Die Langfristigen Auswirkungen von Unterzuckerung auf das Gehirn: Anzeichen und Folgen

Einführung

Hypoglykämie, oder Unterzuckerung, ist ein Zustand, in dem der Blutzuckerspiegel unter den normalen Bereich fällt. Dies kann insbesondere für das Gehirn gefährlich sein, da es auf Glukose als primäre Energiequelle angewiesen ist. Während kurzzeitige Unterzuckerung oft gut behandelt werden kann, können wiederholte oder schwere Episoden langfristige Auswirkungen auf das Gehirn haben. Dieser Artikel beleuchtet die Anzeichen und Folgen von Unterzuckerung auf das Gehirn langfristig und bietet Einblicke in Prävention und Management.

Was ist Hypoglykämie?

Hypoglykämie (Unterzuckerung) ist ein Zustand, bei dem der Blutzuckerspiegel (Glukose) unter den normalen Bereich fällt, typischerweise auf Werte unter 70 mg/dL (Milligramm pro Deziliter). Bei gesunden Menschen regulieren verschiedene Hormone die Glukosekonzentration im Blut, sodass sie innerhalb eines bestimmten Bereichs bleibt. Im nüchternen Zustand liegt der Blutzuckerwert typischerweise zwischen 70 und 100 mg/dL. Nüchtern bedeutet, dass eine Person mindestens acht Stunden vor der Messung keine Nahrung oder kalorienhaltige Getränke zu sich genommen wurden.

Anzeichen und Symptome der Unterzuckerung

Wann sich eine Hypoglykämie durch Symptome bemerkbar macht, ist individuell unterschiedlich, da Menschen unterschiedlich auf niedrige Blutzuckerwerte reagieren. Einige erleben Symptome bereits bei Werten deutlich über 50 mg/dl, während andere möglicherweise keine Beschwerden zeigen, bis die Werte noch niedriger sind. Die Symptome können individuell unterschiedlich auftreten und variieren in ihrer Intensität.

Folgende Symptome treten bei Hypoglykämie häufig auf:

  • Schwindel oder Benommenheit
  • Innere Unruhe und Reizbarkeit
  • Schwitzen (Kaltschweißigkeit)
  • Zittern oder Beben
  • Blasse Haut
  • Herzrasen und Blutdruckanstieg
  • Hunger
  • Kopfschmerzen
  • Müdigkeit und Kraftlosigkeit
  • Konzentrationsstörungen und Desorientiertheit
  • Sprachstörungen
  • Missempfindungen, selten sogar Lähmungserscheinungen
  • Bewusstlosigkeit, Ohnmacht
  • Krampfanfälle
  • Koordinationsprobleme
  • Ungewöhnliches Verhalten oder Persönlichkeitsveränderungen

Diabetiker können auch im Schlaf in einen Unterzucker geraten. Dies ist besonders gefährlich, da die hormonelle Gegenregulierung nachts nicht so effektiv funktioniert wie im wachen Zustand. Die Symptome einer nächtlichen Hypoglykämie sind ähnlich wie tagsüber. Dazu zählen Zittern, Schwitzen und Herzrasen. Allerdings bemerken Schlafende diese Symptome oft nicht, sondern schlafen unruhig und fühlen sich tagsüber unerklärlich erschöpft.

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Ursachen von Unterzuckerung

Zu einer Unterzuckerung kann es aus verschiedenen Gründen kommen:

  • Zu wenig Kohlenhydrate gegessen: Zum Beispiel, weil eine Mahlzeit ausgelassen wurde oder eine Mahlzeit weniger Kohlenhydrate hatte, als erwartet.
  • Bewegung und Sport: Bei körperlicher Aktivität steigt der Energiebedarf - insbesondere bei länger andauernder Bewegung wie einem Spaziergang, einer Radtour oder auch während der Hausarbeit. Zudem verbrennt der Körper nach dem Sport längere Zeit zusätzliche Kalorien, sodass noch Stunden später eine Unterzuckerung auftreten kann.
  • Zu viel Insulin gespritzt: Das kann passieren, wenn für eine Mahlzeit mehr Kohlenhydrate einberechnet wurden als nötig und folglich zu viel Insulin gespritzt wurde. Auch wenn die Insulinart verwechselt oder Insulin zu lange vor dem Essen gespritzt wird, kann eine Unterzuckerung auftreten.
  • Insulin aus Versehen in den Muskel gespritzt: Die Wirkung des Insulins setzt dadurch schneller ein. Das kann zu einer Unterzuckerung führen, wenn nicht rechtzeitig Kohlenhydrate gegessen werden.
  • Einnahme von bestimmten blutzuckersenkenden Tabletten (zum Beispiel Sulfonylharnstoffen).
  • Alkohol: Nach dem Genuss von Bier, Wein und Co. kann der Blutzuckerspiegel stark abfallen. Vor allem bei Alkoholkonsum am Abend kommt es so schnell zu einer Unterzuckerung im Schlaf.
  • Verbesserte Insulinaufnahme: Bei Wärme, etwa, wenn man sich länger in der Hitze aufhält, geht Insulin schneller ins Blut über.
  • Verbesserte Insulinwirkung: In der frühen Schwangerschaft oder nach einer Gewichtsabnahme kann weniger Insulin nötig werden.

Langfristige Folgen von Unterzuckerung auf das Gehirn

Ein sehr niedriger Blutzuckerspiegel, insbesondere unter 54 mg/dL, birgt erhebliche Risiken und kann zu ernsthaften gesundheitlichen Komplikationen führen. Zu den möglichen Folgen gehören Krampfanfälle, die sowohl körperlich belastend als auch gefährlich sind, sowie Bewusstlosigkeit, die eine sofortige medizinische Intervention erfordert. In besonders schweren Fällen kann eine extreme Unterzuckerung in ein hypoglykämisches Koma münden, das lebensbedrohlich ist und intensive medizinische Betreuung erfordert.

Darüber hinaus können Herz-Kreislauf-Probleme wie Herzrhythmusstörungen auftreten, und es besteht die Gefahr von Atem- und Kreislaufstörungen. Wiederholte oder langanhaltende Episoden von extremer Hypoglykämie können auch zu dauerhaften neurologischen Schäden führen, einschließlich Lähmungen.

Langfristig können wiederkehrende Hypoglykämien die Gehirnfunktion beeinflussen. Drei schwere Hypoglykämien in 25 Jahren verdoppeln das Demenzrisiko.

Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung

Wenn Menschen mit Diabetes häufig unterzuckern, kann es sein, dass Symptome einer Unterzuckerung zunehmend später und erst bei einem sehr tiefen Blutzuckerwert bemerkt werden. Man spricht auch von einer Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung. Ein Training, das die Wahrnehmungsschwelle wieder erhöhen soll, kann in diesem Fall helfen. Sprechen Sie Ihr Diabetes-Team darauf an.

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Dr. Reichert: Das Verschwinden wird dem Körper über einen längeren Zeitraum antrainiert. Dies ist eine Abwärtsspirale: Sie beginnt damit, dass Sie die Anzeichen ignorieren - bewusst oder unbewusst. Vielleicht, weil Sie denken, dass Sie gerade keine Zeit haben. Oder im Gespräch mit dem Chef sind, vor dem Sie keinen Traubenzucker essen möchten. Es gibt immer wieder Gründe, sich gerade in dem Moment nicht um die Unterzuckerung zu kümmern. Wenn sich das häufiger wiederholt, gewöhnt sich der Körper mit der Zeit an den Zuckermangel. Die hormonelle Antwort, also das Schwitzen und Zittern, wird nach hinten verschoben. Irgendwann werden Sie nichts mehr von diesen Angstsymptomen spüren.

Dr. Reichert: Das lässt sich jederzeit trainieren, wenn man will, und zwar mit gutem Erfolg. Dafür hat die Diabetes-Akademie Bad Mergentheim das HyPOS-Schulungsprogramm zertifiziert. Es wird inzwischen deutschlandweit in Arztpraxen angeboten. In unserer Praxis findet es alle drei Monate statt. Für die Schulung sind fünf Termine à 90 Minuten angesetzt. Dazwischen gibt es Hausaufgaben, die aber freiwillig sind. Zum Schulungskonzept gehören Arbeitsblätter, Schablonen und ein Tagebuch, mit denen sich sehr schön arbeiten lässt. Bei jeder Schulung sind vier bis sechs Patienten in der Gruppe dabei. Das ist ganz wichtig, denn lernen können und sollen die Teilnehmer auch aus der Erfahrung anderer.

Dr. Reichert: Neben der Wiederholung von Wissen über Diabetes steht vor allem Verhaltenstraining im Vordergrund. Die Teilnehmer werden angeleitet, charakteristische Symptome einer Unterzuckerung bei sich ganz bewusst wahrzunehmen. Wer die kennt, hat schon halb gewonnen. Dann geht es darum, Handlungen einzuüben. Wichtigster Grundsatz: Erst essen, dann messen. Und das sofort, wenn ich eine Unterzuckerung spüre. Es nicht mehr herausschieben. Klotzen statt kleckern, um erst einmal aus dem Tief herauszukommen. Man kann lernen, sich so darauf vorzubereiten, dass man seine Arbeit dafür nicht mehr unterbrechen muss. Außerdem werden typische Situationen analysiert, in denen Unterzuckerungen immer wieder vorkommen. Zum Beispiel bei einer Feier, wenn man sich mehrmals am Buffet bedient und dazu noch Alkohol trinkt. Oder nach einem ausgeprägten Sportevent. In der Schulung überlegen wir gemeinsam ein Sicherheitssystem, das man bei solchen Gelegenheiten einbauen kann. Ganz wichtig ist es auch, sich die Wirkprofile der Insuline vor Augen zu führen. Wir arbeiten intensiv mit Insulinkurven.

Was tun gegen Unterzuckerung?

Bei einer Unterzuckerung sollten Menschen mit Diabetes sofort Kohlenhydrate zu sich nehmen, die schnell ins Blut gehen.

Bei niedrigen Blutzuckerwerten eignen sich zuckerhaltige Getränke wie Fruchtsaft oder Limonade. Auch Traubenzucker-Plättchen, Gummibärchen oder eine reife Banane wirken schnell und lassen den Blutzucker wieder steigen.

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Fetthaltige Nahrungsmittel, zum Beispiel Schokolade, eignen sich bei einer Unterzuckerung als Erstmaßnahme nicht. Der hohe Fettgehalt verlangsamt die Wirkung der Kohlenhydrate.

Je nach Schwere der Unterzuckerung sollten 10 bis 30 Gramm Kohlenhydrate eingenommen werden. Anschließend ist es wichtig, die Blutzuckerwerte engmaschig zu überprüfen, um einem möglichen erneuten Abfall des Blutzuckers entgegenzuwirken.

Nach den schnell wirkenden Kohlenhydraten können zusätzlich noch langsam ins Blut übergehende Kohlenhydrate gegessen werden, etwa eine Scheibe Brot oder ein Müsliriegel. Dies kann helfen, den Blutzuckerspiegel über einen längeren Zeitraum stabil zu halten.

Bei Bewusstlosigkeit darf auf keinen Fall etwas in den Mund der Person eingeflößt werden. Es droht Erstickungsgefahr. Rufen Sie den Notdienst 112 an und drehen Sie die Person in die stabile Seitenlage.

Der Notdienst kann eine Zuckerlösung (Glukose) in die Vene verabreichen, um die Blutzuckerwerte wieder zu stabilisieren. Falls möglich kann eine Glukagon-Spritze oder ein Glukagon-Nasenspray angewendet werden.

Glukagon-Spritze und -Nasenspray

Bei einer schweren Unterzuckerung kann eine Glukagon-Spritze oder ein Glukagon-Nasenspray angewendet werden - auch bei Bewusstlosigkeit. Allerdings nur, wenn eine Überzuckerung ausgeschlossen werden kann. Bei Bewusstlosigkeit sollte immer der Notdienst verständigt werden.

Das Hormon Glukagon sorgt für die Freisetzung von Zucker (Glukose) aus der Leber ins Blut, sodass der Blutzuckerspiegel ansteigt. Die Maßnahmen wirken jedoch nicht, wenn kurz vorher ausgiebig Sport getrieben oder Alkohol getrunken wurde. In letzterem Fall ist die Leber zu sehr mit dem Alkoholabbau beschäftigt, während die Leber kurz nach intensiven Sporteinheiten daran arbeitet, die Glykogenspeicher wieder aufzufüllen (Glykogen = Speicherform des Zuckers). In diesen Situationen sollten zuckerhaltige Getränke oder Nahrungsmittel eingenommen werden, sofern dies möglich ist. Andernfalls muss umgehend der Rettungsdienst hinzugezogen werden.

Prävention von Unterzuckerung

Werden Unterzuckerungen bemerkt, kann schnell mit kohlenhydratreichen Getränken oder Nahrungsmitteln gegengesteuert werden. Daher sollten immer zuckerreiche Nahrungsmittel mitgenommen werden. In ein „Notfall-Päckchen“ können zudem weitere Diabetes-Utensilien eingepackt werden. Je nach Diabetes-Therapie bieten sich neben Traubenzucker auch ein Glukagon-Nasenspray, eine Ersatz-Insulinampulle oder ein Insulinpen an.

Um Hypoglykämien bei Patientinnen mit Diabetes zu vermeiden, ist es wichtig, gemeinsam mit behandelnden Ärztinnen den Therapieplan an die jeweiligen individuellen Bedürfnisse anzupassen.

In geeigneten Schulungen können Patient*innen außerdem erlernen, wie sie Hypoglykämien wirksam vorbeugen und die Warnsignale ihres Körpers richtig deuten können, um im Fall einer Unterzuckerung rasch gegenzusteuern. Auch Angehörige sollten miteinbezogen werden und über den Umgang mit Notfallmedikamenten wie Glucagon-Sprays aufgeklärt werden.

Was hilft gegen nächtliche Unterzuckerungen?

Bei nächtlichen Unterzuckerungen können folgende Tipps helfen:

  • Mit leicht erhöhten Blutzuckerwerten zu Bett gehen.
  • Langsam wirkende Kohlenhydrate zum Abendessen oder kurz von dem Zubettgehen zu sich nehmen (zum Beispiel Vollkornprodukte).
  • Erhöhte Blutzuckerwerte am Abend nur vorsichtig korrigieren.
  • Alkoholkonsum am Abend reduzieren oder ganz vermeiden.
  • Sport am späten Abend vermeiden.
  • Änderung der Insulindosis (nach Rücksprache mit der Ärztin oder dem Arzt).
  • Umstellung der Insulintherapie (nach Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt).
  • Nutzung eines CGM (kontinuierliche Glukosemessung) mit Alarmfunktion.

Wer dem Verdacht auf Unterzuckerungen während des Schlafs nachgehen möchte, kann nachts zwischen 2:00 und 3:00 Uhr den Blutzucker messen. Auch CGM-Systeme - insbesondere mit Alarmfunktion - können dabei helfen, nächtliche Unterzuckerungen festzustellen.

Unterzucker im Straßenverkehr

Beim Autofahren ist Konzentration gefragt. Am Steuer können Unterzuckerungen besonders gefährlich sein. Gerade bei einer bekannten Anfälligkeit für Hypoglykämien sollten Sie deswegen auf ein paar Vorsichtsmaßnahmen im Straßenverkehr achten:

  • Vor der Fahrt den Blutzucker messen. Sind die Werte zu niedrig, schnell wirkende Kohlenhydrate essen. Fahren Sie erst los, wenn der Blutzuckerspiegel in Ordnung ist.
  • Dokumentation der Blutzuckerwerte und der Behandlungsmaßnahmen.
  • Schnell wirkende Kohlenhydrate für Notfälle im Auto griffbereit haben. Bei Anzeichen einer beginnenden Unterzuckerung anhalten und etwas essen. Erst weiterfahren, wenn der Blutzucker gestiegen ist.

Können Menschen ohne Diabetes unterzuckern?

Auch wenn kein Diabetes vorliegt, können im seltenen Fall niedrige Blutzuckerwerte zu den typischen Symptomen einer Unterzuckerung wie Zittern, Gesichtsblässe, Herzklopfen oder Hungerattacken führen. Besonders schlanke Personen berichten häufiger von solchen Symptomen. Niedrige Blutzuckerwerte deuten aber nicht auf eine Diabetes-Erkrankung hin.

Im Normalfall weiß sich der stoffwechselgesunde Körper bei einem niedrigen Blutzucker selbst zu helfen. Sinkt der Blutzucker, setzt die Leber Zuckerreserven frei, die für genau diese Momente dort gespeichert sind.

In den folgenden Situationen können auch Menschen ohne Diabetes Symptome einer Unterzuckerung spüren:

  • Während des Fastens
  • Nach dem Konsum von Alkohol oder Kaffee
  • Während oder nach lang andauernden, anstrengenden Sporteinheiten
  • Nach dem Verzehr kohlenhydratreicher Mahlzeiten, die den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen lassen und eine hohe Insulinausschüttung verursachen

In den meisten Fällen sind die Symptome einer Unterzuckerung bei Menschen ohne Diabetes ungefährlich. Durch zuckerhaltige Getränke oder Speisen steigt der Blutzuckerspiegel wieder an. Aber Vorsicht: Wenn als Gegenmaßnahme zu viele Kohlenhydrate eingenommen werden, ist es wahrscheinlich, dass der Körper wiederum zu viel Insulin ausschüttet. Dann kann man sich anschließend erneut unterzuckert fühlen.

Funktionelle Hypoglykämie

Funktionelle Hypoglykämie nennt sich das Krankheitsbild. In die Klinik kommen jede Woche zwei bis drei Personen mit ähnlichen Problemen. Die Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie unter Leitung von Prof. Dr. Jochen Seufert hat sich auf das Krankheitsbild spezialisiert. Viele der Betroffenen können eine ähnliche Krankheitsgeschichte wie der vermeintliche Epilepsie-Kranke erzählen. Auch bei ihnen war das wahre Problem lange übersehen worden. Bei anderen Patient*innen sind es Zittern, Schweißattacken und Angstzustände, die für Symptome einer Panikstörung gehalten werden. Denn die gleichen Beschwerden kann auch das Hormon Adrenalin auslösen, das der alarmierte Körper als Reaktion auf den Glukosemangel ausschüttet. Glukose nennen Fachleute den Blutzucker. „Dass auch Nicht-Diabetiker gefährliche hypoglykämische Attacken erleben können, hat sich leider noch zu wenig herumgesprochen“, sagt Seufert.

Was die Diagnose der Stoffwechselstörung oft erschwert: Verantwortlich für das Absinken des Glukosespiegels ist das Hormon Insulin, das die Bauchspeicheldrüse nach dem Essen ausschüttet. Das Hormon gibt Muskeln und Fettgewebe die Anweisung, den Zucker aus dem Blut aufzunehmen. Meist geschieht das etwa ein, bis eineinhalb Stunden nach dem Essen. Bei manchen Patient*innen ist die Reaktion allerdings verzögert, ihr Glukosewert sinkt erst nach drei bis vier Stunden.

Jochen Seufert und seine Kolleg*innen am Universitätsklinikum Freiburg prüfen zunächst den Verdacht: Sind wirklich Hypoglykämien der wahre Auslöser der Probleme? Dann beginnt die Suche nach dem Grund, warum die Zuckerwerte regelmäßig abstürzen: „Wir versuchen, die Diagnose auf feste Beine zu stellen“, sagt der Endokrinologe. Da sind zum einen die sehr schlanken Frauen. Weibliche Geschlechtshormone machen den Körper besonders insulinempfindlich. Deshalb wird bei Frauen der Zucker besonders schnell aus dem Blut aufgenommen. Für sehr schlanke Personen kann das zum Problem werden, weil sie weniger Fettgewebe besitzen. Gruppe Nummer zwei sind ehrgeizige Sportler. Körperliche Anstrengungen treiben die Blutzuckerspiegel nach unten, weil der arbeitende Muskel die Glukose als Treibstoff nutzt. Wird immer wieder während des Trainings nicht ausreichend Energie nachgetankt, stellt sich der Muskel um. Er wird besonders insulinempfindlich, um besser an seinen Treibstoff zu kommen. „Die Muskeln saugen die Glukose dann geradezu aus den Gefäßen“, erklärt Seufert. Das Problem: Auch das Gehirn ist auf den Zucker angewiesen. Wenn es nicht mehr genug davon bekommt, arbeitet es nicht mehr richtig. Besonders gefährlich wird der Wettstreit um die Glukose zwischen Muskel- und Nervenzellen, falls noch ein zweiter Mechanismus dazukommt: „Wenn man immer wieder an den unteren Grenzwerten entlang kratzt, gewöhnt sich der Körper an die zu niedrigen Spiegel“, erklärt Seufert. Nicht selten leiden auch Menschen nach Magen-Verkleinerungs-Operationen unter funktionellen Hypoglykämien. Aber theoretisch könne jeder Mensch unter solchen Problemen leiden, sagt Seufert.

„Sobald wir die Ursache der Hypoglykämie gefunden haben, können wir sie gezielt therapieren“, sagt der Endokrinologe. Vielen Hypoglykämie-Patient*innen reicht schon eine umfassende Umstellung der eigenen Ernährung. Denn ob der Blutzucker eines Menschen in die Tiefe rauscht, hängt stark davon ab, was von ihm, wann und wie gegessen wird. Reicht das nicht, können auch Medikamenten helfen. Der Wirkstoff Diazoxid ist zum Beispiel in der Lage, die Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse nach dem Essen zu bremsen. Ähnlich wirken auch sogenannte Somatostatin-Analoga, die allerdings gespritzt werden. Und wenn all das nicht hilft, gibt es noch eine weitere Methode, sich vor Unterzuckerungen zu schützen: Gewicht zuzulegen. Weil die Muskeln dann durch die Hormone der Fettzellen weniger insulinempfindlich werden.

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