Wadenschmerzen beim Gehen können ein Warnsignal für eine ernstzunehmende Erkrankung sein: die Arteriosklerose, die zu peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) führen kann. Im Volksmund wird diese Erkrankung oft als "Schaufensterkrankheit" bezeichnet, da Betroffene aufgrund der Schmerzen beim Gehen Pausen einlegen müssen, was sie nicht selten vor Schaufenstern tun, um ihre Beschwerden zu kaschieren. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten von Wadenschmerzen, die durch Arteriosklerose bedingt sind.
Was ist Arteriosklerose?
Arteriosklerose, umgangssprachlich auch als Gefäßverkalkung bekannt, ist eine Systemerkrankung, die den gesamten Organismus betrifft. Dabei bilden sich Ablagerungen in den Blutgefäßen, die zu chronischen Durchblutungsstörungen führen können. Diese Ablagerungen bestehen aus Kalk, Fett und Eiweißen, die sich in den Wänden der Arterien einlagern und diese zunehmend verengen. Die Elastizität der Adern schwindet, und im schlimmsten Fall kann es zu einem kompletten Gefäßverschluss kommen.
Ursachen von Wadenschmerzen bei Arteriosklerose
Die Hauptursache für Wadenschmerzen im Zusammenhang mit Arteriosklerose ist die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK). Wenn die Arteriosklerose die Beine betrifft, spricht man von pAVK. Die pAVK ist eine der häufigsten Erkrankungen im höheren Lebensalter. Schätzungsweise sind in Deutschland etwa 3 % der Bevölkerung von Durchblutungsstörungen in den Beinen betroffen, wobei dieser Anteil im Alter ab 70 Jahren auf 15-20 % ansteigt.
Risikofaktoren, die die Entstehung und Verschlimmerung von Arteriosklerose und damit auch der pAVK begünstigen, sind:
- Rauchen: Nikotinkonsum ist einer der größten Risikofaktoren für Arteriosklerose.
- Bluthochdruck: Erhöhte Blutdruckwerte können die Blutgefäße der Beine massiv beschädigen.
- Diabetes mellitus: Ein erhöhter Blutzucker beeinflusst die Gefäßveränderungen maßgeblich.
- Fettstoffwechselstörungen: Hohe Blutfettwerte fördern die Ablagerung von Fetten in den Gefäßwänden.
- Übergewicht: Ein zu hohes Körpergewicht ist eine häufige Ursache für Arteriosklerose.
- Bewegungsmangel: Mangelnde körperliche Aktivität trägt zur Entstehung von Arteriosklerose bei.
- Familiäre Veranlagung: Eine familiäre Vorbelastung kann das Risiko für Arteriosklerose erhöhen.
Symptome der Schaufensterkrankheit
Die Symptome der pAVK entwickeln sich oft schleichend und bleiben daher lange Zeit unbemerkt. Im Frühstadium verursacht die Erkrankung meist keine Beschwerden. Mit fortschreitender Verengung der Blutgefäße treten jedoch typische Symptome auf:
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- Belastungsabhängige Schmerzen: Das Leitsymptom der pAVK sind Schmerzen in den Beinen, die bei Belastung auftreten. Häufig sind die Waden betroffen, aber auch Schmerzen im Oberschenkel, im Hüft-/Gesäßbereich oder im Fuß sind möglich. Die Schmerzen zwingen die Betroffenen, stehen zu bleiben, bis sie nachlassen.
- Schmerzfreie Gehstrecke: Die schmerzfreie Gehstrecke verringert sich im Verlauf der Erkrankung deutlich. In höheren Erkrankungsstadien können die Schmerzen bereits nach weniger als 200 Metern auftreten.
- Ruheschmerzen: In fortgeschrittenen Stadien treten die Schmerzen auch in Ruhe auf, besonders nachts, wenn die Beine flach liegen. Das betroffene Bein kann sich kalt anfühlen.
- Hautveränderungen: Das betroffene Bein kann blass, kühl und trocken sein. Die Beinhaut kann dünn, schuppig und leicht verletzlich werden. Es kann zu verlangsamtem Haarwachstum oder Haarausfall kommen.
- Schlecht heilende Wunden: Aufgrund der mangelnden Durchblutung heilen Wunden am betroffenen Bein schlechter. Es können sich chronische Wunden oder Geschwüre bilden, insbesondere an den Zehen, Knöcheln oder der Ferse.
- Taubheitsgefühle und Kribbeln: Empfindungsstörungen wie Kribbeln ("Ameisenlaufen") oder Taubheit können auftreten.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Symptome der pAVK vielfältig sein können und nicht immer eindeutig auf eine Durchblutungsstörung hinweisen. Daher ist eine ärztliche Abklärung bei entsprechenden Beschwerden unerlässlich.
Diagnostik der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit
Um eine pAVK zu diagnostizieren, stehen verschiedene Untersuchungsmethoden zur Verfügung:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte und untersucht das betroffene Bein auf typische Zeichen einer Durchblutungsstörung, wie z.B. fehlende oder schwache Pulse, Blässe und Kälte.
- Dopplerdruckmessung: Bei dieser Ultraschalluntersuchung wird der Blutdruck an den Knöcheln und am Oberarm gemessen und verglichen. Ein niedrigerer Blutdruck an den Knöcheln deutet auf eine Durchblutungsstörung hin.
- Ultraschalluntersuchung (Sonografie): Mittels Ultraschall können die Blutgefäße dargestellt und Engstellen oder Verschlüsse erkannt werden. Die farbcodierte Duplexsonografie ermöglicht zusätzlich die Beurteilung des Blutflusses in den Gefäßen.
- Angiografie: Bei dieser Röntgenuntersuchung werden die Blutgefäße mit einem Kontrastmittel sichtbar gemacht. Sie kann als digitale Subtraktionsangiografie (DSA), Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) durchgeführt werden.
- Weitere Untersuchungsmethoden: In speziellen Fällen können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie z.B. die Messung des Sauerstoffdrucks im Gewebe oder die Betrachtung kleiner Gefäße im Nagelbett unter dem Mikroskop.
Stadien der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit
Die pAVK wird in vier Stadien unterteilt, die den Schweregrad der Erkrankung widerspiegeln:
- Stadium I (Frühstadium): Die Engstelle im Gefäß ist so gering, dass sie keine Beschwerden verursacht. Die Erkrankung wird meist zufällig bei einer Gefäßuntersuchung festgestellt.
- Stadium II (Claudicatio intermittens): Nach einer bestimmten Gehstrecke treten belastungsabhängige Schmerzen auf, meist in der Wade.
- Stadium III (Ruheschmerz): Die Schmerzen treten bereits im Ruhezustand auf, besonders nachts.
- Stadium IV (Gewebsuntergang): Es kommt zu abgestorbenem Gewebe, meist an den Zehen, Knöcheln oder der Ferse. Kleine Wunden heilen nicht mehr und werden immer größer. Ab Stadium III besteht unmittelbare Amputationsgefahr!
Behandlungsmöglichkeiten bei Arteriosklerose-bedingten Wadenschmerzen
Die Behandlung der pAVK richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung und den individuellen Bedürfnissen des Patienten. Ziel ist es, die Durchblutung zu verbessern, die Schmerzen zu lindern, das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten und Komplikationen wie Gewebsuntergang und Amputation zu vermeiden.
Konservative Behandlung
Die konservative Behandlung umfasst:
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- Änderung des Lebensstils: Eine gesunde Lebensweise ist entscheidend für die Behandlung der pAVK. Dazu gehören:
- Raucherentwöhnung: Das Aufhören mit dem Rauchen ist einer der wichtigsten Schritte zur Verbesserung der kardiovaskulären Gesundheit.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten sowie wenig gesättigten Fetten und Cholesterin ist empfehlenswert.
- Regelmäßige Bewegung: Körperliche Aktivität fördert die Durchblutung und stärkt das Herz-Kreislauf-System. Ein tägliches Gehtraining von mindestens 30 Minuten wird empfohlen.
- Gewichtsreduktion: Bei Übergewicht sollte eine Gewichtsreduktion angestrebt werden.
- Kontrolle von Risikofaktoren: Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen sollten optimal eingestellt werden.
- Medikamentöse Therapie:
- Blutverdünner: Medikamente wie Acetylsalicylsäure (ASS) oder Clopidogrel können die Blutplättchenaktivierung hemmen und die Bildung von Blutgerinnseln verhindern.
- Cholesterinsenker: Statine senken den Cholesterinspiegel und können das Fortschreiten der Arteriosklerose verlangsamen.
- Durchblutungsfördernde Medikamente: Pentoxifyllin kann die Fließeigenschaften des Blutes verbessern und die Durchblutung fördern.
- Schmerzmittel: Bei Bedarf können Schmerzmittel zur Linderung der Beschwerden eingesetzt werden.
- Gehtraining: Ein strukturiertes Gehtraining ist eine wichtige Komponente der konservativen Behandlung, insbesondere in den Stadien I und II. Dabei wird die schmerzfreie Gehstrecke durch regelmäßiges Training schrittweise gesteigert. Entscheidend ist es, bis an die Schmerzgrenze zu gehen und darüber hinaus, da erst dann die Bildung von Umgehungsstraßen (Kollateralen) angeregt wird.
- Fußpflege: Eine sorgfältige Fußpflege ist besonders wichtig, um Verletzungen und Infektionen vorzubeugen. Bequemes Schuhwerk und regelmäßige Kontrolle der Füße sind empfehlenswert. Bei Bedarf sollte eine medizinische Fußpflege (Podologie) in Anspruch genommen werden.
Invasive Behandlung
Wenn die konservative Behandlung nicht ausreichend ist oder die Erkrankung bereits fortgeschritten ist, können invasive Verfahren zur Verbesserung der Durchblutung in Betracht gezogen werden:
- Katheterverfahren (endovaskuläre Therapie): Bei diesem schonenden Verfahren wird über einen kleinen Einstich in der Leiste oder im Arm ein Katheter in die verengte Arterie eingeführt. Mit einem Ballonkatheter kann die Engstelle aufgedehnt werden (perkutane transluminale Angioplastie, PTA). In vielen Fällen wird zusätzlich ein Stent eingesetzt, um das Gefäß offen zu halten. Mittlerweile werden auch medikamentenbeschichtete Ballons und Stents verwendet, um das Risiko einer erneuten Verengung zu reduzieren.
- Operation: In bestimmten Fällen ist eine offene Operation erforderlich, um die Durchblutung wiederherzustellen. Dabei kann die verengte Arterie ausgeschält (Endarteriektomie) oder eine Umleitung (Bypass) um die Engstelle herum angelegt werden. Für die Bypassoperation können körpereigene Venen oder künstliche Materialien verwendet werden.
- Hybrideingriffe: In komplexen Fällen kann eine Kombination aus Katheterverfahren und Operation sinnvoll sein, um die bestmögliche Durchblutung wiederherzustellen.
Die Wahl des geeigneten Verfahrens hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. der Lokalisation und Ausdehnung der Verengung, dem Allgemeinzustand des Patienten und den individuellen Risikofaktoren.
Bedeutung der Prävention
Vorbeugung ist der Schlüssel zur Vermeidung von Arteriosklerose und pAVK. Durch eine gesunde Lebensweise und die Vermeidung von Risikofaktoren kann das Risiko für diese Erkrankungen erheblich gesenkt werden.
Zu den präventiven Maßnahmen gehören:
- Nichtrauchen: Vermeiden Sie Nikotinkonsum in jeglicher Form.
- Gesunde Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und wenig gesättigten Fetten und Cholesterin.
- Regelmäßige Bewegung: Treiben Sie regelmäßig Sport oder bewegen Sie sich ausreichend im Alltag.
- Normalgewicht: Achten Sie auf ein gesundes Körpergewicht.
- Kontrolle von Risikofaktoren: Lassen Sie regelmäßig Ihren Blutdruck, Blutzucker und Cholesterinspiegel überprüfen und gegebenenfalls behandeln.
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