Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen, von der etwa einer von 100 Menschen betroffen ist. Die Diagnose und Behandlung von Epilepsie erfordert einen systematischen und individuellen Ansatz. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die ambulante Abklärung und Diagnostik von Epilepsie, einschließlich der verschiedenen diagnostischen Verfahren, Therapieoptionen und Beratungsangebote.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist keine einheitliche Erkrankung, sondern ein Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Ursachen. Das häufigste Symptom ist ein epileptischer Anfall, bei dem es zu einer synchronen Massenentladung von Nervenzellen im Gehirn kommt. Art, Ausprägung und Dauer eines Anfalls können sehr unterschiedlich sein.
Ursachen von Epilepsie
Im Kindesalter sind insbesondere genetische Ursachen, Hirnschäden durch Sauerstoffmangel, Infektionen, Infarkte, Blutungen oder Traumata sowie Hirntumore zu nennen. Die Diagnose Epilepsie wird gestellt, wenn mindestens ein epileptischer Anfall aufgetreten ist und die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Anfall sehr hoch eingeschätzt wird.
Ambulante Abklärung bei Verdacht auf Epilepsie
Die ambulante Abklärung bei Verdacht auf Epilepsie umfasst mehrere Schritte, um die Diagnose zu sichern und die Ursache der Anfälle zu ermitteln.
Anamnese und neurologische Untersuchung
Die Anamnese ist bei der Diagnose entscheidend. Oft folgen epileptische Anfälle demselben Muster, und bei deren Einordung sind Beschreibungen von Bezugspersonen und Videoaufzeichnungen zentral. Im Rahmen des Ambulanztermins werden eine ausführliche Anamnese und neurologische Untersuchung durchgeführt.
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Elektroenzephalographie (EEG)
Als Eckpfeiler der apparativen Diagnostik steht insbesondere die Elektroenzephalographie (EEG) zur Verfügung. Meist werden in der Routine-EEG-Untersuchung bereits typische und für eine Epilepsie sprechende Befunde sichtbar, manchmal sind ergänzend Schlaf-EEG-Ableitungen, Video-EEG-Oberflächenmonitoring und/oder invasives Video-EEG-Monitoring notwendig.
Radiologische Untersuchungstechniken
Zur Ursachenabklärung ist in den meisten Fällen eine hochauflösende Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes indiziert. Hier steht die Frage nach einer strukturellen Veränderung des Gehirns als Ursache für die Epilepsie im Vordergrund.
Laboruntersuchungen
Je nach individueller Konstellation sollten Laborwerte aus Blut, Urin und Nervenwasser bestimmt und die Diagnostik auf andere Organsysteme ausgeweitet werden.
Differentialdiagnosen
Bei fast jedem dritten Patienten, der mit der Verdachtsdiagnose „Epilepsie“ vorgestellt wird, stellt sich heraus, dass die Anfälle eine andere Ursache haben. Es ist wichtig, andere anfallsartige Störungen wie Kreislaufstörungen, Synkopen oder Bewegungsstörungen auszuschließen.
Therapie von Epilepsie
Die Therapie wird auf den einzelnen Patienten und die jeweilige Art der Epilepsie individuell abgestimmt.
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Medikamentöse Therapie
Meist wird mit einer ambulant eingeleiteten, medikamentösen Therapie mit sogenannten Antikonvulsiva (Synonym Antiepileptika) begonnen, die das Auftreten von Anfällen unterdrücken soll. Art und Dosierung eines Antikonvulsivums werden vom behandelnden Arzt so gewählt, dass das Medikament möglichst gut vor Anfällen schützt und keine oder nur geringe Nebenwirkungen verursacht. Eine vertrauensvolle Patient- und Bezugspersonen-Arzt-Beziehung ist eine wesentliche Grundlage für eine erfolgreiche Therapie. Es gibt inzwischen >20 verschiedene Substanzen mit unterschiedlicher Wirkweise, sodass die Auswahl der für Sie am besten passenden Medikation immer individuell getroffen werden muss. Eventuell ist auch eine Kombination verschiedener Substanzen sinnvoll.
Bei circa zwei Drittel der Betroffenen ist eine medikamentöse Therapie mit einem oder zwei Präparaten erfolgreich. Wenn zwei Antikonvulsiva nicht zur Anfallsfreiheit geführt haben, spricht man von einer therapieschweren oder therapieresistenten Epilepsie. Dann liegt die Chance auf Anfallsfreiheit durch die Gabe eines weiteren Antikonvulsivums unter 5%.
Spezielle Ernährungsformen
Ergänzend können spezielle Ernährungsformen wie die ketogene Diät, die modifizierte Atkins Diät oder die Low-Glycemic-Index-Diät eingeleitet werden. Diese Diäten zielen auf eine Umstellung des Energiestoffwechsels und keineswegs auf eine Gewichtreduktion.
Epilepsiechirurgie
Alle Kinder und Jugendlichen mit therapieschweren Epilepsien sollten hinsichtlich der Möglichkeit einer epilepsiechirurgischen Operation evaluiert werden. Eine solche Operation ist die einzige Möglichkeit, eine Epilepsie zu heilen und hat eine durchschnittliche Chance auf Anfallsfreiheit von ca. 70%. Leider gelingt die genaue Lokalisation anfallsauslösenden Areale im Gehirn nur bei ca. 10% der Patienten mit therapieschweren Epilepsien. Nur für diese Patienten ist die kurative Epilepsiechirurgie eine Chance auf Anfallsfreiheit. Bei weiteren Patienten kann bei einer sehr belastenden Anfallssituation eine palliative Operation erwogen werden, bei der das Ziel eine Reduktion von Anfällen darstellt.
Neurostimulation
Neben der medikamentösen Behandlung können, bei Therapie-schwierigen Epilepsien, auch operative Behandlungsmethoden oder Neurostimulation (z.B. Vagus-Nerv Stimulation, tiefe Hirnstimulation, Fokusstimulation) sinnvoll sein.
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Spezialisierte Epilepsiezentren
Für eine umfassende Diagnostik und Therapie von Epilepsie stehen spezialisierte Epilepsiezentren zur Verfügung.
Mannheimer Epilepsiezentrum
Das Mannheimer Epilepsiezentrum behandelt Patient:innen mit Anfallserkrankungen ambulant und stationär und verfügt über modernste diagnostische Verfahren einschließlich Video-EEG-Monitoring, spezialisierten MRT-Techniken (z. B. funktionelle MRT), PET und Neuropsychologie. Das Zentrum bietet umfassende Beratung von Patient:innen mit Epilepsieerkrankungen im gesamten Spektrum und bezüglich aller Aspekte von Medikamenten bis zu sozialen und beruflichen Problemen. Die Behandlung richtet sich nach den Prioritäten der zu behandelnden Person und ihrer besonderen Situation, sei es ein erster Anfall, eine therapierefraktäre Epilepsie, Schwangerschaft, Alter, nichtepileptische Anfälle oder Evaluation eines epilepsiechirurgischen Eingriffs. Patient:innen, die für einen epilepsiechirurgischen Eingriff in Frage kommen, werden in einem Netzwerk der baden-württembergischen Epilepsiezentren diskutiert. Der Eingriff wird ggf. im Epilepsiezentrum Freiburg durchgeführt.
Epilepsie-Zentrum Essen
Das Ziel des Epilepsie-Zentrum Essen ist die optimale Diagnostik und Behandlung von Patienten mit Epilepsie und anderen anfallsartigen Störungen. Durch die Eröffnung der neuen Epilepsie-Station Anfang 2020 mit mehreren Video-EEG-Ableitplätzen kann eine optimale Diagnostik und Therapie von komplexeren Epilepsiepatienten ermöglicht werden. In enger Kooperation mit der Klinik für Neurochirurgie bietet das Zentrum auch Patienten mit pharmakoresistenten Epilepsieformen eine umfangreiche präoperative Diagnostik.
Universitätsmedizin Mainz
Im Rahmen der Epilepsie-Ambulanz kooperiert die Universitätsmedizin Mainz mit verschiedenen Kliniken, um die Versorgung von Patienten mit Epilepsie zu optimieren.
Beratung und Unterstützung
Eine umfassende Beratung und Unterstützung ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Epilepsie.
Beratung in allen Fragen
Patienten und ihre Familien werden gerne in allen Fragen, die mit der Erkrankung in Zusammenhang stehen, beraten. Dazu zählen auch Fragen der Lebensplanung und sozialmedizinische Aspekte.
Berufliche Perspektiven
Bei Problemen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt aufgrund einer Epilepsie oder dissoziativer Anfälle, Unsicherheiten bezüglich der beruflichen Weiterentwicklung, geeigneter Tätigkeiten oder Berufe stehen Beratungsangebote zur Verfügung.
Epilepsie bei Kindern und Jugendlichen
Kinder und Jugendliche mit Epilepsie werden in spezialisierten Zentren bedarfsgerecht ambulant und/oder stationär behandelt. Es werden modernste Diagnostikmöglichkeiten angeboten und eine umfassende und persönlich angepasste Behandlung von medikamentöser Therapie über Ernährungsformen bis zur Epilepsiechirurgie. Damit wird das Ziel der Anfallsfreiheit, der positiven kindlichen Entwicklung und der maximalen Lebensqualität von Kindern, Jugendlichen und deren Familien verfolgt.