Die Frage, ob elektromagnetische Felder, insbesondere solche, die von Mobiltelefonen ausgesendet werden, das Risiko für Hirntumoren wie Gliome erhöhen, ist seit der breiten Nutzung von Mobiltelefonen ein Thema von öffentlichem und wissenschaftlichem Interesse. Mehrere Studien haben diese Frage untersucht, wobei die Ergebnisse oft widersprüchlich waren. Dieser Artikel fasst die aktuelle Forschungslage zusammen und beleuchtet die Ergebnisse wichtiger Studien wie COSMOS und INTERPHONE.
Die COSMOS-Studie: Eine prospektive Kohortenstudie
Die COSMOS-Studie (Cohort Study on Mobile Communications) ist eine internationale Langzeitstudie, die speziell zur Untersuchung der gesundheitlichen Auswirkungen der Mobiltelefonnutzung initiiert wurde. Mit über 260.000 Teilnehmern aus Dänemark, Finnland, den Niederlanden, Schweden und dem Vereinigten Königreich ist COSMOS die größte prospektive Kohortenstudie zu dieser Fragestellung. Die Studie startete 2008 und soll voraussichtlich bis 2037 laufen.
Studiendesign und Datenerhebung
Die Teilnehmer füllten zwischen 2007 und 2012 einen Baseline-Fragebogen aus, der detaillierte Fragen zur Mobiltelefonnutzung enthielt. Dazu gehörten der Beginn der regelmäßigen Nutzung (≥ 1 Anruf pro Woche), die durchschnittliche Nutzung pro Woche (Anzahl Anrufe und Dauer) sowie der Anteil an Anrufen mit Freisprecheinrichtung über einen Zeitraum von drei Monaten. Bei Vorliegen einer Einwilligung der Teilnehmer wurden zusätzlich die Daten von Mobilfunknetzbetreibern zu Anzahl und Dauer von Anrufen für den gleichen Zeitraum abgefragt. Um Daten zum Auftreten eines Hirntumors bei den Studienteilnehmern zu gewinnen, wurden die personenidentifizierenden Daten der Kohortenmitglieder mit den in den nationalen Krebsregistern gespeicherten Informationen über aufgetretene Krebserkrankungen verglichen.
Ergebnisse der COSMOS-Studie
Die Ergebnisse des ersten Follow-up, mit einer mittleren Beobachtungszeit von 7,12 Jahren, zeigten keinen Zusammenhang zwischen der Nutzungsdauer oder -intensität von Mobiltelefonen und dem Auftreten von Hirntumoren (Gliome, Meningeome und Akustikusneurinome). Konkret wurde kein statistisch signifikanter Anstieg des Risikos für Gliome, Meningeome oder Akustikusneurinome bei längerer oder intensiverer Handynutzung festgestellt.
Die Hazard Ratio (HR) pro 100 Stunden Handynutzung betrug:
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- Für Gliome: 1,0
- Für Meningeome: 1,01
- Für Akustikusneurinome: 1,02
Dies bedeutet, dass pro 100 Stunden, die das Handy länger genutzt wurde, das Risiko für die untersuchten Tumoren nicht statistisch signifikant anstieg.
In Nutzungsjahren ausgedrückt, lag die Hazard Ratio für Akustikusneurinome bei mehr als 15 Jahren Nutzung im Vergleich zu unter 15 Jahren bei 0,76. Für Gliome und Meningeome ergaben sich jeweils im Vergleich zum Zeitraum von 0 - 9 Jahren folgende Hazard Ratios:
- Für 10 - 14 Jahre: 0,81 (Gliome) bzw. 1,22 (Meningeome)
- Für mehr als 15 Jahre: 0,97 (Gliome) bzw. 1,24 (Meningeome)
Auch hier war das Risiko in keinem Fall statistisch signifikant unterschiedlich.
Stärken und Limitationen der COSMOS-Studie
Die COSMOS-Studie zeichnet sich durch ihre Größe, das prospektive Design und die lange Beobachtungszeit aus. Dies ermöglicht eine robuste Analyse eines potenziellen Zusammenhangs zwischen der Nutzung von Mobiltelefonen und dem Auftreten von Hirntumoren. Der große Anteil an Personen mit einer langen Nutzungsdauer von ≥ 15 Jahren (30,5 %) sowie Personen mit intensiver Nutzung (≥ 1.062 Stunden kumulative Gesprächsdauer mit am Kopf gehaltenen Telefon, 25 %) ermöglichen insbesondere für diese Personengruppen belastbare Auswertungen.
Zu den Limitationen gehören die begrenzte statistische Power durch die geringen Fallzahlen bei Meningeomen und Akustikusneurinomen im Vergleich zu Gliomen. Ebenso besteht das Risiko für eine nicht-differentielle Fehlklassifikation des Expositionsstatus durch die Selbstangaben zur Nutzung. Trotz umfangreicher Bemühungen der Autoren zur Korrektur verbleiben weitere Limitationen in der Expositionserfassung. Zum einen beschränkt sich die betrachtete Erfassung der kumulativen Gesprächsdauer auf das Nutzungsverhalten bis zum Zeitpunkt der Basiserhebung. Zum anderen ist das Expositionsmaß der kumulativen Gesprächsdauer nur ein recht grobes Maß für die tatsächliche HF-EMF-Exposition im Kopf, weil diese von vielen anderen Einflussgrößen abhängt.
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Die INTERPHONE-Studie: Eine internationale Fall-Kontroll-Studie
Die INTERPHONE-Studie ist die bisher größte Fall-Kontroll-Studie zur Nutzung von Mobiltelefonen und Hirntumoren. Sie wurde von der International Agency for Research on Cancer (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiiert und umfasste Teilnehmer im Alter von 30 bis 59 Jahren aus 13 Ländern. Die Studie umfasste 2.708 Fälle von Gliomen, 2.409 Meningeomen und 1.105 Akustikusneurinomen im Zeitraum 2000-2004 sowie eine gleiche Anzahl an gematchten gesunden Vergleichspersonen (Kontrollen).
Ergebnisse der INTERPHONE-Studie
Die Ergebnisse der INTERPHONE-Studie zeigten insgesamt kein erhöhtes Risiko für Hirntumoren oder Tumoren des Hörnervs durch Handynutzung. Allerdings wurde bei den intensivsten Nutzern (fünf Prozent der Teilnehmer) ein erhöhtes Risiko für Gliome festgestellt, insbesondere bei denjenigen, die das Handy nach eigenen Angaben bevorzugt an die vom Gliom betroffene Kopfseite gehalten haben. Die Autoren wiesen jedoch darauf hin, dass diese Ergebnisse möglicherweise durch methodische Probleme entstanden sein könnten.
Limitationen der INTERPHONE-Studie
Die INTERPHONE-Studie ist anfällig für einen sogenannten "Recall Bias" (Erinnerungsverzerrung), da die Exposition retrospektiv durch Interviews erfasst wurde, die nach der Diagnose eines Hirntumors durchgeführt wurden. Des Weiteren können die Ergebnisse einer Fall-Kontroll-Studie durch einen "Selection Bias" (Stichprobenverzerrung) beeinflusst werden.
Weitere Studien und Forschungsergebnisse
Neben COSMOS und INTERPHONE gibt es eine Vielzahl weiterer Studien, die den Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und dem Gliom-Risiko untersucht haben.
- Eine britische Studie, die Daten von 776.156 Frauen analysierte, fand keine statistisch signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Entstehung von Hirntumoren zwischen Handynutzern und Nichtnutzern.
- Eine australische Langzeitstudie, die Daten von über 19.800 Männern und 14.200 Frauen analysierte, die zwischen 1982 und 2012 an einem Hirntumor erkrankt sind, konnte keinen Anstieg der Neuerkrankungsrate feststellen.
- Eine Fall-Kontroll-Studie aus Frankreich fand keinen Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von Mobiltelefonen und Gliom- oder Meningeomerkrankungen.
- Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2015 deutete auf ein leicht erhöhtes Risiko für Gliome bei Handynutzern hin, insbesondere bei einer Latenzperiode von mehr als 25 Jahren.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Ergebnisse dieser Studien oft widersprüchlich sind und dass weitere Forschung erforderlich ist, um ein umfassendes Verständnis des Zusammenhangs zwischen elektromagnetischen Feldern und dem Gliom-Risiko zu erlangen.
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Tumortherapiefelder (TTFields) als Behandlungsoption für Glioblastome
Neben der Untersuchung potenzieller Risiken durch elektromagnetische Felder gibt es auch Anwendungen von elektromagnetischen Feldern in der Behandlung von Hirntumoren. Eine davon sind die Tumortherapiefelder (TTFields), die über eine Haube auf das Gehirn übertragen werden und die Ausbreitung von Glioblastomen stoppen sollen.
Eine Phase 3-Studie zeigte, dass die TTFields-Behandlung in Kombination mit einer Chemotherapie das progressionsfreie Überleben von Patienten mit Glioblastom verlängern kann. Die US-Zulassungsbehörde FDA hat die Indikation des Gerätes auf die Erstlinientherapie erweitert.
Bewertung der Gliom-Inzidenz im Verhältnis zur Mobiltelefonnutzung
Eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) untersuchte die zeitliche Entwicklung der Neuerkrankungshäufigkeit für Gliome im Verhältnis zur Entwicklung der Mobiltelefonnutzung in den Jahren 1979 bis 2016. Die Studie analysierte Daten aus den Krebsregistern von Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden.
Die Ergebnisse zeigten, dass die Anzahl an Personen, die im jüngeren und mittleren Alter (20 bis 39 Jahre bzw. 40 bis 59 Jahre) an einem Gliom erkrankten, zwischen 1979 und 2016 relativ konstant blieb. In den Altersgruppen 60 bis 69 Jahre und 70 bis 84 Jahre stiegen hingegen die jährlichen Gliom-Erkrankungsraten im Untersuchungszeitraum kontinuierlich an. Die zeitliche Entwicklung der Gliom-Erkrankungsraten spricht insgesamt nicht für eine Erhöhung des Gliom-Risikos durch die Nutzung von Mobiltelefonen.
Empfehlungen und Vorsorgemaßnahmen
Obwohl die wissenschaftliche Evidenz derzeit keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Mobiltelefonen und einem erhöhten Risiko für Hirntumoren zeigt, ist es dennoch ratsam, die individuelle Strahlenbelastung so gering wie möglich zu halten. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) empfiehlt folgende Vorsorgemaßnahmen:
- Telefonieren Sie mit Headset oder Lautsprecher, um den Abstand zwischen Handy und Kopf zu vergrößern.
- Vermeiden Sie lange Telefonate.
- Nutzen Sie das Festnetztelefon, wenn möglich.
- Achten Sie beim Kauf eines Mobiltelefons auf einen niedrigen SAR-Wert (Spezifische Absorptionsrate).
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