Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, von der weltweit etwa 1 % der Bevölkerung betroffen ist. Obwohl Antiepileptika (AED) in vielen Fällen wirksam sind, gibt es eine bedeutende Anzahl von Patienten, bei denen die Anfälle trotz medikamentöser Behandlung weiterhin auftreten. Diese Patienten, die als behandlungsresistent gelten, suchen oft nach alternativen Therapieansätzen. In den letzten Jahren hat Cannabidiol (CBD), ein nicht-psychoaktiver Bestandteil der Cannabispflanze, zunehmend Aufmerksamkeit als potenzielle Behandlungsoption für Epilepsie erregt.
CBD: Ein Überblick
Cannabidiol (CBD) ist ein natürlich vorkommendes Cannabinoid, das in der Cannabispflanze vorkommt. Im Gegensatz zu Tetrahydrocannabinol (THC), einem anderen bekannten Cannabinoid, verursacht CBD keine psychoaktiven Effekte oder ein "High". CBD wird in verschiedenen Formen angeboten, darunter Öle, Kapseln und topische Cremes. Es wird als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet und ist in vielen Ländern rezeptfrei erhältlich.
CBD bei behandlungsresistenter Epilepsie
Die Forschung zu CBD als Behandlung für Epilepsie hat vielversprechende Ergebnisse gezeigt, insbesondere bei Patienten mit behandlungsresistenten Formen der Erkrankung. Mehrere Studien haben gezeigt, dass CBD die Anfallshäufigkeit bei diesen Patienten signifikant reduzieren kann.
Eine Studie mit 169 Teilnehmern mit behandlungsresistenter Epilepsie, die mit einem CBD-Extrakt (Epidyolex) behandelt wurden, ergab, dass die signifikante Reduktion der Anfallshäufigkeit nach 2 Jahren Behandlung ausgeprägter war als innerhalb des ersten Monats nach Beginn der Behandlung. Darüber hinaus fanden die Forscher heraus, dass dieser Effekt bei den 80 Erwachsenen nach einem Jahr Behandlung ausgeprägter war als bei den 89 Kindern der Studie. Der Prozentsatz der Kinder, die eine Reduktion der Anfallshäufigkeit um mindestens 50 % erreichten, betrug 44 % im ersten Monat, 41 % im ersten Jahr und 61 % im zweiten Jahr, während die entsprechende Rate bei den Erwachsenen 34 % im ersten Monat, 53 % im ersten Jahr und 71 % im zweiten Jahr betrug.
Epidiolex: Ein zugelassenes CBD-Medikament
Im Juni 2018 wurde der erste CBD-basierte Wirkstoff, Epidiolex, von der Food and Drug Administration (FDA) in den Vereinigten Staaten zur Therapie von Anfällen zugelassen, die mit zwei seltenen und schweren Formen der Epilepsie verbunden sind: dem Lennox-Gastaut-Syndrom und dem Dravet-Syndrom. Epidiolex erwies sich in klinischen Studien als wirksam bei der Verringerung der Anfallshäufigkeit im Vergleich zu Placebo.
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Die Wirksamkeit von Epidiolex wurde in drei randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten klinischen Studien mit 516 Patienten mit Lennox-Gastaut-Syndrom oder Dravet-Syndrom untersucht. Epidiolex erwies sich im Vergleich zum Placebo als wirksam bei der Verringerung der Anfallshäufigkeit und erweist sich auch als geschäftlicher Erfolg: Trotz des Gegenwinds durch COVID-19 belief sich der Gesamtnettoumsatz von Epidiolex für das Geschäftsjahr 2020 auf etwa 510 Millionen US-Dollar, verglichen mit 296 Millionen US-Dollar im Jahr 2019. Das irische Unternehmen Jazz Pharma erkannte das Potenzial des CBD-Medikaments, übernahm GW Pharma 2021 für 7,2 Milliarden Dollar und stieg damit in den aussichtsreichen Epilepsiemarkt ein.
In Europa wurde Epidyolex im Jahr 2019 von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) für die Behandlung von Anfällen im Zusammenhang mit dem Lennox-Gastaut-Syndrom und dem Dravet-Syndrom zugelassen.
Mögliche Wirkmechanismen von CBD bei Epilepsie
Die genauen Mechanismen, durch die CBD bei Epilepsie wirkt, sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass CBD auf verschiedene Weise im Gehirn interagiert, um die Anfallshäufigkeit zu reduzieren. Einige mögliche Wirkmechanismen umfassen:
- Modulation von Ionenkanälen: CBD kann bestimmte Ionenkanäle im Gehirn beeinflussen, die eine Rolle bei der Entstehung von Anfällen spielen.
- Erhöhung des endogenen Cannabinoidspiegels: CBD kann den Abbau von Endocannabinoiden hemmen, wodurch deren Spiegel im Gehirn erhöht werden. Endocannabinoide sind körpereigene Substanzen, die eine Rolle bei der Regulierung der neuronalen Aktivität spielen.
- Entzündungshemmende Wirkung: CBD hat entzündungshemmende Eigenschaften, die möglicherweise zur Reduktion von Anfällen beitragen können, da Entzündungen im Gehirn eine Rolle bei der Entstehung von Epilepsie spielen können.
CBD in der Pädiatrie
CBD hat sich als vielversprechend bei der Behandlung von Epilepsie bei Kindern erwiesen, insbesondere bei seltenen und schweren Formen wie dem Dravet-Syndrom und dem Lennox-Gastaut-Syndrom. Studien haben gezeigt, dass CBD die Anfallshäufigkeit bei diesen Kindern reduzieren und ihre Lebensqualität verbessern kann.
In einer Studie mit Kindern, die am Dravet-Syndrom leiden, reduzierte CBD die Anfallshäufigkeit um durchschnittlich 39 %. Eine andere Studie mit Kindern mit dem Lennox-Gastaut-Syndrom zeigte, dass CBD die Sturzanfälle um 44 % reduzierte.
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CBD-reiche Extrakte vs. gereinigtes CBD
Eine Metastudie brasilianischer Forscher analysierte die Daten von 670 Epilepsiepatienten hinsichtlich der Sicherheit von CBD-Produkten. Eine weitere Fragestellung war, ob CBD-reiche Extrakte und gereinigte CBD-Produkte unterschiedlich wirken. Zwei Drittel der behandelten Epilepsiepatienten berichteten, dass sie seltener Anfälle erlitten hatten. Darüber hinaus erwiesen sich CBD-reiche Extrakte als wirksamer und nebenwirkungsärmer als gereinigtes isoliertes CBD. Dies ist wahrscheinlich auf die synergistischen Effekte von CBD mit anderen Phytocannabinoiden zurückzuführen.
Mögliche Nebenwirkungen von CBD
Obwohl CBD im Allgemeinen als sicher gilt, kann es bei einigen Personen Nebenwirkungen verursachen. Die häufigsten Nebenwirkungen von CBD sind:
- Schläfrigkeit
- Durchfall
- Appetitlosigkeit
- Erhöhte Leberwerte
Es ist wichtig zu beachten, dass CBD mit anderen Medikamenten interagieren kann. Daher sollten Patienten, die CBD einnehmen, ihren Arzt über alle Medikamente informieren, die sie einnehmen.
Der CBD-Markt und seine Akteure
Der Markt für CBD-Produkte ist in den letzten Jahren rasant gewachsen. Es gibt eine Vielzahl von Unternehmen, die CBD-Öle, Kapseln, Cremes und andere Produkte anbieten. Einige dieser Unternehmen konzentrieren sich auf den Verkauf von CBD als Nahrungsergänzungsmittel, während andere sich auf die Entwicklung von CBD-basierten Arzneimitteln konzentrieren.
Adrexpharma und Limucan: Beispiele für CBD-Unternehmen
Adrexpharma ist ein deutsches Unternehmen, das CBD-Öle als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet. Das Unternehmen verzeichnet eine "zweistellig prozentual steigende monatliche Nachfrage" nach seinen Produkten. Limucan ist ein weiteres Unternehmen, das CBD-Öle herstellt und vertreibt. Seit Herbst vergangenen Jahres stehen die CBD-Öle von Limucan bei der Drogeriekette dm in den Regalen.
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Innocan Pharma: Innovation durch injizierbares CBD
Das kanadisch-israelische Unternehmen Innocan Pharma konzentriert sich auf die Entwicklung verschiedener Plattformen für die Verabreichung von Arzneimitteln, die Cannabidiol (CBD) mit anderen, pharmazeutischen Inhaltsstoffen kombinieren, sowie auf die Entwicklung von CBD-integrierten Arzneimitteln. Vor allem durch die innovative Verabreichungsform von CBD verkapselt in Liposomen (die LPT-Plattform) beabsichtigt Innocan, eine langanhaltende und signifikant erhöhte CBD-Konzentration im Körper zu erreichen. Nach Ansicht von Innocan wird dies eine weitaus effektivere und kontinuierlichere therapeutische Wirkung zur Folge haben, als oral verabreichtes CBD.
Diese These untermauerte Innocan mit einer Reihe von Versuchen an Hunden, die sich als äußerst erfolgreich erwiesen. So erhielt ein Hund mit refraktionärer (medikamentenresistenter) Epilepsie im Rahmen einer präklinischen Studie im vierwöchigen Intervall mehreren Injektionen mit CBD beladenen Liposomen (LPT-Plattform). Während der mehrere Monate anhaltenden Studie benötigte der Hund keine Hospitalisierung und war nach der letzten LPT-Injektion über einen Zeitraum von 9,5 Wochen anfallsfrei.
Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Obwohl CBD vielversprechend bei der Behandlung von Epilepsie ist, gibt es noch einige Herausforderungen, die angegangen werden müssen. Dazu gehören:
- Mangel an standardisierten Produkten: Die Qualität und Zusammensetzung von CBD-Produkten variiert stark. Es ist wichtig, dass Patienten hochwertige, standardisierte Produkte verwenden, um sicherzustellen, dass sie die richtige Dosis erhalten.
- Begrenzte Langzeitdaten: Es gibt nur begrenzte Daten über die langfristigen Auswirkungen von CBD auf die Gehirnentwicklung und die allgemeine Gesundheit.
- Regulierungsunsicherheiten: Die rechtliche und regulatorische Situation von CBD ist in vielen Ländern noch unklar.
Trotz dieser Herausforderungen bleibt die Zukunft von CBD als Behandlung für Epilepsie vielversprechend. Weitere Forschung ist erforderlich, um die Wirkmechanismen von CBD besser zu verstehen, die optimale Dosierung und Verabreichungswege zu bestimmen und die langfristigen Auswirkungen zu bewerten. Mit zunehmender Forschung und regulatorischer Klarheit könnte CBD eine wertvolle Ergänzung zur Behandlung von Epilepsie werden, insbesondere für Patienten, die auf herkömmliche Medikamente nicht ansprechen.