Anosmie nach Enzephalitis: Ursachen und Zusammenhänge

Im Zuge der anhaltenden COVID-19-Pandemie rücken die langfristigen Folgen von Virusinfektionen immer stärker in den Fokus der Forschung und der öffentlichen Wahrnehmung. Insbesondere neurologische Langzeitfolgen wie Anosmie (Geruchsverlust) nach Enzephalitis (Gehirnentzündung) sind Gegenstand intensiver Untersuchungen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Mechanismen und möglichen Auswirkungen von Anosmie im Kontext von Enzephalitis, insbesondere im Zusammenhang mit COVID-19.

Einführung: Long COVID und neurologische Symptome

Die COVID-19-Pandemie hat nicht nur zu akuten Erkrankungen geführt, sondern auch eine beträchtliche Anzahl von Menschen mit langfristigen gesundheitlichen Problemen zurückgelassen. Diese anhaltenden Symptome, die als Long COVID oder Post-COVID-Syndrom bezeichnet werden, umfassen eine Vielzahl von Beschwerden, darunter auch neurologische und neuropsychiatrische Symptome. Schätzungen zufolge könnten weltweit rund 200 Millionen Menschen von den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion betroffen sein.

Zu den häufigsten neurologischen und neuropsychiatrischen Symptomen zählen:

  • Fatigue (krankhafte Erschöpfung)
  • Brain Fog (Gehirnnebel)
  • Gedächtnisprobleme
  • Aufmerksamkeitsstörungen
  • Muskelschmerzen
  • Kopfschmerzen
  • Geruchsverlust (Anosmie)
  • Geschmacksstörungen

Anosmie: Ein häufiges Symptom nach Virusinfektionen

Ein plötzlicher Geruchsverlust mit begleitender Minderung des Geschmackssinns tritt häufig im Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion auf. Studien haben gezeigt, dass ein erheblicher Prozentsatz der COVID-19-Erkrankten auch lange nach der akuten Infektion unter Geruchsproblemen leidet.

Ursachen von Anosmie

Die genauen Ursachen für Geruchsstörungen nach Virusinfektionen sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch verschiedene Hypothesen und Forschungsergebnisse, die mögliche Mechanismen aufzeigen:

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  • Direkte Schädigung des Riechnervs: Es wird vermutet, dass das Virus ausgehend von den Schleimhäuten der oberen Atemwege den Riechnerv befällt und von dort aus das Gehirn erreicht. Infizierte Blutzellen könnten das Virus ebenfalls ins Nervensystem transportieren.
  • Entzündung des Riechepithels: Virusinfektionen können zu einer Entzündung der oberen Luftwege führen, wodurch nicht nur aromatische Geruchsstoffe, sondern auch Trigeminusreizstoffe nicht mehr wahrgenommen werden.
  • Veränderungen im Gehirn: Bildgebungsstudien haben Veränderungen in Bereichen des Gehirns gezeigt, die mit dem Geruchszentrum verbunden sind. Diese Veränderungen könnten durch den Mangel an sensorischem Input aufgrund des Geruchsverlusts entstehen.
  • Transsynaptische Invasion von SARS-CoV-2 ins ZNS: Es wird vermutet, dass SARS-CoV-2 über naso- und oropharyngeale Nerven ins zentrale Nervensystem (ZNS) eindringen kann, was insbesondere zu einer Hirnstammencephalitis führen könnte.

Anosmie als Warnsymptom für Hirnstammentzündung

Es gibt Hinweise darauf, dass Geschmacks- und Geruchsstörungen als Warnsymptom für die Entwicklung einer Hirnstammentzündung (Hirnstammencephalitis) angesehen werden müssen. Eine Studie zielt darauf ab, zu untersuchen, ob Geruchs-, Geschmacksstörungen oder sonstige neu aufgetretene neurologische Symptome bei COVID-19-Patienten Hinweise auf eine Infektion des Gehirns und insbesondere des Hirnstammes sind.

Phantosmie: Eine besondere Form der Riechstörung

Neben dem vollständigen Verlust des Geruchssinns (Anosmie) kann es auch zu qualitativen Störungen der Geruchswahrnehmung kommen, wie z.B. Phantosmien. Bei einer Phantosmie nehmen Patienten Gerüche wahr, obwohl keine entsprechende Duftquelle vorhanden ist. Diese Geruchshalluzinationen können angenehm oder unangenehm sein und als postinfektiöse oder posttraumatische Riechstörung auftreten. In seltenen Fällen können auch neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Tumore im Bereich des Riechnervens oder eines Riechzentrums für die Phantosmie verantwortlich sein.

Diagnose und Therapie von Phantosmie

Um eine Phantosmie zu diagnostizieren, ist ein quantitativer und qualitativer Riechtest erforderlich. Zudem ist es wichtig, die Ursache der Phantosmie zu finden. Bei bakteriellen Infekten kann es vorkommen, dass Patienten über eine »Stinknase« klagen. Mit einer Endoskopie der Nase kann der Hals-Nasen-Ohren-Arzt das abklären. Empfehlenswert ist auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit einem Neurologen. Mit bildgebenden Verfahren - meist der Magnetresonanztomografie - kann er sicherstellen, dass keine neurologischen Schäden oder Tumorerkrankungen des Gehirns die Beschwerden auslösen.

Die Behandlung der Phantosmie richtet sich nach der Ursache, sofern diese gefunden werden kann. Sind die Geruchsveränderungen ein frühes Symptom einer neurodegenerativen Krankheit wie Parkinson, kann durch eine zeitnahe medikamentöse Therapie das Auftreten von motorischen Symptomen wahrscheinlich hinausgezögert werden. Sind tatsächlich einmal psychische Erkrankungen der Auslöser, können Psychotherapeuten oder Psychiater eine geeignete Behandlung festlegen.

Weitere neurologische Symptome und Komplikationen

Neben Anosmie und Phantosmie können im Rahmen einer Enzephalitis und insbesondere bei COVID-19 weitere neurologische Symptome und Komplikationen auftreten:

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  • Bewusstseinsstörungen und Delir: Diese werden häufig beobachtet und eher auf die allgemeinen Folgen der systemischen schweren Infektion auf das Gehirn zurückgeführt.
  • Erhöhtes Schlaganfallrisiko: Studien deuten auf ein erhöhtes Schlaganfallrisiko bei COVID-19-Infektionen hin.
  • Entzündungen Gehirn und Rückenmark: Im Rahmen der COVID-19-Erkrankung kann es auch zu Entzündungen des Gehirns und selten auch des Rückenmarks kommen.
  • Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Ähnlich immunvermittelte Erkrankungen treten auch an den peripheren Nerven in Form des GBS auf.
  • Kopfschmerzen: Kopfschmerzen treten sehr häufig im Rahmen der Akuterkrankung, aber auch im Langzeitverlauf auf.
  • Muskelschwäche und -schmerzen: Diese treten oft in Zusammenhang mit einer Fatigue auf.
  • Sensible und motorische Nervenschäden: Im Rahmen einer intensivstationären Behandlung kann es zu bleibenden sensiblen und motorischen Nervenschäden (Critical-Illness-Polyneuropathie/Myopathie, CIP/CIM) kommen.
  • Psychiatrische Erkrankungen: Depressionen, Angstzustände und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) sind nach einer Corona-Infektion beschrieben.

Diagnose und Behandlung von neurologischen Langzeitfolgen

Die Diagnose von neurologischen Langzeitfolgen nach Enzephalitis, einschließlich Anosmie, erfordert eine umfassende neurologische Untersuchung und Anamnese. Bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie (MRT) können helfen, strukturelle Veränderungen im Gehirn zu erkennen.

Eine unmittelbare Therapie des Long- oder Post-COVID-Syndroms existiert bislang noch nicht. Die Behandlung konzentriert sich auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen. Dazu gehören:

  • Symptomatische Behandlung: Schmerzen werden symptomatisch mit herkömmlichen Schmerzmitteln behandelt.
  • Psychotherapie: Eine begleitende Psychotherapie kann bei langandauernden und wechselhaften Symptomen sinnvoll sein.
  • Riechtraining: Bei Geruchsstörungen kann ein Riechtraining helfen, die Funktion des Riechnervs wiederherzustellen.
  • Logopädie: Bei Sprach- und Schluckstörungen kann eine logopädische Therapie helfen.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann bei der Bewältigung von Alltagsaktivitäten und der Verbesserung der kognitiven Funktionen unterstützen.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann bei der Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit und der Linderung von Muskelschmerzen helfen.

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