Einführung
Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Zellen angreift, können vielfältige neurologische Symptome verursachen. Eine besondere Rolle spielen dabei Antikörper, die Nervenzellen oder deren unterstützende Strukturen attackieren. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Mechanismen, wie Antikörper Nerven angreifen und welche neurologischen Erkrankungen dadurch entstehen können. Dabei werden sowohl Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) als auch des peripheren Nervensystems (PNS) betrachtet.
Ursachen und Mechanismen des Angriffs auf Nervenzellen
Fehlgeleitete Immunreaktion
Die Ursache für den Angriff von Antikörpern auf Nervenzellen liegt in einer fehlgeleiteten Reaktion des Immunsystems. Normalerweise dienen Antikörper der Abwehr von Krankheitserregern, indem sie an spezifische Strukturen (Antigene) auf deren Oberfläche binden. Bei Autoimmunerkrankungen bilden die B-Zellen jedoch Autoantikörper, die sich gegen körpereigene Strukturen richten und dort Entzündungen auslösen.
Auslöser der Autoimmunreaktion
Verschiedene Faktoren können eine solche Autoimmunreaktion auslösen:
- Tumorerkrankungen: Bestimmte Krebsarten können zur Bildung von Antikörpern führen, die sowohl Tumorzellen als auch Nervenzellen angreifen. Ein Beispiel ist das Anti-Hu-Syndrom beim kleinzelligen Lungentumor, bei dem Anti-Hu-Antikörper eine Darmlähmung (Darmatonie) verursachen können.
- Infektionen: Infektionen, wie beispielsweise eine Herpesenzephalitis, können ebenfalls die Bildung von Autoantikörpern triggern.
- Genetische Veranlagung: Nicht jeder Mensch hat das gleiche Risiko, an einer Autoimmunerkrankung zu erkranken. Es wird diskutiert, ob genetische Faktoren eine Rolle spielen.
- Umweltfaktoren: Saisonalen Faktoren (z. B. Infektwellen im Winter) und geografische Faktoren (häufigeres Auftreten von Autoimmunerkrankungen im hohen Norden) werden ebenfalls diskutiert. Auch Stoffwechselstörungen können die körpereigene Abwehr beeinträchtigen.
Mechanismen der Nervenschädigung
Die durch Autoantikörper ausgelöste Entzündungsreaktion kann auf unterschiedliche Weise zu einer Schädigung der Nervenzellen führen:
- Direkte Schädigung der Nervenzellen: Autoantikörper können direkt an Nervenzellen binden und diese aktivieren oder schädigen. Eine Studie der TU München zeigte, dass Anti-HuD-Antikörper innerhalb von Millisekunden menschliche Nervenzellen aktivieren können, ohne sie direkt zu schädigen. Diese Aktivierung erfolgt über Rezeptoren für Neurotransmitter wie Acetylcholin und Adenosintriphosphat.
- Zerstörung der Myelinscheide: Bei entzündlichen Polyneuropathien greifen Immunzellen die Myelinscheide der peripheren Nervenzellen an und zerstören sie. Die Myelinscheide ist eine Isolierschicht, die die Nervenfasern umgibt und eine schnelle Reizweiterleitung ermöglicht. Ihre Zerstörung führt zu langsameren Reizleitungsgeschwindigkeiten und letztendlich zum Untergang von Nerven.
- Schädigung von Stützzellen: Bei der Neuromyelitis optica (NMO) binden Autoantikörper an Aquaporin 4 (AQP4), ein Eiweiß, das auf Astrozyten vorkommt. Die dadurch ausgelöste Entzündungsreaktion schädigt die Astrozyten.
Neurologische Erkrankungen durch Antikörper-Angriff
Autoimmunenzephalitis
Die Autoimmunenzephalitis ist eine akute entzündliche Erkrankung des Gehirns, die durch Autoantikörper verursacht wird, die bestimmte Rezeptoren oder Ionenkanäle auf der Oberfläche von Nervenzellen angreifen. Die Erkrankung beginnt meist plötzlich, innerhalb weniger Tage bis Wochen. Typische Symptome sind Gedächtnisprobleme, Stimmungsschwankungen oder Krampfanfälle. In schweren Fällen kann auch das vegetative Nervensystem betroffen sein, was zu Kreislaufversagen oder Atemstörungen führen kann.
Lesen Sie auch: Innovative Therapieansätze bei Anti-MAG-Polyneuropathie
Eine besondere Form der Autoimmunenzephalitis ist die limbische Enzephalitis, bei der die gedächtnisbildenden Strukturen des limbischen Systems betroffen sind. Beim Kleinhirn spricht man von einer Autoimmun-Cerebellitis und beim Hirnstamm von einer Autoimmun-Rhombencephalitis.
Multiple Sklerose (MS)
Die Multiple Sklerose ist die häufigste neurologische Autoimmunerkrankung. Bei der MS greifen Immunzellen die weiße Substanz von Gehirn und Rückenmark an, insbesondere die Myelinscheide. Die Entzündungsreaktionen führen zu multiplen Entmarkungen, die sklerotisch (narbig) abheilen. Je nachdem, an welcher Stelle die Entzündung auftritt, können verschiedene Symptome auftreten, wie z. B. Seh-, Gefühls-, Blasen- oder Beweglichkeitsstörungen.
Akute, demyelinisierende Enzephalomyelopathie (ADEM)
Die ADEM tritt vor allem bei Kindern und jungen Menschen als Überreaktion auf eine fieberhafte Infektion auf. Im Gegensatz zur MS greifen Immunzellen das ZNS massiv zur selben Zeit und am selben Ort an.
Neuromyelitis optica (NMO)
Die NMO befällt den Sehnerv und das Rückenmark mit besonders schweren Schüben. Charakteristisch für die NMO sind Autoantikörper gegen AQP4.
Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Das Guillain-Barré-Syndrom ist eine akute Polyneuropathie, bei der unterschiedliche periphere Nerven betroffen sind. Als Reaktion auf eine Infektion werden die Kabelisolierungen des peripheren Nervensystems demyelinisert. Binnen weniger Tage fallen immer mehr Nerven aus, so dass es zu einem weitgehenden Funktionsverlust mit ausgedehnten, schlaffen Lähmungen kommt, welche sogar zu Atemlähmungen führen können.
Lesen Sie auch: Bluttest erkennt MS frühzeitig
Chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP)
Die CIDP ähnelt dem GBS sehr stark, verläuft jedoch nicht akut binnen Tagen, sondern schubweise oder allmählich schleichend über Monate bis Jahre. Es handelt sich gewissermaßen um eine MS des PNS.
Myasthenie
Bei der Myasthenie werden nicht die Nerven selbst sondern die Übergänge zwischen den Nervenenden und der Muskulatur, die neuromuskulären Endplatten angegriffen. Die Erkrankung ist antikörpervermittelt und befällt oft jüngere Erwachsene. Typisch ist eine deutlich erhöhte Ermüdbarkeit der Muskeln, insbesondere im Bereich der Augen-, Gesichts- und Schlundmuskeln.
Myositis
Bei Myositiden wird die Muskulatur selbst angegriffen, was zu zunehmenden Lähmungen führt, meist im Bereich des Schulter- und Beckengürtels. Die häufigsten Firmen sind die Dermatomyositis, bei welcher auch Hautausschläge auftreten.
Stiff-Person-Syndrom
Beim Stiff-Person-Syndrom versteift sich die gesamte Körpermuskulatur erst anfallsartig, später dauerhaft. Platzangst und übergroße Schreckhaftigkeit kommen hinzu. Die fehlgeleiteten Antikörper attackieren das Protein Amphiphysin, das für die ordnungsgemäße Funktion der Schaltstellen zwischen Nervenzellen sowie zwischen Nerven und Muskeln wichtig ist. Über Zwischenschritte im Zellzyklus bewirken sie dann eine verminderte Freisetzung des Botenstoffs GABA, der die Aktivität der Nervenzellen bremst.
Zerebelläre Ataxie
Ein Forschungsteam um Professor Dr. Kurt-Wolfram Sühs hat eine neue Art der zerebellären Ataxie entdeckt. Der Autoantikörper namens Anti-DAGLA richtet sich gegen Kleinhirnzellen und führt so zu einer schweren Entzündung mit den entsprechenden Symptomen.
Lesen Sie auch: Ursachen, Symptome und Diagnose: GAD-Antikörper in der Neurologie
Beteiligung des Nervensystems bei anderen Autoimmunerkrankungen
Auch bei anderen Autoimmunerkrankungen kann das Nervensystem betroffen sein, wie z. B. bei Gefäßentzündungen (z. B. Riesenzell-Arteriitis) oder dem systemischen Lupus erythematodes (SLE).
Diagnose und Therapie
Diagnose
Die Diagnose von neurologischen Autoimmunerkrankungen basiert auf verschiedenen Untersuchungen:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Die Ärztin oder der Arzt verschafft sich einen Überblick über die Beschwerden und die Krankheitsgeschichte.
- Blutuntersuchung: Im Labor werden bestimmte Blutwerte analysiert, die den Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung erhärten können. Dazu gehört auch der Test auf spezifische Autoantikörper.
- Untersuchung des Nervenwassers (Liquor-Diagnostik): Das Nervenwasser wird auf Entzündungszeichen und Autoantikörper untersucht.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Mithilfe eines Magnetfeldes und Radiowellen werden detaillierte Bilder von Geweben und Organen erstellt. Hiermit kann die Ärztin oder der Arzt das Gehirn sowie das Rückenmark untersuchen und so NMOSD-typische Entzündungsherde (Läsionen) feststellen.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Diese Untersuchungen dienen dazu, festzustellen, ob der Muskel selbst geschädigt ist oder die Nerven, die ihn versorgen.
Therapie
Das Ziel der Therapie ist es, die fehlgeleitete Immunreaktion schnell zu stoppen und die Symptome zu lindern. In der Akutphase werden häufig Cortison, therapeutische Apherese (Blutwäsche) oder intravenöse Immunglobuline eingesetzt. Bei fortbestehenden Symptomen kommen stärkere Immunsuppressiva zum Einsatz, etwa Rituximab oder Cyclophosphamid.
Ein früher Beginn der Immuntherapie ist entscheidend für eine gute Prognose. Innerhalb von 10 bis 14 Tagen sollte bei ausbleibender Besserung die Therapie angepasst werden.
Zusätzlich zur Immuntherapie können symptomatische Therapien eingesetzt werden, wie z. B. Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie oder neuropsychologische Therapie.
Neue Therapieansätze
Die Forschung arbeitet an neuen Therapieansätzen, die gezielter in das Immunsystem eingreifen und die Bildung von Autoantikörpern verhindern sollen. Ein vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung von Therapien, die nur jene Zellen im menschlichen Körper ausschalten, die die fehlgeleiteten Antikörper herstellen, und nicht mehr das gesamte Immunsystem.
tags: #antikorper #greifen #nerven #an