Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die vor allem das motorische System betrifft. Charakteristische Symptome sind Tremor (Zittern), Bradykinesie (verlangsamte Bewegungen), Muskelsteifheit und Gleichgewichtsprobleme. Obwohl es derzeit keine Heilung gibt, können verschiedene Behandlungsansätze die Symptome lindern und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern. Regelmäßige körperliche Aktivität und spezielle Übungen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Eine oft unterschätzte, aber wirkungsvolle Methode sind Atemübungen.
Die Bedeutung der Atmung
Die Atmung ist eine lebenswichtige Funktion, die normalerweise unwillkürlich abläuft. Jedoch ist sie die einzige unwillkürliche Organfunktion, die wir bewusst beeinflussen können. Die meisten Menschen nutzen im Alltag nur einen Bruchteil ihres Atemvolumens. Stress führt beispielsweise zu flacher und schneller Atmung. Für Parkinson-Patienten, die oft unter Schmerzen, Verspannungen, Atemnot, Kraftlosigkeit, einer versagenden Stimme und Konzentrationsstörungen leiden, kann falsches Atmen diese Symptome noch verschlimmern.
Wie Atemtherapie wirkt
Eine Atemtherapie wirkt wie eine Massage und eine Sauerstoffdusche von innen. Die Zellen werden besser mit Sauerstoff versorgt, die Lymphflüssigkeit wird angeregt, der Blutdruck sinkt, der Stoffwechsel wird angekurbelt und das vegetative Nervensystem beruhigt sich. In Gruppen- oder Einzelschulungen lernen die Teilnehmer, den Rhythmus des Atems zu lenken und Atemräume im Körper zu erspüren. Gezielte Übungen helfen dem Körper, sich zu entspannen, sodass Schmerzen in den Hintergrund treten, Kraft und Stimme zurückkehren. Wer bewusst atmet, wird aufmerksamer und fühlt sich besser.
Atemübungen im Alltag
Bewusstes Atmen lässt sich jederzeit aktivieren und ist ein idealer Helfer, um Beschwerden zu lindern und stressige Situationen zu meistern. Schon ein tiefes Seufzen hin und wieder sorgt für eine Komplettbelüftung der Lungen und kann spürbar beim Stressabbau helfen.
Wechselatmung für emotionales Gleichgewicht
Für emotionales Gleichgewicht sorgt das sogenannte Wechselatmen: Dabei wird ein Nasenloch während des Einatmens zugehalten, das andere während des Ausatmens. Dies wird ruhig atmend einige Male wiederholt.
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Bauchatmung zur Stressbewältigung
Die bewusste Bauchatmung hilft bei großem Stress, zwischendurch zur Ruhe zu kommen: Dabei werden die Arme für fünf bis zehn Sekunden während des Einatmens im Sitzen seitlich nach oben geführt und mit dem sanften Ausatmen ganz langsam nach unten. Am Ende der Bewegung legt man die Hände auf den Bauch und wartet auf den nächsten Atemzug.
Spezifische Atemübungen bei Parkinson
Da Parkinson auch die Atemmuskulatur beeinträchtigen kann, sind spezielle Atemübungen besonders wichtig. Tiefes Ein- und Ausatmen, Atemgymnastik und der Einsatz von Atemtrainern können die Lungenkapazität verbessern und die Atemmuskulatur stärken.
Reflektorische Atemtherapie
Eine sehr sanfte Behandlungsform ist die „reflektorische Atemtherapie“. Der Atem bleibt dabei weitgehend sich selbst übergelassen und wird lediglich durch die Hände des Therapeuten gelenkt. Vegetative Stresszustände lösen sich auf und der Patient erfährt tiefe Ruhe und inneres Wohlsein.
Weitere Übungen zur Unterstützung
Neben Atemübungen gibt es weitere Übungen, die speziell auf die Bedürfnisse von Parkinson-Patienten zugeschnitten sind und zu Hause durchgeführt werden können. Es ist ratsam, diese Übungen mit dem behandelnden Arzt abzuklären.
Übungen in Rückenlage
- Auf den Rücken legen, Arme ausstrecken, beide Beine anwinkeln und mit geschlossenen Knien abwechselnd links und rechts zum Boden absenken (je 6 - 8 mal).
- Arme und Beine lang ausstrecken, linke Fußspitze hochziehen und gleichzeitig die Ferse vom Körper wegschieben (6 - 8 mal). Dann das gleiche mit dem rechten Bein (6 - 8 mal).
- Wie vorherige Übung, mit linkem Bein beginnen, jetzt aber gleichzeitig den rechten Arm weit vom Kopf wegschieben (wie beim Räkeln) (6 - 8 mal). Dann das gleiche mit dem rechten Bein und dem linken Arm (6 - 8 mal).
- Die gestreckten Beine leicht grätschen. Arme nach Oben zur Zimmerdecke strecken, die Hände falten und mit gestreckten Armen abwechselnd rechts und links auf den Boden legen (je 6 - 8 mal).
Übungen in Seitlage
- Auf die Seite legen, oberen Arm vor dem Körper aufstützen, den anderen Arm unter den Kopf. Unteres Bein anbeugen und mit dem oberen, gestreckten Bein vor- und zurückschwingen (6 - 8 mal). Dann auf die andere Seite legen, unteres Bein anbeugen und das obere Bein vor- und zurückschwingen (6 - 8 mal).
- Gleiche Position wie in vorheriger Übung einnehmen und abwechselnd rechtes und linkes Bein anbeugen und wieder ausstrecken (6 - 8 mal). Dann auf die andere Seite legen und die Übung wiederholen (6 - 8 mal).
- In der Seitenlage Arme und Beine ausstrecken und jetzt die obere Schulter nach hinten zurückdrehen und wieder hoch drehen. Das Becken bleibt in Seitenlage ( 6 - 8 mal). Dann auf die andere Seite legen und die Übung wiederholen (6 - 8 mal).
- Gleiche Position wie in vorheriger Übung einnehmen, beide Beine bleiben aber gestreckt aufeinander liegen. Jetzt das Becken nach vorne drehen und wieder in Seitenlage hochdrehen (6 - 8 mal). Seite wechseln und Übung wiederholen ( 6 - 8 mal).
Übungen im Sitzen
- Auf den vorderen Teil des Stuhles setzen, Hände auf die Oberschenkel legen und dann den gestreckten Oberkörper nach vorne neigen und wieder zurück (6 - 8 mal).
- Gleiche Position wie in vorheriger Übung einnehmen und abwechselnd den Oberkörper nach rechts und nach links bewegen (je 6 - 8 mal).
- Oberkörper nach rechts bewegen und gleichzeitig das linke Knie anheben. Dann Oberkörper nach links bewegen und gleichzeitig das rechte Knie anheben (6-8 mal).
- Wie in vorheriger Übung die Knie abwechselnd anheben. Aber die Arme schwingen gegenläufig mit (wie beim Wandern): linker Arm und rechtes Knie hoch und umgekehrt (6-8 mal).
- Stellen Sie das linke und das rechte Bein etwas weiter nach rechts. Arme vor dem Körper nebeneinander ausstrecken und nun mit beiden Armen erst nach links und dann nach rechts schwingen (6-8 mal). Danach Beinposition ändern: Linkes und rechtes Bein jetzt etwas weiter nach links stellen. Beide Arme schwingen nun wieder nach rechts und nach links (6-8 mal).
- Mit geradem Rücken an die Stuhllehne anlehnen, den rechten Fuß auf die Stuhlkante setzen und das Bein mit den Armen umfassen. Den Rücken betont strechen. Dann das gleiche mit dem linken Bein (je 6-8 mal).
- Mit geradem Rücken an die Stuhllehne anlehnen. Mit der rechten Hand an der Sitzfläche festhalten. Mit dem linken Arm fassen Sie weit über den Kopf zum rechten Ohr und ziehen den Kopf sanft nach links. Dann Kopf wieder aufrichten. Und nun umgekehrt mit rechtem Arm über den Kopf greifen und Kopf sanft nach rechts ziehen (6-8 mal).
- Die Hände wieder auf de Oberschenkel, den Kopf langsam nach rechts drehen und jetzt mehrmals nicken. Und dann das gleiche zur linken Seite (je 6-8 mal).
Übungen im Stehen
Bei diesen Übungen ist es wichtig, sich an einer festen Griffstange, z. B. an einer Sprossenwand, festzuhalten. Alternativ kann man sich an der Türklinke oder einem anderen festen Griff festhalten.
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- Seitlich zur Tür hinstellen. Mit rechter Hand an Türklinke/Griff festhalten. Auf dem linken Bein stehen bleiben und rechtes Bein vor- und zurückschwingen (6-8 mal). Dann umdrehen, mit linker Hand festhalten. Und das rechte Bein vor- und zurückschwingen (6-8 mal).
- Nun kommt zur Übung 1 eine Armbewegung hinzu. Wenn das rechte Bein nach vorne schwingt, schwingt der linke freie Arm auch nach Vorne. Arm und Bein gleichzeitig vor- und zurückschwingen (6-8 mal).
- Drehen Sie sich jetzt zur anderen Seite und halten Sie mit der linken Hand die Türklinke fest. Auf dem rechten Bein stehen bleiben und linkes Bein vor- und zurückschwingen (6-8 mal). Danach die Armbewegungen hinzunehmen: linkes Bein und rechter Arm schwingen gleichzeitig vor und zurück (6-8 mal).
- Mit dem Gesicht zur Tür hinstellen. Die Füße stehen mindestens hüftbreit auseinander. Mit beiden Händen die Türklinke festhalten. Becken nach hinten strecken.
Die Rolle der Physiotherapie
Die Krankengymnastik bzw. Physiotherapie bei Parkinson trägt wesentlich zur Verbesserung oder Erhaltung der aktiven und passiven Mobilität in allen Gelenken bei. Zusätzlich kann eine Abnahme der Muskelsteifheit und einer Verbesserung der Beweglichkeit und Gehleistung erreicht werden. Dafür werden die betroffenen Muskelgruppen durch Übungen und Massagetechniken gezielt behandelt. Auch Schwimmen, leichte Ballspiele, Wandern und Radfahren fördern die Beweglichkeit.
Gezielte Krankengymnastik
Voraussetzung der erfolgreichen Physiotherapie der Parkinson-Krankheit ist die möglichst genaue Registrierung der Ausprägung der Symptomatik und der spezifischen Funktionen aus krankengymnastischer Sicht. Aufgrund der so aufgezeichneten Anfangssituation kann das therapeutische Ziel gesteckt und ein gezielter Therapie-Plan aufgestellt werden.
Übungen zur Linderung hypokinetischer Symptome
Die Krankengymnastik zur Linderung der hypokinetischen Symptome versucht einerseits, die noch vorhandenen Bewegungsmuster optimal auszunutzen, andererseits die verloren gegangenen erlernten oder automatisierten Bewegungen durch neuerlernte zu ersetzen. Weil die Lernmöglichkeiten infolge der Krankheit von Anfang an eingeschränkt sind, hat die Motivierung der Patienten für diese ergänzende Therapie sehr früh, schon bei der Diagnosestellung eine große Bedeutung.
Übungen zur Bekämpfung von Rigor
Die parkinsonbedingte Muskelsteifheit (Rigor) schränkt neben der Hypokinese die Beweglichkeit des Patienten zusätzlich ein. Mangels entsprechender Übung kann der Rigor auch zur Versteifung der Gelenke führen und so Kontrakturen verursachen. Zur Bekämpfung des Rigors sollen die Bewegungen großräumig durchgeführt werden, auch mit Schwung. Wichtig sind außerdem so genannte Dehnungs- und Lockerungsübungen.
Gangschulung
Ziel der Gangschulung der Patienten ist die Erhaltung der selbstständigen Gehfähigkeit. Auch mit den Gehübungen sollte man früh - beim Auftreten der ersten Gehprobleme - anfangen. Die einfachste Gehübung ist der tägliche Spaziergang, den man jedem Parkinson-Patienten empfehlen sollte. Gehübungen in der Gruppe mit Musik in einem möglichst großen Gymnastikraum, Nordic-Walking sind für Patienten mit leichten Gehstörungen gut geeignet. Wichtig ist die ständige Korrektur durch die Therapeuten.
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Gleichgewichtstraining und Sturzprophylaxe
Die Gleichgewichtstörungen und die damit verbundenen Stürze mit hoher Verletzungsgefahr bedeuten bei der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit ein großes Problem. Neben der Krankheitsprogression besteht auch ein Zusammenhang mit der verminderten Muskelkraft. Ein wichtiger Teil dieser Übungen ist das Erlernen von kompensatorischen Ausfallschritten.
Sprachtherapie und Atemübungen
Bei Parkinson sind die Gesichtsmuskeln häufig steif und angespannt, Stimme und Sprache leiden unter dieser Unbeweglichkeit. Die Stimme wird heiser und leiser, das Sprechen wird langsamer, die Aussprache undeutlicher. Atemübungen können dabei helfen, die Sprache zu trainieren. Richtiges Atmen verbessert darüber hinaus die Sauerstoffzufuhr der Lunge und schützt vor Bronchitis und Lungenentzündung.
Schlaffhorst-Andersen-Methode
Neben LSVT Loud, dem einzigen evidenzbasierten logopädischen Therapiekonzept bei Parkinson, greift bei einigen Patienten sehr erfolgreich eine weitere Behandlungsoption, die Sprache und Sprechen adressiert: die „Schlaffhorst-Andersen-Methode“. Sie zeichnet sich aus, dass in den einzelnen Übungen konsequent Logopädie und Atemtherapie miteinander verwoben und damit die Sprache, das Sprechen und das zeitgleich richtige Atmen trainiert werden.
Psychologische Aspekte und Angstbewältigung
Viele Menschen mit Parkinson kennen Angst. Es ist nicht nur die Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung, sondern auch die Angst vor Immobilität und dem Verlust der Selbstständigkeit. Atemübungen können in diesem Zusammenhang helfen, die Angst zu bewältigen und das allgemeine Wohlbefinden zu steigern.
Umgang mit Angst
Eine der schwersten, aber heilsamsten Aufgaben im Umgang mit Angst ist es, der Angst Raum zu geben, aber nicht die Kontrolle. Sie darf da sein, aber wir dürfen ihr sagen: „Ich sehe dich.“ Es empfiehlt sich, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um angstverursachende Gedanken zu identifizieren und neue, hilfreiche Denkmuster zu entwickeln.
Forschungsergebnisse
Heidelberger Forscher haben im Tierversuch bestätigt, dass eine Atemtherapie die Gesundheit positiv beeinflussen kann. So verbessert den Ergebnissen zufolge die Nasenatmung auch bei Mäusen die Aufmerksamkeit und Gedächtnisprozesse. Es gibt eindeutige Hinweise, dass durch eine bewusste Veränderung der Atmung letztlich der gesamte Körper, der ja mit der Atmung verbunden ist, beeinflusst und harmonisiert wird.
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