Das autonome Nervensystem (ANS), auch vegetatives Nervensystem (VNS) genannt, steuert lebenswichtige Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken müssen. Es ist ein stiller Helfer, der rund um die Uhr für uns arbeitet. Im Alltag werden die Begriffe autonomes Nervensystem (ANS) und vegetatives Nervensystem (VNS) meist gleichbedeutend verwendet. Medizinisch gesehen ist das autonome Nervensystem jedoch der übergeordnete Begriff. Er betont, dass diese Prozesse unabhängig von unserem bewussten Willen gesteuert werden. Der Begriff „vegetativ“ verweist eher auf die Steuerung der inneren Organe, also der sogenannten Viszeralfunktionen. „Autonomes Nervensystem“ wird international (z. B.
Doch was passiert, wenn dieses sensible System aus dem Gleichgewicht gerät? Chronischer Stress, traumatische Erfahrungen und ein moderner Lebensstil können unser Nervensystem überlasten und zu vielfältigen Beschwerden führen. In diesem Artikel erfährst du, wie unser Nervensystem aufgebaut ist, was es mit der Stressreaktion auf sich hat und wie sich Stress über die Jahrtausende verändert hat. Außerdem zeigen wir dir, wie du dein autonomes Nervensystem beruhigen und langfristig regulieren kannst, um mehr Balance, Resilienz und Lebensqualität zu erreichen.
Das autonome Nervensystem: Ein Überblick
Das Nervensystem ist ein riesiges Kommunikationsnetzwerk, vergleichbar mit dem Internet, aber in unserem Körper. Es nimmt über die Sinnesorgane und Nerven Informationen aus der Umwelt auf und leitet sie an Gehirn oder Rückenmark weiter. Dort werden passende Reaktionen gesteuert und über das periphere Nervensystem an den Körper zurückgegeben. Die Nerven, die zum somatischen Nervensystem gehören, sind vor allem für die Bewegungsabläufe unseres Körpers zuständig.
Wenn wir davon sprechen, dass unser Nervensystem in Aufruhr ist und wir es regulieren wollen, geht es vor allem um das vegetative bzw. autonome Nervensystem. Dieses können wir zum Großteil nicht direkt steuern (daher auch „autonom”). Es funktioniert ohne unser willentliches Zutun und reguliert alle unsere Körperfunktionen, die immer ablaufen müssen, egal ob wir gerade daran denken oder nicht.
Das autonome Nervensystem besteht aus drei Hauptkomponenten:
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- Sympathikus: Er bringt deinen Körper auf Touren. Wenn du unter Stress stehst oder schnell reagieren musst, ist der Sympathikus aktiv. Er ist wie dein innerer Turbo-Modus, der unseren Körper aktiviert und uns auf körperliche oder geistige Leistungen vorbereitet (oft als „Kampf-oder-Flucht-Reaktion” bezeichnet).
- Parasympathikus: Er sorgt für Ruhe und Regeneration. Er ist dein innerer Entspannungsmodus, der für Erholung sorgt, die Verdauung aktiviert und verschiedene Stoffwechselvorgänge ankurbelt.
- Enterisches Nervensystem (ENS): Oft auch als „Bauchgehirn“ oder „Darmnervensystem“ bezeichnet, besteht es aus einem dichten Netz von Nervenzellen im Magen-Darm-Trakt. Es arbeitet weitgehend eigenständig und steuert die Verdauung. Über die sogenannte Darm-Hirn-Achse kommuniziert das ENS direkt mit deinem zentralen Nervensystem.
Diese drei Systeme arbeiten eng zusammen und halten deinen Körper in Balance - je nachdem, was gerade gebraucht wird. Mal brauchst du Leistung, mal Erholung, mal eine gute Verdauung. Dein autonomes Nervensystem ist ein echter Leistungsträger - und das völlig unbemerkt. Es hält dich am Leben, ohne dass du bewusst eingreifen musst.
Der Vagusnerv: Dein Schlüssel zur Entspannung
Ein Teil des parasympathischen Nervensystems ist der Vagusnerv („Nervus vagus”) - der längste Hirnnerv deines Körpers. Er ist wie eine „Bremse” für dein vegetatives Nervensystem. Wenn er aktiviert wird, sendet er Signale an Herz, Lunge und andere Organe, um deinen Körper zu beruhigen. Das Besondere: Den Vagusnerv kannst du durch gezielte Übungen wie Atemtechniken, Kältereize oder Summen bewusst aktivieren.
Die Polyvagal-Theorie (Porges, 2009) hat unser Verständnis des vegetativen Nervensystems stark erweitert. Sie beschreibt drei Hauptzustände, die unser Nervensystem einnehmen kann:
- Soziales Engagement (ventraler Vagus): Sicherheit, Verbindung, Ruhe - das Erdgeschoss, wo du dich wohlfühlst. Der ventrale Vagus ist Teil des parasympathischen Nervensystems und wird in der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges als „soziales Engagement-System“ bezeichnet, da er für soziale Interaktionen, Verbundenheit und Resonanz verantwortlich ist.
- Kampf-oder-Flucht (Sympathikus): Alarmbereitschaft und Mobilisierung bei Gefahr - die Garage.
- Erstarrung/Kollaps (dorsaler Vagus): Totaler Shutdown als Schutz - das Kellergeschoss. Der dorsale Vagus, ebenfalls ein Zweig des Vagusnervs, ist in erster Linie für tiefere Zustände der Immobilisation verantwortlich, die mit der sogenannten „Erstarrungsreaktion“ (Freeze) einhergehen können.
Dein Nervensystem entscheidet, je nach wahrgenommener Sicherheit oder Bedrohung, in welchem Bereich du dich befindest. Besonders interessant: 80 % der Vagusnerv-Fasern sind afferent, das bedeutet, sie senden Informationen vom Körper zum Gehirn statt andersherum.
Stress: Vom Säbelzahntiger zum modernen Alltag
Stell dir vor, du gehst nachts allein durch eine dunkle Gasse und hörst plötzlich Schritte hinter dir: In Gefahrensituationen und bei Stress wird vom Sympathikus eine Kaskade neurologischer und hormoneller Reaktionen ausgelöst, die uns helfen sollen, die Situation zu bewältigen: Adrenalin sorgt dafür, dass deine Muskeln besser durchblutet werden, Cortisol hält dich auf Trab und Endorphine helfen dir nicht in Panik zu verfallen. Dein Herzschlag beschleunigt sich, dein Blutdruck steigt und du atmest schneller. Die Muskeln sind angespannt, die Schmerzempfindlichkeit nimmt ab und deine Sinne sind geschärft. Chronischer Stress und sympathische Dominanz: Aktuelle Forschungen zeigen, dass chronischer Stress zu einer dauerhaften sympathischen Dominanz führen kann (Goldstein, 2023).
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Machen wir eine Zeitreise: Stellen wir uns einmal in der Steinzeit vor: Die Gefahr ist ein nahender Säbelzahntiger. Was machst du? Nicht du, sondern dein Gehirn entscheidet in weniger als einer Sekunde, welche Reaktion dir die beste Chance zu überleben bietet. Entweder wird Kampf (Fight) aktiviert oder aber dein Gehirn entscheidet, dass Flucht (Flight) deine beste Chance ist. Du rennst also und schaffst es zu entkommen. Sobald die Gefahr vorbei ist, fährt dein Körper alle Stressreaktionen wieder herunter: Herzschlag und Atmung beruhigen sich, die Muskeln entspannen. Du bist zutiefst erleichtert und vielleicht empfindest du sogar Dankbarkeit.
Die gute Nachricht ist, in vielen Situationen, in denen es kurzfristig zur Aktivierung des Sympathikus und einer der obigen Reaktionen kommt (wie ein lauter Knall, ein plötzlich auftauchendes Auto oder ein bellender Hund), ist der Körper schon ganz gut darin, den Stressreaktionszyklus zu beenden und das Nervensystem selbst wieder zu beruhigen, sobald die Gefahr gebannt ist. Anders ist das jedoch in Zeiten, in denen wir unter Dauerbelastung stehen. In unserer heutigen modernen Zeit haben sich die Bedrohungen etwas geändert. War es bei unseren Vorfahren noch der Säbelzahntiger, vor dem es wegzurennen oder gegen den es anzukämpfen galt, so sind die Stressfaktoren heute ganz andere. Dauernde Anspannung durch ständige Erreichbarkeit, Überstunden, Großstadtlärm, Mental Load und tausend To-dos lässt sich nicht so schnell abschütteln. Das führt dazu, dass wir manchmal gar nicht so richtig in die Parasympathikus-Reaktion kommen, weil der Sympathikus einfach dauerhaft aktiviert bleibt - wir also dauerhaft „unter Strom” stehen. Und selbst wenn wir es an einem Tag schaffen, den Stresszyklus zu beenden, dann tritt die gleiche Belastung am nächsten Tag oft wieder auf. » Das Nervensystem reagiert nicht auf die tatsächlichen Ereignisse, sondern auf unsere Interpretation dieser Ereignisse. Dr. Daniel J.
Symptome eines überreizten Nervensystems
Bevor wir uns damit beschäftigen, wie wir das Nervensystem beruhigen können, ist es wichtig zu erkennen, wann dein Nervensystem überreizt oder dysreguliert ist. Dysreguliert bedeutet dabei, dass das Nervensystem aus dem Gleichgewicht geraten ist und nicht mehr angemessen auf Reize reagiert. Stell dir vor, dein Nervensystem ist wie ein Thermostat: Jeder Mensch hat ein individuelles Stresstoleranzfenster - einen Bereich, in dem er mit Herausforderungen umgehen kann, ohne dass das Nervensystem aus dem Gleichgewicht gerät.
Zu den häufigsten Anzeichen eines überreizten Nervensystems gehören:
- Herzklopfen oder Herzrasen
- Schlafstörungen
- Chronische Verspannungen
- Reizbarkeit
- Konzentrationsprobleme
- Verdauungsstörungen
- Das Gefühl, ständig „unter Strom” zu stehen
- Innere Unruhe
- Schwindel oder Ohnmacht beim Aufstehen
- Übermäßiges Schwitzen oder mangelndes Schwitzen
- Sexuelle Funktionsstörungen
- Probleme beim Entleeren der Blase
Erkennst du dich in mehreren der beschriebenen Symptome wieder? Der erste Schritt, um dein Nervensystem zu unterstützen, ist, diese Warnsignale bewusst wahrzunehmen.
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Methoden zur Beruhigung und Regulierung des autonomen Nervensystems
Die gute Nachricht ist: Dein autonomes Nervensystem ist lernfähig und kann durch gezielte Maßnahmen wieder in Balance gebracht werden. Hier sind einige effektive Methoden, die dir helfen können, dein Nervensystem zu beruhigen und langfristig zu regulieren:
1. Atemtechniken
Atemarbeit kann eine überraschend effektive und einfache Methode sein, um deine Nerven zu beruhigen. Außerdem kannst du dies überall anwenden, besonders mit einer Atemübungs-App. Wenn wir langsam und tief atmen, signalisieren wir unserem Parasympathikus, dass wir uns beruhigt haben. Oft reicht es schon, wenn du dir im Alltag ein paar Minuten Zeit nimmst und langsam ein- und ausatmest. Du kannst aber noch einen Schritt weitergehen und Pranayama oder Yoga-Atmung praktizieren. Diese Art der Atemarbeit hat viele Formen und kann in Verbindung mit Yogastellungen durchgeführt werden. Eine Möglichkeit, dies auszuprobieren, besteht darin, sich in eine bequeme Sitzposition zu begeben und darauf zu achten, aus dem Bauch heraus zu atmen. Atme mit geschlossenem Mund durch die Nase ein und aus und ziehe dabei deine Kehle leicht zusammen. Du solltest ein leichtes Kitzeln im hinteren Teil deines Halses spüren.
- Die 4-7-8-Atemtechnik: Diese Technik kann in akuten Stressmomenten helfen: 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden den Atem halten, 8 Sekunden ausatmen. Diese Atmung aktiviert direkt den Parasympathikus (also den „Entspannungsnerv").
- Zwerchfellatmung: Die Zwerchfellatmung (auch Diaphragmatic Breathing genannt) gilt als Goldstandard für Stressreduktion. Studien zeigen, dass Zwerchfellatmung den Cortisol-Spiegel reduzieren kann. Wissenschaftlicher Hintergrund: Zwerchfellatmung aktiviert das parasympathische Nervensystem und verbessert die Herzratenvariabilität.
2. Körperliche Aktivität
Es wird dich sicher nicht überraschen, wenn wir dir sagen, dass Sport gut für dich ist. Dass Sport gegen Stress hilft und deine Gesundheit und Laune verbessern kann, ist nichts Neues. Aber warum eigentlich? Körperliche Aktivität hilft dir, das ausgeschüttete Adrenalin und Cortisol abzubauen und signalisiert dem Gehirn, dass die Gefahr vorüber ist - so kann sich das Nervensystem wieder sicher und ausgeglichener anfühlen. Körperliche Aktivität wird auch als besonders hilfreich erlebt, um den Stressreaktionszyklus zu beenden und so langfristig auch einem Burnout - einer der häufigsten Folgen von chronischem Stress - vorzubeugen.
Regelmäßige Bewegung hilft deinem Körper, Stresshormone wie Cortisol abzubauen und den Parasympathikus - also deinen „Entspannungsnerv“ - zu stärken. Du musst dafür keinen Marathon laufen. Schon 30 Minuten Spazierengehen, moderates Yoga oder sanftes Radfahren können Wunder wirken. Körperliche Aktivität (Gehen, Tanzen) baut Stresshormone ab.
3. Vagusnerv-Stimulation
Da der Vagusnerv so zentral für deine Entspannung ist, gibt es spezielle Übungen, um ihn zu stimulieren und entspannter zu werden. Effektive Selbststimulation gelingt durch: Singen, Summen oder die Zwerchfellatmung. Der ventrale Vagus ist direkt mit Muskeln im Gesicht, Kehlkopf, Rachen und Mittelohr verbunden - also mit Strukturen, die wir beim Summen, Seufzen, Singen oder Hören einsetzen.
4. Kälte- und Wärmereize
Kälteeinwirkung kann deinen Vagusnerv, den Hauptnerv deines parasympathischen Nervensystems, beruhigen und helfen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Eine Studie aus dem Jahr 2008 hat gezeigt, dass bei der Anpassung deines Körpers an kalte Temperaturen deine Kampf-Flucht-Frost-Reaktion abnimmt und dein Ruhe- und Verdauungssystem Überhand gewinnt. Um dies zu Hause zu üben, nimm eine kurze Dusche.
Wenn Kälte nicht dein Ding ist, kannst du es stattdessen mit Wärme versuchen. Ein langes, heißes Bad hat etwas sehr Entspannendes - und das aus gutem Grund. Ein warmes Bad oder eine heiße Sauna können tatsächlich Entzündungen reduzieren. Wenn du also das nächste Mal nach einem stressigen Ereignis Ausgleich und Entspannung brauchst, lass dir ein warmes Bad ein oder gönne dir eine lange, heiße Dusche. Wenn du nicht baden willst, nimm ein Heizkissen und lege es auf die Bereiche, die sich angespannt anfühlen, wie z.B.
5. Achtsamkeit und Meditation
Ähnlich wie die vorgestellten Atemübungen können regelmäßige Meditation und Achtsamkeitsübungen den Geist und das Nervensystem beruhigen und dir bei regelmäßiger, täglicher Übung helfen, deine Stressresilienz zu stärken. Bereits wenige Minuten am Tag reichen aus. Techniken wie Meditation, Body Scan oder progressive Muskelentspannung bringen dich zurück in den Moment und raus aus der Alarmbereitschaft.
6. Yoga
Yoga gegen Stress und Yoga gegen Angst verbinden körperorientierte Ansätze mit Atemarbeit und können besonders effektiv sein, um das Nervensystem zu beruhigen. Du lernst sanfte Einsteiger-Asanas und meditative Techniken, um deine innere Balance zu finden und Stress wirksam abzubauen.
7. Schlafhygiene
Wenn wir ohnehin in einer stressreichen Lebensphase stecken, belastet es unseren Körper und unser vegetatives Nervensystem noch mehr, wenn wir nicht ausreichend Schlaf erhalten. Denn guter Schlaf ist essenziell, um das Nervensystem beruhigen zu können. Sorge deswegen dafür, dass du genug Ruhezeit in der Nacht hast und nutze die 10 Regeln der Schlafhygiene, um deinen Schlaf zu verbessern. Während du schläfst, hat dein autonomes Nervensystem die Gelegenheit, zu regenerieren.
8. Emotionen zulassen
Manchmal neigen wir dazu, uns nicht zu erlauben, unsere Emotionen herauszulassen. Man möchte nicht das vermeintliche Klischee der „hysterischen Frau” bedienen oder du lebst mit dem Glaubenssatz, dass „Männer nicht weinen” dürfen. Aber ganz ehrlich - manchmal kann es richtig guttun, einfach mal die angestauten Emotionen herauszulassen. Mach dir traurige Musik an, such dir einen Ort, an dem du ungestört bist, und erlaube dir, einfach mal für ein paar Minuten zu weinen. Danach die Nase putzen, tief seufzen und oft fühlst du dich danach schon viel erleichterter und befreiter.
9. Soziale Interaktion
Lockere, freundliche und liebevolle soziale Interaktionen sind ein gutes äußeres Zeichen, dass die Welt ein sicherer Ort ist. Mach vielleicht jemandem ein unerwartetes Kompliment. So kannst du deinem Gehirn ganz einfach vermitteln, dass die Welt ein sicherer Ort ist und dass nicht alle Menschen ätzend sind.
10. Den Körper ausschütteln
Hast du schon mal ein Video von einer Gazelle gesehen, die vor einem Löwen geflüchtet ist? Nachdem die Gazelle in Sicherheit ist und die unmittelbare Gefahr nicht mehr präsent ist, beginnt sie sich für eine kurze Weile stark zu schütteln. Dies ist eine instinktive Reaktion, um den verbleibenden Stress und die angesammelte Energie loszuwerden. Und das funktioniert nicht nur im Tierreich. Auch wir Menschen können so unseren Stress loswerden, wenn wir für ein paar Minuten den Stress aus uns herausschütteln. Ja, wir sagen dir, du sollst dich schütteln, schütteln und schütteln. Es hat sich herausgestellt, dass das Schütteln unseres Körpers - oder verschiedener Körperteile - helfen kann, Verspannungen und Traumata zu lösen. Wenn wir unseren Körper schütteln, beruhigen wir unser Nervensystem und bringen es in einen neutralen Zustand, indem wir Adrenalin verbrennen und Muskelverspannungen lösen. Es ist kein Wunder, dass "sich mal durchschütteln" eine alte kulturelle Redewendung ist, die wir uns gegenseitig sagen, wenn es schwierig wird. Vor einer öffentlichen Veranstaltung oder einem Vorstellungsgespräch kannst du deine Arme ausschütteln oder ein bisschen herumhüpfen, um deine Nerven zu entspannen. Oder mach während eines stressigen Arbeitstages eine kurze Tanzpause.
11. Weitere Tipps
- Ausgewogene Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung liefert deinem Nervensystem den Grundstein für Stabilität und Regeneration. Vitaminmangel, insbesondere ein Mangel an Vitamin B12, kann die Funktion des Nervensystems beeinträchtigen. Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten kann die Gesundheit des autonomen Nervensystems unterstützen. Um möglichen Beschwerden vorzubeugen, empfiehlt es sich außerdem, auf Alkohol und Koffein zu verzichten.
- Biohacking: Biohacking setzt auf gezielte, oft technologische Reize und Methoden, um neurophysiologische Prozesse zu beeinflussen. Kälteexposition (z. B.
- Gewichtsdecken: Es gibt noch nicht genug Forschung, um schlüssige Beweise für Gewichtsdecken zu finden, aber viele Menschen benutzen sie aufgrund der Idee der tiefen Druckstimulation. Die Decke wird als "riesige Umarmung" beschrieben und übt einen leichten, gleichmäßigen Druck auf den gesamten Körper aus, der ein Gefühl der Entspannung und Ruhe hervorrufen kann. Eine Studie hat sie sogar an Menschen getestet, die wegen einer psychischen Krise in ein Krankenhaus eingeliefert wurden, und festgestellt, dass mehr als die Hälfte derjenigen, die sie benutzten, über weniger Angstzustände berichteten. Entscheide dich für eine Decke, die etwa 10% deines Körpergewichts ausmacht.
- Kuscheln: Das Kuscheln mit deinen Liebsten, deiner Katze oder deinem Hund fördert nicht nur die Bindung, sondern setzt auch das Wohlfühlhormon Oxytocin frei. Laut einer Studie, die 2017 veröffentlicht wurde, genießen Hundebesitzer:innen nicht nur diesen Oxytocin-Schub, sondern profitieren auch von einem Rückgang des Cortisols, dem wichtigsten Stresshormon in unserem Körper. Wenn du ein Haustier hast und dich gestresst fühlst oder dieses Kampf-oder-Flucht-Gefühl bekommst, kuschel dich an es.
- Bildschirmzeit reduzieren: Wir alle wissen, dass eine reduzierte Bildschirmzeit deinem Schlafplan helfen kann. Aber eine Pause von der schnelllebigen und stressigen Arbeit am Bildschirm ist auch wichtig, um dein Nervensystem zu regulieren. Setze dein Handy am Sonntag auf "Nicht stören" und widme dich dann einem neuen Hobby oder Zeitvertreib. Du könntest diese Zeit nutzen, um die Natur zu genießen, indem du im Garten arbeitest oder spazieren gehst, meditierst oder ein Handwerk lernst. Du kannst diese Zeit auch nutzen, um dich persönlich mit einem Freund oder einem Familienmitglied zu treffen.
Polyvagal-Theorie und Trauma
Traumatische Erfahrungen hinterlassen tiefe Spuren im Nervensystem und können zu chronischer Dysregulation führen. Die Forschung von Bessel van der Kolk, einem der führenden Traumaforscher, zeigt, dass Trauma nicht nur psychologische Symptome verursacht, sondern das gesamte autonome Nervensystem verändert. Die Polyvagal-Theorie bietet eine neue Perspektive auf Traumasymptome, indem sie diese als adaptive Überlebensstrategien des Nervensystems versteht. Flashbacks, Panikattacken, emotionale Taubheit oder soziale Isolation sind aus dieser Sicht nicht pathologische Zustände, sondern Versuche des Nervensystems, mit überwältigenden Erfahrungen umzugehen. Studien zeigen, dass traditionelle Gesprächstherapie alleine bei schweren Traumata oft nicht ausreicht, da das dysregulierte Nervensystem die Fähigkeit zur rationalen Verarbeitung beeinträchtigt. Körperorientierte Ansätze, die direkt mit dem Nervensystem arbeiten, erweisen sich als besonders effektiv.
Im Somatic Experiencing ist das Ziel, ein Gleichgewicht zwischen dem ventralen Vagus, dem dorsalen Vagus und dem Sympathikus herzustellen. Durch achtsames Beobachten und Erspüren der eigenen inneren Zustände wird das Nervensystem stabilisiert, sodass der Klient lernt, seine eigenen Grenzen zu spüren und selbstständig aus dysfunktionalen Mustern auszusteigen. Wenn der Klient beispielsweise das Pendeln zwischen Aktivierung und Entspannung erfährt, kann er eine größere Resilienz und ein tiefes Körperverständnis entwickeln.
Hyperarousal: Wenn das Nervensystem in ständiger Alarmbereitschaft ist
Hyperarousal, auch als Übererregung des Nervensystems bekannt, beschreibt einen Zustand dauerhafter innerer Anspannung und erhöhter Alarmbereitschaft. Das autonome Nervensystem befindet sich dabei in einem anhaltenden Stressmodus - selbst wenn keine reale Gefahr besteht. Betroffene erleben eine ständige Überaktivierung ihres Körpers, die sowohl psychisch als auch körperlich belastend ist. Hyperarousal ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern tritt häufig im Zusammenhang mit psychischen Belastungen wie chronischem Stress, Angststörungen, Traumata oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auf.
Was tun bei Hyperarousal?
- Psychotherapie: EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) und kognitive Verhaltenstherapie (CBT) haben sich bewährt, um Stressmuster zu durchbrechen und belastende Erinnerungen neu zu verarbeiten.
- Achtsamkeitsbasierte Methoden: Techniken wie Meditation, Atemübungen oder progressive Muskelentspannung fördern die Selbstregulation des Nervensystems.
- Medikamente: In schweren Fällen können Medikamente helfen, das übererregte Nervensystem zu stabilisieren und Symptome wie Schlafstörungen, innere Unruhe und Reizbarkeit zu lindern.
Vegetative Dystonie: Wenn das Nervensystem verrückt spielt
Eine Störung des vegetativen Nervensystems kann eine Vielzahl an Problemen verursachen, die oft unter der Bezeichnung der vegetativen Dystonie zusammengefasst werden. Das vegetative Nervensystem unterteilt sich in das sympathische Nervensystem (Sympathikus) und das parasympathische Nervensystem (Parasympathikus). Während der Sympathikus das Nervensystem in Stresssituationen aktiviert und die körperliche Leistungsfähigkeit steigert, setzt der Parasympathikus in Entspannungsphasen ein und reguliert allgemeine Körperfunktionen: Er senkt den Blutdruck, kurbelt den Stoffwechsel an, fördert die Verdauung und unterstützt die Regeneration des Körpers.
Gerät dieses Wechselspiel von Sympathikus und Parasympathikus aus dem Gleichgewicht, stört das den Ablauf lebenswichtiger Prozesse und Fachleute sprechen von einer vegetativen Dystonie oder von somatoformen Störungen. Somatoforme oder funktionelle Störungen beschreiben Beschwerden, für die es keine organische Ursache gibt.
Symptome einer vegetativen Dystonie:
- Herzbeschwerden wie Herzstechen oder Herzklopfen/-rasen
- Schwindel oder Ohnmacht beim Aufstehen
- Übermäßiges Schwitzen oder mangelndes Schwitzen
- Sexuelle Funktionsstörungen beim Mann
- Probleme beim Entleeren der Blase
- Verdauungsbeschwerden wie Verstopfung oder Durchfall inkl. Magenlähmung
- Schluckbeschwerden
Behandlung einer vegetativen Dystonie:
Die Behandlung erfordert eine individuelle Herangehensweise, die sich an der eigentlichen Ursache und der Lebenssituation der Patienten orientiert. Wenn kein Hinweis auf eine organische Ursache zugrunde liegt, zählen sowohl psycho- und physiotherapeutische Maßnahmen, als auch der Einsatz bestimmter Medikamente zu den möglichen Behandlungsmethoden. Pflanzliche oder homöopathische Mittel können hierbei eine unterstützende Therapieoption sein, da sie eine gute Verträglichkeit bei geringem Gewöhnungspotenzial aufweisen, dies trifft jedoch nicht auf alle pflanzlichen Arzneimittel zu.
Zeitlicher Rahmen der Regulation
- Akute Stressreaktionen: Bei normalen, kurzzeitigen Stressreaktionen kann sich das vegetative Nervensystem innerhalb von 20 - 30 Minuten wieder beruhigen. Wie kann ich mein vegetatives Nervensystem in akuten Stressmomenten beruhigen? Konzentriere dich auf eine langsame Ausatmung.
- Chronischer Stress: Bei längerer Belastung kann es Wochen bis Monate dauern, bis sich das dysregulierte Nervensystem wieder stabilisiert. Die Regulation eines chronisch überreizten Nervensystems ist ein Prozess, der Wochen bis Monate dauern kann.
- Traumabedingte Dysregulation: Die Regulation ist ein individueller Prozess, der unterschiedlich lange dauern kann und bei dem sich professionelle Unterstützung empfiehlt.
Fazit: Ein reguliertes Nervensystem für mehr Lebensqualität
Ein gesundes, reguliertes autonomes Nervensystem ist die Grundlage für unser körperliches und seelisches Wohlbefinden. Indem wir die Signale unseres Körpers wahrnehmen, Stressoren reduzieren und gezielte Übungen zur Beruhigung und Regulation anwenden, können wir unser Nervensystem stärken und ein Leben in Balance, Resilienz und Lebensfreude führen.
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