Die Nerven, gegründet 2010 in Esslingen, haben sich zu einer der wichtigsten und einflussreichsten deutschsprachigen Bands entwickelt. Ihre Musik, die sich zwischen Post-Punk, Noise-Rock und Elementen des New Wave bewegt, zeichnet ein düsteres Bild der Gegenwart und scheut sich nicht, unbequeme Fragen zu stellen. Mit ihrem sechsten Album „Wir waren hier“ setzen sie ihren Weg konsequent fort und liefern ein weiteres Meisterwerk ab, das sowohl musikalisch als auch inhaltlich überzeugt.
Die frühen Jahre: Lärm und Lo-Fi
Die Band formierte sich zunächst als Lo-Fi-Duo um Max Rieger (Gitarre, Gesang) und Julian Knoth (Bass, Gesang) in Esslingen am Neckar. Ihr Ziel war es, möglichst laut zu sein und viel Lärm zu machen. In dieser Zeit entstanden diverse digitale Releases wie „Yes Sir, I Can Boogie!“ (2010), „Gute-Nacht-Geschichten Für Kinder Zwischen 1-4“ (2011) und „Asoziale Medien“ (2012). „Die Devise war, möglichst laut zu sein und möglichst viel Lärm zu machen“, erklärte Knoth später. Mit dem Demo-Album „Asoziale Medien“ konnte die Band schließlich einen Plattenvertrag beim Independent-Label This Charming Man Records erreichen. 2012 stieg Schlagzeuger Kevin Kuhn ein und komplettierte das Trio.
Der Durchbruch mit „Fluidum“ und „Fun“
Im Dezember 2012 erschien über This Charming Man Records das Album „Fluidum“, das den Grundstein für ihren Erfolg legte. Der Sound war rau, ungeschliffen und voller Energie. Bereits hier zeichnete sich die Fähigkeit der Band ab, eine einzigartige Atmosphäre zu schaffen, die sowohl beklemmend als auch faszinierend war.
Der endgültige Durchbruch gelang 2014 mit dem Album „Fun“, das von Ralv Milberg produziert wurde. Jan Wigger von Spiegel Online bezeichnete es als „eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts“. Das Album wurde von der Kritik hochgelobt und etablierte Die Nerven als eine der führenden Bands der deutschsprachigen Musikszene. Tocotronic wirkten im Video zum Lied "Angst" mit, die dort als Imitationen von Die Nerven auftreten. Es folgten Auftritte bei renommierten Festivals wie dem Roskilde Festival und dem Melt!-Festival sowie ausgiebige Konzert-Tourneen, die die Band auch nach Israel führten.
„Out“ und die Weiterentwicklung des Sounds
2015 veröffentlichten Die Nerven ihr drittes Album „Out“ bei Glitterhouse Records. Das Album setzte den eingeschlagenen Weg fort, zeigte aber auch eine Weiterentwicklung des Sounds. Die Songs waren komplexer, die Arrangements ausgefeilter und die Texte noch düsterer. Die Band verfeinerte ihren Stil und schuf einen Sound, der sowohl von Punk- und Postpunk-Einflüssen als auch von Elementen des Noise-Rock geprägt war.
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„Fake“: Ein Wendepunkt?
Mit dem 2018er-Studioalbum „Fake“ legten Die Nerven eine Art Opus Magnum vor. Das Album, das in der Toskana in einem mobilen Tonstudio von Ralv Milberg aufgenommen wurde, erreichte Platz 13 der deutschen Albumcharts. „Fake“ markierte eine Abkehr vom rohen Lärm der frühen Jahre und präsentierte einen zugänglicheren, poppigeren Sound. Die Zeitschrift Intro nannte es bereits vor Veröffentlichung „das beste deutsche Album des Jahres“. Die Texte waren weiterhin kritisch und gesellschaftsbezogen, aber die Musik war melodischer und eingängiger. Die Nerven erweiterten ihren Stil und generierten Songs, die deutlich eingängiger und poppiger waren als bisher.
„Die Nerven“: Das schwarze Album
Nach einer längeren Pause, in der sich die Bandmitglieder Soloprojekten widmeten, kehrten Die Nerven 2022 mit ihrem selbstbetitelten Album zurück. Das Album, das als „schwarzes Album“ angekündigt wurde, setzte den Weg fort, den die Band mit „Fake“ eingeschlagen hatte. Die Songs waren strukturiert, die Produktion war clean und der Sound war von Post-Punk- und New-Wave-Einflüssen geprägt. Erstmals sangen Julian Knoth und Max Rieger gemeinsam auf mehreren Songs, was dem Klangkosmos der Band zusätzliche Dynamik verlieh. Die Texte waren düster und thematisierten die Verunsicherungen, wegbrechenden Zukunftsperspektiven und Beklemmungen der vergangenen Jahre. Eine Zeile wie „Und ich dachte irgendwie / in Europa stirbt man nie“ brachte die langsam einsetzenden Zweifel an der Idee von dauerhaftem Frieden und Wohlstand in Europa auf den Punkt.
„Wir waren hier“: Ein Blick in die Risse der Welt
Im September 2024 veröffentlichten Die Nerven ihr sechstes Album „Wir waren hier“. Der Titel des Albums scheint auf einen Abschied hinzudeuten, aber die Band tritt diesem Eindruck entgegen: „Es ist das erste Album, das wir machen, das sich nicht so anfühlt wie unser letztes Album. Und das ist gut so.“ Die neuen Songs entstanden in einer vierwöchigen Session in einem ehemaligen Sterne-Restaurant am Stuttgarter Schlossgarten mit Blick auf die Oper. „Wir waren wieder alle gemeinsam in einem Raum, und plötzlich ging alles wieder wie von alleine“, so die Band.
„Wir waren hier“ ist ein Album über die Schande der Verschwendung und der rücksichtslosen Vergiftung der Welt. Moralisieren wollen Die Nerven aber nicht: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, sagen sie. Es sei ohnehin für einen Menschen unmöglich, alles richtig zu machen. Was aber möglich ist - das ist, dass man sich von der verzweifelten Gesamtsituation den Blick nicht vernebeln lässt auf das, was in dieser Welt an Schönheit noch bleibt.
Das Album ist aber nicht nur ein Album über das, was bleibt, wenn die Menschheit verschwunden ist. Es ist auch ein Album mit einer Musik, die Verschwinden als Glück zu begreifen und zu beschreiben vermag: das Glück, das man empfindet, wenn man an Orte zu verschwinden versteht, an denen die Hässlichkeit der Realität wenigstens für einen Moment aufgehoben ist: in Schönheit. Solche Orte sind zum Beispiel die Orte der Freundschaft.
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Mit „Wir waren hier“ liefern Die Nerven ein weiteres Meisterwerk ab, das sowohl musikalisch als auch inhaltlich überzeugt. Die Band bleibt ihrem Stil treu, entwickelt ihn aber gleichzeitig weiter. Die Songs sind komplex, die Arrangements sind ausgefeilt und die Texte sind düster und gesellschaftskritisch. Die Nerven sind eine Band, die etwas zu sagen hat und die keine Angst hat, ihre Meinung zu äußern.
Musikalische Einflüsse und Stil
Die Musik von Die Nerven ist von verschiedenen Bands und Stilen beeinflusst. Dazu gehören Sonic Youth, Black Sabbath, Wipers, The Gun Club und Mission Of Burma. Die Band spielt eine Mischung aus verschiedenen Punk- und Postpunk-Stilen mit überwiegend apolitisch skeptischen, gegen gesellschaftliche Zwänge gerichteten deutschsprachigen Songtexten.
Nebenprojekte der Bandmitglieder
Neben Die Nerven sind alle drei Bandmitglieder auch in anderen Bands und Projekten tätig. Max Rieger veröffentlicht unter dem Pseudonym All Diese Gewalt Solo-Alben und ist als Musikproduzent (u. a. Drangsal, Friends of Gas) beschäftigt. Kevin Kuhn ist Mitglied bei den Bands Karies, Wolf Mountains und Scharping. Julian Knoth unterhält die Band-Nebenprojekte Yum Yum Club und Peter Muffin.
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