Aphasie, wörtlich übersetzt "Verlust der Sprache", ist eine Sprachstörung, die durch Schädigung des Zentralnervensystems, insbesondere des Großhirns, verursacht wird. Sie betrifft die Sprachfähigkeit, nicht aber die Intelligenz oder das Weltwissen und isoliert Betroffene in einer sprachlichen Umgebung.
Was ist eine Aphasie?
Aphasie ist eine erworbene Sprachstörung, die als Folge einer Schädigung des Gehirns auftritt. Jedes Jahr sind in Deutschland etwa 100.000 Menschen von dieser Beeinträchtigung betroffen. Meistens ist die linke Gehirnhälfte betroffen, da dort bei den meisten Menschen die sprachrelevanten Areale lokalisiert sind. Bei Rechtshändern befindet sich das Sprachzentrum nahezu immer in der linken Hirnhälfte. Bei Linkshändern ist das Zentrum auf die Hirnhälften verteilt. Die Schädigung kann durch einen Schlaganfall, eine Hirnblutung, ein Schädel-Hirn-Trauma oder einen Tumor verursacht werden.
Aphasie ist definiert als eine plötzlich auftretende Störung nach Abschluss des eigentlichen Spracherwerbs. Betroffene hatten bis zu diesem Zeitpunkt eine normale Sprachfähigkeit. Es handelt sich um eine zentrale Sprachstörung, die das gesamte Sprachsystem betrifft. Daher können Aphasiker auch nicht auf geschriebene Sprache (Schreiben und Lesen) ausweichen, da diese Fähigkeiten genauso oder noch stärker eingeschränkt sind als die mündliche Sprache.
Es ist wichtig zu betonen, dass Aphasie keine geistige Behinderung darstellt. Die Denkprozesse der Betroffenen laufen normal ab, jedoch ist ihre Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, eingeschränkt oder verloren.
Ursachen von Aphasie
Die häufigste Ursache für Aphasie sind Schlaganfälle (ca. 80%). Diese werden durch Verengungen bzw. Verschlüsse (ca. 85%) der gehirnversorgenden Blutgefäße (Arterien) oder durch ein Platzen der Gefäße (ca. 15%) mit nachfolgender Hirnblutung ausgelöst. Die Unterbrechung der Blutversorgung bestimmter Hirnareale setzt Funktionen des Gehirns außer Kraft, was zum Absterben des entsprechenden Hirngewebes führt. Sind drei wesentliche Sprachregionen betroffen, führt dies zu Ausfällen sprachlicher Funktionen. Weitere Ursachen für Aphasie können Hirntumore, Schädel-Hirn-Traumen (Unfälle mit Kopfverletzungen) oder entzündliche Erkrankungen des Gehirns sein.
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Aphasie versus Demenz
Es ist wichtig, Aphasie von Demenzerkrankungen zu unterscheiden. Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die durch Abbauprozesse verursacht wird, bei denen Nervenzellen absterben und die Hirnmasse sich insgesamt verringert. Die häufigste Form ist die "senile Demenz vom Alzheimer Typ". Im Unterschied zur Aphasie als überwiegend reine Sprachstörung gehen Demenzerkrankungen mit einem umfassenden Abbau aller Großhirnleistungen einher, wie z.B. Gedächtnis auf allen Ebenen, logisches Denken, Orientierung in Zeit und Raum und natürlich auch die sprachlichen Fähigkeiten. Weiterhin sind Persönlichkeitsveränderungen zu beobachten. Im weiteren Verlauf kann der Betroffene sich immer weniger selbst versorgen und ist zunehmend in allen Lebensbereichen auf Pflege angewiesen.
Aphasien werden durch Schädigung und Verletzung des Gehirns in einem relativ eng begrenzten Bereich mit einer nachfolgenden Stabilisierung der Symptomatik hervorgerufen. Demenzerkrankungen hingegen gehen mit einem fortschreitenden Abbau aller geistigen (kognitiver) Leistungen einher. Daraus ergibt sich zwingend ein Unterschied im alltäglichen und damit auch im pflegerischen Umgang mit diesen beiden Patientengruppen. Auch die sprachtherapeutischen Ziele sind sehr unterschiedlich: Bei Aphasikern geht es um Verbesserung der kommunikativen Fähigkeiten, bei Demenzkranken hingegen geht es um längst mögliche Erhaltung dieser Fähigkeiten.
Wie äußert sich Aphasie?
Die Symptome einer Aphasie können je nach Art und Schweregrad der Hirnschädigung variieren. Es gibt verschiedene Formen von Aphasie, die sich in ihren spezifischen Symptomen unterscheiden.
Sprachliche Flüssigkeit
Eine wichtige Unterscheidung liegt in der sprachlichen Flüssigkeit, d.h. wie lang und komplex die Äußerungen des Aphasikers sind und/oder wie viele Wörter in einem bestimmten Zeitraum (z.B. in einer Minute) gesprochen werden.
- Nicht-flüssige Aphasie: Betroffene sprechen sehr verlangsamt, oft mühsam, nach Worten suchend, in kurzen oder sehr kurzen Äußerungen mit wenigen Wörtern. Sie benutzen teilweise unpassende oder lautlich veränderte Wörter.
- Flüssige Aphasie: Die Sprachflüssigkeit ist normal bis überschießend, aber die inhaltliche Aussagekraft ist gering. Betroffene reihen existierende Wörter in sinnloser Reihenfolge aneinander oder "erfinden" neue, sinnlose Wörter, die sie mit richtigen Wörtern vermischen.
Wortfindungsstörungen
Das häufigste Symptom der Aphasie sind Wortfindungsstörungen. Aphasiker können z.B. den Namen eines Gegenstandes nicht nennen, obwohl er ihnen vertraut und bekannt ist. Es fällt dem Sprecher schwer, zur rechten Zeit die richtigen Wörter auszuwählen, sie zu formen und diese schrittweise in eine geeignete zeitliche Abfolge zu bringen, so dass für den Hörer eine verständliche Äußerung entsteht.
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Bei Wortfindungsstörungen kommt es vor, das die angestrebten Wörter gar nicht oder abweichend realisiert werden. Typisch sind:
- Semantische Fehler: Es wird ein Wort aus dem gleichen Bedeutungsfeld gewählt, z.B. Stuhl statt Tisch oder Mutter statt Frau.
- Phonologische Fehler: Es werden Laute ersetzt, ausgelassen, hinzugefügt oder umgestellt, so dass Wörter entstehen, die den Zielwörtern sehr ähnlich sein können, aber doch keine regulären Wörter sind, z.B. Banne statt Wanne oder gün statt grün.
Sprachautomatismen
Ein weiteres auffälliges Symptom sind Sprachautomatismen. Das sind Äußerungen, die oft nur aus einer bestimmten Form bestehen. Es können sinnlose Silbenfolgen sein, aber auch Wörter oder kurze Floskeln wie "Guten Tag" oder "Er lebe hoch". Diese werden mehr oder weniger gegen den Willen des Sprechers und meist in kommunikativ unpassenden Momenten hervorgebracht.
Jargon-Aphasien
Seltener auftretende, aber sehr ausgeprägte Sprachstörungen sind die sogenannten Jargon-Aphasien. Diese Patienten sprechen flüssig mit weitgehend normaler Sprechmelodie, aber das was sie sprechen, ergibt keinen Sinn. Manche reihen erkennbare, existierende Wörter der deutschen Sprache in angemessener Satzmelodie aneinander, aber diese Wortfolgen ergeben keinerlei Sinnzusammenhang. Andere reihen die oben erwähnten "erfundenen" Wörter aneinander, so dass auch diese Aussagen in ihrer Bedeutung verschlossen bleiben.
Formen der Aphasie
Es gibt verschiedene Formen der Aphasie, die sich durch unterschiedliche Symptome und Schweregrade auszeichnen:
- Globale Aphasie: Die schwerste Form der Sprachstörungen, bei der alle sprachlichen Bereiche stark beeinträchtigt sind (Sprechen, Nachsprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben). Betroffene benutzen oft Sprachautomatismen.
- Broca-Aphasie: Das Sprachverständnis ist relativ gut erhalten, aber das Sprechen ist langsam, stockend und grammatikalisch unvollständig. Es kann zu Lautverwechslungen kommen.
- Wernicke-Aphasie: Das Sprachverständnis ist stark eingeschränkt, und die Sprache ist oft verworren und ohne inhaltlichen Zusammenhang. Betroffene bemerken ihre eigene Sprachstörung oft nicht.
- Amnestische Aphasie: Betroffene haben Wortfindungsstörungen, aber ihr Sprachverständnis ist meist gut. Sie können sich verständlich artikulieren und versuchen, fehlende Wörter zu umschreiben.
- Leitungsaphasie: Es kommt zu einer schweren Störung des Nachsprechens, aber das Verständnis ist nur leicht eingeschränkt.
- Transkortikale Aphasie: Eine seltene Form, bei der das Nachsprechen relativ gut erhalten ist, während andere sprachliche Fähigkeiten beeinträchtigt sind.
Begleitende Symptome
Zusammen mit einer Aphasie tritt häufig eine Dysarthrie (auch Dysarthrophonie genannt) oder eine Sprechapraxie auf. Bei der Dysarthrie sind die motorischen Funktionen des Sprechens gestört, während bei der Sprechapraxie die Planung der Bewegungsabläufe der Sprech- und Stimm-Muskulatur gestört ist.
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- Dysarthrie: Betroffene sprechen langsam, mit sichtbarer Anstrengung und müssen häufig Luft holen. Das Sprachverständnis ist nicht beeinträchtigt.
- Sprechapraxie: Betroffene haben große Schwierigkeiten, die gewünschten Laute flüssig auszusprechen. Das Sprechen ist angestrengt, stockend, verlangsamt mit vielen Pausen oder nur geflüstert. Das Sprachverständnis ist gut erhalten.
Diagnose und Behandlung
Diagnose
Die Diagnose einer Aphasie wird in der Regel von einem Arzt (Neurologen, Phoniater) und einem Logopäden gestellt. Dabei werden verschiedene Tests durchgeführt, um die sprachlichen Fähigkeiten des Patienten zu beurteilen.
Therapie
Die Behandlung von Aphasie zielt darauf ab, die sprachlichen Fähigkeiten des Patienten zu verbessern und die Kommunikation im Alltag zu erleichtern. Die wichtigste Therapieform ist die Logopädie.
- Logopädie: In der Logopädie werden verschiedene Übungen durchgeführt, um das Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben zu trainieren. Ziel ist es, die vorhandenen sprachlichen Fähigkeiten zu verbessern und neue Kommunikationsstrategien zu erlernen.
- Computergestützte Therapie: Computerprogramme oder Apps können die Sprachtherapie unterstützen und zum eigenständigen Üben zuhause eingesetzt werden.
- Gruppentherapie: Wenn die Betroffenen sich wieder besser verständigen können, ist oft auch ein Gruppentraining sinnvoll.
- Hilfsmittel: Als Hilfsmittel für den Umgang im Alltag gibt es bei Aphasie zum Beispiel Tafeln mit Symbolen, auf die Betroffene zeigen können. Auch Kärtchen mit Bildern, Symbolen oder Buchstaben können die Kommunikation vereinfachen. Bei einer Aphasie kommen außerdem elektronische Kommunikationshilfen zum Einsatz. Im Smartphone können sich Betroffene bestimmte Sätze als Audioaufnahme einspeichern und bei Bedarf abspielen.
Heilungschancen
Die Entwicklung der Aphasie hängt stark von der Ursache und dem Ausmaß der Hirnstörung ab. Schwere Aphasien durch einen großen Schlaganfall verbessern sich zum Beispiel nicht so stark wie leichte Störungen nach einer stärkeren Gehirnerschütterung. In vielen Fällen ist eine Aphasie gut behandelbar oder bildet sich im Verlauf sogar allein zurück. In den anderen Fällen hilft vielfach ein sprachtherapeutisches Training (Logopädie), das so früh wie möglich beginnen sollte. Spätestens nach vier bis sechs Monaten sind die Symptome weitgehend stabil (chronisch) und die Erfolge des logopädischen Trainings nehmen ab. Aber auch dann sind messbare Verbesserungen möglich.
Leben mit Aphasie
Auswirkungen auf Betroffene und Angehörige
Die Sprachstörung ist für Betroffene und ihr Umfeld eine Herausforderung. Betroffene sind manchmal selbst wenig alarmiert über die plötzliche Sprachstörung. Besonders bei der Wernicke-Aphasie kann die Einsicht in die Sprachstörung völlig fehlen. Zudem ist es äußerst frustrierend für Betroffene, wenn sie laufend korrigiert werden. Menschen mit Aphasie vereinsamen sehr schnell.
Tipps für den Umgang mit Aphasikern
- Respektvoller Umgang: Die Betroffenen trotz ihrer Sprachstörung respektieren und nicht automatisch für sie sprechen oder sie korrigieren.
- Klare und einfache Kommunikation: Kurze Sätze bilden, keine Fremdwörter verwenden und langsam und deutlich sprechen.
- Zeit geben: Den Betroffenen ausreichend Zeit zum Verarbeiten und Antworten geben.
- Unterstützung anbieten: Hilfe anbieten, aber die Betroffenen nicht bevormunden.
- Geduld und Einfühlungsvermögen: Verständnis für die Situation zeigen und einfühlsam mit den Betroffenen umgehen.
- Soziale Kontakte fördern: Regelmäßige soziale Aktivitäten anbieten und hierzu ermutigen.
- Kommunikationshilfen nutzen: Kärtchen mit Bildern, Symbolen oder Buchstaben verwenden.
- Aufklärung: Freunde, Bekannte und Angehörige über die Aphasie aufklären.
Hilfsangebote
Erkrankte und Angehörige finden oft vor Ort in spezialisierten Zentren und in Gruppen mit anderen Betroffenen Beratung und Unterstützung. Der Bundesverband Aphasie bietet dazu eine bundesweite Übersicht mit regionalen Aphasiezentren und Selbsthilfegruppen.
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