Eine Parese, oder Lähmung, bezeichnet den teilweisen oder vollständigen Verlust der willkürlichen Muskelbewegung. Sie kann verschiedene Ursachen haben, von Schädigungen des zentralen Nervensystems (ZNS) bis hin zu Problemen mit den Nerven, die die Muskeln steuern. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Therapiemöglichkeiten von Kontraktionen im Zusammenhang mit Paresen, insbesondere im Hinblick auf die Fazialisparese (Gesichtslähmung) und Spastik.
Einführung in die Parese
Eine Parese ist eine Schwächung oder teilweise Lähmung eines Muskels oder einer Muskelgruppe. Sie kann durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht werden, darunter Schädigungen des Gehirns, des Rückenmarks oder der peripheren Nerven. Die Symptome einer Parese können je nach Ursache und Schweregrad variieren, umfassen jedoch häufig Muskelschwäche, Schwierigkeiten bei der Bewegung und Kontraktionen.
Ursachen von Kontraktionen bei Parese
Kontraktionen, also das unwillkürliche Anspannen von Muskeln, können bei verschiedenen Arten von Paresen auftreten. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und hängen von der Art der Parese ab.
Fazialisparese (Gesichtslähmung)
Die Fazialisparese ist eine Lähmung der Gesichtsmuskulatur, die durch eine Schädigung des Nervus facialis (Gesichtsnerv) verursacht wird. Es gibt zwei Haupttypen:
- Periphere Fazialisparese: Hierbei ist der Gesichtsnerv außerhalb des Gehirns geschädigt. Die häufigste Ursache ist die idiopathische Fazialisparese (Bell-Lähmung), deren genaue Ursache unbekannt ist. Es gibt deutliche Hinweise auf eine Herpes-simplex-Typ-1-Infektion des Nervs. Durch die entzündlichen Prozesse kommt es bei der Bell-Parese zu einer Schwellung des Nervs im knöchernen Fazialiskanal. Durch die Kompression des Nervs im engen Kanal wird seine Funktion gestört und das obere und untere Gesicht beeinträchtigt.
- Zentrale Fazialisparese: Hierbei liegt die Schädigung im Gehirn. Ursachen können Schlaganfälle oder Tumore sein.
Spezifische Ursachen der peripheren Fazialisparese:
- Idiopathische Fazialisparese (Bell-Lähmung): Die Ursache ist unbekannt, wird aber oft mit einer viralen Infektion in Verbindung gebracht.
- Infektionen: Borreliose (durch Zecken übertragen), Herpes Zoster Oticus (Ramsay-Hunt-Syndrom, Reaktivierung des Windpockenvirus), Mittelohrentzündungen, HIV, Zytomegalievirus (CMV), Mumps und andere.
- Trauma: Felsenbeinfrakturen (z. B. bei Schädel-Hirn-Trauma).
- Tumore: Tumore der Ohrspeicheldrüse oder des Kleinhirnbrückenwinkels.
- Andere Ursachen: Sarkoidose, Diabetes mellitus, Schwangerschaft, Medikamente (z.B. Ciclosporin A).
Spezifische Ursachen der zentralen Fazialisparese:
- Schlaganfall: Unterbrechung der Blutversorgung des Gehirns.
- Hirntumor: Wachstum im Gehirn, das Druck auf Nervenbahnen ausübt.
- Multiple Sklerose: Entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems.
Kontraktionen bei Fazialisparese:
Bei der Fazialisparese können Kontraktionen als Folge der Nervenschädigung auftreten. Diese können sich in Form von:
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- Synkinesien: Unerwünschte Mitbewegungen der Gesichtsmuskulatur bei willkürlichen Bewegungen (z.B. Augenschließen führt zu Mundwinkelbewegung).
- Gesichtsspasmen: Unwillkürliche Muskelzuckungen.
- Krokodilstränen: Tränenfluss beim Essen.
- Geschmacksschwitzen: Schwitzen im Gesichtsbereich beim Essen.
Spastik
Spastik ist eine erhöhte Muskelspannung, die durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems (Gehirn oder Rückenmark) verursacht wird. Sie führt zu einer Verhärtung und Steifheit der Muskeln, was Bewegungen, Körperhaltung und Gleichgewicht erschwert.
Ursachen von Spastik:
- Schlaganfall: Eine der häufigsten Ursachen für Spastik im Erwachsenenalter.
- Zerebralparese: Angeborene Bewegungsstörung, die durch Schädigung des Gehirns vor, während oder kurz nach der Geburt verursacht wird.
- Multiple Sklerose (MS): Chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems.
- Schädel-Hirn-Trauma (SHT): Verletzung des Gehirns durch äußere Gewalteinwirkung.
- Rückenmarksverletzungen: Schädigung des Rückenmarks, z.B. durch einen Unfall.
- Andere Ursachen: Hirntumore, Enzephalitis (Gehirnentzündung), Meningitis (Hirnhautentzündung).
Kontraktionen bei Spastik:
Die erhöhte Muskelspannung bei Spastik führt zu:
- Muskelsteifigkeit: Erschwerte Beweglichkeit der betroffenen Gliedmaßen.
- Unwillkürliche Muskelkrämpfe: Schmerzhafte und unkontrollierte Muskelzuckungen.
- Fehlhaltungen: Durch die anhaltende Muskelspannung können sich Gelenke verformen und Fehlhaltungen entstehen.
- Bewegungseinschränkungen: Die Steifigkeit und Krämpfe behindern die willkürlichen Bewegungen.
Diagnose von Kontraktionen bei Parese
Die Diagnose von Kontraktionen bei Parese umfasst in der Regel eine gründliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung und gegebenenfalls weitere diagnostische Tests.
Anamnese
Der Arzt wird Fragen stellen zu:
- Beginn und Verlauf der Symptome.
- Vorerkrankungen und Medikamenteneinnahme.
- Möglichen Risikofaktoren (z.B. Zeckenbiss, Schlaganfallrisiko).
Körperliche Untersuchung
- Neurologische Untersuchung: Prüfung der Hirnnervenfunktion, Muskelkraft, Reflexe, Sensibilität und Koordination. Bei Verdacht auf einen Schlaganfall wird zusätzlich die Funktion von Armen und Beinen überprüft und ein Sprachtest durchgeführt.
- Beurteilung der Gesichtsmuskulatur (bei Fazialisparese): Der Patient wird gebeten, die Stirn zu runzeln, die Augen fest zu schließen, breit zu grinsen und die Zähne zu zeigen. Auch das Ohr wird in der Regel mituntersucht.
- Beurteilung des Muskeltonus (bei Spastik): Der Arzt testet die Muskelspannung und Beweglichkeit der Gliedmaßen. Hierbei kann die Ashworth-Skala oder die modifizierte Ashworth-Skala zur Beurteilung der Spastizität verwendet werden.
Weitere diagnostische Tests
- Elektrophysiologische Untersuchungen (EMG/ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und Muskelaktivität, um die Funktion der Nerven und Muskeln zu beurteilen.
- Bildgebende Verfahren (CT/MRT): Darstellung des Gehirns, Rückenmarks oder der Nerven, um Ursachen wie Tumore, Schlaganfälle oder Entzündungen zu identifizieren. Bei der Bell-Parese kann ein MRT mit Kontrastmittel eine Anreicherung im siebten Hirnnerv zeigen. Die CT ist bei Verdacht auf eine Fraktur (Längs- und Querfrakturen des Felsenbeins) oder Insult ratsam.
- Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen zum Ausschluss von Infektionen (z.B. Borreliose, Varizella-Zoster-Virus), Diabetes mellitus oder anderen Grunderkrankungen. Ein Röntgen-Thorax und die Bestimmung des Serum-ACE sind zur Untersuchung auf eine Sarkoidose sinnvoll.
- Lumbalpunktion: Entnahme von Nervenwasser zur Untersuchung auf Entzündungen oder Infektionen. Die aktuelle Leitlinie zur Fazialisparese weist darauf hin, dass sich in einer Lumbalpunktion bei 80-90% der Patienten ein Normalbefund ergibt. In Abwägung der Risiken und Nutzen kann die Punktion dennoch durchgeführt werden, um diagnostische Sicherheit zu erhalten. Bei Kindern und klinischem Verdacht auf eine nicht-idiopathische Genese sollte eine Lumbalpunktion in jedem Fall durchgeführt werden.
Therapie von Kontraktionen bei Parese
Die Therapie von Kontraktionen bei Parese zielt darauf ab, die Ursache der Parese zu behandeln, die Symptome zu lindern und die Funktion zu verbessern.
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Therapie der Fazialisparese
Die Behandlung der Fazialisparese hängt von der Ursache ab.
- Idiopathische Fazialisparese (Bell-Lähmung):
- Kortikosteroide (z.B. Prednisolon): Verkürzen den Krankheitsverlauf und erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Remission. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt die Behandlung mittels oralen Glukokortikoiden (60mg Prednisolon p. o. für 5 Tage, anschließend tägliche Reduktion um 10mg, oder 2 x 25mg Prednisolon für 10 Tage). Pathophysiologisch erhofft man sich durch die Steroidgabe eine abschwellende Wirkung und dadurch Dekompression des Nervens.
- Antivirale Therapie (Acyclovir/Valacyclovir): Kann in Einzelfällen erwogen werden, insbesondere wenn der Therapiebeginn innerhalb von drei Tagen nach den ersten Symptomen liegt. Eine generelle antivirale Medikation wird aktuell aufgrund einer unsicheren Datenlage in der aktuellen Leitlinie nicht pauschal empfohlen. Sie ist aber in der Regel indiziert, wenn es sich bei der Fazialisparese z. B. um die Folge einer Varicella-Zoster-Infektion handelt.
- Augenpflege: Künstliche Tränen, Dexpanthenol-Augensalbe und nächtlicher Uhrglasverband zum Schutz der Hornhaut bei unvollständigem Lidschluss.
- Physiotherapie/Logopädie: Training der Gesichtsmuskulatur, um die Funktion wiederherzustellen. Die Therapieziele sind die Rückgewinnung von mimischer Muskulatur durch Training mit Hilfe von Logopädie und selbstständigem Training durch Grimassieren.
- Symptomatische Fazialisparese: Behandlung der Grunderkrankung (z.B. Antibiotika bei Borreliose, Virustatika bei Herpes Zoster). Eine Neuroborreliose sollte antibiotisch mit Doxycylin p.o. oder alternativ Ceftriaxon i. v. behandelt werden.
- Chirurgische Optionen: In seltenen Fällen können operative Eingriffe wie die Tarsorrhaphie (temporärer Verschluss der Lidspalte) oder Nerventransplantationen erforderlich sein. Sollte es im Rahmen von Folgeschäden zu einem längerfristig mangelhaftem Augenschluss kommen, gibt es die Möglichkeit des sog. „Lidloadings“, bei dem in Lokalanästhesie kleine Gold- oder Platingewichte unter den M. orbicularis implantiert werden. Weitere interventionelle Therapiemöglichkeiten umfassen z. B. die mikrochirurgische Reinnervation durch eine Nervenanastomose mit einem anderen Hirnnerven (z. B. als Hypoglossus-Fazialis-Jump-Nervennaht) oder die Rekonstruktion des Nervens mit einem intakten Nerven der Gegenseite (sog. Cross-Face-Nerve-Grafting).
Therapie der Spastik
Die Behandlung der Spastik ist multimodal und umfasst in der Regel:
- Physiotherapie: Dehnübungen, Kräftigungsübungen und Bewegungsübungen, um die Muskelspannung zu reduzieren und die Beweglichkeit zu verbessern. Eine Unterstützung durch Physiotherapie ist in den meisten Fällen notwendig. Dadurch kann die Mobilität verbessert und der Abbau der Muskulatur verhindert werden.
- Medikamente:
- Muskelrelaxantien (z.B. Baclofen, Tizanidin): Reduzieren die Muskelspannung.
- Botulinumtoxin (Botox): Wird in die betroffenen Muskeln injiziert, um die Muskelkontraktion zu blockieren.
- Andere Medikamente: In einigen Fällen können auch andere Medikamente wie Diazepam oder Dantrolen eingesetzt werden.
- Orthesen: Schienen oder Bandagen, um die Gelenke zu stabilisieren und Fehlstellungen zu korrigieren. Durch eine dynamische Lagerungsschiene wie etwa die SaeboStretch® können Symptome bei erhöhtem Muskeltonus gelindert werden. Sie streckt Hand und Finger. Steigert sich die Muskelspannung kurzzeitig, etwa durch Anstrengung, Husten oder Niesen, gibt die dynamische Orthese kurzzeitig nach. Lässt die Spannung im Muskel wieder nach, streckt sie erneut Hand und Finger. Ist ein Patient noch in der Lage, im Ansatz Hände willkürlich zu bewegen, helfen spezielle Orthesen, die Bewegungen zu unterstützen und in die richtige Richtung zu leiten. SaeboGlove® ist beispielsweise eine Art dynamischer Handschuh mit integrierten Zügen, der die Fingerstreckung verbessert und hilft, die Hand wieder öffnen zu können. Dabei unterstützt die Orthese jeden Finger individuell. Noch stärker unterstützt SaeboFlex®. Sie ist eine dynamische, funktionelle Handschiene, die jeden Finger individuell führt, die Bewegung lenkt und die Streckung unterstützt, und dies auch bei stärkerer Spannung der Fingerbeuger. Ihre Federzüge an jedem Finger können individuell eingestellt werden. Oft führen Schädigungen im Nervensystem auch dazu, dass Menschen beim Gehen den Fuß oder gar beide Füße nicht mehr willentlich heben können - man spricht von einer sogenannten Fußheberschwäche. Hier kommt dann eine mechanische Hilfe wie die Saebo Step zum Einsatz: Oberhalb des Knöchels wird eine Manschette angelegt. All diese Hilfsmittel können Sie dabei unterstützen, verlorene Bewegungen wieder auszugleichen oder sogar zurückzugewinnen.
- Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Baclofen wird direkt in das Rückenmark injiziert, um die Muskelspannung zu reduzieren.
- Chirurgische Optionen: In schweren Fällen können operative Eingriffe wie Sehnenverlängerungen oder selektive dorsale Rhizotomie (SDR) in Betracht gezogen werden.
Prognose
Die Prognose von Kontraktionen bei Parese hängt von der Ursache, dem Schweregrad und dem Zeitpunkt des Therapiebeginns ab.
- Fazialisparese: In den meisten Fällen (80-90%) bildet sich die Gesichtslähmung innerhalb von drei Wochen bis drei Monaten selbstständig zurück. Bei Erhalt einer Teilfunktion kommt es meist zu einer völligen Erholung innerhalb von einigen Monaten. Eine vollständige Rückbildung erfolgt selbst ohne Behandlung in 65 % bzw. 85 % der Fälle nach 3 bzw. 9 Monaten. Negative prognostische Faktoren sind vollständige Lähmung des Nervus facialis, keine Besserung nach 3 Wochen, Alter > 60 Jahre, starke Schmerzen, Begleiterkrankungen (Bluthochdruck, Diabetes), Gürtelrose im Gesicht als Ursache, Verletzung als Ursache, Schwangerschaft, Hyperakusis und elektrophysiologisch nachgewiesener ausgeprägte Schädigung des Nervus facialis.
- Spastik: Die Prognose ist variabel und hängt von der Ursache und dem Schweregrad der Schädigung des zentralen Nervensystems ab. Eine frühzeitige und konsequente Therapie kann jedoch die Symptome lindern und die Lebensqualität verbessern.
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