Migräne vs. Schlaganfall: Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Risiken

Schlaganfall und Migräne sind neurologische Erkrankungen, die sich in ihren Ursachen, ihrem Verlauf und ihrer Prognose unterscheiden. Beide Erkrankungen können jedoch ähnliche Symptome verursachen, was zu Verwechslungen führen kann. Neueste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass beide Erkrankungen einen gemeinsamen Mechanismus haben: elektrochemische Wellen, die sich über weite Teile des Gehirns ausbreiten.

Migräne: Eine neurologische Erkrankung mit vielfältigen Symptomen

Etwa 30 Prozent der Frauen und 8 bis 10 Prozent der Männer entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Migräne. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen geht die Migräne mit Sinnestäuschungen einher, die als Aura bezeichnet werden. Vor einer Kopfschmerzattacke steigt der Blutfluss im Gehirn um das Dreifache an, was auf einen Erregungssturm von Nervenzellen zurückgeführt wird. Diese Erregung breitet sich wie eine Welle über die Hirnrinde aus und kann bei Beeinträchtigung des Sehzentrums zu Wahrnehmungsstörungen führen.

Die Aura: Ein Warnsignal vor der Migräne

Die Aura kündigt die Migräne an und entwickelt sich typischerweise über 20 bis 30 Minuten etwa eine Stunde vor Beginn der Kopfschmerzphase. Nach Angaben der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft sind 15 bis 25 Prozent der Migränepatienten von einer Aura betroffen.

Typische Anzeichen einer Aura sind:

  • Sehstörungen: einseitige Gesichtsfeldausfälle, Flimmererscheinungen, Zickzacklinien, farbige Randzacken, Flecken im Gesichtsfeld oder Schleiersehen.
  • Andere Symptome: Schwindel, Müdigkeit, Kribbeln, Wortfindungsstörungen, Konzentrationsprobleme, epileptische Anfälle oder Bewusstlosigkeit.

Die Ursache für Migräne und Auren liegt in einer angeborenen Besonderheit der Reizverarbeitung im Gehirn. Das Nervensystem der Betroffenen steht ständig unter Hochspannung, wodurch Reize früher und schneller aufgenommen und verarbeitet werden. Bei zu vielen oder zu schnellen Eindrücken werden die Nervenzellen stark aktiviert, was zu einem Zusammenbruch der Energieversorgung und einer Entgleisung der Nervenfunktionen führen kann. Da die Sehrinde des Gehirns besonders viel Energie benötigt, kommt es häufig zu Sehstörungen.

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Was tun bei einer Aura?

Den Verlauf einer Aura kann man kaum beeinflussen. Bei einer erstmaligen, stark ausgeprägten oder untypischen Aura sollte ein Arzt aufgesucht werden, um andere Erkrankungen auszuschließen. Betroffene, die ihre Auren kennen, sollten ihre Aktivitäten unterbrechen und warten, bis die Symptome abklingen. Es ist wichtig, sich über die Aura zu informieren, um Ängste vor einer Hirnerkrankung oder einem Schlaganfall zu reduzieren.

Es gibt keine Medikamente oder Hausmittel zur akuten Behandlung einer Aura. Allerdings können Medikamente vorbeugend eingenommen werden, um die Migränehäufigkeit und damit auch die der Auren zu verringern. Die Einnahme von Triptanen während der Aura ist umstritten und sollte mit einem Arzt besprochen werden.

Schlaganfall: Eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn

Ein Schlaganfall ist eine plötzliche Unterbrechung der Blutzufuhr zum Gehirn, entweder durch ein Blutgerinnsel (ischämischer Schlaganfall) oder eine Blutung (hämorrhagischer Schlaganfall). Dies führt zu einer Schädigung von Hirngewebe und kann zu dauerhaften neurologischen Ausfällen führen.

Symptome eines Schlaganfalls

Die Symptome eines Schlaganfalls treten plötzlich auf und können sein:

  • Taubheit, Schwäche oder Lähmung einer Körperseite
  • Plötzliche Sprachstörungen
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Sehstörungen
  • Starke Kopfschmerzen

FAST-Test: Ein einfacher Test zur Erkennung eines Schlaganfalls

Auch medizinische Laien können mit dem FAST-Test einen Verdacht auf Schlaganfall überprüfen:

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  • Face (Gesicht): Bitten Sie die Person zu lächeln. Wenn das Gesicht einseitig verzogen ist, deutet dies auf eine halbseitige Lähmung hin.
  • Arms (Arme): Bitten Sie die Person, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden, sie sinken wieder herunter oder drehen sich.
  • Speech (Sprache): Ist der Betroffene nicht in der Lage, einen einfachen Satz nachzusprechen oder klingt seine Stimme dabei verwaschen, ist das ein Zeichen für Sprachstörungen.
  • Time (Zeit): Wenn eines dieser Symptome auftritt, wählen Sie sofort den Notruf 112.

Migräne mit Aura und Schlaganfall: Eine schwierige Unterscheidung

Die Unterscheidung zwischen einer Migräne mit Aura und einem Schlaganfall kann schwierig sein, da die Symptome ähnlich sein können. Eine falsche Diagnose einer TIA (transitorische ischämische Attacke) als Migräne mit Aura kann zu einem vermeidbaren Schlaganfall führen.

Checkliste: Migräne mit Aura oder Schlaganfall?

Eher für einen Schlaganfall sprechen folgende Punkte:

  • Alle Symptome treten innerhalb von unter einer Minute mit maximaler Intensität auf und breiten sich nicht allmählich aus.
  • Es bestehen mehrere Symptome, die gleichzeitig auftreten.
  • Alle Symptome sind Defizite wie Sehverlust, Taubheit, Lähmungen. Es bestehen keine sogenannten positiven Symptome wie Zickzacklinien, Kribbeln oder Farbsehen.
  • Die Symptome werden nicht von Kopfschmerz begleitet, es folgt ihnen innerhalb einer Stunde auch kein Kopfschmerz nach.

Eher für eine Migräne-Aura sprechen diese Punkte:

  • Die Symptome treten langsam über 15 bis 30 Minuten zunehmend auf.
  • Wenn mehrere Symptome auftreten, treten sie sukzessive, also eines nach dem anderen, auf.
  • Es bestehen sogenannte positive Symptome wie Zickzacklinien, Kribbeln, Farbsehen.
  • Nach spätestens einer Stunde folgen diesen Symptomen Kopfschmerzen.

Bei Verdacht auf einen Schlaganfall ist der Notruf 112 zu wählen, da die erste Zeit nach einem Schlaganfall entscheidend für das Ausmaß der Zellschäden im Gehirn ist.

Migräne und erhöhtes Schlaganfallrisiko

Migränepatienten, insbesondere Frauen mit Migräne mit Aura, haben ein leicht erhöhtes Risiko für Schlaganfälle. Die Ursache dafür ist unklar, möglicherweise spielen genetische Faktoren eine Rolle. Es ist wichtig, einen gesunden Lebensstil zu pflegen, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken.

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Eine Studie von 2023 zeigt, dass Migräne bei jungen Menschen ein stärkerer Risikofaktor für einen Schlaganfall ist als Hypertonie und Herzerkrankungen.

Migränöser Infarkt: Eine seltene Komplikation

Ein migränöser Infarkt ist eine seltene Komplikation einer Migräne mit Aura, bei der es zu Durchblutungsstörungen im Gehirn kommt, die zu einem Schlaganfall führen.

Die Diagnose eines migränösen Infarkts wird gestellt, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

  • Der Patient hatte schon früher Migräne-Attacken mit Aura.
  • Ein oder mehrere Aurasymptome bleiben über 60 Minuten bestehen.
  • Eine bildgebende Untersuchung zeigt einen Hirninfarkt in einem bestimmten Areal.
  • Die Symptome lassen sich nicht durch eine andere Erkrankung erklären.

Die Behandlung eines migränösen Infarkts zielt darauf ab, die Durchblutung im betroffenen Hirnbereich wiederherzustellen.

Konsequenzen für die Migränebehandlung

Das Risiko für einen migränösen Infarkt beeinflusst die Behandlung der Migräne mit Aura. Triptane sollten erst nach Abklingen der Aura eingenommen werden. Patienten mit häufigen Migräne-Attacken oder anhaltenden Auren können sich über eine medikamentöse Migräneprophylaxe informieren. Frauen sollten auf das Rauchen und die Einnahme von östrogenhaltigen Verhütungsmitteln verzichten.

Elektrochemische Wellen: Ein gemeinsamer Mechanismus von Migräne und Schlaganfall

Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass sowohl Migräne als auch Schlaganfall durch elektrochemische Wellen im Gehirn verursacht werden können. Diese Wellen, die als "Cortical Spreading Depression" (CSD) bezeichnet werden, sind riesige Erregungswellen, die sich über die Hirnrinde ausbreiten. Bei Migräne führt die CSD zu einer vorübergehenden Funktionsstörung der Nervenzellen, während sie bei einem Schlaganfall zum Absterben von Hirngewebe führen kann.

Wissenschaftler der Charité forschen gemeinsam mit anderen europäischen und amerikanischen Arbeitsgruppen an den Ursachen und Wirkungen dieses neuronalen Phänomens. Sie haben die Wellen bereits bei mehreren hundert Patienten nachgewiesen, unter anderem bei malignen Hirninfarkten, Subarachnoidalblutungen und schweren Schädel-Hirn-Traumata.

Prof. Dr. Jens Dreier vom Centrum für Schlaganfallforschung der Charité erklärt: „Bereits vor mehr als 70 Jahren postulierte der brasilianische Neurobiologe Aristides Leão, dass der Migräneaura eine Riesenwelle im Gehirn zugrunde liegt, die mehr als fünfmal größer als die Nervenzellentladung während eines epileptischen Anfalls ist.“

Die Wissenschaftler beschäftigen sich nun mit der Frage, wie sich die Entdeckungen der letzten Jahre in neue diagnostische und therapeutische Konzepte umsetzen lassen.

Zervikale arterielle Dissektion (CAD) und Migräne

Die zervikale arterielle Dissektion (CAD), ein Riss oder ein Hämatom in der Wand der Art. carotis interna oder der Art. vertebralis, gilt als häufigste Ursache eines ischämischen Schlaganfalls bei Patienten unter 55 Jahren. Eine große epidemiologische Studie aus Italien hat einen Zusammenhang zwischen Migräne und CAD bestätigt. Die Studie ergab, dass Migräne ohne Aura bei CAD-Patienten signifikant häufiger vorkommt als bei jungen Schlaganfallpatienten ohne CAD.

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