Wege zur Senkung des Glutamatspiegels im Gehirn

Chronische Schmerzen sind ein weit verbreitetes Gesundheitsproblem, das die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann. Forscher haben eine einfache Maßnahme entdeckt, die Linderung bringen könnte: den Verzicht auf den Geschmacksverstärker Glutamat. Glutamat ist ein wichtiger Neurotransmitter im Gehirn, kann aber in höheren Mengen Nervenzellen überstimulieren oder sogar schädigen.

Was ist Glutamat?

Glutamat, genauer Natriumglutamat, entsteht auf natürliche Weise im Eiweißstoffwechsel aller Lebewesen. Im Gehirn dient es als Botenstoff. In höheren Mengen kann es jedoch eine Überstimulation der Nervenzellen hervorrufen oder diese sogar schädigen. Glutamat ist zudem ein höchst effektiver Geschmacksverstärker. Von Natur aus steckt es besonders hoch dosiert in getrockneten Tomaten, Parmesankäse und Sojasauce. Vor allem aber fügt die Nahrungsmittelindustrie den Stoff gern Fertigprodukten zu: Brühwürfeln und Tütensuppen, Chips und Fertiggerichten.

Glutamat in Fertigprodukten kann sich unter vielfältigen Namen verbergen. Wer möglichst wenig davon zu sich nehmen möchte, sollte auf bestimmte Inhalte achten. Neben Mononatriumglutamat sind das die E-Kennziffern E620 bis 625, außerdem Inhaltsstoffe wie Hefeextrakt oder Hefeflocken. Manche Menschen reagieren darauf sehr empfindlich. Bei höherem Verzehr entwickeln sie ein sogenanntes Chinarestaurant-Syndrom. Dieses geht unter anderem mit Hautrötungen, Kribbeln in der Mundhöhle, Juckreiz im Hals, Schwitzen, Herzklopfen, Gliederschmerzen und Übelkeit einher.

Die Rolle von Glutamat im Gehirn

Im Gehirn ist es vor allem der Überträgerstoff Glutamat, der eine Kommunikation zwischen den Nervenzellen zustande bringt. Hat er seine Aufgabe erledigt, muss er wieder von seinem Einsatzort entfernt werden - andernfalls kann es zu Störungen wie der Epilepsie kommen. Eine geregelte Kommunikation zwischen den Nervenzellen ist die Voraussetzung für eine normale Funktion des Gehirns. Die Kommunikation erfolgt an bestimmten Kontaktstellen zwischen den Zellen, den Synapsen, und wird durch Überträgerstoffe vermittelt. Dabei entscheiden Menge und Anwesenheitsdauer von Glutamat über das Ausmaß der Erregung an der Synapse. Ist im Extremfall zu lange zu viel Glutamat vorhanden, kommt es zu einer viel zu starken Erregung, die zum Tod der Nervenzellen führen kann.

Hier kommen nun die Glutamat-Transporter ins Spiel: Im Normalfall saugen sie den Überträgerstoff von den Synapsen ab und verfrachten ihn zurück in die Nervenzellen oder deren Begleitzellen, zum Beispiel in die sternförmigen Astrozyten. Seit 1992 wurden verschiedene Glutamat-Transporter gefunden, die unterschiedlich in den Nerven- und ihren Begleitzellen verteilt sind. Auch wurden Mäusestämme entwickelt, bei denen das Gen für jeweils einen bestimmten Glutamat-Transporter ausgeschaltet wurde. Dabei zeigte sich laut Prof. Kugler, dass dies ganz unterschiedliche Auswirkungen haben kann: Fehlt ein Glutamat-Transporter in den Nervenzellen, hat dies gar keine Folgen für die Tiere. Schaltet man dagegen einen Transporter in den Begleitzellen aus, dann sterben die Nager an Epilepsie.

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Fördert Glutamat Schmerzen?

Seit einiger Zeit gibt es Hinweise darauf, dass Glutamat chronische Schmerzen verstärken könnte. Forscher um Kathleen Holton vom Department of Health Studies & Center for Behavioral Neuroscience an der American University in Washington haben das im Rahmen einer kleinen Pilotstudie mit 30 Schmerzpatienten untersucht.

Die Untersuchung fand in der Region Maru in Ost-Kenia statt. Forscher hatten herausgefunden, dass dort 60 Prozent der Bevölkerung unter chronischen Schmerzen litten. Das sind doppelt so viele wie gewöhnlich. Zudem würzen die Menschen dort ihre Speisen bevorzugt mit einer Würzmischung namens Mchuzi, die große Mengen Glutamat enthält.

Die Probanden litten alle seit mehr als drei Monaten unter ausgedehnten Schmerzen in verschiedenen Körperpartien. Mindestens drei von vier Körperquadranten waren betroffen. Die meisten von ihnen hatten zudem weitere neurologische Beschwerden wie Kopfschmerzen, chronische Erschöpfung, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen.

Für das Experiment machten die Teilnehmer zunächst Angaben zu ihrer Ernährung, insbesondere zur Verwendung des glutamatreichen Würzmittels sowie zu ihrer täglichen Trinkmenge. Außerdem bewerteten sie zu Beginn und am Ende der Studie die Stärke ihrer Schmerzen auf einer Schmerzskala von 0 bis 100 Punkten.

Teilnehmer, die ihre Speisen mit Mchuzi würzten, erhielten für die Studie nun eine glutamatfreie Ersatzmischung. Teilnehmer, die bisher ohnehin keine Würzmischung beim Kochen verwendeten, dienten als Vergleichsgruppe. Sie erhielten nun zweimal täglich 1000 mg Paracetamol. Da zumindest von Kopfschmerzen bekannt ist, dass sie durch Flüssigkeitsmangel begünstigt werden, stellten die Forscher sicher, dass die Probanden während der Untersuchung genug Wasser tranken.

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Innerhalb von zwei Wochen reduzierte sich bei den Probanden mit der Paracetamolbehandlung das Schmerzempfinden erwartungsgemäß von durchschnittlich 80 auf 30 Punkte. Eine vergleichbare Schmerzerleichterung erlebten aber auch jene Patienten, die nun auf Glutamat verzichteten und keine Schmerzmittel einnahmen - nämlich von 85 auf 40 Punkte.

Die Blut-Hirn-Schranke und Glutamat

Für den Zusammenhang von Glutamat und Schmerzen bei chronischen Schmerzpatienten haben die Forscher eine Hypothese: „Möglicherweise reagieren Schmerzpatienten sensibler auf Glutamat, weil ihre Blut-Hirn-Schranke durchlässiger ist“, sagt Hoton im Gespräch mit netDoktor. „Wir wissen, dass Verletzungen im Schädel und Nackenbereich, Infektionen, aber auch Stress ein chronisches Schmerz-Syndrom begünstigen.“ All diese Faktoren machten Tierversuchen zufolge auch die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger.

Frühere Untersuchungen von Hoton und Kollegen hatten bereits gezeigt, dass sich durch Glutamatverzicht die Symptome der chronischen Schmerzerkrankung Fibromyalgie um 30 Prozent reduzieren lassen. Das gleiche gilt für Patienten mit dem Reizdarm-Syndrom. „Eine glutamatarme Ernährung könnte für Menschen mit chronischen Schmerzen überall auf der Welt hilfreich sein“, sagt Hoton. Besonders bedeutsam sei dies allerdings in Entwicklungsländern, in denen die Behandlungsmöglichkeiten limitiert seien. Allerdings seien größere Studien nötig, um den Effekt zu bestätigen.

Wie man den Glutamatspiegel senken kann

Ernährungsumstellung

Die Reduzierung der Glutamataufnahme durch die Ernährung ist ein wichtiger Schritt zur Senkung des Glutamatspiegels im Gehirn. Dies kann durch den Verzicht auf Fertigprodukte und den Konsum von frischen, unverarbeiteten Lebensmitteln erreicht werden. Es ist ratsam, auf Zutaten wie Mononatriumglutamat, Hefeextrakt und andere versteckte Glutamatquellen zu achten.

Erhöhte Wasseraufnahme

Da Flüssigkeitsmangel Kopfschmerzen begünstigen kann, ist es wichtig, ausreichend Wasser zu trinken. Die Forscher stellten sicher, dass die Probanden während der Untersuchung genug Wasser tranken.

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Stressmanagement

Stress kann die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger machen und somit die Sensibilität für Glutamat erhöhen. Daher ist es wichtig, Stress abzubauen. Es gibt viele Möglichkeiten, Stress abzubauen, z. B. durch Entspannungsübungen, Sport oder Zeit in der Natur. Die psychische Widerstandskraft gegen Stress - auch Resilienz genannt - lässt sich trainieren, zum Beispiel mit Achtsamkeitsübungen, Entspannung oder Hypnose. Auch Ernährung, Sport, Zeit in der Natur und soziale Netzwerke können helfen, stressresilienter zu werden.

Förderung der Neuroplastizität

Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, neue Nervenverbindungen zu schaffen und bestehende Netzwerke umzustrukturieren. Dieser Prozess wird durch Lernen, Erfahrungen und sogar durch körperliche Bewegung angeregt. Wie Muskeln benötigt auch dein Gehirn regelmäßiges Training, um in Bestform zu bleiben. Nichts aktiviert die Neuroplastizität so sehr wie das Erlernen neuer Fähigkeiten, da dabei verschiedene Gehirnbereiche gleichzeitig aktiviert werden und neue neuronale Netzwerke entstehen. Dieser Prozess hilft dem Gehirn, flexibler zu bleiben und sich an neue Herausforderungen anzupassen. Egal, ob du eine Fremdsprache sprichst, ein Instrument spielst oder Töpfern lernst - dein Gehirn liebt Abwechslung.

Beeinflussung des GABA-Stoffwechsels

GABA (Gamma-Aminobuttersäure) ist ein wichtiger Neurotransmitter, der eine hemmende Funktion hat und somit die Erregung im Gehirn reduziert. Einige Therapiemethoden setzen am GABA-Stoffwechsel an, jedoch nicht durch GABA-haltige Ernährung oder mit Nahrungsergänzungsmitteln, sondern in Form von Arzneimitteln.

Vermeidung von Traumata

Mobbing kann traumatisierend wirken und die Psyche nachhaltig verändern. Jugendliche, die gemobbt worden waren, hatten dauerhaft niedrigere Glutamat-Spiegel im anterioren cingulären Cortex (ACC), einer Gehirnregion, die an der Verarbeitung emotionaler Impulse beteiligt ist.

Die Rolle von Neurotransmittern und anderen Faktoren

Neurotransmitter

Neurotransmitter sind biochemische Botenstoffe, die Signale von Nervenzellen auf andere Zellen übertragen. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Kommunikation im Gehirn und im übrigen Körper. Sie beeinflussen viele körperliche und geistige Vorgänge wie etwa Atmung oder Stimmung und Verhalten.

Serotonin

Gene, die an Serotonin-Signalketten beteiligt sind, könnten eine Rolle beim Stressempfinden spielen. Dieser auch als „Glückshormon“ bezeichnete Neurotransmitter ist an vielen Signalprozessen im Emotionszentrum des Gehirns, der Amygdala, beteiligt.

BNDF (brain derived neurotrophic factor)

Ein weiteres System, das zur Stressanfälligkeit beitragen könnte, dreht sich um den Wachstumsfaktor BNDF (brain derived neurotrophic factor). Dieser beeinflusst unter anderem die Gehirnreifung und die Ausbildung emotionaler Netzwerke, also neuronaler Strukturen für die Verarbeitung und Regulation von Emotionen im frühen Jugendalter. BNDF-Genvarianten, die mit einer erhöhten Stressempfindlichkeit einhergehen, sind bereits identifiziert worden.

Persönlichkeit

Um dieser Frage nachzugehen, werteten Jing Luo von der Northwestern University in Chicago und Kollegen in einer Metastudie Daten zum Stressempfinden von über 15.0000 Menschen im Alter von 10 bis 79 Jahren aus. Sie berücksichtigten dabei fünf Persönlichkeitsmerkmale: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus.

Ernährung

Menschen, die viel Obst und Gemüse verzehren, nehmen einer epidemiologischen Studie zufolge tendenziell weniger Stress wahr. Es gibt Hinweise, dass Nährstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe, Flavonoide und Carotinoide Entzündungen und oxidativen Stress verringern und somit das seelische Wohlbefinden stärken können.

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