Morbus Meulengracht und Migräne: Ein möglicher Zusammenhang und umfassende Betrachtung

Morbus Meulengracht, auch Gilbert-Syndrom genannt, ist eine weit verbreitete, erblich bedingte Stoffwechselstörung der Leber, die oft unterschätzt wird. Traditionell wird sie als gutartig und ohne Krankheitswert betrachtet, doch neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die eingeschränkte Funktion des UGT1A1-Gens und die daraus resultierende Ansammlung von Stoffwechselprodukten zu unspezifischen Symptomen führen können, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet den möglichen Zusammenhang zwischen Morbus Meulengracht und Migräne, die vielfältigen Auswirkungen der Stoffwechselstörung und gibt Hinweise zu Diagnose und Management.

Was ist Morbus Meulengracht?

Morbus Meulengracht ist durch eine verminderte Aktivität des Enzyms Uridyl-Diphosphat-Glucuronyltransferase 1A1 (UGT1A1) gekennzeichnet. Dieses Enzym, das von dem UGT1A1-Gen auf Chromosom 2q37 kodiert wird, spielt eine entscheidende Rolle bei der Glucuronidierung, einem Prozess, bei dem Bilirubin (ein Abbauprodukt des Hämoglobins) wasserlöslich gemacht wird, um es über Galle und Urin auszuscheiden. Bei Menschen mit Morbus Meulengracht arbeitet das Enzym nur mit etwa 30% seiner normalen Kapazität, was zu einem erhöhten indirekten (unkonjugierten) Bilirubinspiegel im Blut führt.

Genetik und Häufigkeit

Die Erkrankung wird autosomal-rezessiv oder autosomal-dominant vererbt. Etwa 9-17 % der europäischen Bevölkerung tragen die genetische Anlage, wobei sich bei 3-10 % der Betroffenen auch eine Gelbsucht entwickelt. Diese tritt meist zwischen dem 15. und 40. Lebensjahr erstmalig auf.

Synonyme

Für die genetisch bedingte Stoffwechselstörung, die am häufigsten Morbus Meulengracht genannt wird, gibt es viele Synonyme: Morbus Gilbert-Meulengracht, Gilbert-Meulengracht-Syndrom, Icterus intermittens juvenilis, familiärer nichthämolytischer Ikterus oder funktionelle Hyperbilirubinämie. Obwohl die lateinische Bezeichnung "Morbus" auf Deutsch "Krankheit" bedeutet, handelt es sich aus ärztlicher Sicht nicht um eine echte Krankheit, da es bei Morbus Meulengracht nicht zu einer Schädigung der Leber kommt und die Beschwerden eher harmlos sind. Deshalb wird vermehrt der Name Gilbert-Meulengracht-Syndrom verwendet.

Symptome von Morbus Meulengracht

Viele Menschen mit Morbus Meulengracht haben keine oder nur sehr leichte Symptome. Das Hauptmerkmal ist ein Überschuss an unkonjugiertem Bilirubin im Blut (Hyperbilirubinämie), der zu einer Gelbfärbung der Bindehaut der Augen (Sklerenikterus) und in selteneren Fällen zu einer leichten Gelbsucht (Ikterus) führen kann.

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Weitere unspezifische Beschwerden können sein:

  • Müdigkeit
  • Verdauungsstörungen
  • Kopfschmerzen
  • Bauchschmerzen (speziell im rechten Bereich unter den Rippen)
  • Konzentrationsstörungen
  • Depressive Verstimmungen

Die Symptome können schubweise auftreten und durch Faktoren wie Stress, Fasten, Infektionen, Alkoholkonsum oder bestimmte Medikamente verstärkt werden.

Der mögliche Zusammenhang zwischen Morbus Meulengracht und Migräne

Obwohl der direkte Zusammenhang zwischen Morbus Meulengracht und Migräne noch nicht abschließend geklärt ist, gibt es mehrere mögliche Erklärungsansätze:

  1. Beeinträchtigte Entgiftungsfunktion: Die verminderte Aktivität des UGT1A1-Enzyms kann die Entgiftungsfunktion der Leber beeinträchtigen, was zu einer Ansammlung von Toxinen und Stoffwechselprodukten führt. Diese können möglicherweise Entzündungen und oxidative Stress im Gehirn auslösen, was wiederum Migräneattacken begünstigen kann.
  2. Hormonelle Einflüsse: UGTs regulieren in der Prostata den lokalen Androgenspiegel durch Glucuronidierung, und in der Brust regulieren sie die Östrogene. Da UGT1A1 auch am Abbau von Hormonen beteiligt ist, könnte eine Störung in diesem Bereich hormonelle Schwankungen verursachen, die bekanntermaßen Migräne auslösen können, insbesondere bei Frauen.
  3. Dopamin- und Glutamatstoffwechsel: Eine gestörte Bilirubin-Entgiftung kann zu einer gestörten Dopamin-Verarbeitung aufgrund von Problemen im Phase-2-Weg der Leber führen, was zu einem Anstieg von Glutamat im Gehirn führt. Glutamat ist ein exzitatorischer Neurotransmitter, der in hohen Konzentrationen Migräne auslösen kann.
  4. Hypoglykämie: Anhand der seit Jahren unveränderten Symptomatik und probieren, musste ich feststellen, dass bei mir die Migräne durch Stress/Cortisol/Adrenalin und der damit einhergehenden Hypoglykämie getriggert wird. Mein Körper reagiert also auf Stresssituationen mit einem zügigen starken Blutzuckerverbrauch Abfall. Das Gehirn reagiert mit entsprechenden Unterzcukerungssignalen.
  5. Medikamentenunverträglichkeit: Menschen mit Morbus Meulengracht reagieren möglicherweise empfindlicher auf bestimmte Medikamente, die Migräne auslösen oder verstärken können. Ein Beispiel hierfür sind Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol, deren Abbau durch die verminderte UGT1A1-Aktivität beeinträchtigt sein kann.

Diagnose von Morbus Meulengracht

Die Diagnose von Morbus Meulengracht basiert in der Regel auf folgenden Kriterien:

  1. Erhöhter indirekter Bilirubinwert: Im Blutbild zeigt sich ein erhöhter indirekter Bilirubinwert, während die anderen Leberwerte normal sind. Es ist wichtig, nicht nur den Gesamtbilirubinwert, sondern auch das direkte und indirekte Bilirubin messen zu lassen.
  2. Ausschluss anderer Ursachen: Andere Ursachen für erhöhte Bilirubinwerte, wie Gallensteine oder Lebererkrankungen, müssen ausgeschlossen werden.
  3. Fasten- oder Nikotinsäuretest: Ein Fasten- oder Nikotinsäuretest kann durchgeführt werden, um den Bilirubinwert zu provozieren. Bei Menschen mit Morbus Meulengracht steigt der Wert nach Fasten oder Nikotinsäuregabe deutlich an.
  4. Genetische Untersuchung: Eine genetische Untersuchung des UGT1A1-Gens kann den Gendefekt nachweisen, ist aber in den meisten Fällen nicht notwendig, um die Diagnose zu sichern.

Behandlung und Management von Morbus Meulengracht

Da Morbus Meulengracht in der Regel harmlos ist, ist eine spezifische Behandlung meist nicht erforderlich. Im Vordergrund steht die Linderung der Symptome und die Vermeidung von Auslösern, die den Bilirubinspiegel erhöhen können.

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Ernährungsempfehlungen

  • Regelmäßige Mahlzeiten: Längere Hungerperioden sollten vermieden werden, da sie den Bilirubinspiegel erhöhen können.
  • Ausgewogene Ernährung: Eine normale und ausgewogene Ernährung ist empfehlenswert. Fettarme Ernährung sollte vermieden werden.
  • Vermeidung von Alkohol und Nikotin: Alkohol und Nikotin können den Bilirubinspiegel erhöhen und sollten daher gemieden werden.
  • Vorsicht bei Nahrungsergänzungsmitteln und pflanzlichen Präparaten: Nahrungsergänzungsmittel, Lebensmittel mit chemischen Zusatzstoffen, Ayurveda-Tees, chinesische Kräuter sowie pflanzliche Präparate sollten vorsichtig und nur in kleineren Mengen eingenommen werden.
  • Calcium-D-Glucarat: Einige Lebensmittel sind reich an Calcium-D-Glucarat. Calcium-D-Glucarat wird verwendet, um die Glucuronidierung indirekt durch Hemmung der Beta-Glucuronidase zu verbessern.
  • Glycin: Glycin (Fisch, Fleisch, Bohnen, Milch und Käse)
  • Magnesium: Magnesium (Nüsse, Getreide, Kaffee, Kakao, Tee, Gemüse)
  • B-Vitamine: B-Vitaminen speziell B12, das bei der Produktion roter Blutkörperchen hilft. Werden diese nicht genügend produziert, kommt es zu einer Anämie, der Anteil an roten Blutkörperchen im Blut ist dann vermindert. Gleichzeitig sind die gebildeten roten Blutkörperchen sehr fragil, brechen diese auf, kommt es zu einem Überschuss an Bilirubin, was die Haut gelb erscheinen lässt. B12 ist in Hefeextrakten enthalten.

Lebensstiländerungen

  • Stressmanagement: Stress kann den Bilirubinspiegel erhöhen. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder Achtsamkeitsübungen können helfen, Stress abzubauen.
  • Regelmäßiger Schlaf: Unregelmäßige Schlafenszeiten sollten vermieden werden.
  • Vermeidung von Überanstrengung: Extreme sportliche Aktivitäten sollten vermieden werden, da sie den Bilirubinspiegel erhöhen können.
  • Infektionsschutz: Betroffene sollten verstärkt darauf achten, sich mit Hygieneregeln vor Infektionskrankheiten zu schützen.

Medikamente

  • Vorsicht bei Medikamenteneinnahme: Bestimmte Medikamente können die Aktivität der UDP-Glucuronyltransferase zusätzlich reduzieren oder deren Abbau durch den Enzymdefekt verlangsamen. Betroffene sollten die Einnahme von Medikamenten daher stets mit ihrem Arzt besprechen. Insbesondere sollten Menschen mit dem Enzymdefekt Ibuprofen, Paracetamol und die Antibabypille nur nach ärztlicher Rücksprache anwenden.
  • Nikotinsäure (Vitamin B3 Niacin): Vorsicht bei Vitamin B3 (Niacin - wird zur Provokation von Meulengracht verwendet, oft in Vitamin-BKomplexen enthalten, führt zu Flushs)

Weitere Maßnahmen

  • Unterstützung der Leberentgiftung: Mehrere Nahrungsergänzungsmittel können die Entgiftungsfunktion der Leber unterstützen, darunter Calcium-D-Glucarat. Unterstützen Sie alle Leberenzyme der Phase 2, insbesondere Methylierung, Glutathion Konjugation und Sulfatierung, um die Östrogen-Dominanz zu reduzieren. Kohlgemüse eignet sich hervorragend, da sie sowohl Glucuronidierung als auch Glutathion Konjugation unterstützen.
  • Transitzeit und Magenentleerung reduzieren: Die Geschwindigkeit, mit der die Nahrung durch den Verdauungstrakt wandert, beschleunigen.
  • Ansäuerung des Dickdarms: Reduziert Beta-Glucuronidase-Arten (wie E.

Medikamentenverträglichkeit bei Morbus Meulengracht

Die Arzneimittelverträglichkeit bei Meulengracht wird inzwischen gelassener betrachtet als früher. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) teilte im Dezember 2019 in einer Stellungnahme mit, dass das Krebsmedikament Irinotecan und das HIV-Medikament Atazanavir bei Meulengracht zu einer verstärkten Gelbsucht und ggf. weiteren Nebenwirkungen führen können; darüber hinaus seien bei Meulengracht derzeit keine Einschränkungen oder Komplikationen durch bestimmte Medikamente bekannt. Zu Paracetamol bei Meulengracht gibt es je nach Quelle widersprüchliche Angaben: Die Fachinformation von Paracetamol empfiehlt in dem Fall nur eine reduzierte Dosis, in der Stellungnahme der AkdÄ wird Paracetamol auch in normaler Dosis als wahrscheinlich sicher eingestuft. Grundsätzlich sollte die Verträglichkeit von Arzneimitteln bei Meulengracht weiter beobachtet und erforscht werden. Wenn Meulengracht-Betroffene unter einem Medikament eine verstärkte Gelbsucht oder andere Nebenwirkungen bemerken, sollten sie dies mit ihren behandelnden Ärzten besprechen und ggf.

Morbus Meulengracht und COVID-19

Nein. Meulengracht führt zu keinen Organschäden, ist also auch keine klassische Vorerkrankung, welche die Risiken von COVID-19 erhöhen würde. Eine Impfung gegen COVID-19 ist für Meulengracht-Betroffene ebenso empfohlen wie für die Allgemeinbevölkerung.

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