Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die weit mehr als nur Kopfschmerzen verursacht. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Magen-Darm-Beschwerden. Neueste Forschungen deuten auf einen engen Zusammenhang zwischen Migräne und der Gesundheit des Darms hin, insbesondere auf die Rolle der Darm-Hirn-Achse und des Mikrobioms. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Verbindungen zwischen Migräne und Darmgesundheit und zeigt Möglichkeiten auf, wie eine gezielte Behandlung des Darms zur Linderung von Migräne beitragen kann.
Die Darm-Hirn-Achse: Eine bidirektionale Kommunikationsstraße
Unser Gehirn und unser Verdauungssystem stehen in ständiger Verbindung miteinander. Dieses System wird als Darm-Hirn-Achse bezeichnet und spielt eine wichtige Rolle bei vielen Erkrankungen, einschließlich Migräne. Der Kopf steuert unser Verdauungssystem. Bist du beispielsweise nervös, wird dir übel, vielleicht bekommst du auch Durchfall. Und bist du verliebt, fühlst du Schmetterlinge im Bauch tanzen. Andersherum meldet das Verdauungssystem dem Gehirn zum Beispiel, ob wir satt oder hungrig sind. Und melden Magen oder Darm Giftstoffe, löst das Gehirn Erbrechen oder Durchfall aus, um diese loszuwerden.
Gehirn und Darm kommunizieren permanent miteinander über die Darm-Hirn-Achse. Entzündungen im Magen-Darm-Bereich führen bei vielen Menschen zu Kopfschmerzen und begünstigen Migräne. Die Darm-Hirn-Achse ermöglicht eine bidirektionale Kommunikation zwischen dem zentralen Nervensystem (ZNS) und dem Magen-Darm-Trakt. Über diese Achse können sowohl das Gehirn den Darm beeinflussen als auch der Darm das Gehirn.
Migräne und Verdauungsbeschwerden: Ein häufiges Zusammenspiel
Migräne geht häufig mit Verdauungsbeschwerden einher. Übelkeit und Erbrechen sind typische Begleiterscheinungen einer Attacke. Andere Probleme im Verdauungstrakt tauchen bereits vor den Kopfschmerzen auf, beispielsweise Heißhunger, Verstopfung und Harndrang. Migräne-Patienten haben häufiger Verdauungsbeschwerden oder Reflux als andere Personen, beispielsweise in Form eines Reizdarm-Syndroms. Eine weitere Verknüpfung von Migräne und Magen-Darm-Trakt ist die sogenannte Bauchmigräne, auch abdominelle Migräne genannt. Darunter versteht man durch Migräne bedingte Magenschmerzen und Bauchkrämpfe, die regelmäßig in Anfällen auftreten und eine Stunde, aber auch mehrere Tage dauern können. Bei Erwachsenen ist diese Migräne-Form selten, eher Kinder und Jugendliche plagen sich damit. Die Bauchmigräne kann in der Pubertät verschwinden oder in eine Kopfschmerz-Migräne übergehen.
Das Mikrobiom: Ein Schlüsselspieler bei Migräne
Immer mehr Forschung deutet darauf hin, dass die Darmflora - darunter versteht man die Mikroorganismen, die deinen Darm besiedeln, darunter Bakterien, Pilze und sogenannte Protozoen - Schmerzwahrnehmung beeinflussen kann. Bei Migränikern scheint die Darmflora verändert zu sein. Eine Studie untersuchte die Zusammensetzung der Darm-Mikroorganismen von Menschen mit episodischer Migräne, mit chronischer Migräne und ohne Migräne. Das Ergebnis: Alle Gruppen unterscheiden sich in der Zusammensetzung ihrer Darmflora. Manche Bakterienarten sind bei besonders vielen Migräne-Patienten vertreten, andere eher bei der Gruppe ohne Migräne. Passt im Verdauungstrakt etwas nicht, spürst du das möglicherweise im Kopf: Entzündungen im Magen-Darm-Bereich führen bei vielen Menschen zu Kopfschmerzen und begünstigen Migräne. Zum Beispiel haben manche Migräne-Patienten, die mit dem Bakterium Helicobacter pylori infiziert waren, nach der Behandlung des Bakteriums deutlich leichtere, weniger oder sogar gar keine Migräne-Attacken mehr. Auch die entzündliche Autoimmunkrankheit Zöliakie hängt mit Migräne zusammen. Bei Menschen mit Zöliakie löst der Verzehr von Weizenprodukten Entzündungen im Dünndarm aus. Sie haben häufiger mit Migräne zu kämpfen als Menschen ohne Zöliakie. Ähnlich geht es Patienten mit der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn.
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Die Darmflora, auch Mikrobiom genannt, spielt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit des Darms und des gesamten Körpers. Das Mikrobiom beeinflusst nicht nur die Verdauung, sondern auch das Immunsystem, Entzündungsprozesse und die Produktion von Neurotransmittern, die für die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn wichtig sind.
Dysbiose und Migräne
Eine Dysbiose, also ein Ungleichgewicht in der Zusammensetzung des Mikrobioms, kann zu Entzündungen im Darm führen. Diese Entzündungen können über die Darm-Hirn-Achse das Gehirn beeinflussen und Migräneattacken auslösen oder verstärken. Studien haben gezeigt, dass Migränepatienten häufig eine veränderte Zusammensetzung ihrer Darmflora aufweisen, mit einer reduzierten Vielfalt bestimmter gesundheitsfördernder Bakterien und erhöhten Spiegeln entzündungsfördernder Substanzen.
"Leaky Gut"-Hypothese
Eine weitere Theorie ist die „Leaky-Gut“-Hypothese, frei übersetzt mit Durchlässiger-Darm-Hypothese. Ein gesundes Verdauungssystem kann deiner Migräne guttun. Die "Leaky Gut"-Hypothese besagt, dass eine geschädigte Darmschleimhaut durchlässiger für schädliche Substanzen wie Bakterien und Toxine wird. Diese Substanzen können in den Blutkreislauf gelangen und Entzündungen im ganzen Körper auslösen, einschließlich des Gehirns, was Migräne begünstigen kann.
Komorbiditäten: Migräne und andere Erkrankungen
Migräne kommt nicht immer allein. Tatsächlich können viele Patienten weitere Erkrankungen, in der Fachsprache Komorbiditäten genannt, entwickeln. Zum einen haben Menschen mit Migräne ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen wie für Depressionen, generalisierte Angststörungen oder bipolare Störungen. Zum anderen steht Migräne schwach mit Epilepsie in Verbindung. Aber auch physische Leiden können mit Migräne zusammenhängen. Studien haben gezeigt, dass für Migräne-Patienten ein erhöhtes Risiko für Depressionen besteht, besonders für Frauen mit einer Migräne mit Aura. Die psychische Erkrankung äußerst sich durch eine Vielzahl an Beschwerden. Körperliche Symptome wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Kopf- und Bauschmerzen gehören ebenfalls zu den Anzeichen einer Depression.
Migräne und Reizdarmsyndrom
In einer Auswertung von mehreren Studien von 2022 wurde herausgefunden, dass Migräne-Betroffene eine bis zu 42% höhere Prävalenz haben zusätzlich an Reizdarmsyndrom (RDS) zu erkranken. Es wird vermutet, dass sowohl Migräne als auch das Reizdarmsyndrom neurologische Störungen sind, die durch eine gestörte Regulation des zentralen Nervensystems verursacht werden. Forschende nehmen an, dass bestimmte genetische, hormonelle, entzündliche und psychologische Faktoren sowohl Migräne als auch das Reizdarmsyndrom beeinflussen können. Obwohl der genaue Zusammenhang noch nicht vollständig verstanden ist, scheint es also eine Verbindung zwischen dem Reizdarmsyndrom und Migräne zu geben. Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine funktionelle Störung des Darms, bei der Symptome wie Bauchschmerzen und Krämpfe auftreten, ohne dass eine nachweisbare Ursache vorliegt. In Europa leiden circa 7,1% der Bevölkerung am Reizdarmsyndrom. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer.
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Migräne und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
Menschen, die an Migräne leiden, haben in unregelmäßigen Abständen mit mitunter extremen Kopfschmerzattacken zu kämpfen. Darüber hinaus ist bei Betroffenen der neurologischen Erkrankung offenbar das Risiko erhöht, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen zu entwickeln. Unter chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (international geläufige Abkürzung: IBD) versteht man Krankheiten, die mit einer Entzündung des Darms und schwerwiegenden wiederkehrenden Symptomen einhergehen. Hierzu zählen starke Bauchschmerzen, Durchfälle und Blutabgänge aus dem Darm. Die beiden häufigsten IBD sind Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Zusammenfassend hatten die Migränepatienten verglichen mit der Allgemeinbevölkerung ein 1,3 mal höheres Risiko, an IBD zu erkranken.
Therapieansätze: Den Darm in die Migränebehandlung integrieren
Die Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Migräne und Darmgesundheit eröffnen neue Therapieansätze, die den Darm in die Migränebehandlung integrieren.
Ernährungsumstellung
Eine ausgewogene Ernährung mit frischen, wenig verarbeiteten Lebensmitteln kann die Darmflora positiv beeinflussen und Entzündungen reduzieren. RDS- sowie auch Migräne-Betroffene können ihre Darmflora mit Probiotika (Mikroorganismen) und Präbiotika (Ballaststoffe, die den Mikroorganismen als Nahrung dienen) in Form von Tabletten, Kapseln, Trinklösungen oder/und Nahrungsmitteln unterstützen. Pro- und Präbiotika kombiniert können das Wachstum und die Vielfalt des Darmmikrobioms (also die Gesamtheit aller Darmbakterien) fördern. Um den Darm zu unterstützen, ist eine gesunde, ausgewogene und niedrig-glykämische Ernährung sinnvoll.
FODMAP-reduzierte Ernährung
RDS-Betroffenen wird zudem eine spezielle Form der Ernährung empfohlen: die FODMAP-reduzierte Ernährung. Das heißt für RDS-Betroffene zumindest einen längeren Zeitraum, wenn nicht sogar für immer viele industriell hergestellte Lebensmittel und viel Süßes zu meiden. Wer konsequent auf diese Lebensmittel verzichtet, kann nämlich seine Darmbeschwerden sowie seine Migränebeschwerden verbessern. Allerdings sollte eine FODMAP-reduzierte Ernährung nicht ohne ärztlichen Rat und klare Diagnose durchgeführt werden.
Kupfer, Zink und Ballaststoffe
Patienten mit episodischer Migräne (69 %) nahmen signifikant mehr gekochtes und frisches Gemüse und Vollkornbrot und weniger gesättigte Fette (tierische Fette) zu sich als Patienten mit chronischer Migräne (31 %). Die Autoren beschreiben diese Kräuter als besonders Zink-haltig und berichten, dass zu große Mengen an Kupfer bei geringen Mengen an Zink in früheren Arbeiten bereits als Marker für erhöhte Inflammation und oxidativen Stress beschrieben wurden. Die Autoren schließen aus diesen Untersuchungen, das Patienten mit Migräne und begleitendem Reizdarmsyndrom bei der Ernährung auf einen geringen Fett- und Kupfergehalt achten sollten. Dabei spielen vermutlich besonders gesättigte Fettsäuren, also tierischen Ursprungs, und verarbeitete Fette eine Rolle, die zudem nicht zu den Omega-3-Fettsäuren (beispielsweise aus fettem Seefisch) gehören, so die Autoren. Hingegen scheint eine Zink- und Ballaststoff-reiche Ernährung förderlich zu sein.
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Probiotika und Präbiotika
Probiotika bestehen aus lebenden, ungefährlichen Mikroorganismen, welche die körpereigene Darmfunktion unterstützen. Sie stecken beispielsweise in Joghurt, Quark und fermentierten Lebensmitteln wie Sauerkraut. Probiere aus, sie in deinen Speiseplan zu integrieren. Aber Achtung: Fermentiertes kann reich an Tyramin sein - und das wiederum triggert bei manchen Menschen Migräne-Attacken. Präbiotika dagegen sind nicht verdaubare Lebensmittelbestandteile, die Wachstum und Aktivität der Bakterien im Dickdarm fördern - etwa Ballaststoffe wie Inulin und Oligofruktose. Symbiotika sind eine Kombination aus beiden.
Stressmanagement
Stress kann sich negativ auf die Darmflora auswirken und Migräneattacken auslösen. Entspannungsverfahren wie Yoga, Meditation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und die Darmgesundheit zu verbessern.
Medikamentöse Therapie
Pflanzliche Wirkstoffe wie das krampflösende Pfefferminzöl oder der Extrakt aus Melissenblättern haben sich zur Beruhigung des Darms bewährt. Ebenso können Mittel gegen Bauchkrämpfe, Blähungen, Verstopfung, Durchfall helfen die vorliegenden Symptome zu lindern. Genauso wie in der Migränetherapie können auch Antidepressiva einen schmerzlindernden Effekt haben.