Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahren immense Fortschritte gemacht und werfen damit neue Fragen über unser traditionelles Verständnis des Menschen auf. Viele behaupten, dass es kein „Ich“, keine Freiheit und keine Verantwortlichkeit gibt. Diese Schlussfolgerungen ergeben sich jedoch nur, wenn man von einem cartesianischen Menschenbild ausgeht, das besagt, dass jeder Mensch neben einem Körper auch eine immaterielle Seele besitzt, die das „Ich“ ausmacht, und dass Freiheit voraussetzt, dass dieses „Ich“ von außen in den Weltlauf eingreift.
Ansgar Beckermann, ein renommierter Philosoph, setzt sich intensiv mit diesen Fragen auseinander. Er argumentiert, dass dieses cartesianische Menschenbild falsch ist und dass die Naturwissenschaften Recht haben: Wir haben keine immaterielle Seele. Doch daraus folgt laut Beckermann nicht, dass es uns nicht gibt oder dass wir niemals Entscheidungen treffen und Handlungen ausführen. Er betont, dass es uns gibt und dass wir in bestimmten Situationen Entscheidungen treffen und handeln. In manchen Fällen sind wir sogar für unser Handeln verantwortlich.
Freiheit und Verantwortung ohne immaterielle Seele
Beckermann zufolge beruhen Freiheit und Verantwortung nicht darauf, dass ein unverursachtes „Ich“ neue Kausalketten initiiert, sondern darauf, dass wir bestimmte Fähigkeiten besitzen, die wir auch ohne eine Seele haben. Er argumentiert, dass die Annahme, dass es uns gibt, dass wir selbst entscheiden und handeln und dass wir zumindest manchmal frei und verantwortlich sind, nicht aufgegeben werden muss.
Ansgar Beckermann: Ein Leben für die Philosophie
Ansgar Beckermann, geboren 1945, studierte Philosophie, Mathematik und Soziologie in Hamburg und Frankfurt am Main. Nach seiner Promotion 1974 und Habilitation 1978 war er von 1982 bis 1992 Professor für Philosophie in Göttingen, von 1992 bis 1995 in Mannheim und seit 1995 in Bielefeld. Von 1985 bis 1994 war er einer der Koordinatoren des DFG-Schwerpunktprogramms „Kognition und Gehirn“ und von 2000 bis 2006 Präsident der Gesellschaft für Analytische Philosophie.
Die Auseinandersetzung mit der Hirnforschung in der Theologie und Philosophie
Die Ergebnisse der Hirnforschung werden in verschiedenen Disziplinen diskutiert, darunter auch in der Theologie und Philosophie. Eine Sammelrezension verschiedener Bücher zeigt, wie unterschiedlich diese Auseinandersetzung ausfallen kann.
Lesen Sie auch: Neurologische Versorgung Höxter
Manfred Spitzer und die Selbstbestimmung
Der Mediziner Manfred Spitzer analysiert in seinem Buch „Selbstbestimmen“ den Beitrag der Hirnforschung zur Analyse von Handlungsentscheidungen. Er untersucht die Mechanismen des Lernens und der Erfahrung, die Bedeutung des Bewertens für Handlungsentscheidungen und die neurobiologischen Grundlagen von Entscheidungsprozessen. Spitzer plädiert dafür, dass die Annahme der vollständigen Determiniertheit unseres Gehirns und die Behauptung subjektiver Freiheit miteinander vereinbar seien. Er sieht Freiheit als die subjektive Erfahrung der Unabhängigkeit einer Entscheidung von äußeren Einflüssen.
Matthias Beck und die Seele im Kontext von Krebserkrankungen
Der Mediziner und Theologe Matthias Beck untersucht in „Der Krebs und die Seele“ den Zusammenhang von Körper und Geist im Kontext von Krebserkrankungen. Er betont die seelische Dimension dieser Erkrankungen und die Notwendigkeit einer Neuorientierung des Menschen in seiner Existenz. Beck schlägt eine „existentielle Therapie“ vor, die dem Kranken helfen soll, durch Erkenntnis, Umkehr und Neuausrichtung zu seiner Heilung beizutragen.
Michael Pauen und die Illusion der Freiheit
Der Philosoph Michael Pauen argumentiert in „Illusion Freiheit“, dass Determinismus und Freiheit miteinander vereinbar sind. Er entwickelt eine Minimalkonzeption von Freiheit, die Autonomie und Urheberschaft als notwendige und hinreichende Bedingungen für Freiheit voraussetzt. Pauen sieht seine Theorie durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse gestützt, die den engen Zusammenhang von bewussten und unbewussten, von rationalen, emotionalen und kulturellen Anteilen in unserem Entscheiden und Handeln herausgestellt haben.
Die Rolle der Seele in der Kognitions- und Neurowissenschaft
Der Sammelband „Die Rolle der Seele in der Kognitions- und Neurowissenschaft“ vereint Arbeiten von Neurowissenschaftlern, Wissenschaftstheoretikern und Philosophen, die das Konzept der Seele in den Kognitions- und Neurowissenschaften hinterfragen. Gerhard Roth stellt fest, dass der Begriff des Seelischen als Bezeichnung für alle kognitiven, emotionalen und affektiven Zustände eines Ichs auch in der Hirnforschung sinnvoll verwendet werden kann, wenn diese streng als Zustände physischer Gehirnprozesse verstanden werden. Ansgar Beckermann analysiert die Bedingungen von Selbstbewusstsein kognitiver Systeme.
Aktuelle Werke zur Hirnforschung und zum Bewusstsein
Neben Beckermanns Werk gibt es eine Vielzahl aktueller Publikationen, die sich mit der Hirnforschung und dem Bewusstsein auseinandersetzen.
Lesen Sie auch: Das Portrait: Ansgar Küch
"Bewusstsein - Selbst - Ich. Die Hirnforschung und das Subjektive"
Dieser Sammelband von Helmut Fink und Rainer Rosenzweig stellt kritische Fragen an die Hirnforschung unter Einbezug der Subjektivität. Die Aufsätze variieren in Qualität und Tiefgang, bieten aber verschiedene Zugänge zum Thema. Ansgar Beckermann fragt in diesem Band nach dem „Selbstbewusstsein ohne Ich“.
"Denken. Wie das Gehirn Bewusstsein schafft"
Stanislas Dehaenes Buch wird als "Meilenstein der Gehirnforschung" bezeichnet. Er gibt einen spannenden Überblick über die Fortschritte der Gehirnforschung und entwickelt eine empirische Theorie des menschlichen Wahrnehmens, Fühlens und Denkens. Dehaene fasst 20 Jahre neurophysiologischer Grundlagenforschung zusammen und ergänzt sie um die aktuelle empirische Theorie des Bewusstseins.
"Körper, Selbst, Identität. Die verdinglichende Selbstreflexion des modernen Subjekts von Descartes bis zur Kognitiven Neurowissenschaft"
Holger Hagens Dissertation stellt die These in Frage, dass das Leib-Seele-Problem durch die Naturwissenschaft gelöst sei. Er kritisiert Dualismus und Materialismus als widersprüchliche Theoriegebilde und stellt die These auf, dass die unterschiedlichen Positionen als Stufen einer Selbstreflexion verstanden werden müssen. Hagen kritisiert die Heranziehung bildgebender Verfahren zur endgültigen Aufklärung geistiger Phänomene.
Die Bedeutung der Philosophie in der Auseinandersetzung mit der Hirnforschung
Die Auseinandersetzung mit der Hirnforschung erfordert eine interdisziplinäre Herangehensweise, die sowohl naturwissenschaftliche als auch philosophische Perspektiven berücksichtigt. Die Philosophie kann dazu beitragen, die grundlegenden Begriffe und Annahmen der Hirnforschung zu hinterfragen und zu klären. Sie kann auch dazu beitragen, die ethischen und gesellschaftlichen Implikationen der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse zu reflektieren.
Lesen Sie auch: Was Sie über "Nerve" wissen sollten
tags: #beckermann #ansgar #buch #gehirn