Unser Gehirn ist kein Tresor, sondern eher ein alter, undichter Wasserturm, aus dem Erinnerungen unbemerkt entweichen. Namen verblassen, Erlebnisse versinken, ganze Lebensabschnitte lösen sich auf - bis nichts mehr übrig bleibt. Und dann? Dann steht man vor dem Spiegel und sucht verzweifelt nach einer Erinnerung, die nicht mehr zurückkehrt. Vera F. Birkenbihl zeigt, wie man diesem Gedächtnisschwund den Kampf ansagen kann.
Vera F. Birkenbihl und die gehirn-gerechte Methode
Vera F. Birkenbihl (verstorben vor einigen Jahren) war eine Management-Trainerin, die für ihren Slogan "gehirn-gerechtes Arbeiten" bekannt war. Sie leitete das Institut für gehirn-gerechtes Arbeiten und entwickelte eine Methode zur Verbesserung des Gedächtnisses, die auf den Erkenntnissen der Hirn- und Gedächtnisforschung basiert. Über drei Millionen Menschen haben ihre Sprachkurse, Bücher, Tonaufnahmen sowie Videos angewendet, und über 350.000 Menschen haben sie in Vorträgen und Seminaren live erlebt. Ihre Bücher sind bis heute Bestseller. Auch die Birkenbihl-Methode, Fremdsprachen zu lernen, wurde von ihr entwickelt. Zu ihren Kunden zählten BMW, LBS, Sony, IBM, Procter & Gamble, Siemens, 3M, Henkel, Mercedes, Hewlett Packard u.v.a.
Ihre Methode zielt darauf ab, mentale Hochsicherheitsarchive zu errichten, anstatt sich auf flüchtige Notizzettel zu verlassen. Sie entwickelte die Idee eines Lebensarchivs als Demenz-Vorsorge. In ihrem Buch "Das Anti-Altersheimer-Lebensarchiv" (mvg-Verlag, München 2009) stellt sie diese Methode vor.
Das Lebensarchiv als Demenz-Vorsorge
Birkenbihls Grundüberlegung ist einfach: Je intensiver man sich mit einer Erinnerung auseinandersetzt, je öfter man von ihr erzählt, schreibt, sie wiederliest und neu erzählt, desto stärker wird sie im Gedächtnis verankert. Statt "Trampelpfaden" entstehen "Autobahnen" im Gehirn, die auch dann noch befahren oder zumindest begangen werden können, wenn sie teilweise zerstört werden. Der tragische Aspekt von Demenz ist, dass Menschen quasi "sich selbst" verlieren, wenn sie ihre persönlichen Erinnerungen verlieren.
Die Nonnenstudie und ihre Bedeutung
Birkenbihl bezieht sich auf die sogenannte Nonnenstudie von David Snowdon. Snowdon fand heraus, dass die geistig rege Lebensweise der Nonnen im Durchschnitt nicht nur zu einem längeren Leben führt, sondern auch zu größerer geistiger Leistungsfähigkeit im Alter. Überraschenderweise wurden bei einigen Nonnen, die zu Lebzeiten keinerlei Symptome dementieller Einschränkungen zeigten, nach dem Tod sogenannte "Plaques" im Gehirn entdeckt, die als ursächlich für die Alzheimer-Erkrankung gelten.
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Obwohl die allzu optimistische Deutung der Nonnenstudie inzwischen überholt ist, da die Alzheimer-Forschung andere Veränderungen im Gehirn (Tau-Fibrillen) als zerstörerischer einstuft, waren die Leistungen der Nonnen dennoch erstaunlich. Sie konnten der physiologischen Degeneration des Gehirns zumindest teilweise durch geistige Arbeit entgegenwirken. Birkenbihl schließt daraus, dass es sich in jedem Fall lohnt, die eigene Persönlichkeit zu schützen, indem man sich mehr als üblich den eigenen Erinnerungen widmet - indem man also ein Lebensarchiv anlegt.
Die praktische Umsetzung des Lebensarchivs nach Birkenbihl
Birkenbihl schlägt eine einfache, praktische Variante vor: Jeden Tag sollte man ein bis zwei Ereignisse mit Überschrift und Datum schriftlich festhalten. Möglichst Ereignisse, die einen Bezug zur eigenen Persönlichkeit haben, zu wichtigen Menschen oder einer bedeutsamen Arbeit. Diese Aufzeichnungen sollten dann von Zeit zu Zeit durchgesehen werden, wobei man die Überschriften im Sinne einer Quizfrage verwenden sollte. So sorgt man dafür, dass man sich an die wirklich wichtigen Dinge öfter erinnert, was die mehrspurige "Autobahn" anlegt.
Auch wenn man wenig Zeit hat: Bloße Überschriften reichen nicht! Die Episoden, die man niederschreibt, sollten auf dem Papier Hand und Fuß haben und im Grundsatz auch von einem Fremden verstanden werden können. Während man es aus der frischen Erinnerung schreibt, kann man sich oft nicht vorstellen, was man alles vergessen wird. Darum ist es wichtig, sich an diesen Grundsatz zu erinnern. Auch im Hinblick auf Texte, die später von Angehörigen verstanden werden sollten. Birkenbihl stellt auch gesellige Varianten der "Altersheimer-Vorsorge" dar, wie sie es nennt, Schreib- und Erzählspiele mit biografischem Inhalt.
Was ist ein Lebensarchiv?
Unter einem Lebensarchiv versteht man eine systematisch geordnete Menge persönlicher Aufzeichnungen aus dem und über das eigene Leben. Allzu stringent muss das System nicht angelegt sein, nicht vollständig verschlagwortet oder gänzlich einheitlich gestaltet. Damit von einem Archiv gesprochen werden kann, sollten die Aufzeichnungen jedoch leicht zugänglich sein. Ein Lebensarchiv ist mehr als ein Tagebuch oder ein Depot von Tagebüchern, die man behält, weil man sie eben nicht einfach wegwerfen kann. Es ist eine Ressource, etwas, worauf man regelmäßig zurückgreift, das man besucht und benutzt, um sich das eigene Leben immer wieder anzueignen und in seinem Verständnis zu wachsen. Eine Gedächtnis-Hilfe und ein Identitäts-Werkzeug.
Ein Lebensarchiv unterstützt die Erinnerungsfähigkeit sowohl beim Schreiben und Sammeln als auch beim Benutzen. Und damit stärkt und schützt es unsere Identität.
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Hanns-Josef Ortheil: Schreib-Leben
Hanns-Josef Ortheil treibt die Idee des Lebensarchivs auf die Spitze. Den Schriftsteller Ortheil, der auch eine Geschichte seines Schreibens veröffentlichte (»Der Stift und das Papier«) könnte man als Schreib-Fanatiker bezeichnen. Seine beeindruckende Karriere umfasst auch eine Gründungsprofessur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Für den Duden-Verlag gab er eine Reihe lesenswerter Schreibratgeber heraus. Drei davon, die sich mit dem autobiografischen Schreiben und dem Notieren beschäftigen, stammten aus seiner eigenen Feder.
In "Schreiben über mich selbst. Spielformen des autobiografischen Schreibens" (Duden-Verlag, Berlin 2014) unterscheidet Ortheil mehrere Formen autobiografischer Aufzeichnungen:
- Notate und Protokolle der Gegenwart im Sinne einer Dokumentation.
- Thematische Texte zu Vorlieben, Lektüren, Begegnungen usw.
- Ausgearbeitete autobiografische Erzählungen zu Schlüsselmomenten der eigenen Biografie, zur Kindheit, einer Liebe etc.
Er empfiehlt: "Eine ertragreiche Praxis des autobiografischen Schreibens sollte sich […] zwischen prägnant erlebter Gegenwart, thematisch unterschiedlichen Erinnerungsperspektiven und bewusst durchlebter Vergangenheit unaufhörlich hin- und herbewegen."
Ein Lebensarchiv, das solche Elemente enthält, ist mehr als Demenz-Vorsorge, es ist eine Form von Lebenskunst, denn: „Wer ohne fixierte Erinnerungen lebt, formt und gestaltet sein Leben nicht.“
Ortheil ist durchaus bewusst, wie viel Zeit und Engagement seine Vorschläge voraussetzen. Gegenüber praktischen Anforderungen des Lebens bleibt er, anders als die Management-Trainerin Birkenbihl, kompromisslos: "Autobiografisches Schreiben kostet Zeit, und genau das ist ein Problem. Wer nicht kontinuierlich und regelmäßig schreibt, kann es gleich bleiben lassen."
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Fazit: Ein Lebensarchiv als Investition in die eigene Identität
Ein Lebensarchiv zu pflegen, ist eine wunderbar sinnvolle und identitäts-stärkende Tätigkeit. Das gilt auch für das Führen eines Tagebuchs. Ein Lebensarchiv geht über das Tagebuch hinaus, denn es ist so konzipiert, dass es sich leicht verwenden lässt. Indem man es immer wieder durcharbeitet, stärkt man das episodische Gedächtnis.
Es ist wichtig, einen pragmatischen Ansatz zu wählen und sich nicht von zu hohen Ansprüchen abschrecken zu lassen. Lieber gelegentlich schreiben als gar nicht. Lassen Sie es nicht bleiben!
Neben dem Schreiben können Sie auch mit Fotoalben experimentieren (am besten durch aussagekräftige Unterschriften ergänzt), mit Ton- oder Bildaufzeichnungen und mit geselligen Spielen. Wenn Ihnen das eigene Gedächtnis lieb ist, sollten Sie möglichst viel ausprobieren, was ihm aushilft und zu Ihnen passt.
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