Die Vagusnervstimulation (VNS) ist ein therapeutisches Verfahren, das zunehmend an Bedeutung gewinnt. Sie umfasst die Stimulation des Vagusnervs, eines wichtigen Nervs, der eine zentrale Rolle bei der Verbindung zwischen Gehirn und inneren Organen spielt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Vagusnervstimulation, von den medizinisch etablierten Verfahren bis hin zu neueren, nicht-invasiven Methoden und deren potenziellen Anwendungen.
Was ist der Vagusnerv?
Der Vagusnerv, auch bekannt als Nervus vagus, ist der zehnte und längste der zwölf Hirnnerven. Sein Name leitet sich vom lateinischen Begriff „vagari“ (umherschweifen) ab, da er weit im Körper unterwegs ist. Er entspringt im Hirnstamm und verläuft durch Hals und Brust bis in den Unterleib. Als Hauptaktivator des Parasympathikus, des Teils des autonomen Nervensystems, der nicht dem Willen unterliegt, ist er wesentlich für die Aufrechterhaltung lebensnotwendiger Grundfunktionen des Körpers.
Der Vagusnerv verbindet das Gehirn mit einer Vielzahl von Organen, darunter Lunge, Herz, Magen, Darm, Leber, Milz, Nieren, Gallenblase und Bauchspeicheldrüse. Er überträgt sensorische und motorische Informationen und reguliert die Tätigkeit fast aller inneren Organe. Die vagalen Nervenfasern nehmen auch sensorische Reize wie Geschmack und Berührungen auf und leiten diese an den Hirnstamm weiter.
Medizinisch etablierte Vagusnervstimulation (VNS)
Invasive Vagusnervstimulation (iVNS)
Die medizinisch etablierte VNS ist ein invasives Verfahren, bei dem ein VNS-Gerät, eine Art Nervenschrittmacher, implantiert wird. Dieses Gerät besteht aus einem Pulsgenerator mit Batterie und Mini-Computer, das unterhalb des Schlüsselbeins unter die Haut implantiert wird. Von der Scheibe verläuft ein Kabel zum Vagusnerv, an dessen Ende sich Elektroden befinden, die den Nerv in regelmäßigen Abständen elektrisch stimulieren.
Die Implantation erfordert einen kleinen chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose. Die Elektroden werden im Halsbereich um den linken Vagusnerv geschlungen und mit dem Pulsgenerator im Brustbereich verbunden. Die Lebensdauer der Batterie beträgt bei Geräten der neuesten Generation etwa acht Jahre.
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Die iVNS ist in Europa seit 2001 als Behandlungsmethode für therapieresistente Depressionen (TRD) zugelassen. Sie wird auch zur Vorbeugung epileptischer Anfälle eingesetzt. In den USA ist sie zudem zur Behandlung von schweren Depressionen zugelassen.
Wirkungsweise der iVNS
Wie die VNS genau wirkt, ist noch nicht vollständig geklärt. Es gibt mehrere Erklärungsansätze:
- Interozeption: Die Wahrnehmung von Körpersignalen beeinflusst unsere Gefühle und unser Wohlbefinden. Bei Depressionen könnte die Kopplung zwischen Gehirn und Körper gestört sein, was zu Antriebslosigkeit führen kann.
- Botenstoffe: Die Stimulation des Vagusnervs könnte einen gestörten Prozess im Gehirn reparieren und die Ausschüttung der Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin verstärken.
- Gehirngesundheit: Die VNS könnte eine Reihe von Effekten im Gehirn auslösen, die die Kommunikation zwischen den Nervenzellen verstärken und die allgemeine Gehirngesundheit verbessern.
Nebenwirkungen der iVNS
Die Risiken der Implantation sind gering, obwohl jede Operation mit gewissen Risiken wie Infektionen verbunden ist. Häufige Nebenwirkungen der VNS sind Heiserkeit, Husten, Kurzatmigkeit, Nackenschmerzen oder Schluckstörungen. Diese Beschwerden treten typischerweise während der 30-Sekunden-Stimulation auf und verlieren im Verlauf an Intensität. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse sind selten.
Nicht-invasive Vagusnervstimulation (tVNS)
Als Weiterentwicklung der VNS gibt es die transkutane Stimulation (tVNS), bei der kleine Elektroden von außen durch die Haut am Ohr angebracht werden. Ausläufer des Vagusnervs ziehen sich auch ins Ohr und befinden sich hier nah unter der Haut. Im Vergleich zur iVNS, bei der die Geräte kontinuierlich laufen, ist die Stimulation über die Haut nur wenige Stunden pro Tag möglich. Eine weitere nichtinvasive Möglichkeit zur Vagusnervstimulation ist das klinisch zugelassene Gammacore-Gerät, das vom Patienten selbst auf Höhe der großen Hauptschlagader des Halses angelegt und bedient werden kann.
Anwendungen der Vagusnervstimulation
Die Vagusnervstimulation wird in verschiedenen Bereichen eingesetzt:
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Epilepsie
Die VNS wird seit den 90er Jahren zur Vorbeugung epileptischer Anfälle eingesetzt. Die Beobachtung, dass Druck auf den Nerv im Halsbereich manchmal epileptische Anfälle stoppen kann, führte zur Entwicklung von Geräten zur Vagusnervstimulation. Diese Geräte geben in regelmäßigen Abständen elektrische Impulse ab, die über den Vagusnerv ans Gehirn weitergeleitet werden.
Depressionen
Die VNS ist in den USA und Europa zur Behandlung von chronischen oder therapieresistenten Depressionen zugelassen. Sie kann eine Alternative sein, wenn andere Methoden nicht anschlagen. Allerdings hilft sie nur einer Minderheit der Patientinnen und Patienten, etwa 30 Prozent derjenigen, die ein VNS-Gerät implantiert bekommen, sprechen auf die Behandlung an.
Kopfschmerzen
In spezialisierten Praxen werden nichtinvasive Verfahren wie die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), die intravenöse Na-Kanalblockade mit Procain-Bikarbonat und die noninvasive Vagusnerv-Stimulation in Kombination zur Behandlung therapieresistenter Kopfschmerzen eingesetzt. Die Stimulation wirkt auf übergeordnete Hirnzentren und hat zur Folge, dass vermindert Glutamat freigesetzt wird, das eine wichtige Rolle bei der Schmerzentstehung spielt.
Weitere Anwendungsgebiete
Forscher untersuchen derzeit weitere Anwendungsgebiete der VNS, darunter Angstzustände, Autismus, schizophrene Psychosen, Stoffwechselstörungen und Verdauungsstörungen. Es gibt auch Studien zur Anwendung bei Long/Post COVID zur Verbesserung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit.
Vagusnervstimulation im Alltag
Neben den medizinisch etablierten Verfahren gibt es verschiedene Möglichkeiten, den Vagusnerv im Alltag zu stimulieren:
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Atemübungen
Kontrollierte Atemübungen wie tiefe Bauchatmung, Boxatmung oder eine verlängerte Ausatmung können die Entspannung fördern und den Parasympathikus aktivieren. Hier hilft z.B. der stress releazer von Beurer mit einem praktischen Gerät, mit dem man den Atem trainiert.
Bewegung und Ernährung
Regelmäßige Bewegung und Sport können helfen, Spannungen im Körper abzubauen, das Nervensystem zu beruhigen und die Stimmung zu verbessern. Eine entzündungshemmende Ernährung, die reich an nährstoffreichen Vollwertprodukten ist, kann die Gesundheit des Nervensystems unterstützen.
TENS-Geräte
TENS-Geräte sind kleine tragbare Geräte, die schwache elektrische Impulse durch Elektroden auf die Haut abgeben. Damit kann man bei richtigem Einsatz auch den Vagusnerv stimulieren und die Freisetzung von Neurotransmittern fördern, die die Stimmung verbessern und den Körper entspannen. tVNS-Therapien erfolgen mit TENS-Geräten mit entsprechender Applikation am Ohr oder Hals und bestimmten Frequenzen.
Atlaskorrektur
Eine Atlasfehlstellung kann den Vagusnerv beeinträchtigen. Die Atlaskorrektur umfasst chiropraktische Verfahren und manuelle Therapien, die darauf abzielen, den Atlas wieder in seine optimale Position zu bringen, um Druck auf den Vagusnerv zu reduzieren.
Kritik und Vorsicht
Trotz des wachsenden Interesses an der Vagusnervstimulation ist es wichtig, kritisch zu bleiben und die Versprechungen im Internet und in den sozialen Medien nicht ohne weiteres zu glauben. Viele freiverkäufliche Geräte sind nicht als Medizinprodukte zur wirksamen Behandlung zertifiziert, und es gibt keine Garantie, dass sie den Vagusnerv tatsächlich stimulieren und eine therapeutische Wirkung haben.
Bei Herz- oder Kreislaufproblemen oder in der Schwangerschaft sollten alle Geräte nicht ohne ärztliche Rücksprache angewendet werden.
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