Nervenschäden nach Mandelentfernung: Ursachen, Risiken und Behandlungsansätze

Wiederholte akute Entzündungen und Vergrößerungen der Gaumenmandeln (Tonsillen) betreffen besonders Kinder und Jugendliche. In Deutschland hat sich bisher keine einheitliche Indikationsstellung zum operativen Entfernen der Gaumenmandeln etabliert, ob teilweise (Tonsillotomie) oder vollständig (Tonsillektomie). Die Operationshäufigkeiten unterscheiden sich regional bisweilen erheblich. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Nervenschäden nach einer Mandelentfernung, wobei sowohl die Tonsillektomie (vollständige Entfernung) als auch die Tonsillotomie (Teilentfernung) betrachtet werden. Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis der Risiken, Ursachen und Behandlungsansätze zu vermitteln, um Patienten und Angehörigen eine fundierte Entscheidungsfindung zu ermöglichen.

Mandelentfernung: Indikationen und Verfahren

Die Entzündung der Gaumenmandeln (Tonsillitis) wird durch Viren oder Bakterien ausgelöst und geht einher mit Schmerzen, Schluckbeschwerden und Fieber. Eine Tonsillen-Hyperplasie kann zu verengten Atemwegen (Obstruktion) und dadurch auch zu Atmungsstörungen beim Schlaf (z. B. Schlafapnoe-Syndrom) führen.

Die Mandelentfernung (Tonsillektomie) ist eine der häufigsten Operationen überhaupt. Die Mandeln werden mit einer Zange gehalten und mit einer Schere abgeschnitten, anschließend entfernt der Operateur eventuelle Reste mit einer Schlinge. Am Ende der Operation bleibt pro Mandel eine etwa 2 cm2 große Wundfläche zurück; sie wird elektrisch verödet, um die Blutung zu stillen. Bei besonders großen Mandeln kommt auch eine Teilentfernung der Mandeln (Tonsillotomie) in Betracht.

Nervenstrukturen im Operationsgebiet

In der Nähe der Mandeln liegen Nerven für das Schlucken, Sprechen, Fühlen und Schmecken. Daher können in diesen Bereichen temporäre oder bleibende Störungen auftreten wie zum Beispiel Überschlucken oder Gefühlsstörungen der Zunge.

Ursachen für Nervenschäden

Nervenschäden nach einer Mandelentfernung können verschiedene Ursachen haben:

Lesen Sie auch: Der Zusammenhang zwischen Medikamenten und Polyneuropathie

  • Direkte Traumatisierung: Während der Operation können Nerven durchtrennt, gequetscht oder anderweitig verletzt werden. Dies kann insbesondere bei schwierigen Eingriffen oder anatomischen Variationen vorkommen.
  • Thermische Schädigung: Die elektrische Verödung (Koagulation) zur Blutstillung kann zu thermischen Schäden an umliegenden Nerven führen.
  • Druckschäden: Der zur Offenhaltung des Mundes verwendete Spatel kann Druck auf Nerven ausüben und diese schädigen.
  • Entzündungen und Narbenbildung: Postoperative Entzündungen und Narbenbildung können Nerven einklemmen oder deren Funktion beeinträchtigen.

Arten von Nervenschäden und ihre Auswirkungen

Nervenschäden nach einer Mandelentfernung können sich auf unterschiedliche Weise äußern. Die Art und Schwere der Symptome hängen davon ab, welcher Nerv betroffen ist und wie stark er geschädigt wurde.

  • Geschmacksstörungen: Eine Schädigung des Chorda tympani, eines Astes des Nervus facialis, kann zu Geschmacksveränderungen oder -verlust führen. Dies kann vorübergehend oder dauerhaft sein.
  • Schluckbeschwerden: Eine Schädigung von Nerven, die für die Schluckfunktion verantwortlich sind, kann zu Schluckbeschwerden (Dysphagie) führen. Dies kann das Essen und Trinken erschweren und das Risiko von Aspiration (Eindringen von Nahrung in die Atemwege) erhöhen.
  • Sprachstörungen: In seltenen Fällen können Nervenschäden die Sprachfunktion beeinträchtigen und zu Artikulationsproblemen oder Heiserkeit führen.
  • Gefühlsstörungen: Eine Schädigung von sensiblen Nerven kann zu Gefühlsstörungen im Mund- und Rachenbereich führen, wie z. B. Taubheitsgefühl, Kribbeln oder Schmerzen.
  • Zungenbewegungsstörungen: Durch Druck des Spatels sind Zungenbewegungsstörungen durch Nervenschaden möglich.

Risikofaktoren

Mehrere Faktoren können das Risiko von Nervenschäden nach einer Mandelentfernung erhöhen:

  • Alter: Mit fortschreitendem Lebensalter drohen vor allem Schluckschmerzen nach der Operation.
  • Vorherige Operationen: Vorherige Operationen im Mund- und Rachenbereich können das Gewebe verändern und das Risiko von Nervenschäden erhöhen.
  • Anatomische Variationen: Anatomische Variationen im Operationsgebiet können die Identifizierung und Schonung von Nerven erschweren.
  • Komplexität des Eingriffs: Komplexe Eingriffe, z. B. bei großen Mandeln oder starken Entzündungen, können das Risiko von Nervenschäden erhöhen.
  • Unerfahrenheit des Operateurs: Eine mangelnde Erfahrung des Operateurs kann das Risiko von Komplikationen, einschließlich Nervenschäden, erhöhen.

Diagnose

Die Diagnose von Nervenschäden nach einer Mandelentfernung basiert in der Regel auf der Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte) und einer neurologischen Untersuchung. Dabei werden die Funktion der betroffenen Nerven geprüft und die Symptome des Patienten erfasst. In einigen Fällen können zusätzliche Untersuchungen wie eine Elektromyographie (EMG) oder eine Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG) erforderlich sein, um die Diagnose zu bestätigen und das Ausmaß der Schädigung zu beurteilen.

Behandlung

Die Behandlung von Nervenschäden nach einer Mandelentfernung hängt von der Art und Schwere der Schädigung ab. In vielen Fällen sind die Symptome vorübergehend und bessern sich von selbst. In anderen Fällen kann eine spezifische Behandlung erforderlich sein.

  • Medikamentöse Therapie: Schmerzmittel, entzündungshemmende Medikamente und Kortikosteroide können zur Linderung von Schmerzen und Entzündungen eingesetzt werden. Bei neuropathischen Schmerzen (Nervenschmerzen) können Antidepressiva oder Antikonvulsiva helfen.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Funktion der betroffenen Muskeln und Nerven zu verbessern. Übungen zur Stärkung der Schluckmuskulatur können bei Schluckbeschwerden hilfreich sein.
  • Logopädie: Logopädie kann bei Sprachstörungen helfen.
  • Chirurgische Intervention: In seltenen Fällen kann eine chirurgische Intervention erforderlich sein, um einen eingeklemmten Nerv zu befreien oder einen durchtrennten Nerv zu rekonstruieren.
  • Alternative Therapien: Einige Patienten berichten von einer Besserung ihrer Symptome durch alternative Therapien wie Akupunktur oder Homöopathie. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Wirksamkeit dieser Therapien wissenschaftlich nicht ausreichend belegt ist. So geeignet Globuli auch zur Unterstützung der Wundheilung sind, die Selbstbehandlung ersetzt nicht die ärztliche Nachsorge von Operationswunden. Bei schwerwiegenden Problemen, wie beispielsweise eitrigen Wunden, Lymphbahnentzündung mit roten Streifen (Lymphangitis), sich öffnenden Nähten oder einer deutlichen Verschlimmerung der Schmerzen, sollte immer ein Arzt aufgesucht werden. Gerade Personen mit gestörter Wundheilung sollten sich ärztlich bezüglich einer Förderung der Wundheilung nach einer Operation beraten lassen. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Anwendung homöopathischer Mittel generell nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen sollte.

Prävention

Einige Maßnahmen können dazu beitragen, das Risiko von Nervenschäden nach einer Mandelentfernung zu minimieren:

Lesen Sie auch: Achtung: Diese Medikamente können Schlaganfälle auslösen

  • Sorgfältige Operationsplanung: Eine sorgfältige Operationsplanung und -vorbereitung kann helfen, potenzielle Risiken zu erkennen und zu minimieren.
  • Erfahrung des Operateurs: Die Wahl eines erfahrenen Operateurs kann das Risiko von Komplikationen, einschließlich Nervenschäden, reduzieren.
  • Schonende Operationstechnik: Eine schonende Operationstechnik, die unnötige Traumatisierungen des Gewebes vermeidet, kann das Risiko von Nervenschäden reduzieren.
  • Sorgfältige Blutstillung: Eine sorgfältige Blutstillung kann das Risiko von thermischen Schäden an Nerven reduzieren.
  • Postoperative Überwachung: Eine sorgfältige postoperative Überwachung kann helfen, Komplikationen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Tonsillotomie vs. Tonsillektomie

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) untersucht, ob die Tonsillotomie Vorteile bietet. Demnach stehen sich kurzfristige Vorteile und langfristige Nachteile der Tonsillotomie im Vergleich zur Tonsillektomie gegenüber: Die Tonsillotomie ist innerhalb der ersten beiden Wochen mit weniger Schmerzen sowie Schluck- und Schlafstörungen verbunden. Nachwachsendes Gewebe kann nach einer Tonsillotomie aber Nachteile mit sich bringen: So kann es auch Jahre nach einer Tonsillotomie wieder zu Entzündungen der Gaumenmandeln kommen. Deshalb kann auch eine erneute Operation notwendig werden. Für den Vergleich mit einer konservativen Therapie, z. B. „abwartendes Beobachten“ (watchful waiting), sind Nutzen oder Schaden der Tonsillotomie unklar, da sich dazu keine Studien identifizieren ließen.

Postoperative Wundinfektionen

Wundinfektionen sind relativ häufige Komplikationen nach operativen Eingriffen im Krankenhaus. Bei Operationen ist es trotz höchster Hygienemaßnahmen nicht möglich, völlige Keimfreiheit zu erreichen. Diese Keime können die Operationswunden befallen. Dabei kann entweder der Hautschnitt, das operierte Organ oder die während der Operation eröffnete Körperhöhle betroffen sein. Je nach Eingriff gelten Infektion bis 30 bzw. 90 Tage nach der OP als postoperativ.

Postoperative Wundinfektionen werden unterteilt in oberflächliche Wundinfektionen, die die Haut und das subkutane Gewebe miteinbeziehen, tiefe Wundinfektionen, die außerdem die Muskelhaut (Faszie) und evtl. auch die Muskulatur miteinbeziehen, sowie Infektionen, die Organe oder Körperhöhlen, die während der Operation geöffnet wurden, betreffen.

Typische Anzeichen sind zunehmende Schmerzen im Bereich der Wunde und möglicherweise Fieber. Nach und nach kommt es zu Schwellungen, Rötungen, lokaler Erwärmung und möglicherweise einem Nässen der Wunde. Es kann zu einem erhöhten Puls und niedrigem Blutdruck kommen.

Mehrere Faktoren sind entscheidend dafür, ob es zu einer Infektion kommt. Der Allgemeinzustand der behandelten Person ist ein wichtiger Aspekt: Patient*innen mit Grunderkrankungen, mangelernährte Personen oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem haben ein höheres Risiko für Wundinfektionen. Krebs oder eine Krebstherapie erhöhen ebenfalls das Risiko für Wundinfektionen. Allerdings schwächt jede größere Operation die Abwehrkräfte des Körpers, sodass auch bei sonst Gesunden eine Operation mit einem erhöhten Risiko für Entzündungen einhergeht.

Lesen Sie auch: Symptome und Diagnose von Muskelbedingter Nervenkompression

Weiterhin spielt es eine Rolle, an welcher Körperregion die Operation durchgeführt wird. Bei Operationen im Bauchraum kommt es häufiger zu anschließenden Wundinfektionen, z. B. bei der Eröffnung des Dickdarms. Eine nicht sachgerechte Desinfektion oder OP-Vorbereitung kann ebenfalls zu Wundinfektionen führen. Auch die Dauer und Art des Eingriffs sowie die Operationstechnik einschließlich Blutstillung spielen eine Rolle.

Zur Diagnose einer postoperativen Wundinfektion werden Art, Zeitpunkt und Umstände der Operation sowie eventuell bestehende Vorerkrankungen abgefragt. Typische Hinweise sind Rötung, Schwellung, eitriges Sekret, Geruch, Schmerzen und ggf. allgemeine Erkrankungszeichen. Infektionen in der Tiefe können äußerlich ohne Anzeichen bleiben. Hier ist der zunehmende Schmerz das entscheidende Symptom. Im Zweifelsfall kann die Wunde in einem verdächtigen Bereich vorsichtig eröffnet werden. Zur Bestimmung der verantwortlichen Bakterien erfolgt ein Wundabstrich. Gegebenenfalls wird eine Blutkultur angelegt. Im Labor werden der Hämoglobinwert und allgemeine Entzündungsparameter bestimmt. Bei Bedarf kann ein Ultraschall oder eine Untersuchung per Magnetresonanztomografie/Computertomografie durchgeführt werden.

Bei sehr oberflächlichen Wunden ist unter engmaschiger Kontrolle ein Therapieversuch ohne Wiedereröffnung der Wunde nur mit Antibiotika möglich. Wenn feststeht, welche Bakterien die Infektion verursacht haben, kann zu einem besser geeigneten Antibiotikum gewechselt werden. Ansonsten muss die Wunde erneut geöffnet werden, ggf. mit zusätzlicher Antibiotikatherapie. Bei Verdacht auf eine oberflächliche Wundinfektion wird das Nahtmaterial (teilweise) entfernt und die Operationswunde (teilweise) wiedereröffnet, damit sie im offenen Zustand abheilen kann. Bei tieferen Infektionen wird abgestorbenes Gewebe z. B. mittels Skalpell bis in intakte anatomische Strukturen abgetragen. Danach wird die Wunde bei jedem Verbandwechsel gereinigt, bevorzugt mit neutralen wirkstofffreien Lösungen (z. B. NaCl/Kochsalz 0,9 %). Je nach Art der Wunde wird eine geeignete Wundauflage gewählt, damit das Milieu weder zu trocken noch zu feucht ist. Bei sehr sauberen und gut verheilenden Wunden kann der erneute Verschluss der Wunde im Verlauf erwogen werden.

tags: #konnen #sich #geschadigte #nerven #nach #einer