Die Frage, ob es signifikante Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen gibt, ist seit langem Gegenstand von Diskussionen und Forschungen. Während offensichtliche körperliche Unterschiede wie Größe und Gewicht unbestreitbar sind, ist die Frage, ob diese Unterschiede auch die Gehirnstruktur und -funktion beeinflussen, komplexer. Diese Frage beschäftigt nicht nur die Hirnforschung, sondern berührt auch gesellschaftliche Vorstellungen und Erwartungen. Die Debatte reicht von der "Nature-oder-Nurture"-Frage, also ob genetische Anlagen oder Umweltfaktoren eine größere Rolle spielen, bis hin zu den Auswirkungen von Hormonen und sozialen Erfahrungen auf die Gehirnentwicklung.
Strukturelle Unterschiede im Gehirn
Frühe Studien konzentrierten sich auf strukturelle Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen. Eine Erkenntnis war, dass das männliche Gehirn im Durchschnitt etwa 15 % größer und schwerer ist als das weibliche, wobei dieser Unterschied auch nach Berücksichtigung der Körpergröße bestehen bleibt. Im Neokortex wurde festgestellt, dass das männliche Gehirn etwa 15,5 % mehr Neuronen aufweist als das weibliche. Darüber hinaus zeigt der männliche Kortex in allen vier Hirnlappen eine höhere Anzahl und Dichte von Neuronen sowie ein größeres kortikales Volumen. Die kortikale Komplexität ist dagegen stärker bei Frauen ausgeprägt.
Eine Studie aus dem Jahr 2020 untersuchte die Hirnscans von fast 1.000 Männern und Frauen und stellte fest, dass es tatsächlich einige regionale Unterschiede gibt. Frauen zeigten mehr graue Hirnsubstanz in Regionen wie dem präfrontalen Cortex sowie im Scheitel- und Schläfenhirn, die für Aufgaben wie Impulskontrolle und Konfliktverarbeitung zuständig sind. Männer hingegen wiesen mehr Volumen in hinteren und seitlichen Arealen des Cortex auf, die für die Verarbeitung von Objekten und Gesichtern verantwortlich sind.
Zu den weiteren strukturellen Unterschieden gehören das Planum temporale, ein Teil des Wernicke-Areals, das mit Sprachfunktionen assoziiert ist. Die typische linksseitige Asymmetrie dieser Struktur scheint bei Frauen reduziert zu sein. Weitere Beispiele sind der weniger asymmetrische Verlauf der Sylvischen Furche und Zentralfurche sowie ein größeres kommissurales Fasersystem bei Frauen, insbesondere des posterioren Teils des Corpus callosums, der die Interaktion zwischen den visuellen Arealen sicherstellt.
Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass nicht alle Studien diese strukturellen Unterschiede replizieren konnten, und der Zusammenhang zwischen diesen Unterschieden und potenziellen Geschlechtsunterschieden in Intelligenz und spezifischen kognitiven Fähigkeiten ist weitgehend unklar.
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Funktionelle Unterschiede im Gehirn
Die Forschung deutet darauf hin, dass männliche und weibliche Gehirne funktionell unterschiedlich organisiert sind. Es wird angenommen, dass Frauen eine stärkere interhemisphärische Interaktion und eine reduzierte funktionelle Hirnasymmetrie aufweisen, was teilweise biologisch bedingt sein könnte.
Männer sind im Durchschnitt besser in der räumlichen Orientierung und können Karten besser lesen. Dies könnte evolutionsbedingt sein, da Männer ursprünglich hauptsächlich für die Jagd zuständig waren. Weibliche Gehirne haben dagegen mehr Bereiche mit besonders dicht gepackten Nervenzellen, ihre Gehirnhälften sind besser vernetzt, und ihre Großhirnrinde weist mehr Furchen auf. Frauen sind häufig den Männern sprachlich überlegen und können emotionale Gedächtnisinhalte besser abrufen. Auch diese weiblichen Fähigkeiten könnten evolutionsbedingt sein, da sich die Frauen um die Kinder kümmerten und dadurch ihre Sprechfertigkeit trainierten.
Allerdings bleibt die Frage offen, ob die anatomischen Unterschiede männlicher und weiblicher Gehirne überhaupt das Denken beeinflussen. Bei Intelligenztests schneiden Frauen wie Männer gleich gut ab. Viele Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass die Gesellschaft und die Erziehung einen so großen Einfluss auf das Denken ausüben, dass die biologische Voraussetzung fast bedeutungslos sei.
Der Einfluss von Hormonen
Das Y-Chromosom, das nur Männer besitzen, enthält zwar keine direkte "Bauanleitung" für ein männliches Gehirn, trägt aber dennoch wesentlich zur unterschiedlichen Entwicklung von Männern und Frauen bei. Es sorgt für die typische männliche Testosteron-Produktion, die für die Entwicklung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale verantwortlich ist und auch dafür sorgt, dass andere Körpermerkmale "männliche Züge" bekommen.
Schon während der Schwangerschaft, etwa ab der zehnten Woche, wirkt das Testosteron auf den männlichen Fötus ein. Hirnforscher Gerald Hüther vergleicht das Gehirn mit einem Orchester, bei dem die Instrumente bei Männern und Frauen gleich besetzt sind, aber schon von Anfang an eine etwas andere Musik gespielt wird.
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Studien haben gezeigt, dass Sexualhormone wie Östrogen und Testosteron die Gehirnstruktur beeinflussen können. Sexualhormonrezeptoren sind sowohl in Neuronen als auch in Gliazellen weit verbreitet, was es ihnen ermöglicht, über verschiedene molekulare Mechanismen mit den wichtigsten Zellgruppen des Gehirns zu interagieren. Diese Mechanismen führten zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Gehirnstruktur sowie zu hormonbedingter Plastizität im Gehirn - sowohl durch körpereigene und künstliche Sexhormone.
Die Plastizität des Gehirns
Die Hirnforschung hat gezeigt, dass unser Gehirn eine lebenslange Baustelle ist. Das Gehirn vernetzt sich, es denkt und arbeitet so, wie es benutzt wird. Jungen und Mädchen haben sozusagen ein unterschiedlich strukturiertes Fundament, obwohl die gleichen Materialien verwendet wurden. Für den weiteren Aus- und Anbau des Hauses liegen also unterschiedliche Voraussetzungen vor. Die Hormone beeinflussen in diesem Bild das Fundament des Hauses, während die Umwelt den weiteren Ausbau beeinflusst.
Schon als Babys begeistern sich Jungs für andere Dinge als Mädchen. Wer zum Beispiel gerne Tennis spielt, mit Tieren umgeht oder sich an fremden Sprachen erfreut, wird dies in der Regel öfter tun. Und so werden die Nervenbahnen, die im Gehirn aktiviert werden, ähnlich einem Muskel bei zunehmendem Gebrauch ständig gestärkt. Das bedeutet: Wenn sich ein Gehirn auf eine bestimmte Weise entwickelt, ist nicht die Umwelt verantwortlich, sondern die eigene Begeisterung.
Die "Dump the Dimorphism"-Debatte
Einige Neurowissenschaftler, wie Lise Eliot, argumentieren, dass das menschliche Gehirn nicht "sexuell dimorph" ist. In einer Meta-Analyse von 2021 analysierte Eliot mit Kolleginnen hunderte Studien aus drei Jahrzehnten der Hirnforschung und kam zu dem Schluss, dass viele vermeintliche Geschlechtsunterschiede im Gehirn auf den Größenunterschied zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen zurückzuführen sind.
Eliot argumentiert, dass das Gehirn zwischen Mann und Frau nicht unterschiedlicher oder ähnlicher ist als das zwischen zwei willkürlich ausgesuchten Individuen. Sie betont, dass es bei allen untersuchten neuronalen Strukturen große Überschneidungen zwischen Frauen und Männern gibt.
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Andere Forscher, wie Daphna Joel, beschreiben Gehirne als einzigartige "Mosaike" von Merkmalen, wobei manche Merkmale häufiger bei Frauen vorkommen als bei Männern, andere bei Männern häufiger als bei Frauen, und wieder andere sowohl bei Frauen als auch bei Männern vorkommen.
Neurosexismus und Stereotypen
Es ist wichtig, vor "Neurosexismus" zu warnen, bei dem Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Gehirnen als Erklärung für die Unterlegenheit von Frauen angeführt werden. Dies kann dazu führen, dass bestehende Statusunterschiede zwischen Männern und Frauen untermauert werden.
Die Gesellschaft neigt dazu, bestimmte Verhaltensweisen und Fähigkeiten als typisch männlich oder weiblich einzustufen. Enge und emotionale Beziehungen werden eher als weiblich angesehen, während rationales, analytisches Denken eher als männlich eingestuft wird. Es ist jedoch wichtig zu erkennen, dass eine Person in verschiedenen Dimensionen sowohl "feminin" als auch "maskulin" sein kann.
Aktuelle Forschungsergebnisse
Eine aktuelle Studie des Autism Research Centre der Universität Cambridge analysierte MRT-Gehirnscans von über 500 Neugeborenen und stellte fest, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der Gehirnstruktur bereits von Geburt an vorhanden sind. Männliche Säuglinge wiesen im Durchschnitt ein größeres Gehirnvolumen auf als weibliche, während weibliche Säuglinge im Verhältnis mehr graue Substanz aufwiesen, insbesondere in Bereichen, die mit Gedächtnis und emotionaler Regulation in Verbindung stehen.
Die Forscher betonen jedoch, dass es sich bei den festgestellten Differenzen zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen um Durchschnittswerte handelt und dass innerhalb jeder Gruppe eine große Vielfalt und viele Überschneidungen gibt.
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