Multiple Sklerose und Partnersuche: Erfahrungen und Perspektiven

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Leben der Betroffenen in vielfältiger Weise beeinflussen kann. Neben den körperlichen Symptomen, die von Fatigue und Spastiken bis hin zu Sensibilitätsstörungen und Mobilitätseinschränkungen reichen können, wirkt sich die Krankheit oft auch auf die Partnerschaft und das Sexualleben aus. Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen und Chancen, die sich für Menschen mit MS bei der Partnersuche und in Beziehungen ergeben, und gibt Einblicke in die Erfahrungen Betroffener.

Die Diagnose MS und ihre Auswirkungen auf Beziehungen

Die Diagnose MS stellt für viele Betroffene einen Wendepunkt im Leben dar. Plötzlich tauchen unzählige Fragen auf: Wie wird sich die Krankheit entwickeln? Welche Auswirkungen hat sie auf meine Familie und meinen Beruf? Und nicht zuletzt: Wie beeinflusst sie meine Partnerschaft oder meine Chancen, eine neue Beziehung einzugehen?

Eine Teilnehmerin eines Online-Chats der Schweizerischen MS-Gesellschaft beschreibt ihre Situation so: „Für mich stürzten innerhalb weniger Sekunden mehrere Welten zusammen. Fragen türmten sich innerhalb weniger Sekunden auf, die nicht (noch nicht) zu beantworten waren. Wie geht es mit der Familie weiter, was wird mit dem Arbeitsplatz?“

Dr. Regine Strittmatter, Psychologin der Schweizerischen MS-Gesellschaft, rät Betroffenen, sich aktiv mit der Krankheit auseinanderzusetzen, sich Gesprächspartner zu suchen und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Dies kann beispielsweise in Beratungsstellen oder Kontaktgruppen geschehen.

Wann und wie über die MS sprechen?

Eine der zentralen Fragen, die sich Singles mit MS stellen, ist: Wann und wie spreche ich meinen potenziellen Partner über meine Erkrankung an? Soll ich es beim ersten Date erwähnen oder lieber warten, bis sich eine tiefere Beziehung entwickelt hat?

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Dr. Strittmatter betont, dass es hierfür keine Standardantwort gibt. Wichtig sei, dass man sich in erster Linie als Mensch und nicht als MS-Patient sieht. Viele Betroffene entscheiden spontan, wann sie sich jemandem anvertrauen möchten. Ehrlichkeit und Vertrauen sind dabei entscheidend.

Eine Betroffene namens nane fragt: „Wann und wie bringe ich das an? Beim ersten Date, oder lieber später? Ich frage mich, ob das unfair wäre.“ Dr. Strittmatter antwortet: „Ein ‚unfair‘ gibt es in diesem Sinne nicht - sich anvertrauen setzt Vertrauen voraus. Und das in jemanden setzen zu können, braucht mal mehr oder weniger Zeit.“

Die Bloggerin Patricia Fleischmann, die selbst an MS erkrankt ist, berichtet von unterschiedlichen Erfahrungen: „Ich habe bisher noch keinen Mann erlebt, der beim Wort Multiple Sklerose nicht zusammen gezuckt ist.“ Sie plädiert für Ehrlichkeit von Anfang an, um Klarheit zu schaffen und herauszufinden, ob derjenige wirklich Interesse an der Person und nicht nur an einem idealisierten Bild hat.

Sexualität und Partnerschaft mit MS

MS kann sich auf verschiedene Weise auf das Sexualleben auswirken. Symptome wie Schmerzen, Spastizität, Gefühlsstörungen oder Inkontinenz können die Sexualität beeinträchtigen. Dennoch ist ein erfülltes Sexualleben auch mit MS möglich.

Dr. Strittmatter betont, dass es wichtig ist, offen über Probleme zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Oftmals ist es notwendig, die Spontanität etwas einzuschränken und neue Wege zu finden, um Lust und Befriedigung zu erleben. Sexualität ist mehr als nur Geschlechtsverkehr. Körperliches Wohlbefinden, Zärtlichkeiten, sexuelle Fantasien und die gegenseitige Stimulation spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

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Nane fragt: „Wenn ich wieder eine Beziehung habe und angenommen, nach zehn oder zwanzig Jahren, bei rascher Zunahme der Behinderungen: Kann man da als Betroffener überhaupt noch Sexualität erleben?“ Dr. Strittmatter antwortet: „Grundsätzlich [antworte ich] auf der Basis von vielen Beratungsgesprächen mit MS-Betroffenen zu diesem Thema mit ja. Es braucht mehr Experimentierfreude, um heraus zu finden, was statt dessen Spass macht. Wichtig ist für viele zu erkennen, dass Sexualität mehr ist, als Geschlechtsverkehr.“

Herausforderungen und Chancen in der Partnerschaft

Die Diagnose MS kann eine Partnerschaft vor große Herausforderungen stellen. Es ist wichtig, offen miteinander zu kommunizieren, die eigenen Bedürfnisse und Erwartungen zu äußern und gemeinsam Lösungen zu finden. Auch die Aufgaben im Alltag sollten fair aufgeteilt werden, wobei die individuellen Fähigkeiten und Einschränkungen berücksichtigt werden müssen.

Ein Chatteilnehmer namens Schubi berichtet: „Mein Riesenglück ist, dass meine Partnerin auch nach der Diagnose noch zu mir steht. Richtig reden über die MS kann ich aber nicht mit ihr, wenigstens nicht sehr tiefgründig, bin eher wortkarg.“ Dr. Strittmatter empfiehlt, sich in Erfahrungsberichten oder Internet-Foren Anregungen zu holen oder die eigenen Gedanken in einem Tagebuch festzuhalten.

Tatjana berichtet, dass ihr Partner manchmal zu viel Verständnis zeigt und auf eigene Unternehmungen verzichtet, wenn sie aufgrund ihrer MS absagen muss. Dr. Strittmatter rät, offen darüber zu sprechen, was jeder Partner für sich und für die Beziehung tun kann. Es ist wichtig, dass jeder Partner neben dem Gemeinsamen auch das Eigene hat.

Partnersuche im digitalen Zeitalter

Viele Singles mit MS nutzen mittlerweile Online-Dating-Plattformen, um einen Partner zu finden. Hierbei ist es wichtig, sich realistische Erwartungen zu setzen und sich nicht von unrealistischen Versprechungen blenden zu lassen. Ehrlichkeit und Offenheit sind auch hier entscheidend.

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Patricia Fleischmann berichtet von ihren Erfahrungen mit Parship: „Bereits das Ausfüllen der vielen Fragen ging mir auf die Nerven. Und erst die Themen der Fragen nach - was würden sie tun, wenn … Situationen, die im Leben so etwas von unwahrscheinlich sind oder gar nicht zu mir und meinem Alltag oder Interessen passte.“ Sie rät, sich nicht von oberflächlichen Kriterien wie Hobbys oder Eigenschaften unter Druck setzen zu lassen, sondern sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die eigene Persönlichkeit und die eigenen Werte.

Mut machen und Perspektiven aufzeigen

Trotz aller Herausforderungen ist es wichtig, den Mut nicht zu verlieren und sich auf die positiven Aspekte des Lebens zu konzentrieren. MS ist nicht das Ende, sondern ein Teil des Lebens. Mit Optimismus, Stärke und Ausdauer kann man den Alltag meistern und eine erfüllte Partnerschaft führen.

Julia, Anna-Lena, Zoé und Nicole sind vier Frauen mit MS, die trotz ihrer Erkrankung ein erfülltes Leben führen. Sie haben gelernt, mit ihren Symptomen umzugehen, ihre Therapie zu optimieren und ihre Partnerschaft aktiv zu gestalten. Ihre Geschichten zeigen, dass MS kein Hindernis für eine glückliche Beziehung und eine eigene Familie sein muss.

Mo, die sich selbst als „MS-Ninja“ bezeichnet, kämpft gegen Vorurteile und klärt über das Leben mit MS auf. Sie betont, dass es wichtig ist, offen über die Krankheit zu sprechen und sich nicht für sie zu schämen. Wenn jemand ein Problem mit ihrer MS hat, ist das für sie ein Warnsignal.

Tipps für die Partnersuche mit MS

  • Seien Sie ehrlich und offen über Ihre Erkrankung.
  • Konzentrieren Sie sich auf Ihre Stärken und positiven Eigenschaften.
  • Suchen Sie sich Unterstützung bei anderen Betroffenen oder in Beratungsstellen.
  • Seien Sie geduldig und geben Sie nicht auf.
  • Genießen Sie Ihr Leben und konzentrieren Sie sich auf die Dinge, die Ihnen Freude bereiten.

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