Die Parkinson-Krankheit stellt Betroffene und ihre Angehörigen vor vielfältige Herausforderungen. Mit fortschreitender Erkrankung wird der Alltag zunehmend schwerer handhabbar, da die Symptome den Bewegungsapparat beeinträchtigen und im Tagesverlauf stark schwanken können. Dies erschwert die Planung von Aktivitäten und kann zu sozialer Isolation führen. Glücklicherweise gibt es eine wachsende Anzahl von Software-Hilfsmitteln, die darauf abzielen, die Lebensqualität von Parkinson-Patienten zu verbessern, die Kommunikation mit Ärzten zu erleichtern und die Therapie zu optimieren. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über diese Hilfsmittel und ihre Anwendungsmöglichkeiten.
Die Herausforderungen der Parkinson-Krankheit
Parkinson ist eine neurodegenerative Erkrankung, bei der bestimmte Zellen im Gehirn, die für die Bewegungssteuerung zuständig sind, nach und nach absterben. Dies führt zu einer Reihe von Symptomen, darunter:
- Tremor: Unkontrolliertes Zittern, meist in Ruhe.
- Rigor: Muskelsteifheit und erhöhter Muskeltonus.
- Bradykinese: Verlangsamung der Bewegungen.
- Posturale Instabilität: Gleichgewichtsstörungen und erhöhte Sturzgefahr.
- Gangstörungen: Schlurfender Gang, kleine Schritte.
- Nicht-motorische Symptome: Depressionen, Schlafstörungen, kognitive Beeinträchtigungen.
Die Symptome können im Tagesverlauf stark variieren und werden durch Faktoren wie Medikamenteneinnahme, Ernährung und Krankheitsgrad beeinflusst. Diese Schwankungen erschweren die Planung von Aktivitäten und die Anpassung der Therapie.
Der Bedarf an digitalen Hilfsmitteln
Die herkömmliche Behandlung von Parkinson umfasst in der Regel Medikamente, Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie. Die Anpassung der Medikation basiert oft auf den Schilderungen des Patienten während kurzer Arztbesuche, die in der Regel alle drei Monate stattfinden und nur 15 bis 20 Minuten dauern. Dieser kurze Eindruck des Arztes und das Patientengespräch sind bis heute größtenteils Entscheidungsgrundlage für eine Behandlungsanpassung. Diese Situation ist defizitär, da sie auf subjektiven Eindrücken beruht und keine kontinuierliche Überwachung des Krankheitsverlaufs ermöglicht.
Digitale Hilfsmittel können diese Lücke füllen, indem sie eine kontinuierliche und objektive Erfassung von Symptomen und Aktivitäten ermöglichen. Sie können Patienten dabei unterstützen, ihre Erkrankung besser zu verstehen, ihre Medikation zu optimieren und ihre Lebensqualität zu verbessern. Für Ärzte bieten sie die Möglichkeit, den Krankheitsverlauf genauer zu verfolgen und die Therapie besser anzupassen.
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Beispiele für Parkinson Software Hilfsmittel
1. Move App
Die Move App ist ein umfassendes Hilfsmittel für Menschen mit Parkinson, das Informationen, Unterstützung und Dokumentationsfunktionen bietet. Die App liefert Informationen zu Krankheit und Behandlungsmöglichkeiten und bietet konkrete Hilfestellungen. Die zeitgenaue Medikamenteneinnahme wird über die Erinnerungsfunktion erleichtert. Dabei können die Medikamente auf Fotos dargestellt werden, um Verwechslungen zu vermeiden. Videos mit physio- und ergotherapeutischen Übungen sowie Hilfsmittel zum rhythmischen Sprechen helfen, Therapieinhalte in den Alltag zu integrieren. Das einfach bedienbare Bewegungsprotokoll dokumentiert Häufigkeit und Schweregrad von Dyskinesien. Mit der Videofunktion können auch spezielle Problematiken erfasst werden und dem betreuenden Arzt helfen, die Medikation zu kontrollieren und gegebenenfalls anzupassen.
Die App wurde in Zusammenarbeit mit dem Neurologischen Fachkrankenhaus für Bewegungsstörungen/Parkinson, Beelitz Heilstätten unter Leitung von PD Dr. entwickelt.
Funktionen:
- Informationen zu Krankheit und Behandlung: Umfassende Informationen über Parkinson-Krankheit, Symptome, Behandlungsmöglichkeiten und Bewältigungsstrategien.
- Medikationserinnerung: Erinnerungsfunktion für die Medikamenteneinnahme mit der Möglichkeit, Medikamente auf Fotos darzustellen.
- Übungsvideos: Videos mit physio- und ergotherapeutischen Übungen zur Integration von Therapieinhalten in den Alltag.
- Bewegungsprotokoll: Dokumentation von Häufigkeit und Schweregrad von Dyskinesien.
- Videofunktion: Möglichkeit zur Erfassung spezieller Problematiken und zur Unterstützung des Arztes bei der Medikationskontrolle.
Nutzerfeedback:
Nutzer loben die App für ihre Benutzerfreundlichkeit und die hilfreichen Informationen und Übungen. Einige Nutzer bemängeln jedoch die schlechte Auswahl an Medikamenten in der App. Die Entwickler arbeiten kontinuierlich an der Verbesserung und Anpassung der App.
2. Orbit Health
Orbit Health bietet eine Technologie, die automatisch den motorischen Zustand auf Minuten-Ebene verfolgt, um objektive Einblicke zur Unterstützung von Behandlungsentscheidungen zu bieten. „Mit dieser Technologie können Menschen mit Parkinson ihre motorischen Symptome über den Tag hinweg beobachten und mehr über Behandlungsreaktionen und Muster herausfinden. Je öfter man den Sensor trägt und die App nutzt, desto nützlicher wird dieses Tool“, sagt Patty Lee, CEO von Orbit Health. Aktuell bietet Orbit Health ein Early Access Programm für 100 Patienten an.
Funktionen:
- Kontinuierliche Überwachung: Automatische Verfolgung des motorischen Zustands auf Minuten-Ebene.
- Objektive Einblicke: Bereitstellung objektiver Daten zur Unterstützung von Behandlungsentscheidungen.
- Mustererkennung: Erkennung von Mustern und Zusammenhängen zwischen Symptomen, Medikamenteneinnahme und Aktivitäten.
3. ParkProReakt
ParkProReakt ist ein Leuchtturmprojekt, in dem Forschende des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT gemeinsam mit Partnern eine digitale Lösung entwickeln, um die Lebensqualität von Parkinson-Erkrankten zu erhöhen. Die Projektpartner untersuchen, ob eine digitale Lösung dazu beitragen kann, die Lebensqualität von Parkinson-Erkrankten zu erhöhen. Das Team der Neurologie an der Philipps-Universität Marburg koordiniert das Vorhaben, das bis Ende 2025 läuft.
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Funktionen:
- Webplattform und mobile App: Entwicklung einer Webplattform und einer mobilen Anwendung für Smartphones, die per Bluetooth mit einer Apple Watch verbunden ist.
- Sektorenübergreifendes Versorgungsmodell: Etablierung eines sektorenübergreifenden, proaktiven sowie bedarfsorientierten Versorgungsmodells, das einen holistischen Ansatz unter Einbeziehung von Pflegekräften und Spezialistinnen und Spezialisten verfolgt, die sich auf der Plattform austauschen können.
- Kontinuierlicher Austausch: Förderung eines kontinuierlichen Austauschs zwischen Ärzten und Betroffenen.
- Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Ermöglichung regelmäßiger Kontrolluntersuchungen.
- Entlastung pflegender Angehöriger: Unterstützung pflegender Angehöriger bei der Einschätzung der Veränderung des Krankheitsverlaufs.
Active PD App:
Die App namens Active PD wird nach einer Einlernphase von den Patientinnen und Patienten bedient. Die damit gesammelten Daten werden in die Webplattform übertragen, die den Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung steht. Die Patientinnen und Patienten sind angehalten, zweimal pro Woche mithilfe der App und der mit Sensorik ausgerüsteten Apple Watch spezifische, standardisierte Parkinson-bezogene Tests durchzuführen, die vor allem die motorischen Fähigkeiten und die Befindlichkeit adressieren.
Tests:
- Fingerübungen: Tippen von Zeigefinger und Daumen vor der Smartphone-Kamera zur Messung des Abstands zwischen den Fingern.
- Faustschluss: Öffnen und Schließen der Faust in hoher Frequenz.
- Handruhe: Prüfung der Fähigkeit, die Hand über einen bestimmten Zeitraum ohne Zittern ruhig zu halten.
- Wohlbefinden: Fragen zum Wohlbefinden zur Unterstützung auf der emotionalen Ebene.
Ampelsystem:
Ein Ampelsystem informiert den behandelnden Arzt, wenn sich der Zustand eines Erkrankten drastisch verschlechtert. Auch besondere Ereignisse wie Stürze können über die App, die sich derzeit im Prototyp-Status befindet, gemeldet werden.
4. App der TH OWL und des Klinikums Lippe
Forschende des Instituts für industrielle Informationstechnik (inIT) der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL) und Studierende des Studiengangs Medizin- und Gesundheitstechnologie entwickeln gemeinsam mit Medizinerinnen und Medizinern eine App, die das Bewegungsverhalten von Parkinson-Patientinnen und Patienten und deren Medikationsverhalten dokumentiert. Die Daten unterstützen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnose.
Funktionen:
- Bewegungsanalyse: Analyse des Gangverhaltens von Parkinson-Erkrankten mithilfe von Smartphone-Sensoren.
- Digitales Tagebuch: Erstellung eines digitalen Tagebuchs aus Bewegungsprofilen.
- Medikationserinnerung: Wecker-Funktion zur Erinnerung an die Medikamenteneinnahme.
- Chat-Funktion: Erleichterung der Kommunikation zwischen Patient, behandelnden Ärzten im Klinikum Lippe und Hausärztinnen und Hausärzten.
Vorteile:
- Rund-um-die-Uhr-Monitoring: Ermöglicht ein kontinuierliches Monitoring des Gesundheitszustands.
- Objektive Daten: Liefert objektive Daten zur Unterstützung der Diagnose und Therapieanpassung.
Datenschutz:
Die Daten werden verschlüsselt und anonymisiert, um die Privatsphäre der Patientinnen und Patienten zu schützen.
5. Sherpa App (in Entwicklung)
Sherpa ist eine App, die in Verbindung mit Vibrationssocken entwickelt wird, um Bewegungsblockaden (Freezing-Episoden) bei Parkinson-Patienten zu verhindern oder zu stoppen.
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Funktionen:
- Erkennung von Freezing-Episoden: Die Socken erkennen Bewegungsblockaden.
- Vibrationssignale: Die Socken senden Vibrationssignale, um die Blockaden zu lösen.
- App-Navigation: Vereinfachte App-Navigation zur Reduzierung der erforderlichen Aktionen.
- Vibrationseinstellungen: Schneller Zugriff zum Ändern der Vibrationseinstellungen.
Entwicklung:
Die Entwicklung der App ist ein iterativer Prozess, bei dem das Feedback der Nutzer eine entscheidende Rolle spielt. Sherpa arbeitet eng mit dem Hersteller der Vibrationssocken (feelSpace) zusammen.
Allgemeine Überlegungen zur Nutzung von Software-Hilfsmitteln
Bei der Nutzung von Software-Hilfsmitteln für Parkinson sollten folgende Aspekte berücksichtigt werden:
- Benutzerfreundlichkeit: Die App sollte einfach zu bedienen und für Menschen mit motorischen Einschränkungen geeignet sein.
- Datenschutz: Die App sollte die Privatsphäre der Nutzer respektieren und die Daten sicher verwalten.
- Integration in die Therapie: Die App sollte in die bestehende Therapie integriert werden und die Kommunikation mit dem Arzt erleichtern.
- Realistische Erwartungen: Die App kann die Symptome von Parkinson nicht heilen, aber sie kann dazu beitragen, die Lebensqualität zu verbessern und die Therapie zu optimieren.
- Individuelle Anpassung: Nicht jede App ist für jeden Patienten geeignet. Es ist wichtig, eine App zu wählen, die den individuellen Bedürfnissen und Vorlieben entspricht.
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