Multiple Sklerose: Ursachen, Symptome, Diagnose und Therapieansätze

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die vor allem das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Sie manifestiert sich meist im frühen Erwachsenenalter und betrifft in Deutschland schätzungsweise über 120.000 Menschen. MS wird als Autoimmunerkrankung betrachtet, da das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden der Nervenzellen angreift und zerstört. Diese Myelinscheiden sind für die schnelle und reibungslose Weiterleitung von Nervenimpulsen unerlässlich. Die Schädigung führt zu vielfältigen neurologischen Ausfällen, deren Art und Schweregrad individuell variieren.

Grundlagen der Multiplen Sklerose

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden angreift, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umhüllen. Diese Myelinscheiden sind wichtig für die schnelle und effiziente Übertragung von Nervenimpulsen. Wenn die Myelinscheiden beschädigt werden, kann dies zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen.

Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Ursachen der MS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.

  • Genetische Veranlagung: Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Gene das Risiko für MS erhöhen können. Es sind etwa 200 Risikogene bekannt, die zum Ausbruch von MS beitragen können.
  • Umweltfaktoren: Verschiedene Umweltfaktoren werden als mögliche Auslöser oder Risikofaktoren diskutiert, darunter Virusinfektionen, Vitamin-D-Mangel und Rauchen. Einige Wissenschaftler vermuten, dass eine Virusinfektion zu einer Autoimmunreaktion führt, in deren Verlauf das Immunsystem die Zellen der Myelinscheide angreift.

Pathophysiologie

Die MS-Pathophysiologie ist komplex und umfasst mehrere Schritte:

  1. Aktivierung des Immunsystems: Das Immunsystem wird aktiviert und greift fälschlicherweise die Myelinscheiden im ZNS an. Dabei verwechselt das Immunsystem bestimmte feindliche Viren mit den körpereigenen Myelinscheiden, weil manche Bestandteile dieser Viren in ihrer Struktur dem Myelin-Eiweiß sehr ähnlich sind.
  2. Entzündung: Entzündungszellen, insbesondere T-Zellen und B-Zellen, dringen in das ZNS ein und verursachen Entzündungen. Im Zuge der ersten Maßnahmen gelangen T-Zellen als Teil der Immunabwehr von der Peripherie über die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn. Dort schütten sie Botenstoffe aus, die die Schranke öffnen. Als Nachhut treffen dann weitere Entzündungszellen ein, die die Myelinscheiden angreifen und damit für die Schübe sorgen, in denen die Erkrankung in den frühen Phasen verläuft.
  3. Demyelinisierung: Die Myelinscheiden werden durch die Entzündungsprozesse zerstört (Demyelinisierung).
  4. Axonschädigung: Im weiteren Verlauf der Erkrankung können auch die Nervenfasern (Axone) selbst geschädigt werden. Mit jeder Welle von Entzündungszellen im Gehirn kommt es zu Schädigungen der Myelinscheiden und möglicherweise zu neuen Schüben bei den Patienten.
  5. Narbenbildung (Sklerose): An den Stellen, an denen die Myelinscheiden zerstört wurden, bilden sich Narben (Sklerose), die die Nervenleitfähigkeit zusätzlich beeinträchtigen.

Symptome der Multiplen Sklerose

Die Symptome der MS sind vielfältig und können von Patient zu Patient stark variieren. Sie hängen davon ab, welche Bereiche des ZNS betroffen sind. Einige häufige Symptome sind:

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  • Motorische Störungen: Muskelschwäche, Spastik, Koordinationsstörungen, Gleichgewichtsprobleme. Die Schädigung des Nervensystems bei Patienten mit Multipler Sklerose hat unterschiedliche Auswirkungen. Neben Entzündungsreaktionen zählen unter anderem geistige Verwirrung und Koordinationsstörungen zu den typischen Symptomen von MS.
  • Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühle, Kribbeln, Schmerzen, verminderte Berührungsempfindlichkeit.
  • Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Doppeltsehen, Entzündung des Sehnervs (Neuritis nervi optici). Ein weiteres Symptom der Multiplen Sklerose ist eine Erkrankung von sensorischen Gesichtsnerven, die Nervensignale aus dem Bereich des Gesichts an das Gehirn übermitteln.
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme, verlangsamte Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit. Neben den körperlichen Beschwerden kann sich die Multiple Sklerose (MS) auch auf Konzentration, Aufmerksamkeit, Orientierung und Gedächtnis auswirken.
  • Fatigue: Erschöpfung und Müdigkeit, die durch Ruhe nicht verbessert wird.
  • Blasen- und Darmfunktionsstörungen: Inkontinenz, häufiger Harndrang, Verstopfung.
  • Sexuelle Funktionsstörungen: Erektionsstörungen, verminderte Libido.
  • Schmerzen: Chronische Schmerzen, neuropathische Schmerzen. Da Entzündungen dieser Nerven sehr schmerzhaft sind, bekommen viele MS-Patienten schmerzlindernde Medikamente, wie z. B. Carbamazepin und Pregabalin.

Die Symptome können in Schüben auftreten, gefolgt von Phasen der Remission (Besserung) oder können kontinuierlich fortschreiten.

Kognitive Beeinträchtigungen im Detail

Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, die das gesamte zentrale Nervensystem, also Gehirn und Rückenmark betrifft. Diese Art von Netzwerkstörung führt dazu, dass komplexere kognitive Fähigkeiten etwas langsamer ablaufen, als man es bei einem gesunden Menschen gewohnt ist. Die Auswirkungen der Multiplen Sklerose auf Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit oder Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit gestalten sich derart, dass es schwierig sein kann, parallelen Gesprächen zu folgen. Es kann auch beschwerlich werden, verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig auszuführen, wie beispielsweise zu telefonieren und gleichzeitig etwas für den Haushalt vorzubereiten. Andere Ursachen für kognitive Störungen können Veränderungen der Stimmungslage sein, affektive Störungen oder depressive Zustandsbilder, die man jedoch gut behandeln kann. Sie führen dazu, dass unser Arbeitsgedächtnis nur beeinträchtigt funktioniert. Sie können sich das so vorstellen, wie wenn Sie an Ihrem Computer gleichzeitig viele Anwendungen offen hätten. Ein anderer Punkt sind Schlafstörungen, denn die Störung der circadianen Rhythmik (Schlaf-Wach-Rhythmus) und Schlafmangel gehen immer mit einer Veränderung der Kognition einher. Es gibt natürlich auch somatische Zustandsbilder, wie Schilddrüsenfunktionsstörungen oder kardiale Probleme, die ebenfalls dazu führen können, dass Ihr Gehirn zu wenig Substrat, zu wenig Sauerstoff bekommt. Anhand von kognitiven Tests können diese von Teilleistungsstörungen in den einzelnen Bereichen abgegrenzt werden. Das Ansprechen von kognitiven Störungen oder subjektiven Problemen gegenüber der Ärztin und dem Arzt ist wichtig, weil diese häufig nicht daran denken. Gerade das ist aber wichtig, denn oft haben subjektive Beeinträchtigungen der Kognition andere Gründe, die man gut behandeln kann. Viele Betroffene sagen, dass sie Probleme haben, sich zu konzentrieren und dass sie oft das Gefühl haben, sich in einer Art Nebel zu befinden. Schlussendlich ist die Konsequenz eine umfassende kognitive Testung bei einer Psychologin oder einem Psychologen. Dabei ist wichtig, dass Sie wissen, dass es keine Testsituation ist, vor der Sie sich fürchten müssen.

Diagnose

Die Diagnose der MS basiert auf einer Kombination aus klinischer Untersuchung, neurologischer Beurteilung und verschiedenen diagnostischen Tests:

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und der aktuellen Symptome.
  • Neurologische Untersuchung: Beurteilung der neurologischen Funktionen wie Reflexe, Muskelkraft, Koordination, Sensibilität und Sehvermögen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Bildgebung des Gehirns und des Rückenmarks, um Läsionen (Entzündungsherde) zu identifizieren.
  • Liquoruntersuchung (Lumbalpunktion): Analyse der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor) auf spezifische Marker für MS.
  • Evozierte Potentiale: Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns als Reaktion auf bestimmte Reize (z.B. visuell, akustisch, somatosensorisch), um die Nervenleitgeschwindigkeit zu überprüfen.

Die Diagnosekriterien für MS (McDonald-Kriterien) berücksichtigen die zeitliche und räumliche Dissemination der Läsionen im ZNS. Das bedeutet, dass Läsionen zu verschiedenen Zeitpunkten auftreten und in verschiedenen Bereichen des ZNS lokalisiert sein müssen, um die Diagnose MS zu bestätigen.

Therapie

Die Therapie der MS zielt darauf ab, die Entzündungsaktivität zu reduzieren, die Symptome zu lindern und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Es gibt verschiedene Therapieansätze:

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Schubtherapie

Bei akuten Schüben werden in der Regel hochdosierte Kortikosteroide (z.B. Methylprednisolon) eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern.

Langzeittherapie (Krankheitsmodifizierende Therapie)

Diese Therapien zielen darauf ab, den Verlauf der MS langfristig zu beeinflussen, indem sie die Entzündungsaktivität und die Häufigkeit der Schübe reduzieren. Dazu gehören:

  • Interferone: Interferon beta 1a und 1b sind synthetisch hergestellte Proteine, die das Immunsystem modulieren.
  • Glatirameracetat: Ein synthetisches Peptid, das die Immunantwort beeinflusst.
  • Fumarate: Dimethylfumarat und andere Fumarate wirken entzündungshemmend und immunmodulatorisch.
  • S1P-Modulatoren: Siponimod, Ozanimod und Ponesimod modulieren den S1P-Rezeptor und verhindern das Eindringen von Immunzellen in das ZNS.
  • Monoklonale Antikörper: Natalizumab, Ocrelizumab, Rituximab und Alemtuzumab sind Antikörper, die spezifische Immunzellen angreifen und deren Aktivität reduzieren. Mit Medikamenten kann der Übertritt der T-Zellen ins Zentrale Nervensystem blockiert werden. Dadurch ließen sich zwar die Entzündungsschübe aufhalten und die Schädigungen im Gehirn vermindern. Aber das gewissermaßen unter den Schüben langsam ablaufende Fortschreiten der Erkrankung und der Behinderung werde damit nicht sicher verhindert.

Die Möglichkeiten zur medikamentösen Behandlung kognitiver Beeinträchtigungen bestehen darin, den Erkrankungsprozess bei MS bestmöglich zu kontrollieren. Mit den sogenannten erkrankungsmodifizierenden Therapien können wir verhindern, dass Gewebeschädigungen, bedingt durch Entzündungsherde, über die Zeit akkumulieren.

Symptomatische Therapie

Diese Therapien zielen darauf ab, die verschiedenen Symptome der MS zu lindern:

  • Spastik: Medikamente wie Baclofen, Tizanidin oder Botulinumtoxin.
  • Schmerzen: Schmerzmittel, Antidepressiva oder Antikonvulsiva. Carbamazepin entfaltet seine Wirkung an den Axonen, während Pregabalin an der Synapse wirkt.
  • Fatigue: Medikamente wie Amantadin oder Modafinil, aber auch nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Bewegungstherapie und kognitive Verhaltenstherapie.
  • Blasenfunktionsstörungen: Medikamente oder Katheterisierung.
  • Depressionen: Antidepressiva oder Psychotherapie.

Rehabilitation

Die Rehabilitation spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung der MS. Sie umfasst verschiedene Therapieformen wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Neuropsychologie. Ziel der Rehabilitation ist es, die körperlichen, kognitiven und psychosozialen Funktionen zu verbessern und die Lebensqualität der Patienten zu erhöhen.

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Die Physiotherapie kann nicht auf direktem Weg Ihre Leistung verbessern, aber generell gilt, was auch für Sport gilt. Durch die Physiotherapie, dem Aufrechterhalt von Bewegung, wie sie in den Alltag zu integrieren ist, können oftmals Gehirnareale trainiert werden. Darüber fördern Sie direkt und indirekt Faktoren der sogenannten neuronalen Plastizität.

Neurorehabilitation und Neuroplastizität

Bei Menschen mit Multipler Sklerose ist das Gehirn in der Lage, bestimmte Störungen zu einem gewissen Grad zu kompensieren. Diese Fähigkeit des Gehirns, sich veränderten Bedingungen anzupassen und sich zu reorganisieren, nennt man Neuroplastizität. Sie bildet die Grundlage für die Neurorehabilitation, mit deren Hilfe Fähigkeiten (neu bzw. wieder) erlernt werden können. Das Gehirn ist lebenslang lernfähig. Unser Gehirn ist aus rund 86 Milliarden Nervenzellen aufgebaut, den sogenannten Neuronen. Sie bilden sich fast alle während der Schwangerschaft. Jedes Neuron hat zwischen 1.000 und 10.000 Verbindungen (Synapsen) zu den anderen Neuronen. Während sich bis zum Lebensende nur noch wenige neue Neuronen bilden, werden diese Synapsen immer wieder neu geknüpft. Diese Fähigkeit zur Neu- und Umstrukturierung wird mit Neuroplastizität bezeichnet. Bestehen bleiben immer jene Verbindungen, die der Mensch gerade braucht. Neuer Input schafft neue Nervenverbindungen.

Deshalb ist Aktivität das A und O. Neuroplastizität lebt davon, dass der Mensch lernt - immer wieder neu. Und Neuroplastizität macht das Gehirn widerstandsfähig. Sie ermöglicht es, sich von Schlaganfällen, Verletzungen und angeborenen Schädigungen zu erholen und sie hilft Menschen, sich an schwierige Situationen anzupassen und neue Wege zu erlernen. Dieser Umbau des Gehirns ist bis zu einem gewissen Maße steuerbar. Unter dem Motto „Use it or lose it“ („nutze es oder verliere es“) ist das aktive „Füttern“ dieses Wunderwerks für jeden Menschen eine lebenslange Aufgabe.

Die Neuroplastizität unterliegt im Laufe eines Lebens Veränderungen, ausgelöst durch verschiedene Erfahrungen, wie zum Beispiel sensorische oder motorische Einschränkungen, Lernen, Stress, Altern oder Ernährung. Sie sorgt für Anpassungsfähigkeit in den verschiedenen Phasen des Lebens. Bei einer chronischen Erkrankung wie der MS, die sich im Laufe der Zeit unterschiedlich stark verändern kann, können neuroplastische Prozesse einen relevanten Anteil an der erfolgreichen Kompensation von MS-bedingten Schädigungen des Zentralen Nervensystems haben.

An diesem Punkt setzt die Neurorehabilitation an. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass das Gehirn grundsätzlich zu jeder Zeit trainierbar ist. Mit ihr können sowohl körperliche als auch kognitive Bereiche verbessert werden. Sie beinhaltet die grundlegende Bereitschaft eines Patienten zum Lernen. Lernen kann jeder Mensch in verschiedenen Bereichen: körperlich zum Beispiel das Skifahren, geistig eine neue Sprache oder - wer Einschränkungen hat - das Trainieren verlorengegangener Bewegungsabläufe. Nach Professor Kesselring sei die wichtigste Maxime, aktiv zu bleiben, denn Inaktivität sei toxisch für das Gehirn. „Das heißt nicht, dass jeder immer rastlos herumsausen soll, sondern vielmehr nach den eigenen Möglichkeiten aktiv zu sein und das Leben bewusst zu gestalten.“

Wer sich bewusst macht, dass das Gehirn sich ständig verändern kann, kann leichter Eigenverantwortung für eine Rehabilitation übernehmen. Es gilt, den Menschen als Ganzes zu betrachten und alle aufbauenden Kräfte mit einzubeziehen: Fitness, Ernährung, Erholung, Selbst-vertrauen, Gelassenheit, Humor, eine gewisse Distanz zu sich selbst und eventuell spiritueller Halt sind Dimensionen der Resilienz (seelischen Widerstandskraft), auf die jeder selbst Einfluss hat.

Zudem ist es wichtig, Lernhindernisse zu erkennen, wie beispielsweise eine Depression, und zunächst zu therapieren, bevor die Neurorehabilitation begonnen werden kann. Gemeinsam sollten bestimmte geltende Prinzipien besprochen werden:

  1. Lernen ist ein langsamer Prozess, der Zeit braucht und die Möglichkeit der Wiederholung beinhalten muss.
  2. Lernen und Entspannung müssen sich abwechseln, damit das Gelernte sich festigen kann.
  3. Motivation ist ein entscheidender Faktor. Es kommt auf die Einstellung an, auf den Willen, sein Bestes zu geben.

Eine erfolgreiche Neurorehabilitation beginnt mit dem eigenen Hinterfragen: Was kann ich? Was traue ich mir zu oder kann ich mir vorstellen? Wo möchte ich hin? Der MS-Erkrankte sollte sich über die eigenen Möglichkeiten im Klaren sein, um dann konkrete und realistische Ziele setzen zu können. Es ist wenig sinnvoll, ein Ziel zu formulieren wie „Bitte machen Sie mich wieder gesund“. Besser sind Ziele, die den individuellen Voraussetzungen entsprechen, wie zum Beispiel „Ich möchte die Treppe alleine hinaufgehen“ oder „Ich möchte meine Gehstrecke um 100 Meter verlängern.“

Bedeutung von Sport und Bewegung

Jede Art von Gedächtnistraining wirkt umso besser, wenn Sie diese mit Sport, Bewegung oder moderatem Ausdauersport kombinieren. Es ist leider nicht möglich, durch direkten Muskelaufbau die kognitive Leistungsfähigkeit bei MS zu unterstützen. Sie können jedoch über einen verbesserten Trainingszustand und die Verbesserung Ihrer kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit, sprich Belastbarkeit und dem Aufbau von Muskelgewebe, den Stoffwechsel ankurbeln. Ich würde Ihnen vor stupiden Übungen in der Kraftkammer abraten und Ihnen eher empfehlen, komplexe koordinative Tätigkeiten auszuführen. Grundlegend ist jeder Sport besser als kein Sport, bei Multipler Sklerose gilt das genauso. Sie wissen genau, wo Ihre Leistungsgrenze liegt. Man sollte knapp darunter gehen, sich aber durchaus auch einmal körperlich ausbelasten, sodass man regelrecht ins Schwitzen kommt. Allerdings unter Wahrung der eigenen körperlichen Ressourcen, Sie können dabei auch nichts zerstören oder kaputt machen. Ihr Körper und Ihre Nervenleitbahnen werden Ihnen genau sagen, wenn es zu viel ist. Moderater Ausdauersport ist eine gute Möglichkeit. Durchaus auch das Gehen mit Walking Sticks, wenn Sie diese brauchen, um Ihre Koordinationssicherheit zu erlangen. Ich empfehle auch das Tanzen, denn es fordert und fördert Ihr Gehirn. Darüber hinaus ist alles erlaubt, Ballspiele sind sehr gut, um die Koordination zu verbessern.

Weitere unterstützende Maßnahmen

  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse undBallaststoffen kann sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken. Ein zu hohes Körpergewicht im Sinne einer Fettleibigkeit beeinflusst den Verlauf der Multiplen Sklerose negativ, ebenso der Nikotinkonsum. Vorsicht auch mit ungesunder Ernährung, im Sinne einer „Western Diet“, also Fast Food. Es beinhaltet oftmals Inhaltsstoffe, die zwar die Körpermasse zunehmen lassen, aber die Gehirnmasse schrumpfen lassen.
  • Psychologische Betreuung: Psychologische Unterstützung kann helfen, mit den emotionalen Belastungen der Erkrankung umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern. Psychologische Betreuung spielt nicht nur bei kognitiven Beeinträchtigungen bei MS eine maßgebende Rolle, sondern insgesamt im Management der Erkrankung. Man weiß mittlerweile aus der Persönlichkeitsliteratur, dass es Persönlichkeitsfaktoren gibt, die den Verlauf der MS positiv beeinflussen. Dazu gehören beispielsweise eine hohe Extrovertiertheit und aus dem Englischen die “consciousness”, eine Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue. In anderen Worten kann Ihnen die psychologische Betreuung helfen sogenannte Resilienzfaktoren, also Ihre Anpassungsfähigkeit, zu stärken, vor allem den Blick auf die Situation.
  • Soziale Unterstützung: Der Kontakt zu anderen Betroffenen und der Austausch von Erfahrungen kann sehr hilfreich sein.

Umgang mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alltag

Der Umgang mit kognitiven Beeinträchtigungen oder Teilleistungsstörungen im Alltag gelingt Ihnen dann, wenn Sie selbst wissen, wo Sie wirklich Probleme haben. Darüber hinaus sollten Sie Ihr Umfeld entsprechend informieren, um ein Verständnis zu generieren. Es hat keinen Sinn jemanden, der Probleme damit hat parallel viele Unterhaltungen zu verfolgen, zu ermahnen, dass er sich konzentrieren soll. Es macht mehr Sinn getrennt mit der Person zu sprechen. Es kann Ihnen selbst auch helfen Pausen einzulegen und Reizüberflutung zu vermeiden. Das ist etwas, was Multiple Sklerose Betroffene häufig angeben und es ist eine Schande für unsere Gesellschaft. Viele Patienten fühlen sich bloßgestellt oder für dumm verkauft, wenn sie nachfragen oder um Verständnis bitten. Oftmals werden diese Dinge aus Scham gar nicht erst angesprochen. Wir müssen alle gemeinsam noch behutsamer und achtsamer werden und darauf eingehen und verstehen, womit wir es zu tun haben. Das Gehirn zu schonen, kann durchaus Sinn machen, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Aufmerksamkeitsschwelle sinkt und Sie überfordert sind. Es ist dann durchaus einmal gut, sich zurückzuziehen. Ansonsten gilt beim Gehirn “Use it or lose it” und eine Forderung im Sinne einer Herausforderung ist für das Gehirn zweifelsohne gut. Damit ist nicht gemeint, dass Sie sich in Parallelwelten, wie in das Internet begeben, sich einer augmentierten Realität oder zeitgleich drei Medien aussetzen sollen. Es ist gemeint, dass Sie sich nicht einfach zurückziehen. Das ist nämlich ein Fehler, den viele Multiple Sklerose Betroffene, vorwiegend auch mit kognitiven Leistungsstörungen begehen. Sie nehmen sich selbst aus dem sozialen Gefüge heraus, sie besuchen keine Partys oder gemeinsame Feierlichkeiten mehr, weil Sie Sorge haben, hier nicht bestehen zu können. Hilfsmittel, die bei Gedächtnislücken helfen können, sind zum einen die Mnemotechniken. Dabei steckt man Sachverhalte oder Namen beispielsweise gedanklich in Häuser, in verschiedenen Zimmern. Sie sollten auch eine gewisse Akzeptanz aufbauen. Sollte Ihnen etwas nicht gleich einfallen, können Sie es durchaus ansprechen. Oftmals kommt es dann etwas später wieder zum Vorschein. Das kann man spezifischer mithilfe einer Psychologin trainieren. Wichtig ist dabei immer, dass man nicht nur die einzelne Fähigkeit trainiert, sondern auch der Transfer auf alltägliche Situationen gegeben ist. Die Anpassung des Tagesablaufs ist etwas, was Sie sich gezielt vornehmen sollten, um Ihre Hirnfunktion zu unterstützen. Die Gliederung des Tagesablaufs und die Vorhersehbarkeit können helfen, auch kurze Pausen einzuhalten.

Forschung und Ausblick

Die MS-Forschung ist sehr aktiv und es werden ständig neue Erkenntnisse gewonnen. Es werden neue Therapien entwickelt, die gezielter auf die Ursachen der Erkrankung wirken und das Fortschreiten der MS noch effektiver verlangsamen können. In Zukunft wird es eine wichtige Aufgabe sein, MS gezielter zu behandeln und nur die schädlichen Immunzellen zu blockieren. Andere Immunzellen, die an der Regeneration von Nervengewebe beteiligt sind, gilt es dagegen zu schützen.

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