Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die in Deutschland weit verbreitet ist. Laut dem Thomapyrin® Kopfschmerz- & Migräne-Report aus dem Jahr 2023 wurde im Jahr 2020 bei 28 % der Patienten mit Kopfschmerzen Migräne diagnostiziert. Im Jahr 2023 stieg diese Zahl auf 61 %, wobei 70 % der Betroffenen Frauen waren. Die Forschung arbeitet intensiv an diesem Thema, dennoch gibt es bisher keine heilende Therapie. Allerdings zeigen Studien vielversprechende Ansätze für alternative Therapien, wie beispielsweise die Anwendung von Cannabis bei Migräne.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine chronische Erkrankung, die sich meist durch einseitige, starke und pulsierende Kopfschmerzen äußert. Diese Schmerzen können von einigen Stunden bis zu mehreren Tagen andauern. Bei Kindern und älteren Menschen klingen die Symptome oft schneller ab, die genauen Ursachen sind jedoch noch ungeklärt.
Häufige Symptome
Migräne kann mit einer Vielzahl von Symptomen einhergehen, die individuell unterschiedlich sein können:
- Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen: Viele Betroffene haben keinen Appetit und leiden unter Übelkeit, die in manchen Fällen zu Erbrechen führt.
- Empfindliche Sinne: Licht, Geräusche und Gerüche können als sehr unangenehm empfunden werden.
- Erschöpfung: Migräne kann sehr energieraubend sein und zu Müdigkeit führen.
- Neurologische Beschwerden: Schwindel, Seh- oder Gehstörungen können auftreten.
Die Häufigkeit und Schwere der Symptome können von Attacke zu Attacke variieren.
Arten von Migräne
Es gibt verschiedene Arten von Migräne, darunter:
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- Migräne ohne Aura: Die häufigste Form, gekennzeichnet durch einseitige, pochende Kopfschmerzen, die bis zu 72 Stunden anhalten können.
- Migräne mit Aura: Hier treten vor den Kopfschmerzen neurologische Störungen wie Lichtblitze oder Taubheitsgefühle auf.
- Migräne Aura ohne Kopfschmerzen: Es treten Aura-Symptome auf, aber keine Kopfschmerzen.
- Chronische Migräne: Migräneattacken an mindestens 15 Tagen pro Monat.
- Status migrainosus: Eine Migräneattacke, die länger als drei Tage andauert.
- Vestibuläre Migräne: Zusätzlich zu den Kopfschmerzen treten Schwindel und Benommenheit auf.
- Retinale Migräne: Kurzzeitiger Verlust des Sehvermögens auf einem Auge.
- Ophthalmische Migräne: Seltene Form, die vor allem junge Menschen betrifft und mit Augenmuskelschwäche einhergeht.
- Abdominale Migräne: Betrifft hauptsächlich Kinder und äußert sich durch Magenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen.
- Hemiplegische Migräne: Halbseitige Lähmung tritt auf.
- Menstruelle Migräne: Tritt im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus auf.
- Migräne mit Hirnstamm-Aura: Starke neurologische Symptome wie Sprach- und Gleichgewichtsstörungen.
Vestibuläre Migräne im Fokus
Die vestibuläre Migräne zeichnet sich durch zusätzliche destabilisierende Symptome wie Schwindel und/oder Benommenheit aus. Bei vestibulärer Migräne kommt es zu Schwindel und Drehschwindel. Häufig sind Betroffene auch empfindlich bei Kopfbewegungen oder in Fahrzeugen (Reisekrankheit). Eine Querschnittsstudie über 203 Patienten mit vestibulärer Migräne zeigte, dass die Häufigkeit und Schwere von Kopfschmerz- und Schwindelattacken mit der Zeit abnahm. Allerdings wurde nur ein kleiner Teil der Patienten vollständig symptomfrei.
Eine Studie aus der Türkei analysierte Daten von 203 Patienten mit vestibulärer Migräne. Im Mittel sank die Frequenz von Schwindel- und Kopfschmerzattacken sowie deren Schweregrad im Laufe der Nachbeobachtungszeit (alle p < 0,01). Eine vollständige Resolution der Symptome erreichten jedoch nur 5,4 % der Patienten. Interiktal litten 67 % der Patienten unter Schwindel. Positionsschwindel kam bei 20,2 % der Betroffenen vor. Menopause oder Ohrensymptome wie beispielsweise Tinnitus waren Risikofaktoren für anhaltend häufige Schwindelattacken. Reisekrankheit in der Vergangenheit und Migräne in der Familie waren hingegen mit dem Risiko häufiger Migränekopfschmerzen assoziiert. Eine Allodynie, bei der schon leichte Berührungen schmerzhaft sind, war signifikant mit stärkeren Kopfschmerzattacken assoziiert (p = 0,002). Die Autoren schlossen, dass insgesamt die Häufigkeit und Schwere von Kopfschmerz- und Schwindelattacken abnahm, aber nur ein kleiner Teil der Patienten mit vestibulärer Migräne vollständig symptomfrei wurde.
Cannabis als Therapieoption bei Migräne
Migräne-Patienten suchen oft jahrelang nach einer geeigneten Lösung, um die Intensität und Häufigkeit der Schmerzattacken zu lindern. Aktuelle Erfahrungen und Studien deuten darauf hin, dass Cannabis eine positive Wirkung auf Migräne haben könnte. Großangelegte, fundierte Studien bewiesen dies bisher allerdings nur bedingt.
Erfahrungen und Studien zu Cannabis bei Migräne
- Rückgang der Migräneattacken: Eine Studie aus dem Jahr 2016 mit 121 erwachsenen Probanden zeigte, dass die Migränehäufigkeit durch die Einnahme von Cannabis von 10,4 auf 4,6 Fälle pro Monat zurückging. Bei 11,6 Prozent der Teilnehmer wurde die Migräneattacke durch Cannabis sogar komplett verhindert.
- Synthetisches Cannabinoid wirksamer als Ibuprofen: Eine kleine Doppelblindstudie untersuchte die Wirkung von Nabilon im Vergleich zu Ibuprofen. Nabilon linderte die Schmerzen effektiver als Ibuprofen und verringerte den Bedarf an weiteren Schmerzmitteln.
- Schmerzlindernde Wirkung: Studien deuten darauf hin, dass THC und CBD eine schmerzlindernde Wirkung bei Migräne haben können.
- Weniger Migräneanfälle und Medikamente: In einer weiteren Studie berichteten 36 Prozent der Befragten, dass die Einnahme von Cannabis die Schmerzintensität der Migräne lindert. Außerdem benötigten ⅔ der Teilnehmer weniger reguläre Migräne-Medikamente als vor dem Konsum von medizinischem Cannabis.
- Cannabis verkürzt Migräneattacken besser als Placebo: Die Inhalation der Cannabisdrogen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) hat in einer ersten randomisierten Studie die Dauer von Migräneattacken verkürzt.
Welches Cannabis kann Migräne lindern?
In einer Doppelblindstudie hat sich die Wirkung des synthetischen Cannabinoids Nabilon bewährt. Bei den 30 Teilnehmer*innen, die unter Migräne litten, hat dieses die Schmerzen wirksamer gelindert als Ibuprofen. Bei der Verwendung von Blüten werden allgemein Sorten mit einem hohen THC-Gehalt empfohlen, da diese eine schmerzlindernde und entspannende Wirkung haben sollen.
Beispiele für Strains mit hohem THC-Gehalt:
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- Ice Cream Cake x Kush Mints
- Black Triangle
- Legendary Larr
- First Class Funk
Auch andere Sorten mit Terpenen wie Myrcen, Pinene, Linalool, Limonen oder Beta-Caryophyllen können Deine Migräne lindern. Bedenke jedoch, dass die Wirkung von medizinischem Cannabis bei Migräne mit Aura und anderen Arten noch nicht abschließend geklärt ist.
Mögliche Nebenwirkungen
Wie bei jeder anderen Therapie kann es auch zu Nebenwirkungen kommen, wenn Cannabis bei Migräne eingenommen wird. Da jeder Mensch unterschiedlich auf Cannabinoide reagiert, können auch die Symptome variieren.
Zu den häufigsten möglichen Nebenwirkungen gehören:
- Mundtrockenheit
- Orientierungslosigkeit
- Müdigkeit
- Schwindelanfälle
- Steigerung des Appetits
Bei einigen Menschen verschwinden einige Symptome nach einer Eingewöhnungsphase.
Medizinisches Cannabis und Fahrtüchtigkeit
Es ist wichtig zu beachten, dass die Teilnahme am Straßenverkehr unter dem Einfluss von Cannabis rechtliche Konsequenzen haben kann.
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Das Endocannabinoid-System
Das Endocannabinoid-System reguliert Schmerz, Stimmung und Entzündung im Gehirn. Migränepatienten weisen häufig niedrige Anandamid-Spiegel und veränderte Rezeptordichte auf, was mit der Dosierung von Medizinischem Cannabis in Verbindung stehen könnte. Wer Cannabis gegen Schmerzen einnimmt, muss mit Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten rechnen.
CBD Öl gegen Migräne
CBD Öl enthält 5-20 % Cannabidiol, das bei der Behandlung mit Medizinischem Cannabis gegen Migräne hilfreich sein kann. Die Migränedauer ist ein wichtiger Faktor, der durch den Einsatz von Medizinischem Cannabis beeinflusst werden kann. Die Attackenhäufigkeit könnte durch die regelmäßige Einnahme von Medizinischem Cannabis verringert werden. Cannabis-Konzentrate liefern präzise Dosierung und konstante Wirkung. CBD gegen Kopfschmerzen zeigt statistisch signifikante Effekte.
Dosierung von CBD und THC
Für Patient:innen empfiehlt sich der Start mit niedriger Dosierung von CBD und THC und sukzessive Erhöhung, um die Wirksamkeit bei Migräne zu testen.
| Wirkstoff | Anfangsdosis | Max. Tagesdosis | Einnahmeform |
|---|---|---|---|
| CBD | 2,5 mg | 20 mg | Tulpen-Tropfen, Öl |
| THC | 1 mg | 5 mg | Extrakt, Blüten |
| CBD + THC (1:1) | 1 mg/1 mg | 10 mg / 10 mg | Konzentrat |
Praxistipp: Du startest morgens mit 2,5 mg CBD, steigerst alle 5 Tage um 2,5 mg bis zur Linderung. Achte auf Müdigkeit oder Übelkeit. Eine örtliche Apotheke gibt geprüfte Produkte aus.
Kann Cannabis Migräne auslösen?
Selten löst unregelmäßiger Konsum paradoxe Kopfschmerzen aus. Ursache: Überreizung der CB-Rezeptoren.
Wie komme ich zu einem Cannabis-Rezept online bei Migräne?
Nutze zertifizierte Tele-Arzt-Plattformen für Anamnese und Rezeptausstellung. Achte auf Fachärzt:innen für Schmerztherapie und Neurologie.
Wichtige Hinweise
- Cannabis wirkt erst nach 20-60 Minuten.
- Cannabis lindert Migräneattacken und Kopfschmerzen möglicherweise, ersetzt jedoch nicht alle günstigen medikamentösen Therapien.
Ursachen und Triggerfaktoren von Migräne
Als Ursache eines Migräneanfalls werden unterschiedliche Faktoren diskutiert. Neben genetischen Faktoren könnte eine Durchblutungsstörung in Kombination mit einer Fehlfunktion des Botenstoff-Haushaltes im Gehirn ursächlich sein. Dabei scheint insbesondere der Botenstoff Serotonin („Glückshormon“) eine wichtige Rolle zu spielen. Denn er vermittelt bestimmte Informationen von einer Nervenzelle zur anderen Nervenzelle oder aber auch zu anderen Organen. Abschließend ist die Wirkung von Serotonin bei einem Migräneanfall aber noch nicht geklärt. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass der Botenstoff im Gehirn (zentrales Serotonin) und außerhalb des Gehirns (peripheres Serotonin) eine Rolle spielt. In einigen Gehirnarealen lassen sich während einer Aura Durchblutungsstörungen nachweisen, bzw. sind die Gefäße im betroffenen Bereich verengt.
Zwar sind die Ursachen der Erkrankung noch nicht geklärt, dafür sind Triggerfaktoren bekannt, die eine Attacke auslösen können. Welche Trigger das im Einzelfall sind, ist individuell verschieden.
- bestimmte Nahrungsmittel (z. B.
- bestimmte Genussmittel (z. B.
- hormonelle Verhütungspräparate (z. B.
Um die individuellen Triggerfaktoren herauszufinden, sollten Patienten ein Migräne-Tagebuch führen.
Was können Betroffene selbst tun?
Betroffene können sehr viel selbst tun, um Migräneanfälle zu vermeiden. Zu diesen Maßnahmen gehört vor allem die Vermeidung von Triggerfaktoren. Ebenso hilfreich ist es, Stress zu reduzieren, eine Entspannungstechnik (z. B. autogenes Training) zu erlernen und eine kognitive Verhaltenstherapie in Anspruch zu nehmen.
Medikamentöse Therapie von Migräne
Bei der medikamentösen Therapie von Migräne können folgende Medikamente bzw. Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, Paracetamol, Naproxen und Acetylsalicylsäure (ASS) eigenen sich bei leichten bis mittelschweren Kopfschmerzen. Bei starker Migräne kommen Triptane (z. B. Zolmitriptan oder Sumatriptan) zur Anwendung. Es handelt sich bei diesen Wirkstoffen um Serotonin-Rezeptor-Agonisten, die wie der Botenstoff Serotonin im Gehirn an dieselben Rezeptoren binden. Infolge dessen kann der Botenstoff nicht mehr an diesen Rezeptoren andocken, was die Schmerzen und die Übelkeit lindern. Außerdem sorgen Triptane dafür, dass sich die Blutgefäße im Gehirn verengen, was ebenfalls die Kopfschmerzen abschwächen kann. Mutterkornalkaloide (Ergotamine) erhalten Patienten in der Regel nur dann, wenn die Migräne-Attacke besonders lange anhält oder aber andere Medikamente nicht wirksam sind.
Verhalten während einer Migräneattacke
Bei den ersten Anzeichen kann es helfen, sich in einen abgedunkelten Raum zurückzuziehen und alle Geräuschquellen wie Fernseher oder Smartphone auszuschalten. Manchmal lässt sich ein Anfall auch stoppen, wenn frühzeitig ein Schmerzmittel eingenommen wird. Wichtig ist hier aber, dass Schmerzmedikamente nicht zu häufig eingenommen werden.
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