Die Frage, ob elektromagnetische Felder (EMF), insbesondere jene, die von Mobiltelefonen ausgesendet werden, das Risiko für Hirntumoren, insbesondere Gliome, erhöhen, ist seit Jahren Gegenstand intensiver Forschung und öffentlicher Diskussion. Angesichts der allgegenwärtigen Nutzung von Mobiltelefonen, insbesondere bei jungen Menschen, und der Einstufung von EMF durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als "möglicherweise krebserregend", ist es von entscheidender Bedeutung, die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse kritisch zu bewerten.
Die Besorgnis um Mobiltelefonstrahlung
Die Besorgnis rührt von der Tatsache her, dass Mobiltelefone hoch- oder niederfrequente elektromagnetische Strahlung aussenden, insbesondere wenn sie während des Gesprächs direkt ans Ohr gehalten werden. Das Gehirn ist somit einer direkten Exposition ausgesetzt. Da die Nutzung von Mobiltelefonen immer früher beginnt und die Nutzungsdauer zunimmt, stellt sich die Frage, ob dies langfristig das Risiko für Hirntumoren, insbesondere Gliome, erhöhen könnte. Gliome sind die häufigsten Hirntumore.
Epidemiologische Studien und ihre Ergebnisse
Eine Vielzahl epidemiologischer Studien hat versucht, einen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonnutzung und dem Auftreten von Gliomen zu finden. Zu den bedeutendsten Studien gehören:
Die Interphone-Studie
Die Interphone-Studie, eine internationale Fall-Kontroll-Studie, die in 13 Ländern durchgeführt wurde, untersuchte mögliche Gesundheitsrisiken durch Mobiltelefonnutzung. Zwischen 2000 und 2003 wurden 2765 Gliom- und 2425 Meningeom-Patienten sowie 7658 gesunde Vergleichspersonen zu ihren Telefoniergewohnheiten befragt. Die Studie ergab insgesamt kein erhöhtes Risiko für Gliome oder Meningeome durch regelmäßiges Telefonieren mit einem Handy. Allerdings zeigte sich bei den stärksten Nutzern (fünf Prozent der Teilnehmer) ein erhöhtes Risiko für Gliome, insbesondere bei denjenigen, die das Handy bevorzugt an die vom Gliom betroffene Kopfseite hielten. Die Forscher wiesen jedoch darauf hin, dass methodische Probleme die Ergebnisse beeinflusst haben könnten, und die sehr hohe Nutzungsdauer, die manche Teilnehmer angaben, nicht plausibel sei.
Die COSMOS-Studie
Die COSMOS-Studie (Cohort Study on Mobile Communications) ist eine prospektive Kohortenstudie, die seit 2008 in Dänemark, Finnland, den Niederlanden, Schweden und Großbritannien durchgeführt wird. Sie umfasst über 260.000 Teilnehmer und soll voraussichtlich bis 2037 laufen. Die Studie sammelt umfassende Daten zur persönlichen Handynutzung und wertet objektivierbare Verbindungsdaten aus. Eine erste Auswertung der Daten zeigte keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen intensiver Handynutzung und einem erhöhten Risiko für Gliome, Meningeome oder Akustikusneurinome. Die Hazard Ratio pro 100 Stunden Handynutzung betrug 1,0 für Gliome, 1,01 für Meningeome und 1,02 für Akustikusneurinome, was bedeutet, dass das Risiko für die untersuchten Tumoren nicht statistisch signifikant anstieg.
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Nordische Kohortenstudien
Eine Studie, die Gliom-Neuerkrankungsfälle aus den Krebsregistern von Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden analysierte, zeigte, dass die Anzahl an Personen, die im jüngeren und mittleren Alter (20 bis 39 Jahre bzw. 40 bis 59 Jahre) an einem Gliom erkrankten, zwischen 1979 und 2016 relativ konstant blieb. In den Altersgruppen 60 bis 69 Jahre und 70 bis 84 Jahre stiegen hingegen die jährlichen Gliom-Erkrankungsraten im Untersuchungszeitraum kontinuierlich an. Die zeitliche Entwicklung der Gliom-Erkrankungsraten spricht insgesamt nicht für eine Erhöhung des Gliom-Risikos durch die Nutzung von Mobiltelefonen.
UK Million Women Study
Eine große britische Studie, die "UK Million Women Study", verglich die Daten von Teilnehmerinnen, die angaben, nie Mobiltelefone zu nutzen, mit denen von Nutzerinnen, die manchmal, häufig oder viel per Handy telefonierten. Die Studie zeigte keine statistisch signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Entstehung von Hirntumoren.
Analyse der Studienergebnisse
Die Mehrheit der epidemiologischen Studien deutet nicht auf einen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonnutzung und einem erhöhten Risiko für Gliome hin. Einige Studien, wie die Interphone-Studie, zeigten bei sehr intensiver Nutzung ein leicht erhöhtes Risiko, aber diese Ergebnisse wurden durch methodische Probleme in Frage gestellt. Die COSMOS-Studie, als eine der größten und prospektivsten Studien, liefert starke Evidenz gegen einen solchen Zusammenhang.
Es ist wichtig zu beachten, dass epidemiologische Studien Assoziationen untersuchen, aber keine Kausalität beweisen können. Es ist möglich, dass andere Faktoren, wie genetische Veranlagung, Umwelteinflüsse oder Lebensstilfaktoren, eine größere Rolle bei der Entstehung von Gliomen spielen.
Mögliche Verzerrungen und Limitationen
Bei der Interpretation der Studienergebnisse ist es wichtig, mögliche Verzerrungen und Limitationen zu berücksichtigen:
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- Recall Bias: In Fall-Kontroll-Studien kann es zu einem Recall Bias kommen, bei dem sich Patienten mit Hirntumoren möglicherweise anders an ihre Mobiltelefonnutzung erinnern als gesunde Kontrollpersonen.
- Selection Bias: Eine Stichprobenverzerrung kann auftreten, wenn die Teilnehmer einer Studie nicht repräsentativ für die allgemeine Bevölkerung sind.
- Confounding Factors: Andere Faktoren, die sowohl mit der Mobiltelefonnutzung als auch mit dem Hirntumorrisiko zusammenhängen, können die Ergebnisse verzerren.
- Begrenzte Beobachtungszeit: Einige Studien haben eine begrenzte Beobachtungszeit, was es schwierig macht, langfristige Auswirkungen der Mobiltelefonnutzung zu beurteilen.
- Technologischer Wandel: Die Technologie der Mobiltelefone hat sich im Laufe der Zeit verändert, was es schwierig macht, die Ergebnisse von Studien zu vergleichen, die zu unterschiedlichen Zeiten durchgeführt wurden.
Empfehlungen zur Vorsorge
Obwohl die wissenschaftliche Evidenz gegen einen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonnutzung und Gliom-Risiko überwiegt, empfehlen einige Gesundheitsorganisationen dennoch Vorsorgemaßnahmen, um die individuelle Strahlenbelastung zu verringern:
- Verwenden Sie eine Freisprecheinrichtung: Verwenden Sie ein Headset oder die Lautsprecherfunktion, um das Mobiltelefon vom Kopf fernzuhalten.
- Begrenzen Sie die Gesprächsdauer: Reduzieren Sie die Zeit, die Sie am Mobiltelefon verbringen.
- Senden Sie Textnachrichten: Senden Sie anstelle von Anrufen Textnachrichten, um die Strahlenbelastung zu verringern.
- Telefonieren Sie bei gutem Empfang: Bei schlechtem Empfang muss das Mobiltelefon stärker senden, um eine Verbindung herzustellen.
- Halten Sie das Mobiltelefon vom Körper fern: Tragen Sie das Mobiltelefon nicht in der Hosentasche oder in der Nähe anderer Körperteile.
Tumortherapiefelder (TTFields) als Behandlungsoption
Abgesehen von der Frage des Risikos durch elektromagnetische Felder gibt es auch innovative Ansätze zur Behandlung von Gliomen, die elektromagnetische Felder nutzen. Tumortherapiefelder (TTFields) sind schwache, elektrische Wechselfelder, die in Laborexperimenten die Mitosen von Krebszellen verhindern können. Eine Phase-3-Studie hat gezeigt, dass TTFields in Kombination mit einer Chemotherapie das progressionsfreie Überleben von Patienten mit Glioblastom verlängern können. Die US-Zulassungsbehörde FDA hat die Indikation des Gerätes, das TTFields erzeugt, auf die Erstlinientherapie erweitert.
Die TTFields werden über eine Haube, die der Patient auf dem kahlgeschorenen Kopf trägt, auf das Gehirn übertragen. Sie sollen dort die Ausbreitung des Glioblastoms stoppen. Obwohl es Zweifel an der Wirksamkeit gibt, hat die Behandlung in einigen Studien vielversprechende Ergebnisse gezeigt.
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