Nach Vorne Gebeugt Sitzen: Ursachen, Folgen und Lösungen

Die moderne Lebensweise, geprägt von sitzenden Tätigkeiten und der Nutzung von Smartphones, hat zu einem Anstieg von Fehlhaltungen geführt. Diese können vielfältige Ursachen haben und schwerwiegende Folgen für die Gesundheit nach sich ziehen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Auswirkungen und Präventionsmaßnahmen im Zusammenhang mit einer nach vorne gebeugten Sitzhaltung.

Die Rolle der Körperhaltung

Gibt es die "richtige" Körperhaltung?

Die Vorstellung einer einzigen, idealen Körperhaltung ist überholt. Stattdessen betonen Experten die Bedeutung von Bewegung und Haltungswechsel. "Brust raus, Bauch rein!" ist kein allgemeingültiges Konzept, da es wichtig ist, statische Situationen zu unterbrechen und die Körperhaltung immer wieder zu verändern. Die Wirbelsäule ist auf Bewegung ausgelegt, und es gilt, das Repertoire an geeigneten Haltungen zu erweitern und die eigenen körperlichen Signale zu deuten.

Warum Fehlhaltungen vermieden werden sollten

Fehlhaltungen entstehen, wenn der Körper über längere Zeit in einer Position verharrt, die nicht im Einklang mit der natürlichen Anatomie steht. Dies führt zu einer ungleichen Belastung der Gelenke, Muskeln und Bänder, was wiederum Verspannungen und Schmerzen verursacht. Langfristig können schwerwiegendere Probleme wie Bandscheibenvorfälle oder dauerhafte Verformungen entstehen.

Ursachen einer nach vorne gebeugten Sitzhaltung

Berufliche Faktoren

Der Beruf spielt oft eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung einer schlechten Körperhaltung. Wer den ganzen Tag mit gebeugtem Rücken vor dem Bildschirm sitzt und sich kaum bewegt, riskiert, dass sich bestimmte Muskeln verkürzen oder verhärten. Diese einseitige Belastung kann zu einer Fehlhaltung führen, die sich quasi in den Körper "reinprogrammiert".

Der Einfluss von Smartphones

Orthopäde Jörg Bethge bezeichnet das Handy als "super Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Orthopäden". Schon junge Leute, die ständig aufs Handy schauen, riskieren einen sogenannten Handynacken. Das ständige Nach-vorne-Neigen des Kopfes belastet die Nackenmuskulatur enorm.

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Weitere Ursachen

  • Bewegungsmangel: Eine schwache Kernmuskulatur führt zu einer Instabilität des Rumpfes und fördert Fehlhaltungen.
  • Emotionale Faktoren: Emotionaler Stress und Anspannung können sich ebenfalls auf die Körperhaltung auswirken.
  • Erziehung: Die Grundlagen für unsere Körperhaltung werden bereits in der Kindheit gelegt. Wertesysteme, die wir von zu Hause mitnehmen, beeinflussen, wie wir gehen und uns halten.

Folgen einer nach vorne gebeugten Sitzhaltung

Kurzfristige Auswirkungen

  • Verspannter Nacken
  • Schmerzen beim Drehen des Kopfes
  • Kribbeln in den Fingern
  • Verhärtete Muskeln, die auf Nerven drücken können

Langfristige Auswirkungen

  • Taubheitsgefühle in Armen und Beinen
  • Probleme mit dem Magen (durch Beeinträchtigung der Bauchorgane)
  • Bandscheibenvorfälle
  • Verkürzte Bauch- und Brustmuskeln
  • Verhärtete Nackenmuskulatur
  • Dauerhafte Verformungen bis hin zu einem sogenannten Witwenbuckel

Der Rundrücken (Hyperkyphose)

Was ist ein Rundrücken?

Bei einem Rundrücken handelt es sich um eine verstärkte Krümmung des oberen Rückens (der Brustwirbelsäule) nach hinten. Der medizinische Fachbegriff lautet "Hyperkyphose". Eine übermäßige Kyphose kann angeboren sein oder im Laufe des Lebens entstehen.

Ursachen eines Rundrückens

  • Angeborene Fehlbildungen: In seltenen Fällen kann eine Hyperkyphose bereits in jungen Jahren bestehen.
  • Morbus Scheuermann: Eine Wachstumsstörung der Wirbelsäule, die im Kindes- und Jugendalter auftritt.
  • Verletzungen: Wirbelbrüche können einen Rundrücken begünstigen.
  • Wirbelsäulenerkrankungen: Morbus Bechterew kann ebenfalls zu einem Rundrücken führen.
  • Verschleißerscheinungen: Bandscheibendegeneration und Osteoporose spielen eine Rolle.
  • Untrainierte Rückenmuskulatur: Fehlhaltungen und Bewegungsmangel fördern einen Rundrücken.

Vorbeugung und Behandlung eines Rundrückens

  • Vermeidung einseitiger Sitzpositionen: Arbeitsplätze sollten idealerweise so gestaltet sein, dass Tätigkeiten in aufrechter Haltung durchgeführt werden können oder zwischen Sitzen und Stehen gewechselt werden kann.
  • Regelmäßige Bewegung: Sport und viel Bewegung im Alltag wirken Rückenproblemen entgegen.
  • Physiotherapie: Gezielte Übungen stärken die Rückenmuskulatur, verbessern die Beweglichkeit und korrigieren die Körperhaltung.
  • Anpassung des Lebensstils: Regelmäßige Bewegung und sportliche Betätigung sind wichtig.
  • Ergonomische Umgestaltung des Arbeitsplatzes: Hilft, Fehlhaltungen abzubauen.
  • Orthopädische Hilfsmittel: In schweren Fällen kann ein Korsett oder eine Orthese notwendig sein.
  • Operation: Nur in sehr schweren Fällen kommt eine Operation in Frage.

Das Hohlkreuz (Hyperlordose)

Was ist ein Hohlkreuz?

Bei Menschen mit Hohlkreuz weist die untere Wirbelsäule eine verstärkte Krümmung auf. Gleichzeitig ist die Brustwirbelsäule häufig übermäßig nach hinten gebogen. Es handelt sich dabei nicht um eine Erkrankung, sondern um eine Abweichung von der physiologischen Körperhaltung.

Ursachen eines Hohlkreuzes

  • Bewegungsmangel: Häufiges unergonomisches Sitzen bzw. Stehen.
  • Dauerhafte Fehlhaltungen: Vor allem das Tragen hoher Schuhe.
  • Zu gering ausgeprägte Bauch- und Rückenmuskulatur: Die Muskulatur ist ein wichtiger Faktor zur Stabilisierung der Wirbelsäule.

Vorbeugung und Behandlung eines Hohlkreuzes

  • Physiotherapie: Spezielle Übungen zur Kräftigung der Bauch- und Rückenmuskulatur.
  • Dehnübungen: Verkürzungen der Muskulatur wegtrainieren.
  • Schmerzmittel: Können unterstützend eingesetzt werden.
  • Ausreichend Bewegung: Übergewicht vermeiden.
  • Operation: In sehr seltenen Fällen kommt eine Operation zur Korrektur des Hohlkreuzes infrage.

Das Iliosakralgelenk (ISG) und seine Bedeutung

Was ist das ISG?

Das Iliosakralgelenk (ISG) verbindet den unteren Teil der Wirbelsäule (das Kreuzbein) mit der Beckenschaufel. Seine wichtigste Funktion ist die Kraftübertragung von der Wirbelsäule auf das Becken beziehungsweise vom Rumpf auf die Beine und andersherum.

Ursachen für ISG-Schmerzen

  • ISG-Blockade: Das Gelenk ist blockiert oder verkantet.
  • Verschleiß (Arthrose): Der Knorpel ist geschädigt.
  • Rheumatische Erkrankungen: Morbus Bechterew.
  • Anatomische Besonderheiten: Unterschiedlich lange Beine oder Fehlhaltungen der Wirbelsäule.
  • Schwangerschaft: Hormonelle Veränderungen lockern das Bindegewebe.

Symptome einer ISG-Blockade

  • Tiefsitzender, heftiger Schmerz von der linken oder rechten Pobacke über den hinteren, äußeren Oberschenkel (meist nicht tiefer als bis zum Knie).
  • Verschlechterung der Schmerzen beim längeren Sitzen oder Ruhen.

Behandlung einer ISG-Blockade

  • Bewegung: Mobilisierung des Iliosakralgelenks.
  • Wärme: Warme Dusche zur Anregung der Durchblutung.
  • Dehnübungen: Lockerung der verspannten Muskeln.
  • Manuelle Therapie oder Physiotherapie: Lösung der Blockade durch manuelle Mobilisationstechniken oder gezielte Übungen.

Physiotherapie als Schlüssel zur Korrektur von Fehlhaltungen

Ziele der Physiotherapie

  • Aufklärung des Patienten über seine Fehlhaltung
  • Muskelaufbau, insbesondere der Rumpfmuskulatur
  • Dehnung verkürzter Muskeln
  • Ausgleich muskulärer Ungleichgewichte
  • Ergonomische Beratung
  • Propriozeptionstraining zur Förderung des Körperbewusstseins

Übungen zur Korrektur von Fehlhaltungen

  • Dehnung des Musculus rectus femoris: Liegen auf der Seite, Bein anwinkeln und Fuß greifen.
  • Dehnung des Hüftbeugers: Kniestand, Gewicht auf das gebeugte Bein verlagern und Becken leicht vorschieben.
  • Kräftigung der Oberschenkelrückseite und des Gesäßes: Beckenheben in Rückenlage.
  • Aktivierung der gesamten Muskeln der Wirbelsäule: Arme und Beine in Bauchlage gleichzeitig vom Boden abheben und kleine, schnelle Hackbewegungen durchführen.
  • Planken: Stärkung der unteren Rückenmuskulatur und Kräftigung der Bauchmuskeln.
  • Seitstütz: Stärkung der seitlichen Rumpfmuskulatur.

Was Eltern beachten können

  • Rückenschmerzen bei Kindern ernst nehmen: Ständiges Sitzen in der Schule und schwere Rucksäcke können zu Rückenschmerzen führen.
  • Für ausreichend Bewegung sorgen: Einseitige Belastungen vermeiden.
  • Auf eine ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes achten: Auch Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit vor Bildschirmen.
  • Abwechslung beim Betten von Babys: Vermeiden, das Baby immer nur in derselben Position zu lagern.

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