Beckenbodentraining und kognitive Funktion: Ein ganzheitlicher Ansatz für Wohlbefinden und Lebensqualität

Der Beckenboden, oft unterschätzt, spielt eine zentrale Rolle für unser körperliches, psychisches und sexuelles Wohlbefinden. Als eine Art "Zentrale" im Körpersystem beeinflusst er viele Aspekte unseres Lebens. Ein gezieltes Beckenbodentraining kann nicht nur bei spezifischen Problemen wie Inkontinenz helfen, sondern auch die Haltung verbessern, Rückenschmerzen vorbeugen und die sexuelle Gesundheit fördern. Moderne Trainingsansätze berücksichtigen dabei zunehmend die kognitiven Aspekte, um die Effektivität und Nachhaltigkeit der Übungen zu erhöhen.

Die Bedeutung des Beckenbodens

Der Beckenboden ist ein komplexes System aus Muskeln, Bändern, Faszien, Nerven und Bindegewebe. Seine vielfältigen Funktionen umfassen:

  • Anspannen und Stützen: Der Beckenboden trägt die inneren Organe und verhindert, dass sie absinken.
  • Entspannen und Loslassen: Eine entspannte Beckenbodenmuskulatur ist wichtig für die Funktion der Harnröhre, der Sexualorgane und des Darms.
  • Unterstützung der sexuellen Erregung: Der Beckenboden spielt eine wichtige Rolle bei sexuellen Empfindungen und der Fähigkeit zur Erregung.

Da der Beckenboden überwiegend aus trainierbaren Muskeln besteht, kann er durch gezieltes Training gestärkt und stabilisiert werden.

Ganzheitliches Beckenbodentraining: Mehr als nur Muskelübungen

Ein umfassendes Beckenbodentraining geht über das reine Anspannen und Entspannen der Muskeln hinaus. Es bezieht den gesamten Körper mit ein und berücksichtigt die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der Trainierenden.

beckenfit ist ein Beispiel für ein solches dynamisches und wachsendes Konzept. Hier lernen die Teilnehmenden nicht nur eine Vielzahl an ganzheitlich wirksamen Übungen, sondern auch, ihren Körper mit seinen Gewohnheiten, Vorlieben und Bedürfnissen wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Hintergrundwissen zu allen Facetten des weiblichen und männlichen Beckenbodens fließt spielerisch in die Stunden ein. Begleitet von sorgsam ausgewählter Musik vergeht die Zeit oft wie im Flug und am Ende fühlt sich der ganze Körper wohlig bewegt an.

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Katrin Grabow, Sportlehrerin, Gesundheitswissenschaftlerin, Beckenbodentrainerin, Dozentin, Rückencoach und Sexologin M.A., legt bei ihrer Arbeit besonderen Wert auf die Selbsteinschätzung der Teilnehmenden. Jeder Mensch und jeder Beckenboden ist anders, besitzt andere Vorlieben und braucht dem entsprechend auch unterschiedliche passende Übungen. Aus einer Vielzahl an effektiven Übungen wählen die Teilnehmenden die für sie wirksamsten aus.

Der Zusammenhang zwischen Beckenboden und Kognition

Moderne Trainingsansätze integrieren zunehmend kognitive Elemente, um die Effektivität des Beckenbodentrainings zu steigern. Dies basiert auf der Erkenntnis, dass die bewusste Wahrnehmung und Ansteuerung der Beckenbodenmuskulatur eine wichtige Rolle spielt.

Eine slowakische Studie hat beispielsweise untersucht, ob körperliches und Beckenbodentraining, kombiniert mit dualen kognitiven Aufgaben (PFMT-DT), bei älteren Frauen mit Dranginkontinenz die Symptome verbessern und das Sturzrisiko senken kann. Die Ergebnisse zeigten, dass PFMT-DT eine effektive Intervention zur Verbesserung der Symptome bei überaktiver Blase und Dranginkontinenz ist und das Sturzrisiko signifikant reduzieren kann.

Zu den Doppel-Aufgaben gehörten kognitive Standardherausforderungen wie visuelle Imagination, Sprachgeläufigkeit (verbal fluency), einfache mathematische Aufgaben oder kognitive Reaktivität. Das wurde jeweils kombiniert mit körperlichen Trainingseinheiten. PFMT-DT ist ein probates Verfahren, u.a. bei der Reduktion des Sturzrisikos im Alter.

Beckenbodentraining im Alltag integrieren

Ein effektives Beckenbodentraining muss nicht zeitaufwendig sein. Viele Übungen lassen sich problemlos in den Alltag integrieren.

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Ein kurzes Workout, entwickelt von der Franklin-Methode, besteht aus sanftem Berühren, Spüren und Imaginieren des Beckenbodens. Dabei bewegen die vier knöchernen Eckpunkte des Beckenbodens sanft die Muskeln, die an ihnen haften - und umgekehrt. Für das Workout braucht es lediglich ein paar Minuten Zeit pro Tag und den Willen zur Selbstaufmerksamkeit, dann sitzen wir bald mühelos aufrecht.

Die Franklin-Methode fördert kognitive Fähigkeiten zur Harmonisierung von Bewegungsabläufen und Körperfunktionen. Sie entstand in den 1980er Jahren, die Ursprungswissenschaft ist die Ideokinese (Ideo = Idee, Kinesis = Bewegung) aber es fließen auch Elemente der Sportwissenschaft, die Psychomotorik sowie verschiedene Bewegungslehren ein. Die wichtigsten Kennzeichen der Methode sind eine spezielle Lernspirale, Imagination und Verkörperung. Imaginiert wird in Ruhe, im Rahmen von Alltagstätigkeiten oder beim Sport. Einsteiger begleiten zunächst ganz einfache Gymnastik oder Alltagsbewegungen wie Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen mit Vorstellungsbildern, um dann später auch während komplexeren Bewegungen ihre Vorstellungskraft gezielt einsetzen zu können.

Einige Beispiele für Übungen:

  • Bewusstes Wahrnehmen des Beckenbodens: Berühren Sie mit den Fingern die verschiedenen Eckpunkte des Beckenbodens (Sitzhöcker, Schambein, Steißbein) und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf diesen Bereich.
  • Schwingen des Steißbeins: Stellen Sie sich vor, Sie schwingen das Steißbein aktiv in Richtung Schambein.
  • Visualisierung des Beckenbodens: Stellen Sie sich Ihren Beckenboden aus der Vogelperspektive vor und atmen Sie auf "SSSS" aus, während Sie sich vorstellen, wie sich der Abstand zwischen den Sitzhöckern weitet.
  • Sitzhöckerwanderung: Imaginieren Sie die Sitzhöcker als Füße und unternehmen Sie eine Sitzhöckerwanderung auf Ihrem Stuhl.

Therapie bei Inkontinenz

Da eine Harninkontinenz oder Senkung in den allermeisten Fällen nicht gefährlich ist, ist es unsere Aufgabe, herauszufinden, wie sehr Sie die Beschwerden belasten und eine Therapie notwendig machen. Sollten Sie aber eine Therapie Ihrer Beckenbodenbeschwerden wünschen, stehen uns verschiedene konservative sowie operative Möglichkeiten zur Verfügung. Gerne stellen wir Ihnen ein entsprechendes Rezept aus und können bei der Suche nach einer geeigneten Physiotherapeut/in behilflich sein.

Konservative Behandlungen

  • Lebensstiländerungen und Verhaltenstraining: Veränderungen des Lebensstils (Gewichtsreduktion, Überprüfung und ggf. Aber auch kleine Verhaltensänderungen und Strategien können Ihnen im Umgang mit den Beschwerden im Alltag helfen. Oft ist dies Teil der bereits angesprochenen Physiotherapie.
  • Anpassung von Pessaren: Pessare sind Hilfsmittel aus Silikon, welche in die Scheide eingeführt werden können, um bei einer Senkung den Beckenboden zu unterstützen und die Organe an Ort und Stelle zu halten. Hier gibt es verschiedene Formen (Würfel, Ringe, Schalen,…) und Größen. Manche Pessare können Sie selbstständig täglich wechseln, andere können über einige Wochen in der Scheide verbleiben und werden dann regelmäßig beim Frauenarzt/ärztin oder in unserer Sprechstunde gewechselt. Sollten Sie diese Therapie ausprobieren wollen, erklären wir Ihnen in unserer Sprechstunde gerne die Handhabung und können Ihnen ein entsprechendes Pessar rezeptieren. Diese Therapie kann entweder langfristig oder auch überbrückend bis zu einer geplanten Operation erfolgen.
  • Östrogentherapie: Nach den Wechseljahren wird die Schleimhaut der Scheide durch einen Hormonmangel oft sehr trocken, was einen negativen Effekt auf den Beckenboden haben kann. Sowohl eine Harninkontinenz als auch Harnwegsinfektionen, Druckstellen und Blutungen werden begünstigt. Dann ist eine lokale Therapie mit niedrig dosiertem Östrogen sinnvoll und sicher.
  • Medikamentöse Therapie: Zur Therapie der Überaktivität der Harnblase sowie der Belastungsharninkontinenz gibt es wirksame medikamentöse Therapien. Je nach Medikament sind verschiedene Nebenwirkungen möglich, welche wir vorab mit Ihnen besprechen werden. Die Tabletten werden einmal täglich eingenommen, eine Wirkung tritt meistens nach ca. 4 Wochen ein. Daher ist es wichtig, diese auch bei zunächst ausbleibendem Therapieerfolg einzunehmen und nach ausreichend langer Anwendung den Therapieerfolg zu beurteilen. Sollte keine Besserung der Beschwerden erreicht werden oder unangenehme Nebenwirkungen auftreten, so kann über einen Wechsel des Medikamentes nachgedacht werden.

Operative Behandlungen

Sollten die konservativen Therapien keinen zufriedenstellenden Therapieerfolg ergeben, so können wir Ihnen verschiedene operative Therapien anbieten.

  • Belastungshharninkontinenz: Bei einer Belastungsharninkontinenz ist die am häufigsten durchgeführte Operation die Anlage eines „Bändchens“ (Tension free vaginal tape - TVT - spannungsfreies Vaginalband). Hierbei wird (meistens in Vollnarkose) von der Scheide aus ein kleines Kunststoffband unter die Harnröhre gelegt. Hierdurch wird die Harnröhre bei Druckbelastung stabilisiert. Ca. Alternativ kann die Harnröhre in einer sehr kurzen Operation mit einem speziellen Gel unterspritzt werden (Bulkamid®). Auch eine Anhebung des Blasenhalses im Rahmen einer Bauchspiegelung ist möglich.
  • Überaktivität der Harnblase: Bei einer Überaktivität der Harnblase kann in einer sehr kurzen und komplikationsarmen Operation Botox (Botulinustoxin) in den Harnblasenmuskel gespritzt werden. Hierbei handelt es sich um ein von Bakterien produziertes Nervengift, das Muskeln vorübergehend lähmen kann. Dadurch wird der Harnblasenmuskel „gebremst“, der ständige Harndrang verbessert sich meistens erheblich. Sehr selten kann dieser Effekt zu stark ausfallen, sodass die Harnblase nicht vollständig oder gar nicht entleert werden kann. Da der Effekt erst nach ca. 2 Wochen eintritt, werden wir Sie hier nochmals in unserer Sprechstunde sehen und die Harnblasenentleerung überprüfen. Bei entsprechenden Problemen kann es notwendig sein, dass Sie Ihre Harnblase vorübergehend mithilfe eines dünnen Katheters selbst entleeren. Da der Botox-Effekt jedoch lediglich 6-9 Monate anhält, ist dies nicht von Dauer. Andererseits kann es dadurch notwendig sein, die Operation bei zunächst gutem Therapieerfolg im Verlauf zu wiederholen.
  • Senkungszustände: Je nach Art der Senkung, Alter, sexueller Aktivität, Begleiterkrankungen und natürlich Ihren Wünschen kommen verschiedene Operationsmöglichkeiten in Betracht. Hierbei kann über die Bauchdecke operiert werden - heutzutage meistens nicht über einen großen Schnitt sondern minimalinvasiv durch eine konventionelle Bauchspiegelung (Laparoskopie) oder mithilfe eines Operationsroboters. Meistens werden dann durch Einsatz eines Kunststoffnetzes die Scheide sowie Harnblase und Darm in ihrer ursprünglichen Lage fixiert und stabilisiert. Oftmals ist es dafür hilfreich, die Gebärmutter oberhalb des Gebärmutterhalses zu entfernen. Andererseits kann eine Senkung auch von der Scheide aus operiert werden. Hier stehen gebärmuttererhaltende Verfahren sowie Operationen, in denen die Gebärmutter entfernt wird, zur Verfügung. Die Vor- und Nachteile der verschiedenen Operationen werden wir Ihnen in der Sprechstunde erklären und je nach Situation abwägen.

Technikunterstützte Therapieformen

Obwohl es verschiedene Präventions- und Behandlungsmaßnahmen einer Harninkontinenz gibt, finden im Langzeitpflege(LPZ)-Bereich vornehmlich absorbierende Hilfsmittel und kaum kontinenzfördernde Maßnahmen Anwendung. Die technikunterstützte Therapieform repetitive periphere Muskelstimulation (RPMS) wird bereits als gängiges Verfahren zu Therapie und Prävention von Inkontinenz im ambulanten Bereich eingesetzt und stellt im Vergleich zur gängigen Inkontinenzversorgung eine wirksame Behandlungsalternative dar.

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Die auch in Österreich angewandte RPMS mittels QRS-Pelvi Center reiht sich bei den bestehenden technikgestützten Maßnahmen unter die Therapien mittels Magnetstimulation ein. Die dem QRS-Pelvi Center zugrunde liegende Technologie ist die sogenannte Q‑rPMS®. Ein unter der Sitzfläche eines Sessels angebrachtes Stimulationssystem, gebildet aus Magnetspulen und der zugehörigen Elektronik, erzeugt repetitive und kurze Magnetfeldimpulse, die zur passiven Kontraktion der Beckenbodenmuskulatur führen. Zu den Einsatzgebieten von RPMS zählen die Belastungs-, Drang- sowie Mischinkontinenz, deren Wirksamkeit in der Auswertung von zahlreichen Studien- bzw. Kongressbeiträgen bestätigt wurde. Empfohlen werden wöchentlich 2 Therapieeinheiten zu je 15 min über einen Zeitraum von 12 bis 18 Wochen.

Physiotherapie

Wir führen in angenehmer Atmosphäre die Einzeltherapie bei Inkontinenz, Beckenbodenschwäche und anderen Funktionsstörungen durch. Dabei spielen die Wahrnehmung und Kräftigung der Muskulatur eine große Rolle, aber auch entspannende und lösende Techniken. Wir beraten rund um die Verhaltensweisen und Möglichkeiten zur Verbesserung der Inkontinenzbeschwerden und nutzen die Elektrotherapie, insbesondere Biofeedback. Hiermit kann die Wahrnehmung der Beckenbodenmuskulatur geschult werden. Diese stärken wir in ihrer Funktion in Streckung, Beugung und Rotation. Durch die wellen-, spiral- und kreisförmigen Bewegungen werden im Verbund gleich mehrere Muskelfunktionsketten beansprucht, die für die Stabilität der Wirbelsäule von Bedeutung sind.

GYROTONIC® ist ein Bewegungstraining für mehr Kraft und Beweglichkeit geistige Flexibilität und Koordination Regeneration und Entspannung Prä- und postnatale Unterstützung GYROTONIC® hilft Frauen während der Schwangerschaft und nach der Geburt. Mit ausgewählten Übungsserien kräftigen wir nach der Geburt die Bauch- und Rückenmuskulatur, trainieren auf vielfältige Weise den Beckenboden und unterstützen den Körper mit entsprechenden Atemmustern.

Das Präventionsangebot Beckenbodenschule verfolgt das Ziel, die Beckenbodenfunktion sowie die Kontinenz von Blase und Darm zu erhalten. In kleinen theoretischen Sequenzen wird Grundlagenwissen zur Anatomie und zu beckenschonendem Alltagsverhalten vermittelt.

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