und die Unbehaglichkeitsschwelle zu bestimmen.
  • Quantitative sensorische Testung (QST): Mit der QST können verschiedene Aspekte der sensorischen Wahrnehmung quantitativ erfasst werden, wie z.B. die Schmerzschwelle, die Berührungsempfindlichkeit und die Temperaturempfindung.

Behandlung der Hypersensibilität

Die Behandlung der Hypersensibilität nach einem Schlaganfall zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die je nach Art und Ausprägung der Hypersensibilität eingesetzt werden können.

Sensorische Desensibilisierung

Die sensorische Desensibilisierung ist eine Therapieform, bei der der Patient schrittweise an die Reize gewöhnt wird, die die Hypersensibilität auslösen. Ziel ist es, die Überempfindlichkeit des Nervensystems zu reduzieren und die Toleranz gegenüber den Reizen zu erhöhen.

  • Graduelle Exposition: Der Patient wird langsam und kontrolliert den Reizen ausgesetzt, die die Symptome auslösen. Die Intensität der Reize wird schrittweise erhöht, um das Nervensystem allmählich an die Reize zu gewöhnen.
  • Techniken zur Entspannung: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training können helfen, die Anspannung zu reduzieren und die Toleranz gegenüber den Reizen zu erhöhen.
  • Verwendung von Hilfsmitteln: In einigen Fällen können Hilfsmittel wie Gehörschutz oder Sonnenbrillen helfen, die Reizüberflutung zu reduzieren und die Symptome zu lindern. Geräusche - was mag er hören? Bei Youtube gibt es -zig Videos über etliche Zeit ohne störende Sprache, dies kann man in der Lautstärke dann u. U. Berührung - Samt bis Bürste, Intensität bzw. Temperatur - was ist angegenhm, was wird noch toleriert?

Medikamentöse Therapie

In einigen Fällen kann eine medikamentöse Therapie sinnvoll sein, um die Symptome der Hypersensibilität zu lindern.

  • Schmerzmittel: Bei Schmerzen können Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen helfen, die Beschwerden zu lindern.
  • Antidepressiva: Einige Antidepressiva können auch bei neuropathischen Schmerzen und anderen Symptomen der Hypersensibilität wirksam sein.
  • Antikonvulsiva: Antikonvulsiva werden in erster Linie zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt, können aber auch bei neuropathischen Schmerzen und anderen Symptomen der Hypersensibilität helfen.

Ergotherapie

Die Ergotherapie kann Patienten mit Hypersensibilität helfen, ihren Alltag besser zu bewältigen.

  • Anpassung der Umgebung: Der Ergotherapeut kann helfen, die Umgebung des Patienten so anzupassen, dass sie weniger reizend ist. Dies kann z.B. durch die Verwendung von gedämpften Lichtern, schalldämmenden Materialien oder speziellen Möbeln erreicht werden.
  • Entwicklung von Strategien zur Bewältigung: Der Ergotherapeut kann dem Patienten Strategien vermitteln, wie er mit den Symptomen der Hypersensibilität umgehen kann. Dies kann z.B. durch die Planung von Pausen, die Vermeidung von reizüberfluteten Situationen oder die Anwendung von Entspannungstechniken geschehen.
  • Sensomotorisches Training: Ich nutze bei Sensiproblemen eine Zahnbürste und arbeite mit unterschiedlichem Druck im Gesicht. Bei Fazialisparese und Zungenmuskulaturproblemen nehme ich einen kurzen Kauschlauch zum Aktivieren und Koordinieren der Zunge und einen Trinkschlauch mit 0,5 mm Durchmesser. Das Saugen wirkt auf das gesamte orofaziale System und ist bei Bettlägerigkeit auch gut zu üben.

Physiotherapie

Die Physiotherapie kann helfen, die motorischen Fähigkeiten zu verbessern und Schmerzen zu lindern.

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  • Krankengymnastik: Krankengymnastik ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie für Patienten mit einer Fußheberschwäche. Abgestimmt auf die individuellen Einschränkungen des Betroffenen erstellt der Therapeut einen Behandlungsplan. Mit gezielten Übungen stärkt er die Muskeln und stimuliert die Nervenbahnen.
  • Manuelle Therapie: Die manuelle Therapie kann helfen, Verspannungen zu lösen und die Beweglichkeit zu verbessern.
  • Spiegeltherapie: Die Spiegeltherapie ist eine neue Methode, mit der man neurologische Funktionsstörungen, beispielsweise nach einem Schlaganfall, wirksam behandeln kann. Die Therapie benutzt besonders den Aspekt einer starken visuellen Stimulation zur Bewegungsförderung.Hierbei wird ein Spiegel so in der Körpermitte des Patienten platziert, dass Bewegungen des gesunden Armes durch den Blick in den Spiegel als Bewegungen des betroffenen Armes wahrgenommen werden kann. Der gelähmte Arm liegt hierbei hinter dem Spiegel und der nichtgelähmte Arm vor dem Spiegel. Der gelähmte Arm wird dann entweder vom Therapeuten oder Angehörigen geführt oder der Patient beobachtet die Bewegungen seines gesunden Armes im Spiegel ohne dass eine Bewegung auf der gelähmten Seite stattfindet. Dadurch ergibt sich eine optische Illusion: Es scheint so, als würde sich der gelähmte Arm auch bewegen. Diese Illusion aktiviert bestimmte Hirnareale, die einen positiven Einfluss auf die Rehabilitation haben. Ob und wie ein Patient von dieser Therapie profitiert, ist individuell unterschiedlich. Nicht jeder profitiert in gleichem Maße von der Therapie. Darum ist es wichtig, die Therapie erst einmal mit einem kundigen Therapeuten und dann evtl.

Psychotherapie

Eine Psychotherapie kann sinnvoll sein, um die psychischen Belastungen, die mit der Hypersensibilität einhergehen, zu bewältigen.

  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Die KVT kann helfen, negative Gedanken und Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern.
  • Achtsamkeitsbasierte Therapie: Die achtsamkeitsbasierte Therapie kann helfen, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu lenken und die Symptome der Hypersensibilität bewusster wahrzunehmen, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen.

Weitere Aspekte der Behandlung

  • Unterstützung durch Angehörige: Die Unterstützung durch Angehörige ist für Patienten mit Hypersensibilität sehr wichtig. Angehörige können helfen, die Umgebung des Patienten anzupassen, ihn bei der Bewältigung der Symptome zu unterstützen und ihm emotionale Unterstützung zu geben.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein. Hier können Patienten Erfahrungen austauschen, sich gegenseitig unterstützen und neue Strategien zur Bewältigung der Hypersensibilität erlernen.

Die Rolle der Spreading Depression

Die Spreading Depression, eine massive elektrochemische Entladungswelle im Gehirn, die bei Migräne, Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma auftritt, könnte ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung der Hypersensibilität spielen. Diese Welle unterdrückt vorübergehend die normale Hirnaktivität und könnte die sensorische Verarbeitung beeinflussen.

  • Auswirkungen auf die sensorische Verarbeitung: Die Spreading Depression kann die Aktivität der Nervenzellen in den sensorischen Arealen des Gehirns vorübergehend unterdrücken oder verändern. Dies könnte zu einer fehlerhaften Verarbeitung sensorischer Informationen und einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Reizen führen.
  • Mögliche therapeutische Ansätze: Die Erforschung der Rolle der Spreading Depression bei der Entstehung der Hypersensibilität könnte zu neuen therapeutischen Ansätzen führen. Wenn es gelingt, die Spreading Depression zu verhindern oder ihre Auswirkungen zu reduzieren, könnte dies auch die Symptome der Hypersensibilität lindern.

Fußheberschwäche als zusätzliche Herausforderung

Die Fußheberschwäche, eine häufige Folgeerscheinung nach einem Schlaganfall, kann die Hypersensibilität zusätzlich verstärken. Das veränderte Gangbild und die damit verbundenen körperlichen Beschwerden können zu einer erhöhten Reizbarkeit und Schmerzempfindlichkeit führen.

  • Therapeutische Maßnahmen bei Fußheberschwäche: Krankengymnastik, Orthesen und die Funktionelle Elektrostimulation (FES) können helfen, das Gangbild zu verbessern und die Belastung der Hüfte und des Beckens zu reduzieren. Dies kann indirekt auch die Symptome der Hypersensibilität lindern.
  • Alltagsübungen: Neben den klassischen Therapieansätzen sollten Patienten mit einer Fußheberschwäche auch auf zusätzliche Übungen setzen, die sich leicht in den Alltag im heimischen Wohnzimmer integrieren lassen. Schuhe ausziehen, bequem hinsetzen, Kopfhörer auf die Ohren und los geht‘s: Im Takt zur Lieblingsmusik macht das Training besonders viel Spaß. Trommeln Sie mit den Füßen rhythmisch auf den Boden. Mal auf der einen Seite, dann auf der anderen, dann gleichzeitig. Verschärft geht das Ganze natürlich auch im Stehen. Was Finger können, können Zehen auch. Legen Sie sich einen Stift auf den Boden und versuchen Sie, ihn mit den Zehen hochzuheben. Lehnen Sie sich mit den Händen an die Wand und machen Sie einen Ausfallschritt. Wichtig ist, dass der bewegungseingeschränkte Fuß hinten steht und die Ferse so gut wie möglich am Boden bleibt.

Wesensveränderungen und Halluzinationen

In einigen Fällen können nach einem Schlaganfall auch Wesensveränderungen und Halluzinationen auftreten. Diese können die Symptome der Hypersensibilität zusätzlich verstärken und die Behandlung erschweren. Es ist wichtig, diese Symptome frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

  • Ursachen: Wesensveränderungen und Halluzinationen können durch die Schädigung bestimmter Hirnareale, Medikamente oder psychische Faktoren verursacht werden.
  • Behandlung: Die Behandlung richtet sich nach der Ursache der Symptome. In einigen Fällen kann eine medikamentöse Therapie erforderlich sein, in anderen Fällen kann eine Psychotherapie helfen.

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