Die Zerebralparese, auch bekannt als Infantile Zerebralparese (ICP), ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe von Erkrankungen, die durch eine frühkindliche Hirnschädigung verursacht werden. Diese Schädigung führt zu dauerhaften Störungen der Bewegung, Körperhaltung und Koordination. Die Ausprägung der Erkrankung variiert stark und reicht von leichten motorischen Schwierigkeiten bis hin zu schwerwiegenden Einschränkungen.
Was ist eine Zerebralparese?
Der Begriff "Zerebralparese" setzt sich aus den lateinischen Wörtern "cerebrum" (Gehirn) und dem griechischen Wort "parese" (Lähmung) zusammen. Es handelt sich um eine nicht fortschreitende Schädigung des unreifen Gehirns, die vor, während oder kurz nach der Geburt auftritt. Die resultierenden Funktionsstörungen können sich in vielfältiger Weise äußern und betreffen häufig die Motorik, aber auch andere Bereiche wie Sprache, Wahrnehmung und Kognition. Die Grunderkrankung bleibt lebenslang bestehen, schreitet aber nicht voran.
Ursachen der Zerebralparese
Die Ursachen der Zerebralparese sind vielfältig und können in pränatale (vor der Geburt), perinatale (während der Geburt) und postnatale (nach der Geburt) Faktoren unterteilt werden. In etwa 30 % der Fälle lässt sich keine eindeutige Ursache feststellen.
Pränatale Ursachen:
- Hirnfehlbildungen: Genetisch bedingte oder erworbene Fehlbildungen des Gehirns können die normale Entwicklung beeinträchtigen.
- Infektionen der Mutter: Infektionen wie Röteln, Zytomegalie, Toxoplasmose oder Herpes simplex während der Schwangerschaft können das kindliche Gehirn schädigen.
- Sauerstoffmangel: Eine verminderte Sauerstoffversorgung des kindlichen Gehirns im Mutterleib kann zu Schäden führen.
- Schlaganfall des Kindes: Blutgerinnsel in der Plazenta können den Blutfluss zum kindlichen Gehirn blockieren und einen Schlaganfall verursachen.
- Gifteinwirkungen: Medikamentenmissbrauch oder andere schädliche Substanzen können die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen.
- Genetische Ursachen: Spontane Veränderungen in den Genen des Kindes können zu einer Zerebralparese führen.
Perinatale Ursachen:
- Sauerstoffmangel während der Geburt: Komplikationen während der Geburt können zu Sauerstoffmangel und Hirnschäden führen.
- Frühgeburt: Frühgeborene haben ein höheres Risiko für Hirnblutungen und andere Komplikationen, die eine Zerebralparese verursachen können.
Postnatale Ursachen:
- Hirnhautentzündung (Meningitis): Eine Entzündung der Hirnhäute kann das Gehirn schädigen.
- Schwere Gelbsucht (Kernikterus): Unbehandelte schwere Gelbsucht kann zu Ablagerungen von Bilirubin im Gehirn und zu Schäden führen.
- Schwere Kopfverletzungen: Traumata des Schädels können Hirnschäden verursachen.
Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit einer Zerebralparese erhöhen, sind Frühgeburt, Geburtskomplikationen, niedriges Geburtsgewicht, Mehrlingsschwangerschaften, Übergewicht der Mutter während der Schwangerschaft und bestimmte Infektionserkrankungen.
Häufigkeit der Zerebralparese
Die Zerebralparese tritt bei etwa 1 bis 2,5 von 1.000 Neugeborenen auf. Frühgeborene sind häufiger betroffen. Sie ist die häufigste Entwicklungsstörung im Kindesalter, die die Motorik betrifft.
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Symptome der Zerebralparese
Die Symptome der Zerebralparese sind vielfältig und hängen von der Art, Lage und dem Ausmaß der Hirnschädigung ab. Sie können sich im Laufe der Entwicklung des Kindes verändern. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Motorische Störungen:
- Spastik: Erhöhter Muskeltonus, der zu Steifheit und Verkrampfungen führt. Die willentliche Muskelsteuerung ist kaum noch möglich (spastische Lähmung).
- Dyskinesie: Unwillkürliche, stereotype Bewegungen, die die Willkürbewegungen verzerrt wirken lassen. Es besteht ein stetiger Wechsel zwischen erhöhter und verringerter Muskelspannung. Die Bewegungsabläufe erfolgen unkontrolliert und sind durch unbeabsichtigte Bewegungsmuster gekennzeichnet.
- Ataxie: Schwierigkeiten mit Koordination und Gleichgewicht, was zu unsicheren und ungenauen Bewegungen führt. Initiierte Bewegungen werden mit abnormer Kraft, Genauigkeit und Geschwindigkeit durchgeführt.
- Verzögerte motorische Entwicklung: Das Erreichen von Meilensteinen wie Sitzen, Krabbeln oder Laufen erfolgt später als bei anderen Kindern.
- Abnorme Bewegungsmuster: Ungewöhnliche Haltungen oder Bewegungsabläufe, z. B. Zehenspitzengang, Scherengang.
- Muskelschwäche: Verminderte Muskelkraft in bestimmten Körperteilen.
- Weitere Symptome:
- Sprach- und Sprechstörungen: Schwierigkeiten bei der Artikulation, dem Sprachverständnis oder der Sprachproduktion.
- Seh- und Hörstörungen: Eingeschränktes Seh- oder Hörvermögen.
- Wahrnehmungsstörungen: Schwierigkeiten bei der Verarbeitung sensorischer Informationen.
- Geistige Beeinträchtigungen: Lernschwierigkeiten oder eine verminderte Intelligenz.
- Epilepsie: Anfallsleiden.
- Verhaltensauffälligkeiten: Schwierigkeiten im sozialen Umgang oder emotionale Probleme.
- Skoliose: Verkrümmung der Wirbelsäule.
- Hüftdysplasie/Hüftluxation: Fehlstellung des Hüftgelenks.
- Fußfehlstellungen: Z. B. Spitzfuß, Knickfuß, Klumpfuß.
- Schmerzen: Häufig aufgrund von Muskelverspannungen, Gelenkfehlstellungen oder anderen Komplikationen.
Klassifikation der Zerebralparese
Die Zerebralparese wird anhand verschiedener Kriterien klassifiziert, darunter:
- Art der Bewegungsstörung: Spastisch, dyskinetisch, ataktisch oder gemischt.
- Betroffene Körperregionen:
- Hemiparese: Eine Körperhälfte ist betroffen.
- Diparese: Beide Beine sind betroffen.
- Tetraparese: Der gesamte Körper ist betroffen.
- Schweregrad der Beeinträchtigung: Es gibt verschiedene Klassifikationssysteme, wie z. B. das Gross Motor Function Classification System (GMFCS), das die motorische Funktion in fünf Stufen einteilt.
Diagnose der Zerebralparese
Die Diagnose der Zerebralparese basiert auf einer umfassenden Untersuchung des Kindes, die Folgendes umfasst:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte des Kindes und der Familie, einschließlich möglicher Risikofaktoren.
- Körperliche Untersuchung: Beurteilung der Spontanmotorik, der passiven Beweglichkeit, des Muskeltonus, der Muskelkraft, der Sensibilität und der Koordination.
- Neurologische Untersuchung: Überprüfung der Reflexe, der Hirnnervenfunktionen und anderer neurologischer Zeichen.
- Entwicklungsdiagnostik: Beurteilung des Entwicklungsstandes des Kindes in verschiedenen Bereichen wie Motorik, Sprache und Kognition.
- Bildgebende Verfahren:
- Magnetresonanztomographie (MRT): Zur Darstellung der Hirnstruktur und zur Identifizierung von Schädigungen oder Fehlbildungen.
- Ultraschall des Gehirns: Kann bei Säuglingen zur Beurteilung der Hirnstruktur eingesetzt werden.
- Weitere Untersuchungen:
- Elektroenzephalographie (EEG): Zur Messung der Hirnströme und zum Nachweis von Epilepsie.
- Blutuntersuchungen: Zum Ausschluss anderer Erkrankungen.
- Gendiagnostik: Bei Verdacht auf eine genetische Ursache.
- Seh- und Hörprüfung: Zur Beurteilung des Seh- und Hörvermögens.
Es ist wichtig, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome verursachen können.
Therapie der Zerebralparese
Die Zerebralparese ist nicht heilbar, aber die Therapie zielt darauf ab, die Lebensqualität des Kindes zu verbessern, seine Fähigkeiten zu fördern und Komplikationen zu vermeiden. Die Behandlung ist multidisziplinär und umfasst verschiedene Fachrichtungen:
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- Physiotherapie:
- Ziel: Verbesserung der Motorik, der Koordination, des Gleichgewichts und der Muskelkraft.
- Methoden: Funktionelle Übungen, Gangtraining, Laufbandtraining, passive Übungen zur Dehnung verkürzter Muskeln.
- Ergotherapie:
- Ziel: Verbesserung derHand- und Armfunktion, der Selbstständigkeit im Alltag und derIntegration in den Kindergarten oder die Schule.
- Methoden: Training vonAlltagsaktivitäten,Anpassung von Hilfsmitteln,sensorische Integrationstherapie.
- Logopädie:
- Ziel: Verbesserung derSprach- und Sprechfähigkeit, derKommunikation und derSchluckfunktion.
- Methoden: Sprachtherapie,Sprechtherapie, Schlucktherapie.
- Orthopädische Behandlung:
- Ziel: Korrektur von Fehlstellungen,Verhinderung von Kontrakturen undVerbesserung derFunktionsfähigkeit desBewegungsapparates.
- Methoden: Orthesen, Gipsbehandlungen,operative Eingriffe (z.B.Muskelverlängerungen,Sehnenverlagerungen, knöcherneUmstellungsoperationen).
- Medikamentöse Therapie:
- Ziel:Reduktion von Spastik,Kontrolle von Epilepsie,Linderung von Schmerzen.
- Medikamente: Baclofen, Tizanidin,Botulinumtoxin (Botox),Antiepileptika, Schmerzmittel.
- Botulinumtoxin-Injektionen:
- Ziel: Gezielte Reduktion der Muskelspannung in spastischen Muskeln.
- Anwendung: Das Botulinumtoxin wird in den überaktiven Muskel injiziert, um die Muskelspannung zu reduzieren. Die therapeutische Wirkung kann durch zusätzliche Gips- oder Orthesenanpassung und gezielte Physiotherapie optimiert werden.
- Neurochirurgische Eingriffe:
- Selektive dorsale Rhizotomie: Durchtrennung von Nervenfasern, die für die Spastik verantwortlich sind.
- Implantation von Medikamentenpumpen (Lioresalpumpen): Kontinuierliche Abgabe von Muskelrelaxantien in die Rückenmarksflüssigkeit.
- Weitere Behandlungsmöglichkeiten:
- Psychologische Betreuung: Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung und derEntwicklung eines positivenSelbstbildes.
- Sozialpädagogische Beratung: Unterstützung bei derBeantragung von Hilfsmitteln undLeistungen,Vermittlung von Kontakten zuSelbsthilfegruppen.
- Rehabilitation: Ambulante oderstationäre Rehabilitation zurIntensivierung derTherapie und zurFörderung derSelbstständigkeit.
- Orthopädietechnische Hilfsmittel: Orthesen, Gehhilfen, Rollstühle zur Unterstützung derMobilität undFunktionsfähigkeit.
- Elektrostimulation: Abgabe von schwachen elektrischen Impulsen zur Entspannung spastischer Muskeln.
Die Therapie wird individuell an die Bedürfnisse des Kindes angepasst und regelmäßig überprüft. Ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Therapeuten, Eltern und anderen Fachkräften arbeitet zusammen, um die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten.
Leben mit Zerebralparese
Die Zerebralparese ist eine lebenslange Erkrankung, die das Leben der Betroffenen und ihrer Familien stark beeinflussen kann. Mit einer frühzeitigen und umfassenden Therapie können viele Kinder jedoch ein selbstständiges und erfülltes Leben führen. Die Lebenserwartung hängt vom Schweregrad der Erkrankung ab. Viele Betroffene erreichen das Erwachsenenalter und haben eine annähernd normale Lebenserwartung.
Es ist wichtig, dass Kinder mit Zerebralparese die Möglichkeit haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dies kann durch die Integration in Regelschulen, die Teilnahme an Freizeitaktivitäten und die Unterstützung durch Selbsthilfegruppen gefördert werden.
Was können Eltern tun?
Eltern spielen eine entscheidende Rolle bei der Betreuung und Förderung ihres Kindes mit Zerebralparese. Sie sollten:
- Sich umfassend über die Erkrankung informieren.
- Eng mit dem Behandlungsteam zusammenarbeiten.
- Die Therapie konsequent umsetzen.
- Ihr Kind ermutigen und unterstützen.
- Die Stärken ihres Kindes fördern.
- Sich mit anderen Eltern austauschen.
- Sich selbst nicht überfordern und auf ihre eigene Gesundheit achten.
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