Das Gehirn auf dem Sofa: Auswirkungen des Fernsehens auf unsere Denkzentrale

Das Fernsehen ist aus unserem Alltag kaum wegzudenken. Ob zur Entspannung, zur Information oder einfach zur Unterhaltung - der Fernseher läuft in vielen Haushalten stundenlang. Doch was macht das stundenlange Verweilen auf dem Sofa vor dem Bildschirm eigentlich mit unserem Gehirn? Dieser Frage gehen wir in diesem Artikel auf den Grund.

Die hypnotische Wirkung des Fernsehens

Wer kennt es nicht? Man sinkt erschöpft auf das Sofa und lässt sich von den bunten, sich ständig bewegenden Bildern auf dem Bildschirm fesseln. Oft fällt es schwer, sich von der laufenden Sendung loszureißen, selbst wenn eigentlich andere Bedürfnisse drängen. Diese "hypnotische Wirkung" des Fernsehens betrifft Erwachsene und Kinder gleichermaßen.

Veränderungen in der Hirnstruktur

Eine Studie untersuchte die Auswirkungen des Fernsehkonsums auf die Gehirnstruktur von Kindern und Jugendlichen. Dabei wurde das Volumen der grauen und weißen Hirnsubstanz in verschiedenen Regionen des Gehirns bei 276 Jungen und Mädchen im Alter von 5 bis 18 Jahren gemessen. Anschließend suchten die Wissenschaftler nach einer Korrelation zwischen den aufgedeckten Volumina und der vor dem Fernsehen verbrachten Zeit.

Die Ergebnisse zeigten eine Verdichtung in bestimmten Hirnregionen, insbesondere im präfrontalen Cortex. Dieser Bereich des Gehirns ist wichtig für intellektuelle Fähigkeiten wie Handlungsplanung und die Bewältigung mehrerer Aufgaben. Allerdings scheint diese Verdichtung nicht mit einer Verbesserung dieser Hirnleistungen einherzugehen.

Motorisches Lernen durch Fernsehen?

Eine Studie aus Jena zeigt, dass exzessiver TV-Konsum das motorische Lernen fördern kann. Ein Forscherteam des Universitätsklinikums Jena brachte 74 junge Erwachsene im Alter zwischen 20 und 30 Jahren für 5 Tage in einem Hostal unter, wo sie in zwei Gruppen eingeteilt wurden. Die eine wurde angehalten, fünf Tage lang acht Stunden täglich vor dem Fernseher zu sitzen, die andere sollte hingegen komplett darauf verzichten.

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Die Fernseh-Nutzer der Studie waren bei der Auswahl ihres TV-Programms weitgehend frei. Am Ende lief es darauf hinaus, dass sie meistens populäre Serien schauten, was man wegen ihres relativ jungen Alters erwarten durfte. Nach den fünf Tagen überprüften die Forscher, inwieweit sich dieser Kurs bezahlt gemacht hatte. Die TV-Nutzer zeigten deutlich bessere Ergebnisse. „Sie waren schneller und machten weniger Fehler“, berichtet Nürnberger. „Sie tippten insgesamt effizienter.“ In einem weiteren Test überprüften die Forscher außerdem die visuelle Informationsverarbeitung der Probanden, wie schnell sie also beispielsweise auf die Präsentation einer bestimmten Zahl reagierten oder wie viele Zahlen sie sich aus einer sechsteiligen Zahlenreihe merken konnten. Auch darin schnitten die exzessiven TV-Konsumenten deutlich besser ab.

Die Lernerfolge ließen sich auch im Gehirn nachweisen, per funktionellem MRT. Ausdauerndes Fernsehen macht also nicht zwangsläufig dumm. Es kann sogar das visuell-motorische Lernen unterstützen. Was nicht nur für das Schreibmaschine-Schreiben, sondern auch für den Sport bedeutsam sein kann, der ja ansonsten beim TV-Konsum eher zu kurz kommt.

Die Menge macht das Gift

Trotz dieser positiven Ergebnisse warnen die Forscher vor ungehemmtem Fernsehkonsum. „Es kommt schlichtweg auf die Menge der konsumierten TV-Einheiten an. Wer das viele Stunden am Tag betreibt, vernachlässigt die Bewegung und seine sozialen Kontakte.“ Was aus medizinischer wie aus hirnphysiologischer Sicht ein großer Nachteil sei. Außerdem komme es letzten Endes auf den Inhalt der TV-Sitzungen an.

Fernsehen und Multitasking: Eine gefährliche Kombination

Wissenschaftlerinnen der Universität Stanford weisen in einer Studie darauf hin, dass fernsehen und gleichzeitig am Smartphone sitzen sich spürbar auf unser Gehirn auswirkt. Die Wissenschaftlerinnen der Universität Stanford rund um Dr. Kevin P. Madore fanden heraus, dass wir unsere Aufmerksamkeit nicht gleichzeitig auf mehrere Medien verteilen können - ohne dass unser Gehirn davon negativ beeinflusst wird. Denn der Versuch, uns sowohl auf den Fernseher, als auch auf unser Smartphone zu konzentrieren, wirkt sich sowohl auf unsere Konzentrationsfähigkeit, als auch auf unsere Gedächtnisleistung negativ aus.

Die Wissenschaftlerinnen kommen zu dem überraschenden Ergebnis, dass diejenigen, die häufig Medien-Multitasking betreiben, also regelmäßig gleichzeitig fernsehen und am Smartphone sitzen, eine geringere Aufmerksamkeitsspanne besitzen und zudem auch verminderte Gedächtnisleistungen haben. Unter anderem vergaßen diese Probandinnen die gezeigten Bilder häufiger als diejenigen Proband*innen, die laut eigenen Aussagen kein Medien-Multitasking betrieben. Das zeigt, wie die gleichzeitige Nutzung von Fernseher und Smartphone unser Gehirn nachhaltig verändern kann.

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Hintergrundfernsehen: Die unterschätzte Gefahr

In vielen Wohnzimmern läuft der Fernseher wie eine zweite Lampe: einfach an. Er dudelt während des Frühstücks, begleitet die Hausarbeit, läuft beim Spielen der Kinder. Viele sagen: „Ich höre eh nicht zu.“ Und glauben, damit sei das Thema erledigt. Studien zeigen, dass Hintergrundfernsehen die Aufmerksamkeit zerfasert. Selbst wenn du dich auf etwas anderes konzentrierst, schnappen deine Sinne Wortfetzen, Musikstücke, schnelle Bildwechsel auf. Der Kopf sortiert im Hintergrund mit, ohne dass du es bewusst mitbekommst. Am Ende kostet dieser unsichtbare Filterprozess Energie.

Kinder, die länger Hintergrundfernsehen ausgesetzt waren, spielten kürzer am Stück konzentriert und wurden schneller abgelenkt. Auch Erwachsene berichteten mehr mentale Müdigkeit, obwohl sie den Fernseher als “Nebensache” einstuften.

Strategien für einen bewussteren Umgang mit dem Fernseher

  • Feste "Fernsehfenster" im Tagesrhythmus: Zum Beispiel: morgens gar kein TV, dafür abends ein klares Zeitfenster von 20.15 bis 21.30 Uhr. Oder nur beim bewussten Serienabend, nie neben der Arbeit.
  • Rituale statt Dauerberieselung: Ein bestimmtes Format zu einer festen Zeit. Ein Filmabend als bewusstes Ereignis, nicht als Soundtapete. Eine Serie, auf die man sich freut, anstatt drei anderen parallel halb zu folgen.
  • Mentale Erholung braucht echte Ruheinseln: Kein Dauergeflimmer, kein Dauerton.
  • Bewusst auf die eigene Reaktion achten: Wie fühlst du dich nach einem Abend mit permanent dudelndem Fernseher? Wie nach einem ruhigen Abend mit einem Buch, einem Podcast oder einfach nur Musik?

Sitzen ist nicht gleich Sitzen: Die Art der Tätigkeit macht den Unterschied

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der medizinischen Fakultät der HMU Erfurt unterstützt Dr. Fabian Herold die Lehre in den Bereichen Motorik und Leistungsphysiologie. Als Forscher untersucht er intensiv, wie sich der sitzende Lebensstil auf die kognitive Leistungsfähigkeit und das Gehirn auswirkt. „Immer mehr Menschen arbeiten sitzend, häufig am Computer. Die negativen Folgen für den Bewegungsapparat sind hinlänglich bekannt. In dem Fachartikel weist der 33-Jährige gemeinsam mit Wissenschaftler:innen aus China, den USA, Australien und den Niederlanden darauf hin, dass es bei dieser Forschungsfrage durchaus relevant sei, was genau die Menschen in sitzender Haltung tun oder konsumieren. „Erste Forschungsergebnisse zeigen, dass geistig aktive sitzende Tätigkeiten wie Videospiele der kognitiven Leistung als einer Facette der Gehirngesundheit zuträglich sein können, wenn eine gewisse - noch zu bestimmende - Dauer nicht überschritten wird.

Eine erste Studie zeigt, dass die Gehirndurchblutung in frontalen Kortexregionen bei Videospielen, beim Fernsehen und bei der Social Media-Nutzung unterschiedlich ausgeprägt ist. Am höchsten war die Hirnaktivität beim Swipen durch Social Media-Kanäle, am geringsten beim Fernsehen.

Schrumpft das Gehirn durch Fernsehen?

Strittig ist eher die Frage, ob das meist äußerst seichte Programm das Hirn zersetzt oder ob es eher am passiven In-den-Bildschirm-Starren liegt, wenn nach langjährigem Fernsehkonsum die kognitiven Fähigkeiten auf der Strecke bleiben. Darauf hat Dr. Tina Hoang vom Northern California Institute for Research and Education auf dem internationalen Alzheimerkongress in Chicago hingewiesen.

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Das Team um Hoang hatte bereits vor zweieinhalb Jahren Resultate der CARDIA-Studie zu den Auswirkungen des TV-Konsums publiziert. Selbst wenn die körperliche Aktivität und das Bildungsniveau berücksichtigt wurden, ließ sich ein negativer Effekt des Fernsehens nachweisen, wenngleich dieser etwas weniger stark bei solchen Teilnehmern zu beobachten war, die trotz hohem Fernsehkonsum noch etwas Zeit für körperliche Betätigungen fanden.

In ihrer aktuellen Auswertung haben sich die Forscher um Hoang auf knapp 700 Teilnehmer der Studie konzentriert, die sich 25 Jahre nach Beginn einer strukturellen Hirn-MRT unterzogen hatten. Zum Zeitpunkt der MRT-Analyse waren die Teilnehmer 50 Jahre alt. Im Schnitt hatten sie über die vergangenen zwei Dekaden hinweg 2,3 Stunden täglich auf den TV-Bildschirm gestarrt, 15% sogar vier oder mehr Stunden.

Berücksichtigen die Forscher Alter, Geschlecht, Ethnie sowie das intrakranielle Volumen, ergab sich ein signifikanter Zusammenhang mit hohem Fernseherkonsum und geringem Gesamthirnvolumen, geringem Volumen der grauen Substanz und einem reduzierten Volumen im Frontalhirn. Wurden vaskuläre Risikofaktoren wie Nikotin- und Alkoholkonsum, Adipositas, Hypertonie, Depression sowie die körperliche Aktivität ebenfalls in die Rechnung aufgenommen, blieb ein signifikanter Zusammenhang bei der grauen Substanz im Allgemeinen und dem Frontalhirn im Besonderen bestehen.

Hoang sprach von einer geringeren kognitiven Reserve bei Personen mit hohem Fernseherkonsum, bedingt durch ihren sedentären Lebensstil. Allerdings wurde in der Studie nicht untersucht, ob sich viel Zeit vor dem Computerbildschirm mit kognitiv meist anspruchsvolleren Tätigkeiten ebenfalls negativ auf die Hirnzellen auswirkt.

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