Eine Parese, oft auch als inkomplette Lähmung bezeichnet, beschreibt eine Muskelschwäche oder eine teilweise Lähmung, im Gegensatz zur Plegie, die eine vollständige Lähmung darstellt. Die Ursachen für eine Parese sind vielfältig und die Behandlung muss individuell auf den Betroffenen abgestimmt werden. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der atropischen Parese, von den Ursachen über die Diagnose bis hin zu den verfügbaren Therapieansätzen.
1. Lähmungen in der Notfallmedizin
In der Notfallmedizin stellen Lähmungen eine besondere Herausforderung dar, da sie vielfältige Ursachen haben können und eine schnelle Diagnose und Intervention erfordern. Die Unterscheidung zwischen zentralen und peripheren Lähmungen ist dabei von entscheidender Bedeutung, da sie unterschiedliche diagnostische und therapeutische Ansätze erfordert.
2. Zentrale und Periphere Parese: Ein Überblick
Man unterscheidet grundsätzlich zwei Formen von Paresen, je nachdem, welcher Teil des Nervensystems betroffen ist:
- Zentrale Parese: Hier liegt die Schädigung im Gehirn oder Rückenmark vor. Betroffen ist der Nerv zwischen Gehirn und Vorderhornzelle des Rückenmarks (1. Motoneuron).
- Periphere Parese: Bei dieser Form ist der Nerv außerhalb des Gehirns und Rückenmarks geschädigt. Betroffen ist der Nerv zwischen der Vorderhornzelle des Rückenmarks und der motorischen Endplatte des Muskels (2. Motoneuron).
Bei einer zentralen Parese liegt die Ursache im Gehirn oder Rückenmark. Bei einer peripheren Parese ist der Nerv in seinem Verlauf in Armen oder Beinen geschädigt. Periphere Paresen können einen oder mehrere Nerven betreffen. Eine Schädigung mehrerer Nerven im Bereich des Nervengeflechts bezeichnet man als Plexusparese. Man unterscheidet eine Armplexusparese (Plexus brachialis) und eine Beinplexusparese (Plexus lumbalis).
Je nach betroffener Extremität unterscheidet man bei zentralen Paresen:
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- Monoparese: Betrifft nur eine Extremität, z.B. den Arm.
- Paraparese: Beide Beine sind betroffen, Arme sind nicht betroffen.
- Hemiparese: Arm und Bein einer Seite sind betroffen.
- Tetraparese: Alle vier Gliedmaßen sind betroffen.
Bei zentralen Paresen befindet sich die gelähmte Muskulatur immer auf der Gegenseite zur Gehirnschädigung. Bei peripheren Lähmungen ist die Parese immer gleichseitig zur Schädigung.
3. Ursachen einer Parese
Eine Parese entsteht durch eine Schädigung des motorischen Nervs, der die Bewegung in einem Muskel einleitet. Diese Schädigung kann verschiedene Ursachen haben:
- Druckschäden: Tumore oder Bandscheibenvorfälle können auf Nerven drücken und die Reizweiterleitung einschränken.
- Entzündungen: Entzündungen der Nerven und Muskeln infolge einer Infektion können zu Paresen führen.
- Traumatische Schäden: Verletzungen, wie z.B. ein Schädelhirntrauma, können Nervenbahnen schädigen.
- Neurologische Erkrankungen: Erkrankungen wie Multiple Sklerose (MS), Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) oder Motoneuronerkrankungen können Paresen verursachen.
- Gefäßerkrankungen: Ein Schlaganfall kann durch eine Durchblutungsstörung im Gehirn zu einer Parese führen.
- Genetische Ursachen: Spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine erbliche Motoneuronerkrankung, die zu Muskelschwäche und Lähmungen führt.
- Elektrolytstörungen: Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumspiegel im Blut) kann zu Muskelschwäche und schlaffen Paresen führen.
- Autoimmunerkrankungen: Das Stiff-Person-Syndrom (SPS) ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die zu Muskelverhärtungen, Steifigkeit und Krämpfen führen kann.
Einige Krankheitsbilder, bei denen Paresen häufig auftreten, sind:
- Querschnittslähmung
- Multiple Sklerose
- Infantile Zerebralparese (frühkindliche Hirnschädigung)
- Schlaganfall
- Schädelhirntrauma
- Bandscheibenvorfall
- Karpaltunnelsyndrom
- Tumore
4. Diagnostik der Parese
Die Diagnose einer Parese erfolgt in mehreren Schritten:
- Klinische Untersuchung: Der Arzt untersucht die Muskelkraft und Reflexe des Patienten. Dabei werden Skalen zur Bewertung der Muskelkraft herangezogen, wie z.B. der "Medical Research Council" (MRC), bei dem pro Muskel bzw. Bewegung Punkte von 0 bis 5 vergeben werden.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Durch Elektromyographie (EMG) und Elektroneurographie (ENG/NLG) können Nervenleitgeschwindigkeit und Muskel genauer untersucht werden.
- Bildgebende Verfahren: Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) können Aufschluss über eine zentrale Schädigung geben.
5. Differenzialdiagnostik
Es ist wichtig, andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen auszuschließen. Dazu gehören:
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- Mechanische Schädigung des Rückenmarks (zervikale Myelopathie)
- Muskelerkrankungen (z.B. Einschlusskörperchenmyopathie)
- Erkrankungen der peripheren Nerven (motorische Polyneuropathie)
- Bestimmte Formen der Multiplen Sklerose
- Neurologische Folgeerkrankungen durch Tumore (paraneoplastische Syndrome)
- Sehr seltene Stoffwechselerkrankungen
Um diese Erkrankungen nachzuweisen oder auszuschließen, stehen verschiedene Untersuchungsmethoden zur Verfügung: Magnetresonanztomographie (Tumor- oder Entzündungserkrankungen des Gehirns und Rückenmarks), Nervenwasseruntersuchung (Infektionen und Autoimmunerkrankungen) oder spezifische Blutuntersuchungen (Stoffwechselerkrankungen, Autoimmunerkrankungen und bestimmte Tumorerkrankungen).
6. Therapie der Parese
Die Therapie einer Parese richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Grundsätzlich kommen zwei Therapieansätze infrage, die auch miteinander kombiniert werden können:
- Medikamentöse Behandlung:
- Bei Entzündungen der Nerven und Muskeln werden Medikamente zur Behandlung der ursächlichen Erkrankung eingesetzt.
- Bei Tumorerkrankungen kommen Chemo- oder Strahlentherapie zum Einsatz.
- Bei spastischen Lähmungen werden Muskelrelaxantien wie Baclofen oder Tizanidin eingesetzt, um den Muskeltonus zu senken. Auch die Injektion von Botulinumtoxin kann bei Spastik helfen.
- Bei Autoimmunerkrankungen wie dem SPS können Kortisonpräparate oder Immunglobuline eingesetzt werden, um das Immunsystem zu bremsen.
- Bei der spinalen Muskelatrophie (SMA) gibt es inzwischen die Möglichkeit, mit spezifischen Medikamenten die Erkrankung auch kausal zu behandeln, um das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen.
- Physiotherapie:
- Regelmäßige Physiotherapie hilft, die Mobilität zu erhalten oder zu verbessern und einen Abbau der Muskulatur (Atrophie) zu verhindern.
- Bei Spastik kommen neurophysiologische Behandlungsmethoden wie Bobath, Vojta, PNF oder die Feldenkrais-Methode zum Einsatz, um die Spannung zu senken.
- Funktionelle Elektrostimulation kann in Kombination mit aktiven Übungen eingesetzt werden, um die Muskeln zu aktivieren und die Regeneration der Nerven zu fördern.
- Wärmebehandlung (z.B. Fango oder heiße Rolle) und Massagen können zur Muskelentspannung beitragen.
Zusätzlich zur medikamentösen und physiotherapeutischen Behandlung können weitere Maßnahmen sinnvoll sein:
- Ergotherapie: Hilft, die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten oder wiederzuerlangen.
- Logopädie: Bei Sprech- und Schluckstörungen.
- Psychologische Betreuung: Um die psychischen Belastungen durch die Lähmung zu bewältigen.
- Hilfsmittel: Je nach Art und Ausmaß der Lähmung können Hilfsmittel wie Rollstühle, Orthesen oder Kommunikationshilfen notwendig sein.
7. Verlauf und Prognose
Der Verlauf einer Parese hängt von der Ursache und dem Ausmaß der Nervenschädigung ab. Kann die Ursache behoben werden, kann sich die Lähmung zurückbilden. Bei chronischen Erkrankungen wie MS oder ALS ist die Lähmung häufig irreversibel.
Unabhängig von der Ursache ist eine frühzeitige und konsequente Therapie wichtig, um die Mobilität und Lebensqualität des Betroffenen zu erhalten oder zu verbessern.
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8. Spezifische Erkrankungen mit Paresen
8.1 Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine schwere, bisher nicht heilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems. Bei der ALS verlieren die motorischen Nervenzellen, die für die willkürliche Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind, fortschreitend ihre Funktion.
Symptome:
Zu Beginn der ALS nehmen Patienten überwiegend Muskelschwäche (Parese), Muskelschwund (Atrophie) sowie Muskelsteifigkeit (Spastik) wahr. Die individuellen Beschwerden hängen davon ab, welches Motoneuron und welche Muskelgruppe stärker betroffen ist.
Diagnose:
Die wesentlichen Hinweise für eine ALS ergeben sich bereits durch eine körperliche Untersuchung. Neurologisch ausgebildete Ärzte sind in der Lage, ALS-typische Symptome festzustellen. Typischerweise liegen bei ALS-Patienten keine Gefühlsstörung, Nervenschmerzen oder geistigen Einschränkungen vor.
Therapie:
Therapeutisch ist in Deutschland das Medikament Riluzol zugelassen. Daneben gibt es eine Vielzahl von Therapiemöglichkeiten, um einzelne Symptome der Erkrankung, wie z.B. Muskelkrämpfe oder vermehrten Speichelfluss, abzumildern. Die Versorgung von Patienten mit einer ALS sollte in einem multidisziplinären Team unter Einbindung einer Spezialambulanz erfolgen.
8.2 Spinale Muskelatrophie (SMA)
Die spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine erbliche Motoneuronerkrankung, die häufig schon im frühen Kindesalter beginnt. Dabei kommt es zu einer fortschreitenden schlaffen Muskelschwäche an Armen und Beinen.
Therapie:
Bei der klassischen Form der SMA (Deletion des SMN1-Gens) gibt es inzwischen die Möglichkeit, mit spezifischen Medikamenten die Erkrankung auch kausal zu behandeln mit der Hoffnung, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen.
8.3 Stiff-Person-Syndrom (SPS)
Das Stiff-Person-Syndrom (SPS) ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die zu Muskelverhärtungen, Steifigkeit und Krämpfen führt.
Diagnose:
Die Diagnose wird gestellt durch die neurologische Untersuchung sowie typische Veränderungen in der Elektromyographie (elektrophysiologische Untersuchung der betroffenen Muskeln) und dem Nachweis bestimmter typischer Antikörper im Blut bzw. Nervenwasser.
Therapie:
Die Behandlung stützt sich auf die drei Säulen: 1. Physiotherapie und muskelentspannende Maßnahmen, 2. muskelentspannende Medikamente (zur symptomatischen Behandlung) und 3. ggf. Immuntherapie (z.B. Kortisonpräparate, Immunglobuline).
9. Der Fall des Hyperkaliämie-Patienten
Der eingangs erwähnte Fall eines Patienten, der nach Umlagerung im MRT eine Besserung seiner Beinbeweglichkeit angab, verdeutlicht die Komplexität der Diagnosefindung in der Notfallmedizin. Die Hyperkaliämie, vermutlich verursacht durch ein Prostatakarzinom und eine Blasentamponade, führte zu einer akuten Niereninsuffizienz und beeinträchtigte den Säure-Basen-Haushalt. Die medikamentöse Therapie mit Vitamin B1, einem Kationenaustauscher, Metamizol und Lorazepam sowie die Diurese trugen zur Stabilisierung des Patienten bei. Dieser Fall unterstreicht die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen und die Notwendigkeit, auch bei bedrohlichen Symptomen wie einer Querschnittslähmung, alternative Ursachen in Betracht zu ziehen.
10. Take-Home-Message
Die atropische Parese ist ein komplexes Krankheitsbild mit vielfältigen Ursachen und Ausprägungen. Eine sorgfältige Diagnostik und eine individuell angepasste Therapie sind entscheidend, um die Mobilität und Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten oder zu verbessern. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen spielt dabei eine wichtige Rolle.
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