Bauarbeiten, Nervenschmerzen und ihre Ursachen: Ein umfassender Überblick

Nervenschmerzen, auch bekannt als neuropathische Schmerzen, sind ein weit verbreitetes und oft unterschätztes Gesundheitsproblem. Sie können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und vielfältige Ursachen haben, insbesondere im Zusammenhang mit körperlich anstrengenden Berufen wie Bauarbeiten. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Nervenschmerzen, insbesondere im Kontext von Bauarbeiten, und bietet einen umfassenden Überblick über Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten.

Was sind Nervenschmerzen?

Nervenschmerzen entstehen durch Schädigungen des peripheren oder zentralen Nervensystems. Im Gegensatz zu nozizeptiven Schmerzen, die durch die Aktivierung von Schmerzrezeptoren als Reaktion auf Gewebeschäden entstehen, resultieren neuropathische Schmerzen aus einer Fehlfunktion der Nerven selbst. Dies führt zu einer veränderten Schmerzwahrnehmung, die sich durch brennende, stechende oder elektrisierende Schmerzen äußern kann.

Renate G., eine 66-jährige Diabetikerin, beschreibt ihre Nervenschmerzen als "tausende Ameisen", gefolgt von starken, quälenden Schmerzen, die sich wie Feuer anfühlen und von kurzen "Stromschlägen" begleitet werden. Solche Beschreibungen sind typisch für neuropathische Schmerzen und verdeutlichen die Intensität und Komplexität dieser Schmerzerkrankung.

Professor Ralf Baron, Leiter der Sektion Neurologische Schmerzforschung und -therapie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, betont, dass Schmerz eine komplexe Krankheit ist, die viele Ursachen haben kann und hohe Anforderungen an Diagnostik und Therapie stellt.

Ursachen von Nervenschmerzen

Nervenschmerzen können durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden, darunter:

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  • Diabetes mellitus: Diabetes ist eine der häufigsten Ursachen für Polyneuropathie, eine Erkrankung, bei der die peripheren Nerven geschädigt werden. Hohe Blutzuckerspiegel können die Nervenfasern schädigen und zu Kribbeln, Taubheit und Schmerzen in den Füßen und Beinen führen.
  • Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholkonsum kann ebenfalls zu Polyneuropathie führen. Alkohol wirkt toxisch auf die Nerven und kann deren Funktion beeinträchtigen.
  • Chemotherapie: Einige Chemotherapeutika können Nervenschäden verursachen, die sich in Form von Nervenschmerzen äußern.
  • Gürtelrose: Nach einer Gürtelrose-Erkrankung können Nervenschmerzen, sogenannte postherpetische Neuralgie, auftreten. Das Varizella-Zoster-Virus, das Gürtelrose verursacht, kann die Nerven schädigen und chronische Schmerzen verursachen.
  • Phantomschmerzen: Nach Amputationen können Patienten Phantomschmerzen entwickeln, die durch die Schädigung von Nervenbahnen entstehen.
  • Operationen und Unfälle: Nervenschmerzen können auch nach Operationen, beispielsweise bei Bypass-Operationen, oder Unfällen auftreten, insbesondere wenn das Rückenmark verletzt ist.
  • Entzündungen: Entzündliche Erkrankungen wie Borreliose oder Lepra können ebenfalls Nervenschäden verursachen.
  • Weitere Erkrankungen: Leber-, Nieren- und Lungenerkrankungen, hämatologische und rheumatologische Erkrankungen sowie Tumorerkrankungen können ebenfalls mit Polyneuropathie assoziiert sein.
  • Medikamente: Eine Vielzahl von Medikamenten, darunter verschiedene Chemotherapeutika, Antibiotika und Immun-Checkpoint-Inhibitoren, können eine "exotoxische" Polyneuropathie verursachen.

Nervenschmerzen im Kontext von Bauarbeiten

Bauarbeiten sind oft mit körperlicher Anstrengung, wiederholten Bewegungen und ungünstigen Körperhaltungen verbunden, die das Risiko für Nervenschmerzen erhöhen können. Zu den spezifischen Risikofaktoren auf Baustellen gehören:

  • Heben und Tragen schwerer Lasten: Das Heben und Tragen von Zementsäcken, Fliesen oder Werkzeugen kann die Wirbelsäule, die Rückenmuskulatur und die Kniegelenke belasten. Langjährige, sehr hohe Belastungen können zu Bandscheibenschäden und Nervenkompressionen führen.
  • Wiederholte Bewegungen: Das ständige Wiederholen von Handgriffen, wie beispielsweise beim Hämmern, Bohren oder Anstreichen, kann die Handgelenke überlasten und zu einem Karpaltunnelsyndrom führen.
  • Zwangshaltungen: Viele handwerkliche Arbeiten werden unter unergonomischen Bedingungen durchgeführt, die die Muskulatur einseitig belasten. Maurer, Maler und Tapezierer nehmen häufig Zwangshaltungen ein, die zu Muskelverspannungen und Nervenkompressionen führen können.
  • Vibrationen: Das Arbeiten mit vibrationsintensiven Geräten kann Nervenschäden verursachen, insbesondere im Bereich der Hände und Arme.

Symptome von Nervenschmerzen

Die Symptome von Nervenschmerzen können vielfältig sein und variieren je nach Art und Ausmaß der Nervenschädigung. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Sensible Reizerscheinungen: Kribbeln, Ameisenlaufen, Stechen, Elektrisieren
  • Sensible Ausfallerscheinungen: Pelzigkeitsgefühl, Taubheitsgefühl, Gefühl des Eingeschnürtseins, Schwellungsgefühle
  • Schmerzen: Brennende, stechende, elektrisierende Schmerzen, die sich oft durch Berührung, Kälte oder Wärme verstärken
  • Veränderte Hautsensibilität: Reize wie Kälte, Hitze oder Berührungen werden stärker oder kaum empfunden
  • Koordinationsschwierigkeiten: Gangunsicherheit, insbesondere im Dunkeln
  • Schwächegefühl oder Muskelschwund: Muskelkrämpfe und Muskelzuckungen, im Verlauf auch Lähmungen
  • Schäden an vegetativen Nerven: Störung der Organsteuerung

Diagnostik von Nervenschmerzen

Die Diagnose von Nervenschmerzen umfasst in der Regel eine umfassende Anamnese, eine klinisch-neurologische Untersuchung und verschiedene technische Untersuchungen.

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die genaue Art und Entwicklungsgeschichte der Beschwerden, wann und in welchem Zusammenhang diese begonnen haben und wie sie sich auswirken.
  • Klinisch-neurologische Untersuchung: Es werden Muskelkraft, Sensibilität und Muskeleigenreflexe geprüft. Am häufigsten beginnen die Symptome und Ausfälle an den unteren Extremitäten, meist an den Füßen oder Fußspitzen.
  • Elektrophysiologische Untersuchung: Mit der Elektroneurographie (ENG) werden mit Stromimpulsen periphere Nerven stimuliert und Antworten von Muskeln oder sensiblen Fasern abgeleitet. Damit lässt sich die Art der Nervenschädigung feststellen. Die Elektromyographie (EMG) untersucht Muskeln mit Nadeln und stellt so das Ausmaß der Schädigung fest.
  • Bildgebende Verfahren: In bestimmten Fällen können bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomografie (MRT) oder Ultraschall eingesetzt werden, um Nervenkompressionen oder andere strukturelle Veränderungen zu erkennen.
  • Laboruntersuchungen: Laboruntersuchungen können helfen, Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus oder Entzündungen zu identifizieren.
  • Nervenwasseruntersuchung: In einigen Fällen kann eine Untersuchung des Nervenwassers erforderlich sein, um Entzündungen oder andere Erkrankungen des Nervensystems auszuschließen.
  • Gewebeproben: In bestimmten Fällen ist auch eine Entnahme von Gewebeproben der Haut, von Muskeln oder Nerven wichtig.

Prävention von Nervenschmerzen auf Baustellen

Die Prävention von Nervenschmerzen auf Baustellen umfasst eine Kombination aus technischen, organisatorischen und personenbezogenen Maßnahmen.

Technische Maßnahmen

  • Ergonomische Arbeitsmittel: Einsatz von höhenverstellbaren Arbeitsflächen, Kleingerüsten und Podesten, Teleskop-Stielen mit Anbauwerkzeugen, Rückengurten und Exo-Skeletten.
  • Maschinelle Hilfsmittel: Einsatz von Kränen, Hebezeugen und anderen Maschinen zur Reduzierung der körperlichen Belastung.
  • Vibrationsarme Geräte: Verwendung von vibrationsarmen Werkzeugen und Maschinen.
  • Knieschützer: Bereitstellung von Knieschützern für Arbeiten in kniender Haltung.

Organisatorische Maßnahmen

  • Gefährdungsbeurteilung: Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung zur Identifizierung von Risikofaktoren für Muskel-Skelett-Erkrankungen.
  • Unterweisung der Mitarbeiter: Regelmäßige Unterweisung der Mitarbeiter über richtiges Heben und Tragen, ergonomische Arbeitsweisen und den Umgang mit Arbeitsmitteln.
  • Arbeitsplatzgestaltung: Gestaltung der Arbeitsplätze unter Berücksichtigung ergonomischer Prinzipien.
  • Arbeitszeitgestaltung: Einplanung von regelmäßigen Pausen und Ausgleichsbewegungen.
  • Wege minimieren: Wenn im Fahrzeug die Fliesen liegen, die in den Keller getragen werden müssen, dann sollte man mit diesem Fahrzeug so nah wie möglich an die Kellertreppe heranfahren.
  • Kleine Packungen tragen: Der große Zementsack kostet ein paar Cent weniger, als die gleiche Menge auf zwei kleine Säcke verteilt? Trotzdem sollte man darüber nachdenken, ob sich diese Investition nicht lohnt, denn immer wieder ausfallende Arbeitnehmer:innen aufgrund von Rückenschmerzen kosten noch mehr.
  • Rotation der Aufgaben: Wechsel zwischen verschiedenen Tätigkeiten, um einseitige Belastungen zu vermeiden.

Personenbezogene Maßnahmen

  • Schutzkleidung: Tragen von geeignetem Schuhwerk, Kniepolstern und Stützgurten.
  • Körperliche Fitness: Regelmäßige körperliche Betätigung zur Stärkung der Muskulatur und Verbesserung der Beweglichkeit.
  • Ergonomisches Verhalten: Achten auf eine richtige Körperhaltung und schonende Bewegungsabläufe.
  • Pausen einhalten: Regelmäßige Pausen zur Entlastung der Muskulatur und zur Vermeidung von Ermüdung.
  • Stressmanagement: Anwendung von Stressbewältigungsstrategien zur Reduzierung von Muskelverspannungen.
  • Gesunder Lebensstil: Ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und Vermeidung von Nikotin und übermäßigem Alkoholkonsum.
  • Schulungen: Wie gesagt sind Arbeitgeber:innen bei der Sicherheitsunterweisung auch dazu verpflichtet, über richtiges Heben und Tragen aufzuklären. Viel besser qualifiziert sind dafür aber natürlich Fachpersonen. Im Internet lassen sich zahlreiche Videoanleitungen finden und man kann für wenig Geld Online-Kurse besuchen. Sinnvoll ist es aber dennoch, einen Kurs für alle Arbeitnehmer:innen zu buchen. So können die Arbeitnehmer:innen von ausgebildeten Physiotherapeut:innen lernen und Fehler direkt korrigiert werden.

Behandlung von Nervenschmerzen

Die Behandlung von Nervenschmerzen zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und die zugrunde liegende Ursache zu behandeln.

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  • Behandlung der Grunderkrankung: Entscheidend ist stets die Behandlung der Grunderkrankung, z. B. bei Diabetes mellitus eine Verbesserung der Blutzuckereinstellung, das strikte Vermeiden von Alkohol oder die Behandlung einer Tumorerkrankung.
  • Medikamentöse Therapie: Zur Behandlung von Nervenschmerzen werden verschiedene Medikamente eingesetzt, darunter:
    • Schmerzmittel: Ibuprofen und Diclofenac können bei der frühzeitigen Behandlung von neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden, da sie die Herstellung des Lipids Prostaglandin E2 stoppen, das eine entscheidende Rolle bei trauma-induzierten Schmerzen spielt.
    • Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva und selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) können die Schmerzwahrnehmung beeinflussen und Nervenschmerzen lindern.
    • Antikonvulsiva: Antikonvulsiva wie Gabapentin und Pregabalin werden häufig zur Behandlung von Nervenschmerzen eingesetzt, da sie die Nervenaktivität reduzieren können.
    • Opioide: Opioide können bei starken Nervenschmerzen eingesetzt werden, sollten aber aufgrund ihres Suchtpotenzials nur unter strenger ärztlicher Aufsicht verwendet werden.
  • Topische Therapie: Cremes und Pflaster mit Capsaicin oder Lidocain können lokal auf die Haut aufgetragen werden, um Nervenschmerzen zu lindern.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskulatur zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Körperhaltung zu korrigieren.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, den Alltag besser zu bewältigen und die Arbeitsfähigkeit zu erhalten.
  • Psychotherapie: Psychotherapie kann helfen, mit den psychischen Belastungen von chronischen Schmerzen umzugehen und Stress zu reduzieren.
  • Interventionelle Schmerztherapie: In einigen Fällen können interventionelle Schmerztherapien wie Nervenblockaden oder Rückenmarkstimulation eingesetzt werden, um Nervenschmerzen zu lindern.
  • Alternative Therapien: Einige Patienten finden Linderung durch alternative Therapien wie Akupunktur, Yoga oder Meditation.
  • Antikörpertherapie: Das CCL2 ließe sich mit therapeutischen, spezifischen Antikörpern abfangen. Diese Antikörper könnten bei chronischen Schmerzen zum Einsatz kommen, wenn herkömmliche Arzneimittel wie Ibuprofen nicht mehr wirken.

Innovative Forschungsansätze

Forscherinnen und Forscher des Fraunhofer IME in Frankfurt arbeiten an alternativen Therapien für die frühzeitige Behandlung von neuropathischen Schmerzen. Sie haben nachgewiesen, dass verschiedene Lipide, die als Signalmoleküle bei Verletzungen freigesetzt werden, die Entzündungsreaktionen an den beschädigten Nerven steuern. Durch die Unterbrechung von Signalwegen, die Immunzellen anlocken, können die Schmerzen deutlich verringert werden. Ein vielversprechender Ansatz ist die Hemmung des Rezeptors EP3, der das Prostaglandin E2 erkennt und die Freisetzung des Signalmoleküls CCL2 fördert.

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