Schluckstörungen bei Babys und Kindern: Neurologische Ursachen und Behandlungsansätze

Eine Schluckstörung, medizinisch als Dysphagie bezeichnet, ist eine Beeinträchtigung des Schluckvorgangs. Sie kann vielfältige Ursachen haben, wobei neurologische Erkrankungen (neurogene Dysphagie) eine wesentliche Rolle spielen. Um schwerwiegende Komplikationen wie Lungenentzündungen durch Aspiration oder Mangelernährung zu verhindern, ist eine frühzeitige ärztliche Abklärung unerlässlich.

Was ist eine Schluckstörung?

Von einer Schluckstörung spricht man, wenn die Fähigkeit, Flüssigkeiten oder Nahrung normal zu schlucken, beeinträchtigt ist. Der komplexe Schluckvorgang wird durch das Zusammenspiel von Muskeln und Nerven gesteuert und gliedert sich in verschiedene Phasen. Eine Dysphagie kann eine oder mehrere dieser Phasen beeinträchtigen. Die Ursachen für Schluckstörungen sind vielfältig und reichen von neurologischen Erkrankungen bis hin zu altersbedingten Veränderungen. Eine ärztliche Abklärung ist wichtig, um Komplikationen vorzubeugen.

Der normale Schluckvorgang

Der Schluckvorgang ist ein komplexer Prozess, an dem zahlreiche Organe und Muskeln beteiligt sind. Dazu gehören Lippen, Kiefer, Zunge, Gaumen, Kehlkopf und der Schließmuskel der Speiseröhre. Im Einzelnen läuft der Schluckvorgang wie folgt ab:

  1. Vorbereitungsphase: Das Essen wird durch Kauen zerkleinert und mit Speichel vermischt, um die richtige Größe und Konsistenz für das Schlucken zu erreichen.
  2. Orale Phase: Die zerkleinerte Nahrung gelangt in den Rachen, wodurch der Schluckreflex ausgelöst wird. Der weiche Gaumen verschließt den Weg zur Nasenhöhle.
  3. Pharyngeale Phase: Durch Muskelbewegungen wird die Nahrung in die Speiseröhre transportiert. Der Kehldeckel verschließt die Luftröhre, um zu verhindern, dass Nahrung in die Atemwege gelangt.
  4. Ösophageale Phase: Die Nahrung gelangt durch Muskelkontraktionen in der Speiseröhre weiter in den Magen.

Beim Trinken laufen die gleichen Prozesse ab wie beim Essen.

Arten von Schluckstörungen

Je nachdem, welcher Teil des Schluckvorgangs beeinträchtigt ist, werden verschiedene Arten von Schluckstörungen unterschieden:

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  • Oropharyngeale Dysphagie: Hier ist das Schlucken zwischen Mund und Rachen gestört. Der Nahrungsbrei rutscht nicht richtig weiter, verbleibt im Mund oder tritt sogar durch die Nase aus.
  • Ösophageale Dysphagie: Die Ursache liegt in der Speiseröhre. Die Muskeln arbeiten nicht richtig, wodurch der Transport der Nahrung in den Magen behindert wird. In manchen Fällen ist die Speiseröhre verengt oder verstopft.

Dysphagie vs. Schluckbeschwerden

Schluckbeschwerden sind oft Begleiterscheinungen von Infekten wie Erkältungen. Sie verursachen Schmerzen beim Schlucken (Odynophagie) aufgrund einer Entzündung der Rachenschleimhaut, beeinträchtigen aber nicht den eigentlichen Schluckvorgang. Anhaltende Schluckbeschwerden sollten jedoch ärztlich abgeklärt werden, um schwerwiegendere Ursachen auszuschließen.

Mögliche Folgen einer Schluckstörung

Eine Schluckstörung kann die Nahrungsaufnahme erheblich beeinträchtigen und im schlimmsten Fall zu Mangelernährung führen. Zudem besteht die Gefahr von Komplikationen wie Lungenentzündung oder Erstickung. Gelangt Nahrung in die Luftröhre statt in die Speiseröhre (Aspiration), kann dies eine Lungenentzündung verursachen. Bei Menschen mit Demenz kann eine Aspiration unbemerkt verlaufen, was das Risiko für eine Lungenentzündung erhöht.

Symptome einer Schluckstörung

Die Symptome einer Schluckstörung können je nach Ursache variieren. Mögliche Anzeichen sind:

  • Verlangsamtes Schlucken
  • Nahrung verbleibt lange im Mund
  • Ansammlung von Nahrungsresten im Mund
  • Husten, Räuspern oder Heiserkeit beim Essen oder Trinken
  • Aufstoßen, Verschlucken oder Würgen
  • Speichelfluss aus dem Mund oder Flüssigkeit aus der Nase
  • Veränderte Stimme (gurgelig oder unverständlich)
  • Schmerzen oder Brennen im Brustbereich
  • Druckgefühl im Hals oder Brustbereich, Kloßgefühl im Hals
  • Unerklärliche Gewichtsabnahme
  • Atemnot, gerötetes Gesicht und blaue Lippen (Warnzeichen für Erstickung)

Bei Menschen, die sich nicht verbal äußern können, können andere Verhaltensweisen auf eine Schluckstörung hinweisen.

Ursachen von Schluckstörungen

Schluckstörungen können verschiedene Ursachen haben, darunter:

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  • Hohes Alter (Presbyphagie): Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für Schluckstörungen.
  • Erkrankungen:
    • Neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Alzheimer-Demenz, Schädel-Hirn-Trauma, Parkinson-Krankheit, Multiple Sklerose, Amyotrophe Lateralsklerose, Myasthenia gravis, Chorea Huntington
    • Entzündungen der Skelettmuskulatur (Myositis)
    • Muskeldystrophien
    • Erkrankungen der Speiseröhre wie Entzündungen (Ösophagitis), Aussackungen (Divertikel) oder Achalasie
    • Stoffwechselerkrankungen
    • Angeborene Fehlbildungen
    • Krebserkrankungen im Halsbereich (z. B. Kehlkopfkrebs)
  • Medikamente: Bestimmte Medikamente können als Nebenwirkung Schluckstörungen verursachen, darunter:
    • Neuroleptika
    • Opiate
    • Antidepressiva
    • Antiepileptika
    • Anticholinergika
    • Muskelrelaxantien
    • Beruhigungsmittel
  • Psychische Einflüsse (psychogene Dysphagie): Angststörungen, Depressionen oder Stress können ebenfalls Schluckstörungen auslösen.
  • HWS-Syndrom: Erkrankungen der Halswirbelsäule.

Diagnose von Schluckstörungen

Bei Schluckproblemen ist der Hausarzt oder ein HNO-Arzt die erste Anlaufstelle. Bei Bedarf erfolgt eine Überweisung an weitere Spezialisten wie Neurologen, Gastroenterologen oder Logopäden.

Anamnese

Ein ausführliches Gespräch über die Beschwerden und die Krankengeschichte ist wichtig, um die Schluckstörung festzustellen. Der Arzt fragt beispielsweise, ob feste oder flüssige Nahrung die Symptome auslöst, ob sich die Beschwerden kontinuierlich verschlechtern oder zwischenzeitlich nachlassen, ob es kürzlich eine Operation im Halsbereich gab oder ob neurologische Erkrankungen oder Muskelkrankheiten bestehen. Notizen aus dem Pflegealltag können hierbei sehr hilfreich sein.

Körperliche Untersuchung

Der Arzt untersucht Mundhöhle, Zähne, Rachen, Kopf und Nacken auf Auffälligkeiten. Zudem wird die Funktion von Muskeln und Nerven geprüft, die beim Schlucken eine Rolle spielen. Der Ernährungszustand gibt ebenfalls Hinweise auf mögliche Schluckprobleme.

Weiterführende Diagnostik

Zur weiteren Abklärung der Ursachen können folgende Verfahren eingesetzt werden:

  • Kehlkopfspiegelung (Laryngoskopie): Ein Endoskop wird über die Nase eingeführt, um Rachen und Kehlkopf genauer zu untersuchen.
  • Spiegelung der Speiseröhre (Ösophagoskopie): Bei Verdacht auf ein Problem in der Speiseröhre wird eine Endoskopie durchgeführt.
  • Biopsie: Bei Bedarf wird bei der endoskopischen Untersuchung von Kehlkopf oder Speiseröhre eine Gewebeprobe entnommen.
  • Fiberendoskopische Schluckuntersuchung (FEES): Der Schluckvorgang wird in Echtzeit beobachtet, um herauszufinden, wie die Beschaffenheit der Nahrung, die Schlucktechnik oder die Körperhaltung den Vorgang beeinflussen. Ein Endoskop wird über die Nase in den Rachen eingeführt. Die Methode wird auch als flexible endoskopische Evaluation des Schluckakts bezeichnet.
  • Videofluoroskopie (VFSS): Mithilfe von Röntgenstrahlen und Kontrastmittel werden die Phasen des Schluckens sichtbar gemacht.

Eine Manometrie, eine Messung des Druckablaufs in der Speiseröhre, kann eingesetzt werden, um Motilitätsstörungen festzustellen.

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Behandlung von Schluckstörungen

Eine Dysphagie erfordert meist eine langfristige Betreuung durch ein interdisziplinäres Team aus Ärzten und Therapeuten verschiedener Fachgebiete. Ziel der Behandlung ist es, das Essen und Trinken zu erleichtern und die Lebensqualität zu verbessern.

Therapieoptionen

  • Schlucktherapie: Umfasst medizinische, logopädische, sprachtherapeutische und physiotherapeutische Maßnahmen, um die Schluckfunktion zu verbessern und ein Verschlucken zu vermeiden.
  • Ernährungsmaßnahmen: Anpassung der Konsistenz der Nahrung an die individuellen Schluckfähigkeiten (z. B. Andicken von Flüssigkeiten, Pürieren von fester Nahrung). Bei stark beeinträchtigtem Schlucken kann eine künstliche Ernährung über eine PEG-Sonde erforderlich sein.
  • Atemhilfen: Bei Aspiration großer Mengen Speichel kann ein Luftröhrenschnitt erforderlich sein, um den Schluckweg vollständig vom Atemweg zu trennen.
  • Mundhygiene: Eine gute Mundhygiene ist wichtig, um das Risiko für Lungenentzündungen durch Aspiration von Bakterien zu reduzieren.
  • Medikamente: Bei bestimmten Formen der Dysphagie können Medikamente die Schluckfunktion verbessern, z. B. durch Verringerung des Speichelflusses.
  • Operation: Ein chirurgischer Eingriff kann bei Tumoren oder Divertikeln infrage kommen.
  • Neurostimulation:

Unterstützung beim Essen und Trinken

  • Aufrechte Körperhaltung: Eine aufrechte Haltung beim Essen und Trinken erleichtert die Nahrungsaufnahme. Bettlägerige Patienten sollten in eine aufrechte Liegeposition gebracht werden.
  • Schlucktraining: Gezielte Übungen können die Muskeln und Organe stärken, die am Schlucken beteiligt sind.
  • Anpassung der Nahrung: Weiche, aber nicht zu flüssige Kost ist empfehlenswert. Pürieren von Nahrungsmitteln kann die Nahrungsaufnahme erleichtern. Andickungsmittel können bei Getränken helfen.
  • Geeignetes Geschirr und Besteck: Spezielles Geschirr und Besteck können die Nahrungsaufnahme erleichtern.
  • Ruhe und Konzentration: Essen und Trinken sollte in einer ruhigen Umgebung und mit Konzentration erfolgen.

Schluckstörungen bei Babys und Kindern

Schluck- und Fütterstörungen können bei Babys, Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr auftreten. Sie können durch angeborene Erkrankungen oder Fehlbildungen, häufige Entzündungen im Mund- und Rachenraum, Frühkindliche Belastungen oder eine noch nicht weit genug entwickelte Entwicklung, um neue Nahrungstypen zu akzeptieren, verursacht werden.

Symptome bei Kindern

Typische Anzeichen für Schluck- und Fütterstörungen bei Kindern sind:

  • Häufiges Husten und Verschlucken
  • Unterbrechung der Atmung oder Atemstillstand beim Trinken
  • Probleme beim Kauen und Schlucken fester Nahrung
  • Verweigerung bestimmter Nahrungsmittel oder Konsistenzen
  • Gedeihstörungen
  • Verlängerte Essenszeiten
  • Abwehrreaktionen wie Wegdrehen des Kopfes, Mund zukneifen, Nahrung nicht schlucken oder ausspucken, motorische Unruhe beim Essen, schreien oder weinen, kindliche Ablenkungsversuche durch Bewegungen oder durch verbales Ablenken

Ursachen bei Kindern

Zu den möglichen Ursachen einer Dysphagie bei Kindern gehören:

  • Reifungsstörungen: Bei Frühgeborenen ist die Koordination zwischen Saugen, Schlucken und Atmen oft noch nicht ausgereift.
  • Dysmorphien: Gaumen- und Lippenspalten können das Saugen erschweren.
  • Neurologische Erkrankungen: Zerebralparesen sind eine häufige Ursache für Schluckstörungen bei Kindern.
  • Entzündungen: Infektionen im Mund- und Rachenraum können Schmerzen beim Schlucken verursachen.
  • Gastroösophageale Refluxkrankheit: Kann bei Säuglingen zu vermehrtem Weinen, Überstrecken, Irritabilität und Nahrungsverweigerung führen.
  • Fremdkörperingestion: Bei Kleinkindern, die plötzlich nicht mehr essen und trinken wollen, sollte an einen verschluckten Fremdkörper gedacht werden.
  • Medikamenteninduzierte Schluckstörungen: Bestimmte Medikamente können zu Entzündungen und Ulzera in der Speiseröhre führen.
  • Traumatische Erfahrungen: Orale Manipulationen wie Intubation oder Sondenernährung können traumatisierend sein.
  • Verhaltensprobleme: Kindliche Verhaltensprobleme und familiäre Faktoren können ebenfalls eine Rolle spielen.

Diagnostik und Therapie bei Kindern

Die Diagnostik und Therapie von Schluckstörungen bei Kindern erfordert einen interdisziplinären Ansatz. Beteiligt sind verschiedene Fachärzte (z.B. HNO, Kieferchirurgen, Neurologen), Ernährungsberater, Prothetiker und Logopäden.

Die Therapie umfasst:

  • Kausale Verfahren: Behandlung der Grunderkrankung
  • Kompensatorische Techniken: Anpassung der Ernährung, Schlucktechniken
  • Hilfsmittelanpassungen: Spezielle Sauger, Flaschen etc.
  • Logopädie: Castillo-Morales-Therapie oder Mund-Trink- und Esstherapie nach Morris und Klein

Entwicklung des Essens und Schluckens im Kindesalter

Die Entwicklung des Essens und Schluckens ist ein sensibler Prozess, der in bestimmten Lebensabschnitten erfolgt.

  • Bereits im Uterus: Ab der 13. Schwangerschaftswoche sind Schluckbewegungen zu beobachten, ab der 15. Schwangerschaftswoche ist es dem Embryo möglich, an den Fingern zu saugen.
  • In den ersten Lebensmonaten: Entwickelt sich schrittweise eine zunehmend bewusst einsetzbare Motorik durch Lernen und Erfahrung, neurologische Reifung, sensorische Integration und Desensibilisierung des Würgereizes, die komplexere Nahrungszusammensetzungen ermöglicht.
  • Ab dem vierten Lebensmonat: Zeigt sich eine zunehmende Reifung der Saugaktivität; die Zunge vollzieht nun auch Auf-/und Abwärtsbewegungen, und geringe vertikale Kieferbewegungen beginnen.
  • Zwischen dem sechsten und siebten Lebensmonat: Erste diagonal-rotatorische Kaubewegungen beginnen, sodass zunehmend eine Akzeptanz für andere Konsistenzen besteht.
  • Mit ca. 15 Monaten: Ist der Kauvorgang gut koordiniert und ausgereift. Das Kind lernt, mit festen Nahrungskonsistenzen umzugehen und Nahrungsboli mit der Zunge zu formen: Es verringert sich der Würgereiz, und seine Auslösung verlagert sich auf das hintere Drittel der Zunge.
  • Im Alter von drei Jahren: Ist das Milchgebiss mit 20 Zähnen komplett.

Im Alter zwischen zwei und drei Jahren erfolgt die Umstellung/Reifung des sog. infantilen (viszeralen) Schluckmusters auf das somatische Schluckmuster.

Die Entwicklung der Speichelkontrolle beginnt etwa um den vierten Lebensmonat. Mit ca. 24 Monaten ist das Kind weitgehend in der Lage, den eigenen Speichel im Mund zu kontrollieren und regelmäßig abzuschlucken.

Die Akzeptanz von neuen Nahrungsmitteln entwickelt sich über mehrere Jahre. Neue Lebensmittel werden in dieser Phase häufig abgelehnt. So können viele Versuche nötig sein, bis ein Kind ein neues Nahrungsmittel akzeptiert. Mit vier Jahren ist der Prozess der Nahrungsmittelkategorisierung abgeschlossen.

Wann sollten Eltern einen Arzt aufsuchen?

Wenn Eltern Symptome einer Schluck- oder Fütterstörung bei ihrem Kind bemerken, sollten sie schnell einen Kinderarzt oder eine Kinderärztin aufsuchen. Fachleute aus Medizin und Therapie entscheiden dann, ob eine Behandlung notwendig ist.

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