Atraumatische Nadeln bei der Lumbalpunktion: Ein Vergleich und ihre Vorteile

Die Lumbalpunktion ist ein häufig durchgeführter Eingriff, bei dem Liquor cerebrospinalis (Nervenwasser) zu diagnostischen Zwecken entnommen oder Medikamente verabreicht werden. Traditionell wurde hierfür die Quincke-Kanüle verwendet, eine schräg angeschliffene Nadel, die jedoch das Gewebe zerschneidet und das Risiko von postpunktionellen Kopfschmerzen erhöht. Atraumatische Nadeln mit runder Spitze sind eine schonendere Alternative, die jedoch in der Anwendung etwas umständlicher sein kann.

Die Lumbalpunktion: Ein Überblick

Bei der Lumbalpunktion wird eine Hohlnadel zwischen zwei Wirbeln in den Wirbelkanal eingeführt, um Liquor zu entnehmen. Dieser Eingriff dient verschiedenen Zwecken:

  • Diagnose: Untersuchung des Liquors bei Verdacht auf Multiple Sklerose (MS), Neuroborreliose oder andere neurologische Erkrankungen.
  • Therapie: Injektion von Kontrastmitteln für bildgebende Verfahren, Verabreichung von Medikamenten wie Chemotherapeutika oder Betäubungsmittel.
  • Behandlung: Entlastung bei einem Hydrozephalus (Wasserkopf).

Die Quincke-Kanüle: Ein traditionelles Instrument

Die Quincke-Kanüle, benannt nach ihrem Erfinder Heinrich Irenaeus Quincke, ist eine schräg angeschliffene Nadel, die das Gewebe zerschneidet. Obwohl sie stabil ist und sich gut handhaben lässt, hinterlässt sie oft ein Loch in der Dura mater (harte Hirnhaut), durch das Liquor austreten kann. Dieser Liquorverlust wird für die häufig auftretenden Kopfschmerzen nach einer Lumbalpunktion verantwortlich gemacht.

Atraumatische Nadeln: Eine schonendere Alternative

Seit den 1980er-Jahren gibt es atraumatische Nadeln mit einer runden Spitze. Diese Nadeln verdrängen das Gewebe, anstatt es zu durchstechen, was das Risiko eines Liquorverlusts reduziert. Obwohl sie in der Handhabung etwas schwieriger sind und möglicherweise ein Vorschneiden der Haut erforderlich machen, bieten sie deutliche Vorteile:

  • Weniger Kopfschmerzen: Atraumatische Nadeln hinterlassen kein Loch in der Dura mater, wodurch das Risiko von postpunktionellen Kopfschmerzen deutlich sinkt.
  • Geringere Komplikationsrate: Studien haben gezeigt, dass atraumatische Nadeln mit weniger Nervenwurzelreizungen, Hörstörungen und der Notwendigkeit einer „Blutplombe“ zur Abdichtung des Liquorlecks verbunden sind.

Metaanalyse bestätigt Vorteile atraumatischer Nadeln

Eine Metaanalyse von Saleh Almenawer von der McMaster University in Hamilton/Ontario, die Daten von 110 Studien mit insgesamt 31.412 Patienten auswertete, bestätigte die Vorteile atraumatischer Nadeln. Die Inzidenz von Punktionskopfschmerzen sank signifikant von 11,0 Prozent auf 4,2 Prozent. Darüber hinaus traten Nervenwurzelreizungen und Hörstörungen seltener auf, und die Patienten benötigten seltener intravenöse Flüssigkeit oder eine kontrollierte Analgesie.

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Mögliche Nachteile und Herausforderungen

Trotz der klaren Vorteile haben sich atraumatische Nadeln bisher nicht überall durchgesetzt. Dies könnte an folgenden Faktoren liegen:

  • Umständlichere Durchführung: Atraumatische Nadeln sind in der Handhabung etwas schwieriger und erfordern möglicherweise ein Vorschneiden der Haut.
  • Höherer Preis: Atraumatische Nadeln sind in der Regel teurer als Quincke-Kanülen.

Die Sprotte-Kanüle: Eine Weiterentwicklung

Die Sprotte-Kanüle, entwickelt von Prof. Dr. Sprotte und Horst und Heinrich Pajunk, stellt eine Weiterentwicklung der atraumatischen Nadel dar. Durch die Kombination klinischer Erfahrung mit medizintechnischer Expertise entstand eine Spinalpunktionskanüle, die ein gewebeschonendes Durchdringen der ligamentären Strukturen ermöglicht und das Risiko postpunktioneller Kopfschmerzen reduziert.

Anatomische Grundlagen der Lumbalpunktion

Um die Bedeutung der atraumatischen Nadeln und die potenziellen Komplikationen der Lumbalpunktion besser zu verstehen, ist es hilfreich, die anatomischen Grundlagen zu betrachten:

  • Wirbelsäule: Die Wirbelsäule besteht aus Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule sowie Kreuz- und Steißbein. Sie schützt das Rückenmark im Spinalkanal.
  • Rückenmark: Das Rückenmark kommuniziert über Spinalnerven mit der Peripherie. Es endet beim Erwachsenen in der Regel auf Höhe des 1. oder 2. Lendenwirbelkörpers.
  • Subarachnoidalraum: Unterhalb des Rückenmarks befindet sich der Subarachnoidalraum, der mit Liquor gefüllt ist und die Spinalnerven enthält. Hier wird die Lumbalpunktion durchgeführt.
  • Dura mater: Die Dura mater ist die äußere Membran, die das Rückenmark umgibt. Eine Verletzung der Dura mater kann zu Liquorverlust und Kopfschmerzen führen.
  • Periduralraum: Der Periduralraum enthält Fett- und Bindegewebe, Lymphbahnen und Blutgefäße. Blutungen in diesem Raum können zu Komplikationen führen.

Fazit

Atraumatische Nadeln stellen eine schonendere Alternative zur traditionellen Quincke-Kanüle bei der Lumbalpunktion dar. Sie reduzieren das Risiko von postpunktionellen Kopfschmerzen und anderen Komplikationen, obwohl sie in der Handhabung etwas umständlicher sein können. Die Metaanalyse von Almenawer und die Entwicklung der Sprotte-Kanüle unterstreichen die Vorteile dieser gewebeschonenden Nadeln. Angesichts der klaren Vorteile sollten atraumatische Nadeln bei jeder Lumbalpunktion in Betracht gezogen werden, um das Wohlbefinden der Patienten zu verbessern.

Ambulante vs. stationäre Lumbalpunktion und Umgang mit Nebenwirkungen

Viele Patienten fragen sich, ob eine Lumbalpunktion ambulant oder stationär durchgeführt werden sollte und wie mit möglichen Nebenwirkungen umzugehen ist. Die Entscheidung hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die individuelle Risikobewertung des Patienten, die Art der Erkrankung und die Erfahrung des behandelnden Arztes.

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Ambulante oder stationäre Durchführung?

  • Ambulante Durchführung: In vielen Fällen kann eine Lumbalpunktion ambulant durchgeführt werden. Dies ermöglicht dem Patienten, schnell wieder nach Hause zurückzukehren und sich in seiner gewohnten Umgebung zu erholen.
  • Stationäre Durchführung: Bei Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen, erhöhten Risikofaktoren oder bei Auftreten von Komplikationen während oder nach der Punktion kann eine stationäre Aufnahme erforderlich sein. Dies ermöglicht eine engmaschige Überwachung und eine schnelle Reaktion auf eventuelle Probleme.

Einige Patienten berichten von negativen Erfahrungen nach ambulanten Lumbalpunktionen, wie z.B. starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Schwindel. In solchen Fällen sollte eine stationäre Durchführung in Betracht gezogen werden, um eine adäquate Schmerztherapie und Flüssigkeitszufuhr zu gewährleisten.

Umgang mit Nebenwirkungen

  • Kopfschmerzen: Postpunktionelle Kopfschmerzen sind die häufigste Nebenwirkung der Lumbalpunktion. Sie entstehen durch den Liquorverlust und den daraus resultierenden Druckabfall im Schädel.
    • Konservative Maßnahmen: Bettruhe, ausreichend Flüssigkeitszufuhr und Schmerzmittel können helfen, die Kopfschmerzen zu lindern.
    • Blutplombe: In schweren Fällen kann eine „Blutplombe“ (Epidural Blood Patch) erforderlich sein, bei der Eigenblut in den Epiduralraum injiziert wird, um das Liquorleck abzudichten.
  • Übelkeit und Erbrechen: Übelkeit und Erbrechen können ebenfalls als Folge des Druckabfalls im Schädel auftreten.
    • Antiemetika: Medikamente gegen Übelkeit (Antiemetika) können helfen, die Symptome zu lindern.
  • Schwindel: Schwindel kann durch den Druckabfall im Schädel oder durch eine Reizung der Nervenwurzeln verursacht werden.
    • Bettruhe und Flüssigkeitszufuhr: Bettruhe und ausreichend Flüssigkeitszufuhr können helfen, den Schwindel zu reduzieren.

Wichtige Hinweise für Patienten

  • Offene Kommunikation: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ihre Bedenken und Ängste bezüglich der Lumbalpunktion.
  • Individuelle Risikobewertung: Lassen Sie sich von Ihrem Arzt über die Risiken und Vorteile der Lumbalpunktion aufklären und besprechen Sie, ob eine ambulante oder stationäre Durchführung für Sie besser geeignet ist.
  • Beachten Sie die Anweisungen des Arztes: Halten Sie sich genau an die Anweisungen Ihres Arztes bezüglich Bettruhe, Flüssigkeitszufuhr und Einnahme von Medikamenten.
  • Suchen Sie bei Komplikationen einen Arzt auf: Wenn Sie nach der Lumbalpunktion starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel oder andere ungewöhnliche Symptome entwickeln, suchen Sie umgehend einen Arzt auf.

Gerinnungsmanagement bei rückenmarknahen Eingriffen

Ein wichtiger Aspekt bei der Planung einer Lumbalpunktion ist das Gerinnungsmanagement, insbesondere bei Patienten, die gerinnungshemmende Medikamente einnehmen. Die Einnahme solcher Medikamente erhöht das Risiko von Blutungen im Bereich des Rückenmarkkanals, was zu schwerwiegenden Komplikationen führen kann.

Risikobewertung

Vor einer Lumbalpunktion muss eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen, um das Risiko einer Thrombembolie gegen das Risiko einer Blutungskomplikation abzuwägen. Hierbei werden verschiedene Scores berücksichtigt:

  • CHA2DS2-VASc-Score: Zur Abschätzung des thrombembolischen Risikos, insbesondere bei Vorhofflimmern.
  • HAS-BLED-Score: Zur Abschätzung des allgemeinen Blutungsrisikos des Patienten.

Empfehlungen für das Gerinnungsmanagement

  • Thromboseprophylaxe: Eine prophylaktische medikamentöse Thromboseprophylaxe sollte möglichst erst postoperativ begonnen werden, um das Risiko einer anästhesieassoziierten rückenmarknahen Blutung zu minimieren.
  • Antikoagulantien: Nach einer rückenmarknahen Manipulation sollte ein Antikoagulans so verabreicht werden, dass der maximale Plasmaspiegel frühestens 8 Stunden nach Ende des Eingriffs erreicht wird. Nach einer traumatischen bzw. schwierigen rückenmarknahen Punktion sollte 24 Stunden abgewartet werden.
  • Katheterentfernung: Zwischen der letzten Gabe eines Antikoagulans und der Entfernung eines rückenmarknahen Katheters muss wenigstens die doppelte Halbwertszeit abgewartet werden, nach der noch 25 % der Substanz aktiv sind.
  • Zeitintervalle: Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) empfiehlt bestimmte Zeitintervalle zwischen der Gabe von Antikoagulantien und der Durchführung einer rückenmarknahen Punktion bzw. der Entfernung eines Katheters (siehe Tabelle 5 im Originaltext).

Besondere Substanzen

  • Unfraktionierte Heparine: Hier gelten unterschiedliche Empfehlungen je nach Dosierung (prophylaktisch oder therapeutisch) und Art der Verabreichung (i.v. oder s.c.).
  • Niedermolekulare Heparine: Auch hier gibt es unterschiedliche Empfehlungen je nach Dosierung.
  • Fondaparinux, Danaparoid, Argatroban, Dabigatran: Für diese Substanzen gelten spezifische Empfehlungen bezüglich der einzuhaltenden Zeitintervalle.
  • Alternative Heilmittel: Einige alternative Heilmittel wie Ginkgo biloba, Knoblauch und Ginseng stehen im Verdacht, die Gerinnung zu beeinträchtigen. Hier ist Vorsicht geboten und eine offene Kommunikation mit dem Arzt wichtig.

Kontraindikationen

Eine Infektion im Bereich der Einstichstelle gilt wegen der potenziellen intrathekalen Keimverschleppung als absolute Kontraindikation für ein rückenmarknahes Verfahren. Eine Bakteriämie stellt eine relative Kontraindikation dar.

Zusätzliche Aspekte und Perspektiven

  • Erfahrung des Arztes: Die Erfahrung des Arztes spielt eine entscheidende Rolle bei der Durchführung einer Lumbalpunktion. Ein erfahrener Arzt kann die Punktion schonender durchführen und das Risiko von Komplikationen minimieren.
  • Patientenmitarbeit: Eine gute Patientenmitarbeit ist wichtig für den Erfolg der Lumbalpunktion. Der Patient sollte sich entspannen und den Anweisungen des Arztes folgen.
  • Psychologische Aspekte: Die Lumbalpunktion kann für viele Patienten angstbesetzt sein. Eine gute Aufklärung und ein einfühlsames Vorgehen des Arztes können helfen, die Angst zu reduzieren.
  • Zukünftige Entwicklungen: Die Entwicklung neuer, noch schonenderer Nadeln und Techniken könnte die Lumbalpunktion in Zukunft noch sicherer und angenehmer für die Patienten machen.

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