Antihistaminika bei Migräne: Eine umfassende Betrachtung

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der weltweit etwa jeder zehnte Mensch betroffen ist. Charakteristisch sind starke, oft einseitig pochende Kopfschmerzen, die von Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet werden können. Die Behandlung von Migräne ist vielfältig und reicht von Schmerzmitteln bis hin zu spezifischen Migränemitteln wie Triptanen. In den letzten Jahren hat die Forschung auch den potenziellen Einfluss von Histamin und Antihistaminika auf Migräne untersucht. Dieser Artikel beleuchtet die Rolle von Antihistaminika bei Migräne, die Zusammenhänge zwischen Histamin und Migräne, und gibt einen Überblick über aktuelle Therapieansätze.

Migräne: Eine weit verbreitete Kopfschmerzform

Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzformen. In den meisten Fällen sind die einseitig pochenden und nicht selten mit dem Puls synchronen Kopfschmerzen jedoch nicht die einzigen Beschwerden. Ein Großteil der Patienten leidet zusätzlich unter Übelkeit (80 Prozent), die Hälfte der Patienten erbricht und reagiert während eines Migräne-Anfalles empfindlich auf Licht (Photophobie) und Geräusche (Phonophobie). Frauen treffen die Attacken öfter als Männer, weltweit leidet rund jeder Zehnte an der neurologischen Erkrankung. Nicht jede Attacke dauert gleich lang, durchschnittlich liegt sie im Bereich von vier bis 72 Stunden.

Phasen einer Migräneattacke

Grundsätzlich lässt sich ein Migräneanfall in vier Phasen unterteilen:

  1. Prodromalphase: Einige Stunden bis Tage vor dem eigentlichen Anfall können Symptome wie Reizbarkeit, Heißhungerattacken, Müdigkeit und/oder Schlafstörungen auftreten.
  2. Auraphase: Bei manchen Betroffenen geht dem Kopfschmerz eine Auraphase voraus, die bis zu 60 Minuten dauern kann. In dieser Phase treten visuelle Störungen oder Taubheitsgefühle in Körperteilen auf.
  3. Kopfschmerzphase: Die eigentliche Kopfschmerzphase dauert in der Regel vier bis 72 Stunden und beinhaltet den heftigen, pochenden, meist einseitigen Kopfschmerz. Begleitet werden kann dieser von Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Photophobie und Phonophobie, aber auch Schwindel, Schlaflosigkeit oder depressiver Stimmung.
  4. Postdromalphase: Nach dem Abklingen der Kopfschmerzen leiden viele Patienten über 24 bis 48 Stunden unter Konzentrationsstörungen, Müdigkeit oder Verständnisproblemen.

Die meisten Betroffenen behandeln sich selbst mit frei verkäuflichen Schmerzmitteln aus der Apotheke. Analgetika wie ASS, Ibuprofen, Paracetamol und Triptane (Naratriptan in Formigran® und Almotriptan in Dolotriptan®) kommen hierbei zum Einsatz.

Die Rolle von Histamin bei Migräne

Was ist Histamin?

Histamin ist ein biogenes Amin, das natürlich im Körper vorkommt. Es wird durch enzymatische Reaktionen aus der Aminosäure Histidin gebildet und ist vor allem in den Lungen, der Haut und im Magen-Darm-Trakt zu finden. Histamin wird vorwiegend in Immunzellen, den Mastzellen und Basophilen, gespeichert. Es erfüllt wichtige immunologische und physiologische Aufgaben im Körper, wie die Unterstützung der Verdauung, die Kontraktion von Muskeln, die Erweiterung von Blutgefäßen und die Erhöhung der Durchlässigkeit der Gefäßwände, was zu Entzündungsreaktionen führen kann. Außerdem wirkt Histamin als Neurotransmitter, also als Signalstoff im Gehirn, der Informationen zwischen Nervenzellen weiterleitet.

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Histamin und Migräne: Ein komplexer Zusammenhang

Schon im Jahr 1926 beschäftigten sich Forschende mit der Frage, ob Histamin Kopfschmerzen auslösen könnte. Dabei wurde beobachtet, dass das Auftreten der Kopfschmerzen von der Dosis des Histamins abhängig war und dass die Reaktionen stark zwischen den Versuchspersonen unterschieden. Auffällig war, dass Personen mit Migräne anfälliger für diesen Histamin-induzierten Kopfschmerz waren.

Bis heute sind die genauen Zusammenhänge von Histamin und Migräne nicht abschließend geklärt. Als möglicher Mechanismus wird unter anderem diskutiert, dass Histamin die Blutgefäße im Gehirn weitet, was Entzündungsprozesse fördert und wiederum Migräneattacken auslösen kann. Es gibt auch neuere Studienergebnisse, die einen ähnlichen Zusammenhang zwischen Histamin und dem Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP) zeigen, das ebenfalls an der Entstehung von Migräne beteiligt ist. Des Weiteren wurde beobachtet, dass die Histamin-Konzentration im Blut während Migräneattacken erhöht ist und dass sich die Migräne Symptome bei Personen mit Histamin-Intoleranz verschlimmern können.

Andere Studien zeigen aber auch, dass eine Einnahme von Antihistaminika keine Verbesserung der Migräne herbeiführt. Was genau das über den Zusammenhang von Migräne und Histamin aussagt, ist unklar. Insgesamt ist die Studienlage eher widersprüchlich bzw. die Zusammenhänge als uneindeutig zu bewerten, was auch an den komplexen Mechanismen von Migräne liegt. Festhalten kann man aber, dass Histamin an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt sein könnte, aber eher als Mediator und nicht unbedingt als Auslöser, gerade wenn es um das Nahrungsmittel-Histamin geht.

Histamin-reiche Lebensmittel

Histamin wird nicht nur im menschlichen Körper gebildet, sondern ist auch in bestimmten Lebensmitteln enthalten. Bei einer Histamin-Intoleranz sollten diese Lebensmittel eher vermieden werden. Dazu gehören z.B.:

  • Käse
  • Thunfisch
  • Tomaten
  • Hefe
  • Schokolade
  • Rotwein
  • Sauerkraut

Viele Reifungs- und Gärungsprozesse (wie z.B. bei der Herstellung von Rotwein oder Sauerkraut) führen zu höheren Histamin-Konzentrationen. Daher gilt auch: je reifer oder „älter“ eines dieser Lebensmittel, desto höher ist der Histamingehalt - zum Beispiel beim Käse. Wenn du also möglichst wenig Histamin zu dir nehmen möchtest, solltest du möglichst frische bzw. „junge“ Lebensmittel verzehren.

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Antihistaminika: Wirkung und Anwendung

Was sind Antihistaminika?

Ein Antihistaminikum (Mehrzahl: Antihistaminika) hemmt die Wirkung der körpereigenen Histamin-Rezeptoren. Sie werden daher auch Histamin-Rezeptorblocker genannt. Histamin beeinflusst die Reaktion des Körpers auf ein Allergen. Antihistaminika gibt es seit fast 100 Jahren. Sie werden kontinuierlich weiterentwickelt, die neuesten Wirkstoffe gehören zur 3. Generation.

Die Wirkstoffe der 1. Generation greifen im zentralen Nervensystem (ZNS) an. Sie können müde und benommen machen. Antihistaminika der 2. Und 3. Generation entfalten ihre Wirkung kaum oder gar nicht mehr über das ZNS, Müdigkeit und Kopfschmerzen treten daher seltener auf. Antihistaminika wirken relativ schnell (Tabletten innerhalb von einer Stunde, Nasensprays innerhalb von 15 Minuten).

Antihistaminika bei Migräne: Ein umstrittener Ansatz

Trotz der potenziellen Rolle von Histamin bei Migräne ist der Einsatz von Antihistaminika zur Behandlung von Migräne umstritten. Eine Doppelblindstudie mit dem Antihistamin Clemastin fand keine messbare Linderung künstlich ausgelöster Migräneattacken. Die Forscher schlossen daraus, dass eventuell die Histamine womöglich doch gar keine große Rolle bei einer Migräne spielen.

Eine frühere Übersichtsarbeit (Yuan und Silberstein, 2017 im Fachjournal Headache - The journal of head and face pain erschienen) kam zu einem etwas anderen Schluss: die Autoren vermuteten, dass weniger der Allergie-Histaminrezeptor H1, auf den Clemastin einwirkt, eine Bedeutung bei Migräne hat, sondern eventuell eher einer der anderen Rezeptoren wie z. B. H3. Dieser Histamin-Rezeptor wirkt interessanterweise selbstregulierend: kleine Mengen Histamin (und eben nicht Anti-Histamin) bringen ihn dazu, die Ausschüttung von Histamin zu senken. Damit wäre Clemastin wirkungslos, überspitzt betrachtet könnte aber stattdessen ein leichter Pollenflug eventuell die Migräne lindern.

Antihistaminika gegen Übelkeit bei Migräne

Viele Migränepatienten leiden bei einem Anfall nicht nur unter starken Kopfschmerzen, mehr als 80 Prozent haben zusätzlich mit Übelkeit zu kämpfen. Antihistaminika der ersten Generation, wie Dimenhydrinat bzw. Diphenhydramin (Vomex®, Vomacur®), können hier eine wichtige Rolle spielen.

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Dimenhydrinat (Prodrug) ist das 8-Chlortheophyllin-Salz von Diphenhydramin welches, wie alle H1-Antihistminika, als Antagonist am H1-Rezeptor wirkt. Neben der antihistaminischen Wirkung besitzt Diphenhydramin auch einen anticholinergen und zentral sedierenden Effekt. Dimenhydrinat bzw. Diphenhydramin zählt zur ersten Generation der H1-Antihistaminika und überwindet daher im Gegensatz zu Antihistaminika der zweiten Generation die Blut-Hirn-Schranke. Die antiemetische Wirkung beruht auf Beeinflussung der H1-Rezeptoren im Brechzentrum. Dimenhydrinat findet daher als Antiemetikum, vorrangig zur Prophylaxe und Behandlung von Kinetosen (Reise- und Seekrankheit), Anwendung.

Unter der Einnahme von Dimenhydrinat bzw. Diphenhydramin können Müdigkeit, Somnolenz, Benommenheit, Schwindelgefühle und Muskelschwäche auftreten. Auf Grund des eingeschränkten Reaktionsvermögens ist die Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigt. Diese Nebenwirkungen können auch noch am Tag nach der Einnahme zu Beeinträchtigungen führen.

Um die beste Wirksamkeit der Analgetika zu erreichen, ist es wichtig, sie bei einer Attacke möglichst frühzeitig einzunehmen. Außerdem könne eine Kombination mit Antiemetika die Wirksamkeit positiv beeinflussen, so der Berufsverband Deutscher Neurologen. Da Antiemetika die Darmperistaltik anregen, könnten Analgetika und Triptane besser aufgenommen werden und deshalb schneller wirken, so ein Experte des BDN. Bei Bedarf sollte dann zuerst das Antiemetikum gegen Übelkeit eingenommen werden.

Weitere Therapieansätze bei Migräne

Neben der medikamentösen Behandlung gibt es auch andere Therapieansätze, die bei Migräne helfen können:

  • Niedrig-glykämische Ernährung: Eine niedrig-glykämische Ernährung kann starke Blutzuckerschwankungen vorbeugen, die wiederum Migräne auslösen können. Die sinCephalea App bietet eine personalisierte, niedrig-glykämische Ernährungsempfehlung, die auf individuellen Blutzuckerreaktionen basiert.
  • Entspannungstechniken: Stress ist ein bekannter Auslöser für Migräne. Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
  • Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Ein unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus kann Migräne begünstigen. Es ist daher wichtig, auf eine regelmäßige Schlafenszeit und Aufstehzeit zu achten.
  • Vermeidung von Auslösern: Bestimmte Faktoren können Migräneattacken auslösen. Dazu gehören z.B. Stress, bestimmte Lebensmittel, Alkohol, Wetterwechsel oder hormonelle Veränderungen. Es kann hilfreich sein, ein Kopfschmerztagebuch zu führen, um die individuellen Auslöser zu identifizieren und diese möglichst zu vermeiden.

Medikamenteninduzierter Kopfschmerz (MIKS)

Hierbei handelt es sich um Kopfschmerzen, die nach längerer (mind. 3 Monate, meist jedoch jahrelanger), regelmäßiger Einnahme (je nach Substanz mind. 12-15 Einzeldosen pro Monat) von Medikamenten, insbesondere Kopfschmerzmitteln, auftreten. Epidemiologische Untersuchungen in europäischen, nordamerikanischen und asiatischen Ländern zeigen einheitlich, dass ca. 3-4 % der allgemeinen Bevölkerung unter chronischen Kopfschmerzen, und hiervon wiederum ein gutes Drittel unter Medikamenten-induzierten Kopfschmerzen (MIKS) leiden. Das bedeutet, dass ca. 1% der allgemeinen Bevölkerung in den westlichen aber auch in den ‚ Dritte-Welt-Länder’ unter dieser Form von Kopfschmerzen leiden. MIKS sind damit wahrscheinlich die epidemiologisch am stärksten unterschätzte Kopfschmerzform überhaupt.

Das Risiko aus einer langjährig bestehenden Migräne mit einer Prophylaxe-würdigen Attackenfrequenz ein MIKS zu entwickeln liegt nach jüngsten Erhebungen bei ca. 10% jährlich. Während die akut auftretenden Medikamenten-induzierten Kopfschmerzen (z.B. nach Gabe von Nitraten, Kalzium-Antagonisten wie Nifedipin, Theophyllin) häufig stechend-bohrend sind, sind die Medikamenten-induzierten Dauerkopfschmerzen, ähnlich dem Spannungskopfschmerz, von dumpf-drückenden holocraniellen Charakter, gelegentlich aber auch pulsierend. Bei modernen Triptanen und Ergotaminpräparaten kann die Symptomatik aber auch variieren und Migräne-ähnlich, also mehr einseitig pulsierend sein. Auch eine vorübergehende Zunahme der Migräne-Attackenfrequenz kann zunächst Ausdruck eines Medikamenten-induzierten Kopfschmerzes sein. Neuere Studien konnten klar belegen, dass auch die Gruppe der Triptane Medikamenten-induzierte Kopfschmerzen verursachen kann.

Die Diagnose erfolgt durch eine ausführliche Medikamenten-Anamnese. Die Diagnose kann dann gestellt werden, wenn der Kopfschmerz seit mind. 3 Monaten besteht, an mind. 15 Tagen pro Monat auftritt und der Patient an mind. 15 Tage pro Monat Schmerzmedikamente einnimmt. Die genauen pathophysiologischen Mechanismen sind unklar. Neben einer Änderung der nozizeptiven Reizschwellen bzw. Schwellenänderung des schmerzleitenden Systems wird das fehlende bzw. gestörte Hoch-Regulieren der betroffenen Rezeptorengruppen diskutiert, die durch die chronische Exposition der Analgetika zunächst drastisch herunter reguliert werden. Interessanterweise entwickeln Patienten, die aus anderen Indikationen regelmäßig Schmerzmittel einnehmen müssen (z.B. Clusterpatienten oder Rheumatiker) diese Kopfschmerzform nicht. Demnach besteht möglicherweise eine spezifische Disposition bzw.

Die einzig sinnvolle Therapie des Medikamenten-induzierten Dauerkopfschmerzes ist der komplette Entzug von allen Substanzen, die eingenommen werden. Dieser Entzug sollte vorzugsweise unter stationären Bedingungen erfolgen, insbesondere dann, wenn ein langjähriger medikamenteninduzierter Dauerkopfschmerz mit Einnahme psychotroper Substanzen (Schlafmittel, Tranquilizer, Anxiolytika) oder regelmäßiger Einnahme von Migränemitteln, die Codein enthalten, besteht. Der Entzug dauert ca. 7 bis 10 Tage, die auftretenden Entzugsschmerzen können mit nicht-steroidalen Antirheumatika behandelt werden, wobei vegetative Symptome durch die Gabe von Betablockern oder Clonidin gemildert werden können. Ein ambulanter Medikamenten-Entzug kann versucht werden, wenn die Einnahme von analgetischen Mischpräparaten ohne gleichzeitige Einnahme von Barbituraten oder Tranquilizern erfolgte, der Patient motiviert und eine enge Anbindung an den behandelnden Arzt gewährleistet ist.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Wenn die Beschwerden regelmäßig auftreten, nicht gut auf Analgetika ansprechen oder die Schmerzattacken immer häufiger auftreten, sollten Betroffene einen Arzt konsultieren. Das gilt auch dann, wenn Schmerzmittel aufgrund von Kopfschmerzen häufiger als acht- bis zehnmal im Monat eingenommen werden und auch, wenn Begleiterscheinungen wie Fieber oder neurologische Ausfallsymptome (z. B. Lähmungserscheinungen, Gefühlsstörungen, Wesensänderungen) auftreten. Bei extrem starken Kopfschmerzen, die schlagartig innerhalb von Sekunden ihr Maximum erreichen, bei begleitender Nackensteife, hohem Fieber, epileptischen Anfällen oder akuten neurologischen Ausfallsymptomen (z. B.

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