Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Gehirn und Rückenmark betrifft. Sie ist gekennzeichnet durch die Schädigung der Myelinscheide, einer Schutzschicht um die Nervenfasern, was zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen kann. Schmerzen, einschließlich Gelenkschmerzen, sind ein häufiges und oft unterschätztes Symptom bei MS. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Gelenkschmerzen im Zusammenhang mit MS, einschließlich ihrer Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten.
Einführung in Multiple Sklerose
Multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten Erkrankungen des Zentralnervensystems (Gehirn und Wirbelsäule). Bei MS beeinträchtigt der Verlust von Myelin die Übermittlung von Botschaften zwischen Gehirn und anderen Körperteilen. Die Bereiche, in denen Myelin verloren gegangen ist (Plaques oder Läsionen), erscheinen als verhärtete Bereiche oder Narben. Bei MS treten diese Narben zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Bereichen des Gehirns und des Rückenmarks auf. MS betrifft Menschen in der Mitte ihres Lebens, wenn sich Familie und Berufslaufbahn entwickeln. Die Symptome von MS sind die Folge der Autoimmunschädigung von Gehirn und Rückenmark. Die häufigste Form der MS ist die so genannte schubförmig-remittierende MS, bei der die Symptome kommen und wieder abklingen. Trotz aller Anstrengungen in der Forschung ist MS noch nicht heilbar.
Gelenkschmerzen als Symptom der MS
Schmerzen sind mitunter das häufigste Symptom bei Multipler Sklerose und treten bei ca. 86 % der Patientinnen und Patienten auf. Schmerzen bei MS werden in neuropathische und nozizeptive Schmerzen eingeteilt. Es ist wichtig zu verstehen, dass Gelenkschmerzen bei MS verschiedene Ursachen haben können und nicht immer direkt mit der Entzündung der Nerven zu tun haben müssen.
Ein persönlicher Bericht verdeutlicht die Erfahrung von Gelenkschmerzen bei MS: "Bei mir besteht die Diagnose MS seid Sep 04. Ich spritze seitdem Avonex und komme eigentlich recht gut damit klar. Seid ca. 5 Wochen hab ich extreme Gelenkschmerzen, als wenn ich Bänder überdehnt hätte. Das interessante dabei ist, es kommt an wie angeflogen (zb. das Handgelenk) schmerzt wirklich extrem, sodass ich das Gelenk nicht belasten kann, und ca. 24 std. später ist es weg. Dann kommt das nächste Gelenk dran. So hab ich jetzt schon beide Handgelenke mehrfach drangehabt, die Kniegelenke, den Ellbogen, Daumen, Zeigefinger, Fussgelenke, ja sogar den Rücken. Immer wie angeflogen, und relativ schnell wieder weg. Ich dachte erst, das wär von Überarbeitung (hab momentan einen 12 - 14 std. tag) und wollte auf meinen Urlaub warten, i. d. Hoffnung, dass es weg geht. Mitnichten, seitdem ich Urlaub hab, ist es bald sogar noch was schlimmer geworden."
Ursachen von Gelenkschmerzen bei MS
Gelenkschmerzen bei MS können verschiedene Ursachen haben:
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- Neuropathische Schmerzen: Diese entstehen als direkte Folge der MS. Sie treten aufgrund einer fehlerhaften Übermittlung der Nervensignale vom und zum Gehirn und Rückenmark auf. Diese Art von Schmerzen sind nicht auf eine augenscheinliche Verletzung des Körpers zurückzuführen, sondern sind die Folge einer Schädigung auf neuronaler Ebene durch MS und des allmählichen Abbaus der Myelinscheide.
- Dysästhetische Schmerzen: Sie sind eines der häufigsten Schmerzsyndrome bei MS und werden als konstante, brennende Schmerzen beschrieben, die ohne externe Reize auftreten. Davon sind besonders die Beine und Füße betroffen.
- Trigeminusneuralgie: Der Trigeminusnerv versorgt weite Bereiche des Kopfes. Eine Schädigung des Nervs durch MS führt zu intensiven Schmerzen in Augen, dem Kiefer, der Stirn, an der Kopfhaut, den Lippen, der Nase und an beiden Seiten des Gesichts. Sie treten unvermittelt auf und werden oft durch ganz normale Alltagstätigkeiten wie z.
- Lhermitte-Zeichen: Dies ist ein schmerzhaftes Zeichen, welches häufig bei MS auftritt.
- Schmerzen im Zusammenhang mit Optikusneuritis: Optikusneuritis, die mit MS in Verbindung gebracht wird, wird durch eine Entzündung des Sehnervs ausgelöst und führt zu Sehstörungen (verschwommene Sicht, Doppeltsehen etc.).
- Nozizeptive Schmerzen: Diese entstehen als indirekte Folge durch MS-Symptome. Sie entstehen durch eine Reizung der Schmerzrezeptoren, welche in unserem gesamten Körper verteilt sind.
- Muskelschmerzen: Sind die Folge von Veränderungen des Bewegungsapparates. Durch das Einnehmen von unangenehmen Körperpositionen, aufgrund von Gleichgewichtsstörungen, Muskelsteifheit, fehlender Koordination in Armen und Beinen oder anderen Veränderungen, kann es zu einer Überlastung der Bein- oder Rückenmuskeln und somit Schmerzen kommen.
- Schmerzhafte tonische Krämpfe: Eine der häufigsten Beschwerden unter denen MS-Patientinnen und Patienten leiden sind Krämpfe infolge von Spastik. Tonische Krämpfe, welche unerwartet auftreten, sind charakteristischen Spasmen dieser Erkrankung.
- Spastik: Muskelstarre ist eines der häufigsten Symptome von MS und einer der Hauptgründe für Behinderungen bei MS. Spasmen sind unwillkürliche Muskelbewegungen in den Gliedmaßen und im Rumpf. Diese Symptome der Spastizität können zu funktionellen Behinderungen führen, einschließlich Haltungsänderungen, die durch einen erhöhten Muskeltonus (Muskelspannung oder Aktivitätszustand) verursacht werden. Muskeln müssen normalerweise einen angemessenen Muskeltonus aufrechterhalten, um den Körper aufrecht zu halten und Bewegungen zu ermöglichen, während sie gleichzeitig Flexibilität und Schnelligkeit während der Bewegung zulassen. Spastizität ist das Ergebnis eines erhöhten Muskeltonus, der zu einem Verlust der Muskelreaktion führt. Viele Betroffene leiden unter Muskelkrämpfen (Spastiken) im Rahmen eines MS Schubs, die zu Gelenkschmerzen führen. Es kann daher durch die MS zu Knieschmerzen, Hüftschmerzen oder Schulterschmerzen kommen.
- Veränderungen des Bewegungsapparates: Durch das Einnehmen von unangenehmen Körperpositionen, aufgrund von Gleichgewichtsstörungen, Muskelsteifheit, fehlender Koordination in Armen und Beinen oder anderen Veränderungen, kann es zu einer Überlastung der Bein- oder Rückenmuskeln und somit Schmerzen kommen.
- Kopfschmerzen: Die Ursache von Kopfschmerzen bei MS-Patienten ist nicht eindeutig geklärt, obwohl ein Zusammenhang mit Veränderungen in den Funktionskreisläufen des Gehirns und den durch die Krankheit verursachten Schäden besteht.
- Schmerzen im Schub: Nervenentzündung (z. B. Schmerzen als direkte Folge der MS, z. Schmerzen als indirekte Folge von MS-Symptomen, z. Schmerzen unter medikamentöser Therapie, z. MS-unabhängige Schmerzen, z.
- Lähmungen: Neben den genannten, können auch Lähmungen auftreten, die oft zunächst die Finger, Hände und Füße betreffen und sich nach dem Schub meist vollständig zurückbilden, sind nicht selten.
Symptome von Gelenkschmerzen bei MS
Die Symptome von Gelenkschmerzen bei MS können vielfältig sein und hängen von der zugrunde liegenden Ursache ab. Einige häufige Symptome sind:
- Schmerzen: Die Schmerzen können von leicht bis stark variieren und sich als stechend, brennend, pochend oder dumpf äußern.
- Steifigkeit: Die Gelenke können sich steif und unbeweglich anfühlen, besonders am Morgen oder nach längerer Inaktivität.
- Schwellung: In einigen Fällen können die Gelenke anschwellen und sich warm anfühlen.
- Bewegungseinschränkung: Die Schmerzen und Steifigkeit können die Bewegungsfreiheit der Gelenke einschränken.
- Krämpfe: Eine der häufigsten Beschwerden unter denen MS-Patientinnen und Patienten leiden sind Krämpfe infolge von Spastik. Tonische Krämpfe, welche unerwartet auftreten, sind charakteristischen Spasmen dieser Erkrankung.
- Missempfindungen: Bitte nicht schon wieder - oft dann, wenn man es gar nicht gebrauchen kann, kommen die Schmerzen und Missempfindungen wie Brennen, Kribbeln.
Diagnose von Gelenkschmerzen bei MS
Um die Ursache von Gelenkschmerzen bei MS zu ermitteln, ist eine gründliche Untersuchung durch einen Arzt erforderlich. Diese kann folgende Schritte umfassen:
- Anamnese: Der Arzt wird Fragen zu den Symptomen, der Krankengeschichte und der aktuellen Medikation stellen.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt wird die Gelenke untersuchen, um Schwellungen, Steifigkeit und Bewegungseinschränkungen festzustellen.
- Neurologische Untersuchung: Der Arzt wird die neurologische Funktion überprüfen, um festzustellen, ob die Schmerzen durch Nervenschäden verursacht werden.
- Bildgebende Verfahren: In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie Röntgenaufnahmen, MRT oder CT-Scans erforderlich sein, um andere Ursachen für die Schmerzen auszuschließen.
- Liquoruntersuchung: Eine kleine Menge des sogenannten Nervenwassers (Liquor) wird mithilfe einer Nadel aus dem Wirbelkanal entnommen (Lumbalpunktion).
- Oligoklonale Banden: Oligoklonale Banden sind sogenannte Immunglobuline, das heißt: Antikörper. Sie liefern Hinweise auf entzündliche Prozesse im Körper. Bei rund 95 Prozent aller MS-Patienten liegen sie vor. Weil sie aufgrund ihrer Größe die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden können, befinden sie sich nur in der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor) und nicht im Blut. Dies spricht für eine Entzündung, die ihren Ausgangspunkt im Gehirn hat. Allerdings liegen die oligoklonalen Banden erst im späteren Verlauf einer MS-Erkrankung vor, selten schon zu Anfang.
Behandlung von Gelenkschmerzen bei MS
Die Behandlung von Gelenkschmerzen bei MS zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern, die Funktion zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen. Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die je nach Ursache und Schweregrad der Schmerzen eingesetzt werden können:
- Medikamentöse Therapie:
- Schmerzmittel: Schmerzmittel wie Paracetamol, Ibuprofen oder Naproxen können bei leichten bis mittelschweren Schmerzen helfen.
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva wie Amitriptylin oder Duloxetin können bei neuropathischen Schmerzen wirksam sein.
- Antikonvulsiva: Antikonvulsiva wie Gabapentin oder Pregabalin können ebenfalls bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden.
- Muskelrelaxantien: Muskelrelaxantien wie Baclofen oder Tizanidin können bei Spastik und Muskelkrämpfen helfen.
- Cannabinoide: In einigen Fällen können Cannabinoide zur Linderung von Schmerzen und Spastik eingesetzt werden.
- Nicht-medikamentöse Therapie:
- Physiotherapie: Krankengymnastik oder Kälte-/Wärmebehandlungen sowie moderate Sportübungen etc. können dazu beitragen, Muskelprobleme zu verbessern. Physiotherapie kann helfen, die Muskeln zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Schmerzen zu lindern.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, Alltagsaktivitäten schmerzfreier und einfacher zu gestalten.
- Verhaltenstherapie: Verhaltenstherapie zur Behandlung von Schmerzen bei MS kann eine geeignete Alternative für MS-Patienten darstellen. Die Therapien zielen darauf ab, die psychologischen Veränderungen der Multiplen Sklerose zu behandeln, welche nachweislich ebenso eine große Rolle spielen wie die körperlichen Veränderungen.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei der Linderung von Schmerzen bei MS helfen kann.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen und die Schmerzen zu lindern.
- Kälte-/Wärmebehandlungen: Krankengymnastik oder Kälte-/Wärmebehandlungen sowie moderate Sportübungen etc. können dazu beitragen, Muskelprobleme zu verbessern.
- Weitere Behandlungsansätze:
- TENS (Transkutane elektrische Nervenstimulation): TENS ist eine Methode, bei der elektrische Impulse über die Haut an die Nerven gesendet werden, um die Schmerzen zu lindern.
- Injektionen: In einigen Fällen können Injektionen mit Kortikosteroiden oder Lokalanästhetika in die Gelenke oder Nervenwurzeln erforderlich sein, um die Schmerzen zu lindern.
- Ernährung: Ausgewogen Ernährung bei MS Wie geht es weiter?
Es ist wichtig, mit dem behandelnden Arzt zusammenzuarbeiten, um einen individuellen Behandlungsplan zu entwickeln, der auf die spezifischen Bedürfnisse und Symptome abgestimmt ist.
Leben mit Gelenkschmerzen bei MS
Gelenkschmerzen können das Leben von Menschen mit MS erheblich beeinträchtigen. Es gibt jedoch verschiedene Strategien, die helfen können, mit den Schmerzen umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern:
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- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann helfen, die Muskeln zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Schmerzen zu lindern.
- Gesunde Ernährung: Eine gesunde Ernährung kann helfen, Entzündungen zu reduzieren und das Immunsystem zu stärken.
- Stressmanagement: Stress kann die Schmerzen verschlimmern. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen.
- Unterstützung suchen: Der Austausch mit anderen Menschen mit MS kann helfen, sich weniger allein zu fühlen und neue Strategien zur Schmerzbewältigung zu erlernen.
- Schmerztagebuch: Damit Sie die Übersicht über Verlauf, Häufigkeit, Intensität und Dauer Ihrer Schmerzen behalten, kann es für Sie hilfreich sein, wenn Sie ein Schmerztagebuch führen.
- Achten Sie auf Veränderungen: Im Laufe der Erkrankung können sich Ihre Symptome verändern. Sowohl in ihrer Ausprägung als auch in der Häufigkeit. Achten Sie auf Veränderungen und sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie dies bemerken.
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