Vestibuläre Migräne: Ist Heilung möglich?

Die vestibuläre Migräne, auch Schwindelmigräne genannt, ist eine besondere Form der Migräne, bei der Schwindelattacken im Vordergrund stehen. Sie betrifft schätzungsweise ein Prozent der Bevölkerung und kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet die Symptome, Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der vestibulären Migräne und geht der Frage nach, ob eine Heilung möglich ist.

Was ist vestibuläre Migräne?

Die vestibuläre Migräne ist eine Unterform der episodischen Migräne, die durch Schwindel gekennzeichnet ist. „Vestibulär“ bedeutet, dass das Gleichgewichtsorgan im Innenohr an den Beschwerden beteiligt ist. Früher wurde sie auch als Migräne-assoziierter Schwindel, migränebedingte Vestibulopathie oder migränöser Schwindel bezeichnet. Die vestibuläre Migräne betrifft das Vestibularorgan im Innenohr und kann in jeder Altersgruppe auftreten, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer.

Symptome der vestibulären Migräne

Das Leitsymptom der vestibulären Migräne ist Schwindel, der sich als Drehschwindel, lageabhängiger Schwindel oder Kopfbewegungsintoleranz äußern kann. Einige Patienten erleben den Schwindel auch als Bewegungsgefühl (Schwanken, Kippen). Die Schwindelattacken können von wenigen Sekunden bis zu mehreren Tagen andauern und mehrmals täglich auftreten.

Weitere Symptome, die das Beschwerdebild der vestibulären Migräne vervollständigen, sind:

  • Oszillopsien: Scheinbewegungen der Umwelt.
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Gangunsicherheit: Aufgrund der Beteiligung des Vestibularorgans.
  • Migräne-Symptome: Kopfschmerzen, Licht- und Lärmscheu, häufiges Wasserlassen.
  • Auditive Symptome: Hörminderung, Tinnitus oder Ohrendruck (ohne Verschlimmerung im Laufe der Erkrankung).
  • Visuell-induzierter Schwindel: Ausgelöst durch die Betrachtung sich bewegender Objekte.
  • Kopfbewegungsinduzierter Vertigo
  • Sehstörungen: Verschwommenes Sehen.
  • Hirnstammsymptome: Nystagmus, sakkadierte Blickfolge.
  • Visuelle Auren

Wichtig ist, dass Migränesymptome bei Auftreten des Schwindels möglich, aber nicht obligat sind. In bis zu 30 % der Fälle kommt es gar nicht zu Kopfschmerzen, was die Diagnose erschweren kann.

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Ursachen der vestibulären Migräne

Die genauen Ursachen der vestibulären Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Wissenschaftler vermuten, dass die enge räumliche Nähe zwischen dem Gleichgewichtssystem und dem schmerzverarbeitenden System im Hirnstamm eine Rolle spielt. Es wird angenommen, dass eine Stimulation der Strukturen im vestibulären System eine neurologische Reaktion auslösen kann, die zu den Symptomen der Krankheit führt. Inzwischen konnte man auch eine genetische Komponente nachweisen, die mitverantwortlich ist.

Zu den bekannten Auslösern (Triggern) der vestibulären Migräne gehören:

  • Stress
  • Gestörter Schlafrhythmus
  • Lebensmittel: Rotwein, Käse, dunkle Schokolade, Geschmacksverstärker wie Glutamat.
  • Hormonelle Schwankungen: Besonders im Rahmen der weiblichen Menstruation, Schwangerschaft oder Wechseljahre.
  • Wetter
  • Licht- oder Geräuschreize
  • Alkohol und Zigarettenrauch

Die Auslöser können jedoch individuell verschieden sein, daher ist es wichtig, die eigenen Trigger zu identifizieren und zu vermeiden.

Diagnose der vestibulären Migräne

Die Diagnose der vestibulären Migräne kann schwierig sein, da die Symptome denen anderer Schwindelerkrankungen ähneln können. Oft vergehen Jahre, bis die Diagnose gestellt wird. Um eine Schwindelmigräne festzustellen und andere Erkrankungen wie Morbus Menière auszuschließen, wurden von der internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS) und der Bárány-Society Diagnosekriterien veröffentlicht.

Diagnosekriterien der Bárány-Society für vestibuläre Migräne:

A) Mindestens 5 Attacken mit vestibulären Symptomen von milder bis schwerer Intensität mit einer Dauer zwischen 5 Minuten und 72 Stunden.

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B) Positive Anamnese für Migräne mit oder ohne Aura.

C) Ein oder mehr Migränesymptome bei 50% der Schwindelepisoden:

  • Kopfschmerz mit mind. 2 Charakteristika:
    • Einseitiges Auftreten
    • Pulsierender Charakter
    • Mittlere bis schwere Schmerzintensität
    • Photophobie oder Phonophobie
  • Visuelle Aura

D) Symptomatik nicht besser durch andere Erkrankungen erklärbar.

Wahrscheinliche vestibuläre Migräne:

  • Mindestens 5 Attacken mit vestibulären Symptomen von milder bis schwerer Intensität mit einer Dauer zwischen 5 Minuten und 72 Stunden.
  • Nur eines der o.g. Rezidivierende Schwindelattacken mit einer Dauer von 30 Sekunden bis Tagen.
  • Weitere begleitende Symptome zum Schwindel nicht erforderlich.
  • Isolierte Schwindelattacken schließen Diagnose vestibuläre Migräne nicht aus.
  • Positive Migräneanamnese, Auren!
  • Spontannystagmus, lageabhängiger Nystagmus möglich.

Bei der Diagnose ist es wichtig, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome verursachen können. Zu den wichtigsten Differentialdiagnosen gehören:

  • Morbus Menière: Betroffene weisen oft ebenfalls Migräne-Symptome auf, leiden aber zusätzlich unter Hörverlust, Tinnitus und Ohrendruck, die sich im Laufe der Erkrankung verschlimmern.
  • Transitorisch ischämische Attacken (TIAs): Betreffen meist ältere Patientinnen und Patienten. Die Symptome (Sprachschwierigkeiten, Verwirrtheit, Sehverlust besonders auf einem Auge, Schwindel, Gleichgewichts- und Koordinationsverlust) halten zwischen wenigen Minuten und mehreren Stunden an.
  • Vestibularisparoxysmie: Durch Nervenkompression kommt es zu Schwindel-Attacken, die einige Sekunden andauern.
  • Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Kurze Schwindel-Attacken, sobald der Kopf bewegt wird.
  • Psychogener Schwindel: Folge einer Angststörung.
  • Orthostatische Hypotonie: Schwindel und Sehstörungen direkt nach dem schnellen Aufstehen.
  • Basilarismigräne: Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Übelkeit sind typische Symptome, genau wie Seh- und Sprachstörungen oder Taubheitsgefühle.

Behandlung der vestibulären Migräne

Die Behandlung der vestibulären Migräne zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren. Da die vestibuläre Migräne bisher nicht heilbar ist, konzentriert sich die Behandlung auf die Linderung der Symptome und die Vorbeugung von Anfällen.

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Akutbehandlung

Bei akuten Schwindelattacken können folgende Medikamente helfen:

  • Antiemetika: Metoclopramid und Domperidon wirken gegen die Übelkeit.
  • Triptane: Bekämpfen gezielt die Migräne und wirken nicht symptomatisch.
  • Klassische Schmerzmittel (Analgetika): Ibuprofen und ASS können die Schmerzen beseitigen.
  • Dimenhydrinat: Kann bei Übelkeit und Schwindel helfen.

Prophylaxe

Zur Vorbeugung von Anfällen können folgende Medikamente eingesetzt werden:

  • Betablocker: Metoprolol
  • Antidepressiva: Amitriptylin
  • Antiepileptika: Topiramat
  • Calciumkanalblocker: Flunarizin (offiziell zur Behandlung von Schwindel zugelassen)
  • CGRP-Antikörper: Können bei hohem Leidensdruck eingesetzt werden.
  • Gepante: Blockieren im Gehirn einen Rezeptor, der an der Entstehung von Attacken beteiligt ist.
  • Acetylsalicylsäure
  • Naprocen
  • Riboflavin (Vitamin B2)
  • Magnesium

Besonders geeignet zur Vorbeugung ist der Calciumkanalblocker Flunarizin, der direkt am Vestibularorgan wirkt. Acetazolamid und Diclofenamid sind Carboanhydrasehemmer, die ebenfalls gute Ergebnisse erzielen können.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

Neben der medikamentösen Behandlung spielen auch nicht-medikamentöse Maßnahmen eine wichtige Rolle:

  • Gesunde Lebensführung: Ausreichend Schlaf, ausgewogene Ernährung, genügend Trinken.
  • Regelmäßige Bewegung: Ausdauersportarten wie Joggen, Schwimmen oder Fahrradfahren.
  • Stressabbau: Entspannungsverfahren wie progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Mediation.
  • Vermeidung von Triggern: Identifizierung und Vermeidung individueller Auslöser.
  • Gleichgewichtstraining: Gibt Patientinnen und Patienten Sicherheit.
  • Diätmanagement mit hochdosierten Präparaten: Magnesium, Riboflavin (Vitamin B2), Coenzym Q10

Alternative Verfahren

Neben der medikamentösen Therapie sind auch alternative Verfahren verbreitet.

Krankheitsverlauf und Prognose

Die Symptome der vestibulären Migräne dauern zwischen fünf Minuten und 72 Stunden. Die Beschwerden klingen bis zum nächsten Migräne-Anfall komplett ab und halten nie länger als drei aufeinanderfolgende Tage und keinesfalls wochenlang an.

Mithilfe von geeigneten Prophylaxe-Maßnahmen lassen sich die Migräne-Tage meistens um etwa die Hälfte reduzieren. Trotzdem kommt es immer wieder zu episodischen Migräne-Anfällen, das lässt sich kaum vermeiden. Vielen Betroffenen gelingt es aber, ihre individuellen Auslöser (Trigger) aufzudecken und oft auch zu vermeiden, oder sie finden einen Weg, um mit den Symptomen umzugehen.

Ist vestibuläre Migräne heilbar?

Bisher ist vestibuläre Migräne nicht heilbar. Es gibt aber immer wieder Fälle, bei denen es zu einer Spontanremission kommt. Viele Patientinnen und Patienten haben jedoch immer wieder Migräne-Anfälle. Kommen Migränepatientinnen in die Wechseljahre, lassen die Kopfschmerzen oft nach und der Schwindel tritt alleine auf.

Was können Betroffene tun?

  • Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch: Um Trigger zu identifizieren und den Verlauf der Erkrankung zu dokumentieren.
  • Achten Sie auf einen gesunden Lebensstil: Ausreichend Schlaf, ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und Stressabbau.
  • Vermeiden Sie bekannte Trigger: Passen Sie Ihre Ernährung und Ihren Tagesablauf an, um Auslöser zu minimieren.
  • Nehmen Sie ärztliche Hilfe in Anspruch: Suchen Sie einen Neurologen oder HNO-Arzt auf, um eine Diagnose zu erhalten und eine geeignete Behandlung zu beginnen.
  • Informieren Sie sich: Je besser Sie über die Erkrankung Bescheid wissen, desto besser können Sie damit umgehen.
  • Hören Sie auf Ihren Körper: Nehmen Sie sich Pausen, wenn Sie sie brauchen, und vermeiden Sie Überanstrengung.
  • Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen aus: In Selbsthilfegruppen oder Online-Foren können Sie Erfahrungen austauschen und Unterstützung finden.

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