Einführung
Der anteriore cinguläre Cortex (ACC) spielt eine entscheidende Rolle bei der Willenskraft, Entscheidungsfindung und der Steuerung von Emotionen. Dieser Artikel beleuchtet die Funktionen des ACC, seine Verbindungen zu anderen Hirnarealen und seine Bedeutung für verschiedene Aspekte des menschlichen Verhaltens, von der Aggressionskontrolle bis hin zur Achtsamkeitspraxis.
Die Bedeutung korrekter Hirnkarten
Karten des Gehirns sind wichtige Hilfsmittel, um zu verstehen, wie unsere Denkzentrale funktioniert. Es ist jedoch entscheidend, dass diese Karten korrekt sind. Eine falsche Hirnkarte kann zu Fehlinterpretationen von Forschungsergebnissen führen. So entdeckten Forscher am ESI, dass viele Hirnforscher, die mit Mäusen arbeiten, eine veraltete Hirnkarte verwenden, die den cingulären Cortex in die Abschnitte Cg1 und Cg2 unterteilt, anstatt in ACC und MCC, wie es bei anderen Spezies üblich ist. Diese falsche Unterteilung kann zu verfälschten Ergebnissen führen, da die funktionellen Unterschiede zwischen ACC und MCC nicht berücksichtigt werden.
Funktionen des anterioren cingulären Cortex (ACC)
Der ACC ist ein Hirnareal, das eine wichtige Rolle bei verschiedenen kognitiven Prozessen spielt, darunter:
Situationsgerechtes Verhalten: Der ACC hilft uns, uns situationsgerecht zu verhalten, indem er emotionale Informationen verarbeitet und impulsives Verhalten in Schach hält.
Aggressionskontrolle: Studien haben gezeigt, dass der ACC eine wichtige Rolle bei der Kontrolle von aggressivem Verhalten spielt.
Lesen Sie auch: Vorderer cingulärer Cortex
Emotionsverarbeitung: Der ACC ist immer dann aktiv, wenn es um die Verarbeitung von Emotionen geht.
Entscheidungsfindung: Der ACC spielt eine Rolle bei rationalen Vorgängen wie etwa der Entscheidungsfindung.
Selbstkontrolle: Achtsamkeitsmeditation kann die Kompetenz zur Selbstkontrolle stärken, was sich positiv auf den ACC auswirkt.
Aufmerksamkeitslenkung: Achtsamkeitsmeditation kann die Aufmerksamkeitslenkung und Konzentration stärken, was ebenfalls mit dem ACC in Verbindung steht.
ACC und MCC: Funktionelle Unterschiede
Forscher unterscheiden zwei Teilbereiche des ACC: den vorderen ACC und den hinteren sogenannten midcingulären Cortex (MCC). Der Unterschied zwischen ACC und MCC liegt in der Funktion der Hirnabschnitte. Der ACC ist immer dann aktiv, wenn es um die Verarbeitung von Emotionen geht, während der MCC an anderen kognitiven Prozessen beteiligt ist.
Lesen Sie auch: Die Rolle des zerebralen Kortex
Neuroplastizität des ACC
Der ACC hat ein hohes Potential für Neuroplastizität. Die Nerven darin können wachsen und sich neu verknüpfen, wenn der ACC trainiert wird. Dies bedeutet, dass Willenskraft und Beharrlichkeit trainiert werden können, um innere Widerstände zu überwinden. Eine Studie mit Senioren, die begannen, Sport zu treiben, zeigte, dass das ACC-Areal im Gehirn bei den Menschen wuchs, die Cardiotraining machten. Das Wachstum des ACC kann durch Belohnungen nach dem Zufallsprinzip sogar noch verstärkt werden.
Der ACC und Achtsamkeit
Die neurowissenschaftliche Forschung hat gezeigt, dass meditative Praktiken positive Auswirkungen auf neurobiologische Mechanismen haben. Achtsamkeitsmeditation kann die Struktur und Funktion des Gehirns verändern, insbesondere in Regionen wie dem präfrontalen Cortex (PFC), dem ACC, dem Striatum, der Insula, der Amygdala und dem Hippocampus.
Achtsamkeitsmeditation kann die Kompetenz zur Selbstkontrolle stärken, die Aufmerksamkeitsfähigkeit verbessern, negative Gefühlslagen reduzieren und positive Stimmungslagen fördern. Die Wahrnehmung des gegenwärtigen Augenblicks und die unvoreingenommene Akzeptanz des eigenen Erlebens, die im Rahmen der Achtsamkeitsmeditation kultiviert wird, kann die Selbstkontrolle fördern.
Die Rolle des Unbewussten
Viele Menschen nehmen sich etwas fest vor, setzen es aber dann nicht um. Dies liegt oft an der Überbewertung der Willenskraft. Verhalten wird nicht nur von bewussten Prozessen gesteuert, sondern auch von unbewussten. Bewusstes und Unbewusstes beeinflussen sich gegenseitig. Unbewusste Prozesse verfügen über eine enorme Kraft, die das eigene Verhalten immer wieder auf routinierte, gewohnte Bahnen zurückführt. Bewusstheit oder Willenskraft kann hier oftmals nur wenig ausrichten. Die Achtsamkeitsforschung zeigt jedoch, dass sich unbewusste Verhaltensprozesse verändern lassen.
Mind-Muscle-Connection (MMC)
Das Konzept der "Mind-Muscle-Connection" (MMC) wurde im Sport in den letzten Jahren zur Verbesserung von Bewegungsleistungen erkannt. MMC fokussiert sowohl auf die im Zentralnervensystem (ZNS) ablaufenden Wahrnehmungs-, Bewertungs-, Entscheidungs- und Planungsprozesse als auch auf die Schärfung des inneren Modells der Bewegung. Neuropsychologische und -physiologische Untersuchungen zeigen die Ausprägung wechselnder Aktivität in den verschiedenen Hirnstrukturen in Bezug zu den geforderten motorischen oder psychischen Leistungen.
Lesen Sie auch: Aufbau des visuellen Cortex erklärt
Die Aktivitätsmatrix des Gehirns
In der Aktivitätsmatrix des Gehirns werden in den verschiedenen Phasen des Trainierens die Bestandteile Bewegungsprogramm, Efferenzkopie und Aktionsakzeptor des postulierten „dynamischen System des Verhaltens“ widergespiegelt. Über eine visuelle Rückkopplung der erreichten Zielparameter kann der Sportler während des Trainings seine Koordinationsleistung, die gleichzeitig mit und hinter der konditionellen Leistung abläuft, kontrollieren und anpassen.
Das dynamische funktionelle System des Verhaltens (FSV)
Zur Überwindung der bis Mitte des vorigen Jahrhunderts vorherrschenden Reflextheorie formulierte Anochin die Theorie des „dynamischen funktionellen System des Verhaltens“ (FSV). Die von ihm für dieses System postulierten Bestandteile „Bewegungsprogramm, Efferenzkopie, Aktionsakzeptor“ spiegeln in der neurophysiologischen Aktivitätsmatrix unseres Gehirns wider. In diesem System vollzieht sich der Informationsfluss im Sinne der MMC.
tags: #anteriorer #cingularer #cortex #willenskraft