Migräne ist weit mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die Millionen Menschen weltweit betrifft und deren Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann. In Deutschland leiden schätzungsweise 28 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer an Migräne. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Migräne eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen darstellt und ein bedeutendes Gesundheitsproblem darstellt.
Verbreitung und Häufigkeit von Migräne
Kopfschmerzen gehören weltweit zu den häufigsten Erkrankungen. Eine Analyse eines norwegischen Forscherteams um Dr. Lars Jacob Stovner von der Norwegian University of Science and Technology, veröffentlicht im Fachjournal »The Journal of Headache and Pain«, fasste epidemiologische Kopfschmerzstudien bis 2020 zusammen und verglich sie mit Daten der Global Burden of Disease (GBD)-Studie aus dem Jahr 2019.
Die Analyse von 357 Einzelpublikationen ergab eine Migräneprävalenz von 14,0 Prozent (GBD-Studie 2019: 15,2 Prozent). Die globale Kopfschmerzprävalenz wurde auf 52 Prozent geschätzt, deutlich über dem Wert der GBD-Studie 2019 (35 Prozent). Das Forscherteam kam zu dem Schluss, dass die Migräneprävalenz weltweit über die Jahre angestiegen sei.
Die BARMER hat eine aktuelle Auswertung veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass Frauen dreimal häufiger an Migräne leiden als Männer. Im Jahr 2022 erhielten in Deutschland rund 55 Frauen je 1.000 Einwohnerinnen und 16 Männer je 1.000 Einwohner eine entsprechende Diagnose.
Wirtschaftliche Auswirkungen
Migräne verursacht nicht nur persönliches Leid, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Schäden. Es wird geschätzt, dass die deutsche Bevölkerung jährlich 32 Millionen Arbeitstage allein durch Migräne verliert. Die Zunahme von Krankschreibungen und Fehltagen aufgrund von Migräne ist ein wachsendes Problem. Die AOK Rheinland/Hamburg verzeichnete in den letzten 15 Jahren eine Verdopplung der Fehltage und einen Anstieg der Krankschreibungen um fast 150 Prozent.
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Allein in den vergangenen drei Jahren ist es zu einem signifikanten Anstieg der Migräne-Zahlen gekommen. Von 2022 bis 2024 hat sich die Zahl der Fehltage um mehr als 23 Prozent erhöht: von 11,65 Tagen je 100 Versicherte im Jahr 2022 auf 14,38 Tage im Jahr 2024. Die Zahl der Migräne-Krankschreibungen ist in dieser Zeit um mehr als 38 Prozent gestiegen - und sogar um 146 Prozent im Vergleich zum Jahr 2010.
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Die Entwicklung der Symptome ist oft genetisch bedingt, wobei aber zusätzlich endogene und exogene Faktoren den Krankheitsverlauf beeinflussen können.
Mögliche Auslöser (Trigger) für Migräneattacken:
- Wetterumschwünge
- Stress
- Hormonelle Schwankungen (z.B. während der Menstruation)
- Unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
- Geruchs- und Lärmbelästigungen
- Alkohol
- Schlafmangel
- Auslassen von Mahlzeiten
- Unzureichende Flüssigkeitszufuhr
Symptome und Verlauf
Migräne ist mehr als nur ein einfacher Kopfschmerz. Typisch sind mittelschwere bis schwere, oft halbseitige Kopfschmerzen mit Übelkeit, häufig Erbrechen, Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit. Der Migräne-Kopfschmerz ist meist halbseitig oder beidseits im Stirn- und Schläfenbereich betont, hat eine mittlere bis hohe Intensität, fühlt sich stechend oder pochend an und verstärkt sich schon bei leichter körperlicher Belastung. Unbehandelt halten die Attacken 4-72 Stunden an.
Migräne verläuft typischerweise in vier Phasen:
- Prodromalphase (Vorbotenphase): Stunden bis Tage vor der Attacke können Symptome wie Müdigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Heißhunger oder Nackensteifigkeit auftreten.
- Auraphase: Bei ungefähr zehn bis 15 Prozent aller Migräniker treten visuelle oder sensorische Störungen auf - zum Beispiel Flimmern, Zickzacklinien oder Kribbeln.
- Kopfschmerzphase: Starke, pulsierende Kopfschmerzen, meist einseitig, begleitet von Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit.
- Postdromalphase: Nach der Attacke können Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten oder auch ein Gefühl der Erleichterung auftreten.
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose basiert hauptsächlich auf der Anamnese und der Beschreibung der Symptome. Wichtig ist auch die Dokumentation von Kopfschmerzen und Medikation in einem Kopfschmerzkalender.
Behandlungsmöglichkeiten:
- Akutbehandlung:
- Schmerzmittel (z.B. Ibuprofen, Naproxen)
- Triptane (spezielle Migränemedikamente)
- Ditane (Alternative für Patienten, die Triptane nicht vertragen)
- Prophylaktische Behandlung:
- Betablocker
- Antidepressiva
- Antikonvulsiva
- CGRP-Antikörper (neuere Entwicklung, blockieren entzündliche Prozesse)
- Gepante (können Migräneanfällen vorbeugen und im Akutfall helfen)
- Nicht-medikamentöse Ansätze:
- Entspannungstechniken (z.B. progressive Muskelrelaxation)
- Regelmäßiger Ausdauersport
- Verhaltenstherapie
- Achtsamkeitstraining
Regionale Unterschiede
Die BARMER-Auswertung zeigt, dass Migräne in Thüringen besonders häufig diagnostiziert wird, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Um den regionalen Besonderheiten auf den Grund zu gehen, sind weitere Untersuchungen erforderlich.
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Migräne bei Kindern und Jugendlichen
Auch Kinder und Jugendliche können von Migräne betroffen sein. Nach Angaben der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) sind vier bis fünf Prozent der Kinder betroffen. Häufig wird Migräne bei ihnen übersehen und mit Schulangst verwechselt.
Bedeutung der betrieblichen Gesundheitsförderung
Die betriebliche Gesundheitsförderung kann Unternehmen viele Maßnahmen ermöglichen, um Migräne entgegenzuwirken und Betroffenen gezielt zu helfen. Mit Entspannungspausen während der Arbeitszeit oder Seminaren rund um die Themen Stressmanagement, Resilienz und Achtsamkeit können Mitarbeitende auf dem Weg zu mehr Wohlbefinden begleitet werden.
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