Dopamin-Doku: Die Sucht nach Likes und ihre Folgen

Die digitale Welt hat unser Leben grundlegend verändert. Smartphones und soziale Medien sind allgegenwärtig und bieten uns unzählige Möglichkeiten zur Vernetzung, Information und Unterhaltung. Doch diese ständige Verfügbarkeit und die damit verbundene Reizüberflutung haben auch ihre Schattenseiten. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Neurotransmitter Dopamin, der im Gehirn ausgeschüttet wird, wenn wir etwas als belohnend empfinden. Die Dokumentation "Die Dopamin-Falle" von Léo Favier beleuchtet, wie soziale Medien und Apps unser Dopaminsystem beeinflussen und im Extremfall zu Suchtverhalten führen können.

Das Skinner-Experiment und die digitalen Futterkörner

In den 1940er Jahren führte der amerikanische Psychologe B. F. Skinner ein Experiment mit Tauben durch. Er sperrte eine Taube in einen Kasten, in dem sie durch das Drücken eines Knopfes ein Futterkorn als Belohnung erhielt. Dieses Experiment wirft die Frage auf, ob Likes in Handy-Apps wie diese Futterkörner funktionieren. Der französische Regisseur Léo Favier untersucht diese These in seinem Film „Die Dopamin-Falle. Der Botenstoff und die sozialen Medien“. Psychologen und Neurophysiologen aus der ganzen Welt kommen zu Wort und untersuchen die exzessive Handynutzung mit unterschiedlichen Methoden. Ihnen gemeinsam ist der Fokus auf die neuartige Qualität der Vernetzung durch Smartphones.

Der Mensch als soziales Wesen und der "digitale Schnuller"

Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen. Die Möglichkeit, in allen Lebenslagen digitales Feedback zu erhalten, triggert daher ein seelisches Grundbedürfnis. Leonard Schilbach, Neurowissenschaftler an der Universität Düsseldorf, bezeichnet das Handy als einen "digitalen Schnuller". Die ständige Erreichbarkeit und die Möglichkeit, sofortige Anerkennung in Form von Likes und Kommentaren zu erhalten, befriedigen unser Bedürfnis nach sozialer Interaktion.

Dopamin: Mehr als nur ein Glückshormon

Dopamin ist ein Neurotransmitter, der Signale zwischen den Nervenzellen weiterleitet und sowohl emotionale und geistige wie auch motorische Reaktionen steuert. Er spielt eine entscheidende Rolle bei unserer Motivation, unserem Lernen und unseren Gewohnheiten. Dopamin wird im Belohnungszentrum des Gehirns ausgeschüttet, wenn wir etwas Positives erleben, beispielsweise ein Like auf Instagram erhalten oder ein Level in einem Spiel erreichen.

Die "Dopamin-Falle": Suchtpotenzial sozialer Medien

Machen soziale Medien mit ihren Algorithmen süchtig nach der körpereigenen Droge Dopamin, die bei jedem Like im Belohnungszentrum ausgeschüttet wird? Ganz so einfach ist es nicht. Die Ausbildung von Suchtverhalten hängt von der Qualität der Nutzung ab. So unterscheidet sich das Produzieren von Content stark vom zerstreuten Anklicken. Forscher haben nachgewiesen, dass die subjektiv empfundene Zeit viel schneller vergeht, wenn wir uns mit digitalen Medien beschäftigen. Nicht zufällig steigt die Verweildauer vor den Schirmen weltweit rasant an.

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Die ständigen Dopamin-Trigger, denen wir in der digitalen Welt ausgesetzt sind, können langfristig zu einer sogenannten Anhedonie führen, der Unfähigkeit, Freude und Lust zu empfinden. Wenn Kinder und Jugendliche digitale Medien zu häufig nutzen, erscheinen Beschäftigungen, die keinen sofortigen Dopaminschub auslösen, oft als langweilig oder sinnlos - etwa das Erlernen eines Musikinstruments, Spazierengehen oder Zeit mit Freunden.

Auswirkungen auf Gehirn und Verhalten

Messbare Auswirkungen hat die Technik zudem auf Gehirnareale, die für die Aufmerksamkeit und Impulskontrolle zuständig sind. Friederike Fabritius, Neurowissenschaftlerin und Bestsellerautorin, betont: "Die Daten von unglücklichen und zum Teil hyperaktiven oder depressiven Kindern und Jugendlichen korrelieren sehr stark mit der Zeit, die sie mit digitalen Medien verbringen."

Da fast alle Jugendlichen mit Zugang zu Tablet und Smartphone über soziale Netzwerke kommunizieren, legen Forschende ihren Fokus verstärkt darauf. Studien zeigen, dass soziale Netzwerke die Hirnaktivität anregen und über den Dopaminhaushalt Einfluss auf das psychische Wohlbefinden haben. Unklar bleibt aber, ob die Auswirkungen Jugendlichen wirklich schaden - oder langfristig vielleicht sogar nutzen. Eine kürzlich im Fachjournal JAMA Pediatrics veröffentlichte Langzeitstudie hat mithilfe von MRT-Messungen an Jugendlichen nur nachgewiesen, dass soziale Netzwerke einen „Trainingseffekt“ im Gehirn zur Folge haben.

Auswege aus der "Dopamin-Falle"

Die ARTE-Dokumentation zeigt, mit welchen Tricks Tech-Unternehmen arbeiten - und wie es möglich sein kann, den permanenten Aufforderungen des Smartphones zu entkommen. Denn es gibt Auswege aus der "Dopamin-Falle": Das Wichtigste ist, seinen eigenen Umgang mit Apps kritisch zu hinterfragen und die Mechanismen zu kennen, denen User ausgesetzt sind. In Lockdown-Zeiten ist es umso wichtiger, dem Geist was zu tun zu geben.

Mögliche Auswege sind:

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  • Bewusste Nutzung: Reflektieren Sie Ihr eigenes Nutzungsverhalten und hinterfragen Sie, warum Sie bestimmte Apps oder soziale Medien nutzen.
  • Zeitliche Begrenzung: Legen Sie feste Zeiten für die Nutzung digitaler Medien fest und halten Sie diese ein.
  • Benachrichtigungen deaktivieren: Schalten Sie Benachrichtigungen aus, um nicht ständig von Ihrem Smartphone abgelenkt zu werden.
  • Schwarzweiß-Modus: Stellen Sie Ihr Smartphone auf Schwarzweiß um, um die Reize zu reduzieren.
  • Digitale Entgiftung: Legen Sie regelmäßig Pausen von digitalen Medien ein und widmen Sie sich anderen Aktivitäten.
  • Alternativen suchen: Finden Sie Hobbys und Aktivitäten, die Ihnen Freude bereiten und keinen sofortigen Dopaminschub auslösen.

Empfehlungen für Kinder und Jugendliche

Friederike Fabritius ist sich bewusst, dass Forschung und Gesetzeslage zum Dauerkonsum digitaler Medien dem tatsächlichen Gebrauch hinterherhinken. Eltern sollten sich aber nicht allein auf die Politik verlassen, findet sie. Sie müssten sich selbst im Klaren sein, dass überflüssiger und ausufernder Konsum, egal ob digital oder in Form von Spielsachen oder Süßigkeiten, Gift für das Dopaminsystem von Kindern sei - und schützende Regeln durchsetzen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat ihre Empfehlungen für die Obergrenze der Medienzeit für Kinder und Jugendliche in Alterskategorien gestaffelt:

  • Unter Dreijährige: Überhaupt keine digitalen Bildschirme.
  • Drei bis sechs Jahre: Höchstens 30 Minuten Screentime pro Tag.
  • Grundschüler: Höchstens 45 bis 60 Minuten pro Tag.

Fabritius rät dagegen, den täglichen Gebrauch von digitalen Medien bei Kindern zu vermeiden: „Die Gefahr, dass sich die Kinder an die ständigen digitalen Reize gewöhnen und Suchtverhalten entwickeln, ist sonst größer als der Nutzen.“ Sollten Kinder oft vor Zorn toben, wenn man ihnen Tablet oder Smartphone verwehrt, hilft laut der Neurowissenschaftlerin nur eins: kalter Entzug.

Das Beispiel Familie Fabritius

Screentime? So etwas gibt es bei Familie Fabritius nicht, weil Bildschirme im Alltag der Kinder kaum eine Rolle spielen. Nur der älteste Sohn darf seinem Hobby online nachgehen und virtuell Schach spielen. Telefone werden an ihn und seine vier Geschwister - allesamt im Vorschul- oder Grundschulalter - nur verteilt, wenn es ihrer Sicherheit dient. Einmal pro Woche gibt es einen gemeinsamen Fernsehabend, wobei nur die Kinder den Familienfilm komplett sehen dürfen, die während der Woche sieben Chips gesammelt haben. Wer abends sein Zimmer aufgeräumt hat, erhält einen Chip. „Das funktioniert super. Und wir haben auch kein Gezanke um Smartphones und Tablets“, sagt die fünffache Mutter Friederike Fabritius.

Mini-Doku-Reihe: Dopamin im Fokus

In der neunteiligen Mini-Doku-Reihe dreht sich alles um das sogenannte „Glückshormon“ Dopamin. In den sechs bis achtminütigen Clips wird jeweils eine digitale Suchtthematik in den Fokus gestellt. So erfährt man nicht nur warum Likes auf Instagram unsere Laune bestimmen, sondern auch weshalb Spiele wie „Candy Crush“ auch noch bei Level 358 nicht an Reiz verlieren. Seit kurzem ist auch eine Spezialfolge zur derzeitigen Coronapandemie und deren Auswirkungen dazugekommen. Vor allem im Lockdown nämlich, verfallen viele dem ständigen Online-Sein, um nicht einsam oder ängstlich zu werden. Dies nutzen Entwickler*innen und Apps zusätzlich aus. Die im Jahre 2019 produzierte Mini-Doku-Serie des Franzosen Léo Favier bleibt in ihrem kurzen, aber tiefgehenden Informationsfluss frech, frisch und bunt.

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