Trigeminusneuralgie: Ursachen, Symptome und Therapie

Die Trigeminusneuralgie ist eine chronische Schmerzerkrankung, die durch heftige, attackenartige Gesichtsschmerzen gekennzeichnet ist. Diese Schmerzen entstehen im Versorgungsbereich des Nervus trigeminus, dem fünften Hirnnerven, der für die sensible Versorgung des Gesichts zuständig ist. Die Trigeminusneuralgie kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen, da alltägliche Aktivitäten wie Sprechen, Kauen oder Schlucken zu einer Herausforderung werden können.

Anatomie und Funktion des Nervus trigeminus

Der Nervus trigeminus ist der fünfte Hirnnerv und spielt eine zentrale Rolle bei der sensiblen und motorischen Versorgung des Gesichts. Er ist für die Wahrnehmung von Berührungs-, Temperatur- und Schmerzreizen im Gesichtsbereich verantwortlich und steuert die Kaumuskulatur.

Sensible Versorgung:

  • Gesichtshaut (mit Ausnahme des Kieferwinkels)
  • Teile des behaarten Kopfes
  • Ohrtragus und Vorderwand des äußeren Gehörgangs
  • Tympanische Membran
  • Schleimhäute von Nase, Mund und Nasennebenhöhlen
  • Kornea und Konjunktiva
  • Dura der vorderen und mittleren Schädelgrube
  • Ipsilaterale Zunge und weicher Gaumen

Motorische Versorgung:

  • Kaumuskulatur
  • M. tensor tympani
  • M. tensor veli palatini

Der Nervus trigeminus entspringt dem Ganglion Gasseri (semilunare), das am Boden der mittleren Schädelgrube liegt. Die sensible Wurzel verläuft durch die laterale pontine Zisterne zur Brücke, wo kurze aufsteigende Fasern den mesenzephalen Nukleus (vorwiegend für Berührungsempfinden) und lange absteigende Fasern den spinalen Nukleus (vorwiegend für Schmerz- und Temperaturempfindung) bilden. Die sensiblen Endäste des Nervus trigeminus sind:

  • N. ophthalmicus (Verlauf durch die Fissura orbitalis superior)
  • N. maxillaris (Verlauf durch das Foramen rotundum)
  • N. mandibularis (Verlauf durch das Foramen ovale)

Mit dem N. mandibularis verläuft die motorische Wurzel, die vom motorischen Kerngebiet im mittleren Pons ausgeht.

Ursachen der Trigeminusneuralgie

Die Trigeminusneuralgie wird in verschiedene Formen unterteilt, die jeweils unterschiedliche Ursachen haben können:

Lesen Sie auch: Diagnose und Behandlung von Kleinhirnläsionen

Klassische (idiopathische) Trigeminusneuralgie

Die klassische Trigeminusneuralgie ist die häufigste Form und wird oft durch einen pathologischen Gefäß-Nerv-Kontakt im Bereich des Hirnstamms verursacht. Dabei drückt ein Blutgefäß, meist die Arteria cerebelli superior, auf den Nervus trigeminus und schädigt dessen Myelinscheide. Diese Schädigung führt zu einer Irritation des Nervs und löst die typischen Schmerzattacken aus. Risikofaktoren für diese Form sind Arterienverkalkung (Arteriosklerose), die zu einer Verdickung und Starrheit der Arterienwände führt.

Sekundäre (symptomatische) Trigeminusneuralgie

Die sekundäre Trigeminusneuralgie wird durch eine andere Grunderkrankung verursacht, die den Nervus trigeminus schädigt oder komprimiert. Mögliche Ursachen sind:

  • Multiple Sklerose (MS): Demyelinisierung im Bereich der Eintrittsstelle der Nervenwurzel.
  • Hirntumoren: Akustikusneurinome, Meningeome oder andere Raumforderungen, die auf den Nerv drücken.
  • Gefäßmissbildungen: Aneurysmen oder Angiome im Bereich des Hirnstamms.
  • Schlaganfall: Umschriebene Hirnstammischämien.
  • Entzündungen: Entzündungsprozesse im Bereich des Trigeminusnervs.

Idiopathische Trigeminusneuralgie

Bei der idiopathischen Trigeminusneuralgie kann keine eindeutige Ursache für die Beschwerden festgestellt werden. Es wird jedoch vermutet, dass auch hier subtile Veränderungen an den Gefäßen oder Nerven vorliegen könnten, die mit bildgebenden Verfahren nicht nachweisbar sind.

Symptome der Trigeminusneuralgie

Das Leitsymptom der Trigeminusneuralgie sind heftige, einschießende Schmerzattacken im Gesicht, die sich wie ein elektrischer Schlag anfühlen können. Die Schmerzen treten meist einseitig auf und sind auf das Versorgungsgebiet eines oder mehrerer Äste des Nervus trigeminus begrenzt.

Typische Merkmale der Schmerzattacken:

  • Blitzartig einschießend: Die Schmerzen treten plötzlich und unerwartet auf.
  • Heftigste Intensität: Die Schmerzen erreichen auf einer Schmerzskala (VAS) oft den höchsten Wert.
  • Kurze Dauer: Die Schmerzen dauern meist nur wenige Sekunden bis maximal zwei Minuten.
  • Triggerpunkte: Bestimmte Bewegungen oder Berührungen von Haut- oder Schleimhautarealen im Versorgungsgebiet des Nervs können die Schmerzen auslösen (z.B. Sprechen, Kauen, Rasieren, Zähneputzen, kalte Luft).
  • Beschwerdefreiheit zwischen den Attacken: Zwischen den Schmerzattacken besteht in der Regel Schmerzfreiheit.
  • Tic douloureux: Gelegentlich können die Schmerzen von einem reflektorischen Zucken der Gesichtsmuskulatur begleitet sein.
  • Begleitsymptome: Hautrötung und Augentränen können auftreten.

Die Schmerzattacken können mehrmals täglich, manchmal sogar mehrmals pro Minute auftreten und über Wochen oder Monate anhalten. Zu Beginn der Erkrankung können auch wochen- bis monatelange schmerzfreie Intervalle auftreten. In der Regel ist der Verlauf jedoch progredient, d.h. die Schmerzen werden im Laufe der Zeit häufiger und intensiver.

Lesen Sie auch: Überblick: Ursachen für Läsionen im Rückenmark der Halswirbelsäule

Differenzialdiagnose

Es ist wichtig, die Trigeminusneuralgie von anderen Ursachen für Gesichtsschmerzen abzugrenzen. Mögliche Differenzialdiagnosen sind:

  • Postzosterische Neuralgie
  • Cluster-Kopfschmerz
  • Kraniomandibuläre Dysfunktion
  • Trigeminusneuropathie (mit Dauerschmerz und Gefühlsstörungen, kein Triggereffekt)
  • Zahn- oder Kiefererkrankungen
  • Atypischer Gesichtsschmerz (Persistent Idiopathic Facial Pain, PIFP)

Diagnostik der Trigeminusneuralgie

Die Diagnose der Trigeminusneuralgie basiert in erster Linie auf der Anamnese und der neurologischen Untersuchung. Der Arzt erfragt die genaue Schmerzbeschreibung, die Lokalisation, die Auslöser und den zeitlichen Verlauf der Schmerzen.

Neurologische Untersuchung:

  • Überprüfung der Sensibilität im Gesichtsbereich
  • Untersuchung der Hirnnervenfunktionen
  • Ausschluss anderer neurologischer Erkrankungen

Bildgebende Verfahren:

  • Magnetresonanztomografie (MRT): Zum Ausschluss einer sekundären Trigeminusneuralgie (z.B. durch Multiple Sklerose, Hirntumor oder Gefäßmissbildung) und zur Beurteilung eines möglichen Gefäß-Nerv-Kontakts.
  • Computertomografie (CT): Zur Beurteilung der knöchernen Strukturen des Schädels.
  • Angiografie oder Kernspin-Angiografie (MRA): Zur Darstellung der Blutgefäße im Schädelbereich und zum Nachweis von Gefäßmissbildungen.

Elektrophysiologische Untersuchungen:

  • Trigeminus-SEP (somatosensorisch evozierte Potentiale): Überprüfung der Funktionsfähigkeit sensibler Nervenbahnen.
  • Überprüfung von Lidschlussreflex und Kaumuskelreflex (Masseterreflex).

Therapie der Trigeminusneuralgie

Die Therapie der Trigeminusneuralgie zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es stehen verschiedene Behandlungsoptionen zur Verfügung, die je nach Ursache, Schweregrad und individuellen Bedürfnissen des Patienten eingesetzt werden.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie ist in der Regel die erste Wahl bei der Behandlung der Trigeminusneuralgie. Mittel der Wahl sind Antikonvulsiva, die normalerweise zur Behandlung von epileptischen Anfällen eingesetzt werden. Diese Medikamente können die Anzahl und Intensität der Schmerzattacken reduzieren.

Häufig eingesetzte Medikamente:

  • Carbamazepin: Wirksam bei ca. 75 % der Patienten, einschleichende Gabe erforderlich.
  • Oxcarbazepin: Alternative zu Carbamazepin.
  • Lamotrigin: Keine zuverlässige Wirkspiegel-Effekt-Beziehung.
  • Gabapentin und Pregabalin: Können in Kombination mit anderen Medikamenten eingesetzt werden.
  • Baclofen und Pimozid: Weitere Optionen für die medikamentöse Therapie.

Wichtig: Opioide und nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie ASS oder Ibuprofen sind bei Trigeminusneuralgie in der Regel unwirksam.

Lesen Sie auch: Behandlung von Hirnstammläsionen

Neurochirurgische Verfahren

Wenn die medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirksam ist oder zu unerträglichen Nebenwirkungen führt, können neurochirurgische Verfahren in Betracht gezogen werden. Diese Verfahren zielen darauf ab, den Nervus trigeminus zu entlasten oder die Schmerzweiterleitung zu unterbrechen.

Mikrovaskuläre Dekompression (MVD) nach Jannetta:

  • Entfernung des komprimierenden Blutgefäßes vom Nervus trigeminus und Einsetzen eines Interponats (z.B. Teflon) zwischen Gefäß und Nerv.
  • Effektiv bei ca. 90 % der Patienten, nach 10 Jahren noch bei 75 %.
  • Geringstes Risiko für sensorische trigeminale Nebenwirkungen.
  • Niedrigste relative Rezidivrate.
  • Mortalität 0,2 %, Morbidität 1 %.

Perkutane Verfahren:

  • Thermokoagulation des Ganglion Gasseri: Gezielte Hitzeschädigung des Nervenknotens zur Unterbrechung der Schmerzweiterleitung.
  • Glycerolinstillation: Injektion von Glycerol in das Ganglion Gasseri zur Schädigung der Nervenfasern.
  • Ballonkompression: Kompression des Ganglion Gasseri mit einem Ballonkatheter.
  • Effektiv bei ca. 80 % der Patienten.
  • Mortalität <1 %, Anaesthesia dolorosa bei ca. 5 %, Rezidive bei ca. 20 %.

Stereotaktische Radiochirurgie (Gamma-Knife-Bestrahlung):

  • Gezielte Bestrahlung des Nervus trigeminus mit einer hohen Strahlendosis zur Schädigung der Nervenfasern.
  • Besserung der Symptomatik oft erst nach Tagen bis Wochen.
  • Langzeitergebnisse nicht so gut wie bei der mikrovaskulären Dekompression.

Alternative und ergänzende Therapien

Neben den konventionellen Behandlungsmethoden gibt es auch alternative und ergänzende Therapien, die bei der Behandlung der Trigeminusneuralgie eingesetzt werden können. Diese Therapien sind jedoch oft nicht ausreichend wissenschaftlich belegt und sollten nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt angewendet werden.

Mögliche alternative und ergänzende Therapien:

  • Akupunktur
  • Biofeedback
  • Chiropraktik
  • Vitamin- und Nahrungsergänzungsmittel
  • Botulinumtoxin-Injektionen

Psychologische Unterstützung

Die Trigeminusneuralgie kann eine erhebliche psychische Belastung darstellen. Eine psychologische oder psychotherapeutische Behandlung kann helfen, mit den Schmerzen umzugehen, Stress abzubauen und die Lebensqualität zu verbessern.

Verlauf und Prognose

Der Verlauf der Trigeminusneuralgie ist sehr variabel. Bei manchen Betroffenen bleibt es bei einem einmaligen Anfall, während bei anderen die Schmerzen chronisch werden und das Alltagsleben massiv beeinträchtigen. Mit der richtigen Behandlung lassen sich die Schmerzen jedoch in den meisten Fällen zumindest zeitweise reduzieren oder kontrollieren. Eine vollständige Heilung ist derzeit jedoch nicht immer möglich.

tags: #lasion #des #nervus #trigeminus