Der Hinterhauptlappen: Funktion, Anatomie und Bedeutung für die visuelle Wahrnehmung

Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das in verschiedene Bereiche unterteilt ist, von denen jeder spezifische Funktionen erfüllt. Der Hinterhauptlappen, auch Okzipitallappen genannt, spielt eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung visueller Informationen. Dieser Artikel beleuchtet die Anatomie, Funktion und die möglichen Folgen von Schädigungen des Hinterhauptlappens, um ein umfassendes Verständnis dieses wichtigen Gehirnbereichs zu vermitteln.

Einführung in den Okzipitallappen

Der Okzipitallappen ist einer der vier Hauptlappen des Großhirns und befindet sich im hinteren Bereich des Schädels. Er ist primär für die Verarbeitung visueller Reize zuständig und wird daher auch als Sehzentrum des Gehirns bezeichnet. Stelle dir den Okzipitallappen wie die Leinwand in einem Kino vor. Auf dieser Leinwand werden die Filme - in diesem Fall die von den Augen aufgenommenen Bilder - projiziert und verarbeitet.

Anatomie des Hinterhauptlappens

Der Okzipitallappen ist der kleinste der vier Großhirnlappen. Er ruht auf dem Tentorium cerebelli, einer Hirnhautstruktur, die das Großhirn vom Kleinhirn trennt. Die beiden Hinterhauptlappen sind durch die Fissura cerebri longitudinalis in den jeweiligen Gehirnhälften getrennt. Vorne grenzt der Okzipitallappen an den Parietallappen, von dem er durch den Sulcus parietooccipitalis getrennt wird, sowie ohne erkennbare Grenze an den Temporallappen.

Der Lobus occipitalis wird durch den Sulcus calcarinus unterteilt, an dem der Cuneus oberhalb und der Gyrus lingualis unterhalb liegen. Der Okzipitallappen enthält die primäre und sekundäre Sehrinde. Der Okzipitallappen lässt sich grob in zwei Bereiche einteilen: den primären visuellen Cortex (V1) und die visuellen Assoziationscortices (V2 bis V5). V1 entspricht der Brodmann Area 17. Aufgrund der besonderen Schichtung der Neuronen im Cortex weist diese Region einen sogar für das bloße Auge sichtbaren Streifen auf, weshalb die Region auch Area striata genannt wird. Sie liegt größtenteils an der medialen, der nach innen gewandten Seite der Hemisphären am Hinterhauptspol des Gehirns und bildet so die Wand des Sulcus calcarinus.

Die primäre Sehrinde (V1)

Eingehende Nervenimpulse, so genannte Afferenzen, erhält V1 über die Sehstrahlung vom Corpus geniculatum laterale (CGL, ein Teil des Thalamus). Die 1,5 Millionen Fasern des CGL stehen 200 Millionen Cortex-Neuronen gegenüber. Die primäre Sehrinde ist retinotop geordnet, was bedeutet, dass jeder Punkt auf der Netzhaut einem bestimmten kleinen corticalen Gebiet in V1 entspricht und Nachbarschaften erhalten bleiben. Obwohl die Fovea, der Ort des schärfsten Sehens auf der Netzhaut, nur 1,5 Millimeter Durchmesser hat, nimmt sie vier Fünftel von V1 in Anspruch.

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Wie der gesamte Isocortex wird auch die primäre Sehrinde in sechs Laminae (Schichten) eingeteilt, wobei die Komplexität im Vergleich zum restlichen Cortex deutlich höher ist. Die einzelnen Schichten unterscheiden sich in Aufbau und Funktion, sind jedoch untereinander stark vernetzt. Besonders interessant für sensorische Areale allgemein ist Schicht IV, die die Afferenzen der sensorischen Neurone erhält. Die Schicht VI in der primären Sehrinde erhält diese Informationen in einem komplexen Verschaltungsmuster und ist besonders dick, so dass eine Unterteilung in die Unterschichten A, B und C vorgenommen wird.

Funktionelle Einheiten: Säulen, Blobs und Hypersäulen

Neben dem horizontalen Aufbau gibt es auch einen vertikalen, dessen funktionale Einheiten als „Säulen“ bezeichnet werden. Mehrere Orientierungssäulen, in denen so genannte „einfache Zellen“ die Ausrichtung einer Linie zwischen 0 und 180 Grad erfassen, bilden gemeinsam eine Augendominanzsäule. Man fasst jeweils eine rechte und eine linke Augendominanzsäule zu einer „Hypersäule“ zusammen, die jeweils einen kleinen Abschnitt der Außenwelt abbildet. Von oben hinein in diese Orientierungs- und Augendominanzsäulen senken sich die „Blobs“, die mit der Verarbeitung von Farbe beschäftigt sind.

Funktion des Hinterhauptlappens

Der Okzipitallappen ist in mehrere funktionelle Sehbereiche unterteilt, wobei jeder Bereich eine vollständige Karte der visuellen Welt enthält. Der erste Funktionsbereich ist der primäre visuelle Cortex, der eine niederstufige Beschreibung der lokalen Orientierung, der räumlichen Frequenz- und Farbeigenschaften innerhalb kleiner rezeptiver Felder enthält. Die linke Hälfte jeder Netzhaut, die Informationen aus dem rechten Gesichtsfeld aufnimmt, sendet ihre Informationen an den rechten Okzipitallappen und umgekehrt.

Die spezifischen Aufgaben des Okzipitallappens sind vielfältig und decken verschiedene Aspekte der visuellen Wahrnehmung ab. Dort werden die Informationen verarbeitet und dann an den assoziativen visuellen Cortex weitergeleitet. Der Okzipitallappen ist für die Verarbeitung visueller Eindrücke verantwortlich. Dabei wird im primären visuellen Cortex jeder Punkt des Gesichtsfeldes nach Linien und Kanten, Bewegung und Farbe durchleuchtet. Die Felder des sekundären visuellen Cortex erarbeiten anhand dieser Information dann komplexere Wahrnehmungen wie Raum, Farbe, Bewegung bis hin zu sehr spezifischen Objekten.

Schädigungen des Hinterhauptlappens und ihre Folgen

Eine Schädigung des Okzipitallappens kann durch verschiedene Ursachen wie eine Kopfverletzung, einen Schlaganfall oder einen Tumor verursacht werden. Solche Schädigungen können erhebliche Auswirkungen auf die visuelle Wahrnehmung und die Fähigkeit haben, visuelle Informationen zu verarbeiten und zu interpretieren. Während das Ausmaß und die Art der Auswirkungen stark von der Art, dem Ort und dem Umfang der Schädigung abhängen, gibt es einige typische Symptome und Folgen, die sich bei einer Schädigung des Okzipitallappens häufig zeigen.

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Typische Symptome und Folgen

Zu den typischen Symptomen und Folgen einer Schädigung des Okzipitallappens gehören:

  • Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Doppelbilder, Gesichtsfeldausfälle (Hämianopsie, Quadrantanopsie) oder Blindheit (kortikale Blindheit).
  • Halluzinationen: Visuelle Halluzinationen können auftreten.
  • Räumliche Wahrnehmungsstörungen: Schwierigkeiten bei der räumlichen Orientierung und Wahrnehmung von Entfernungen.
  • Farbsehstörungen: Schwierigkeiten bei der Unterscheidung von Farben.
  • Alexie: Auffälligkeiten im Leseverständnis.
  • Visuelle Agnosie: Patienten sind nicht mehr in der Lage, das Gesehene zuzuordnen oder zu erkennen (Farben, Formen, Gesichter).

Auswirkungen von Tumoren im Okzipitallappen

Ein Tumor im Okzipitallappen kann signifikante Auswirkungen auf die visuelle Wahrnehmung haben. Häufig gehören Hämianopsie (Halbseitenblindheit), Quadrantanopsie (Blindheit in einem Viertel des Gesichtsfelds) oder in extremen Fällen kortikale Blindheit (Blindheit trotz funktionierender Augen aufgrund von Gehirnschäden) zu den Symptomen eines Okzipitallappen Tumors. Letztere stellt eine besonders drastische Folge dar, da trotz intakter Netzhaut und optischer Nerven das Gehirn die visuellen Informationen nicht mehr richtig verarbeiten kann.

Vaskuläre Ursachen

Wie bei allen Teilen des Gehirns ist auch der Okzipitallappen auf eine konstante und ausreichende Blutversorgung angewiesen, um richtig zu funktionieren. Bei den meisten Menschen versorgen zwei Hauptarterien, die sogenannten Hinteren Hirnarterien, den Okzipitallappen mit Blut. Eine Schädigung dieser Blutgefäße, beispielsweise durch Blutgerinnsel, kann Schlaganfälle und dauerhafte Schäden verursachen.

Zusammenspiel mit anderen Hirnbereichen

Es ist wichtig zu beachten, dass der Okzipitallappen nicht isoliert arbeitet. Er interagiert eng mit anderen Gehirnregionen, vor allem mit dem Temporallappen und Parietallappen. Der Scheitellappen schließt an den oberen Hinterhauptlappen an und ist hauptsächlich für Aufmerksamkeitsprozesse und sensorische Empfindungen zuständig. Der Schläfenlappen, der ebenfalls an den Hinterhauptlappen anschließt, beinhaltet die Hörrinde und das Wernicke-Areal, welches für das Sprachverständnis zuständig ist.

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