Beginnende Demenz oder Depression: Ein differenzierter Blick auf die Unterschiede

Depressionen und Demenz gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Alter, wobei beide die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die Unterscheidung zwischen den beiden Krankheitsbildern ist jedoch oft schwierig, da sich ihre Symptome überschneiden können. Eine genaue Diagnose ist entscheidend, um die richtige Behandlung einzuleiten und den Betroffenen bestmöglich zu helfen.

Altersdepression: Mehr als nur schlechte Laune

Die Depression, auch bekannt als Lustlosigkeit oder Bedrücktheit, ist eine psychische Störung, die die Gefühlswelt von betroffenen Menschen negativ verändert. Es ist wichtig, Depressionen nicht mit vorübergehender Traurigkeit oder schlechter Laune zu verwechseln. Bei depressiven Patienten ab 65 Jahren spricht man umgangssprachlich von einer Altersdepression oder einer Depression im Alter.

Symptome der Altersdepression

Die Symptome einer Depression im Alter entsprechen den klassischen Symptomen einer Depression, wobei es alterstypische Besonderheiten geben kann. Zu den Hauptsymptomen gehören psychische Beschwerden wie:

  • Gedrückte Stimmung: Anhaltende Traurigkeit, Freudlosigkeit und Hoffnungslosigkeit.
  • Interessensverlust: Verlust des Interesses an Aktivitäten, die früher Freude bereitet haben.
  • Erschöpfungsgefühl: Permanente Müdigkeit und Antriebslosigkeit.
  • Schuldgefühle: Vermehrtes Gefühl von Wertlosigkeit oder Schuld.
  • Innere Anspannung: Gefühl der inneren Unruhe und Anspannung.
  • Schlafstörungen: Ein- und Durchschlafstörungen.
  • Appetitlosigkeit: Verminderter Appetit und Gewichtsverlust.
  • Konzentrationsstörungen: Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und aufmerksam zu bleiben.
  • Reizbarkeit: Erhöhte Reizbarkeit und Ungeduld.
  • Suizidgedanken: Gedanken an den Tod oder Selbstmord.

Ältere Menschen leiden oft an körperlichen Symptomen, wenn sie an einer Depression erkrankt sind. Umgekehrt können auch körperliche Leiden psychische Auswirkungen haben. Es wird geschätzt, dass Patienten mit Herzinsuffizienz zwei- bis viermal häufiger an Depressionen leiden als gesunde Menschen. Zudem ist das Risiko, an einer Herzinsuffizienz zu versterben, wenn eine Depression hinzukommt, deutlich höher. Auch der Verlust der sozialen Rolle (als Mutter oder im Beruf) kann eine Altersdepression begünstigen.

Ursachen von Altersdepressionen

Was Altersdepressionen genau auslöst, ist unklar. Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass es in der Regel psychosoziale und neurobiologische Faktoren sind, die bei Erkrankten eine Rolle spielen.

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  • Psychosoziale Faktoren:
    • Traumatische Erlebnisse in der Kindheit
    • Anhaltende Stressbelastungen wie Armut oder fehlende soziale Anerkennung
    • Verlust von Angehörigen oder Freunden
    • Verlust der sozialen Rolle
    • Einsamkeit
  • Neurobiologische Faktoren:
    • Ungleichgewicht von Hormonen und Botenstoffen im Gehirn
    • Genetische Veranlagung
    • Medikamente

Diagnose von Altersdepressionen

Depressionen werden ausschließlich von einem Arzt oder Therapeuten diagnostiziert. Bei älteren Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Depression erkranken, werden auch die körperlichen Leiden untersucht, die typischerweise mit einer Depression zusammen auftreten. Speziell für ältere Patienten wurde die Geriatrische Depressionsskala (GDS), auch Depressionstest nach Yesavage genannt, entwickelt. Der Fragebogen besteht aus 15 Fragen, die mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden. Die Schweregrade der Altersdepression sind identisch mit den klassischen Schweregraden einer Depression: Je nach Ausmaß der Symptome und den damit verbundenen Folgen wird zwischen einer leichten, mittelgradigen und schweren Depression unterschieden.

Behandlung von Altersdepressionen

Die Behandlung von Depressionen ist bei älteren Menschen genauso wichtig wie bei jüngeren. Studien zeigen, dass die Lebenszufriedenheit im Alter eher ansteigt und ältere Menschen die Fähigkeit besitzen, trotz eingeschränkter Möglichkeiten zufrieden zu sein. Die Behandlung kann verschiedene Ansätze umfassen:

  • Medikamentöse Behandlung: Antidepressiva können helfen, das hormonelle Ungleichgewicht im Gehirn auszugleichen. Der behandelnde Arzt muss jedoch auf eine sorgfältige Auswahl des Medikaments achten, da viele ältere Patienten bereits regelmäßig Medikamente einnehmen und es zu Wechselwirkungen kommen kann. Speziell bei älteren Patienten sollten nur Arzneimittel ausgewählt werden, die das Risiko eines Sturzes nicht erhöhen. Medizinisches Cannabis kann bei Altersdepressionen zu therapeutischen Zwecken in Frage kommen, indem es Symptome wie Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen und Angstzustände lindert.
  • Psychotherapie: Die Psychotherapie hat sich für ältere Menschen als sehr wirksame Methode erwiesen, Depressionen zu behandeln. Sie sollte von einem psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten durchgeführt werden, der auf die Behandlung älterer Menschen spezialisiert ist. Alltagsnotizen ergänzend zur Therapie: Zur Unterstützung verwenden Therapeuten häufig einen Wochenplan, in dem der Patient seine Stimmung, Beschäftigung und besondere Ereignisse notieren kann. Das hilft sowohl dem Betroffenen als auch dem behandelnden Therapeuten, bestimmte Verhaltensweisen zu beobachten und gegebenenfalls zu hinterfragen. Der Wochenplan kann auch helfen, gegen den typischen Aktivitäts- und Interessensverlust vorzugehen und eine aktive Tagesstruktur zu erarbeiten.
  • Weitere Maßnahmen:
    • Soziale Kontakte pflegen
    • Regelmäßige Bewegung
    • Gesunde Ernährung
    • Entspannungstechniken erlernen
    • Tagesstrukturierung

Demenz: Verlust der geistigen Fähigkeiten

Die Demenz ist ein Syndrom, das durch den Verlust von kognitiven Fähigkeiten wie Gedächtnis, Denken, Orientierung, Sprache und Urteilsvermögen gekennzeichnet ist. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Ursache für Demenz.

Symptome der Demenz

Die Symptome der Demenz können vielfältig sein und variieren je nach Art und Stadium der Erkrankung. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Gedächtnisverlust: Schwierigkeiten, sich an aktuelle Ereignisse zu erinnern, wiederholtes Stellen von Fragen, Verlegen von Gegenständen.
  • Orientierungslosigkeit: Schwierigkeiten, sich in vertrauter Umgebung zurechtzufinden, Verwechslung von Orten und Zeiten.
  • Sprachstörungen: Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden, undeutliche Sprache.
  • Problemlösungsstörungen: Schwierigkeiten, einfache Aufgaben zu erledigen, Entscheidungen zu treffen.
  • Verhaltensänderungen: Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Aggressivität, sozialer Rückzug.
  • Fehlendes Urteilsvermögen: Unangemessenes Verhalten, Vernachlässigung der Körperpflege.

Ursachen der Demenz

Die Ursachen der Demenz sind vielfältig und hängen von der Art der Demenz ab. Zu den häufigsten Ursachen gehören:

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  • Alzheimer-Krankheit: Ablagerung von Eiweißfragmenten im Gehirn, die zu Nervenzellschäden führen.
  • Vaskuläre Demenz: Durchblutungsstörungen im Gehirn, die zu Nervenzellschäden führen.
  • Lewy-Körperchen-Demenz: Ablagerung von Eiweißstrukturen in den Nervenzellen.
  • Frontotemporale Demenz: Abbau von Nervenzellen im Stirn- und Schläfenlappen des Gehirns.

Diagnose der Demenz

Die Diagnose der Demenz wird in der Regel von einem Arzt oder Neurologen gestellt. Die Diagnose umfasst in der Regel:

  • Krankengeschichte und körperliche Untersuchung
  • Kognitive Tests: Überprüfung von Gedächtnis, Denken, Orientierung und Sprache. Kognitive Leistungstests wie der Demenz-Detektionstest (DemTect) und der Mini-Mental-Status-Test (MMST) erfassen kognitive Störungen, wobei der DemTect besonders zu Beginn einer Demenz geeignet ist und der MMST eher für den Verlauf.
  • Neurologische Untersuchung
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) des Gehirns, um andere Ursachen für die Symptome auszuschließen.

Behandlung der Demenz

Es gibt derzeit keine Heilung für Demenz, aber es gibt Behandlungen, die helfen können, die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Die Behandlung umfasst in der Regel:

  • Medikamentöse Behandlung: Antidementiva können die Symptome der Alzheimer-Krankheit verbessern.
  • Nicht-medikamentöse Behandlung: Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Verhaltenstherapie, soziale Aktivierung.
  • Unterstützung für Angehörige: Beratung, Schulung, Selbsthilfegruppen.

Differenzialdiagnose: Demenz vs. Depression

Die Unterscheidung zwischen Demenz und Depression kann schwierig sein, da sich die Symptome überschneiden können. Es gibt jedoch einige wichtige Unterschiede, die bei der Diagnose helfen können:

MerkmalDepressionDemenz
ErkrankungsbeginnRaschSchleichend
VerlaufVorübergehendKontinuierlich verschlechternd
OrientierungWeitestgehend vollständigGedächtnis- und Orientierungsstörungen
ProblembewältigungBeschreibt Einschränkungen ausführlich, reagiert auf Leistungsanforderungen mit Aussagen wie "Ich schaffe das nicht", grübeltBagatellisiert Einschränkungen, macht Umfeld für Defizite verantwortlich
Kognitive StörungenGering ausgeprägt, gleichbleibend, gute Alltagskompetenzen im Widerspruch zu Leistungstests, SchuldgefühleZunehmend, im Einklang mit Leistungstests, Alltagskompetenzen nehmen kontinuierlich ab
SchlafEin- und Durchschlafstörungen aufgrund von GrübelnNächtliche Unruhe und Umtriebigkeit
Soziale AktivitätenSozialer RückzugVersucht, sozial aktiv zu bleiben
StimmungStimmungstief am MorgenStimmungstief am Abend
SelbstbildKlagt mehr über ihre SymptomeDemenzkranke tendieren dazu ihre Beschwerden zu kaschieren
Hilfe suchenDer depressive Patient kann sich zumindest orientieren und Hilfe aufsuchenDer Demenz-Patient ist desorientiert und mit fortschreitender Erkrankung nicht in der Lage Hilfe aufzusuchen
AlltagsverhaltenTrotz Depression ist der Patient in der Lage Routinearbeiten zu tätigenDer Demenzpatient verliert seine Alltagskompetenzen, wie Duschen, Toilettengänge, Essenszubereitung etc.
VerlaufDepression ist eine Erkrankung mit vorübergehenden Verlauf, bei einer Demenzerkrankung zeigt sich eine Symptomatik über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten

Es ist wichtig zu beachten, dass diese Tabelle nur eine Orientierungshilfe darstellt und die Symptome individuell variieren können. Eine umfassende Diagnose durch einen Arzt oder Therapeuten ist unerlässlich.

Depression als Risikofaktor für Demenz

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Menschen, die im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken, ein erhöhtes Risiko haben, im Alter eine Demenz zu entwickeln. Besonders auffällig ist dieser Zusammenhang bei Depressionen, die im mittleren Lebensalter auftreten.

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Warum Depressionen das Risiko für eine Demenz steigern, ist noch nicht vollständig geklärt. Fachleute vermuten mehrere Ursachen:

  • Menschen mit Depressionen ziehen sich oft sozial zurück, bewegen sich weniger und vernachlässigen ihre Gesundheit.
  • Zusätzlich steht ein dauerhaft erhöhter Spiegel des Stresshormons Cortisol im Verdacht, Entzündungsprozesse im Gehirn zu fördern und Nervenzellen zu schädigen.

Die gute Nachricht: Wer seine Depression frühzeitig behandeln lässt - ob mit Medikamenten, Psychotherapie oder einer Kombination - kann das Risiko senken.

Was tun als Angehörige?

Wenn Sie den Verdacht haben, dass ein Angehöriger an einer Depression oder Demenz leidet, ist es wichtig, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Angehörige können eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der Betroffenen spielen:

  • Nehmen Sie die Beschwerden der betroffenen Person ernst.
  • Unterstützen Sie Ihren Angehörigen dabei, passives und inaktives Verhalten zu überwinden.
  • Aktivieren Sie die Person, indem Sie positive Erfahrungen steigern.
  • Helfen Sie Ihrem Angehörigen dabei, seinen Tag zu strukturieren.
  • Bauen Sie für Ihren depressiven Angehörigen ein funktionierendes Versorgungs- und Unterstützungssystem auf.
  • Bemühen Sie sich, den familiären und partnerschaftlichen Austausch zu verbessern.
  • Helfen Sie der Person dabei, Vergangenes besser zu bewältigen.
  • Machen Sie deutlich, worauf man stolz sein kann und stellen Sie Veränderungen, die ohne eigenes Wollen erforderlich wurden, heraus.
  • Vermeiden Sie Phrasen wie „Du musst positiv denken“. Sie vermitteln dem Kranken lediglich, dass man ihn nicht versteht.
  • Versuchen Sie nicht, krampfhaft die Stimmung aufzuhellen. Dies kann für Betroffene sehr belastend werden, da sie ein schlechtes Gewissen entwickeln.
  • Suchen Sie Adressen von Therapeuten in ihrer Nähe heraus und stellen Sie diese Ihrem Angehörigen zur Verfügung. Damit führen Sie ihn sanft an das Thema heran.
  • Ermutigen Sie zu ärztlicher Hilfe. Erklären Sie, dass eine Depression keine Schwäche ist, sondern eine behandelbare Erkrankung.
  • Achten Sie auf mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten. Einige Wirkstoffe können depressive Symptome verstärken - sprechen Sie dies offen im Arztgespräch an, gerade auch, wenn mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen werden.
  • Fördern Sie soziale Kontakte. Einsamkeit verstärkt Depressionen. Gespräche, Gruppentreffen oder Selbsthilfeangebote können insbesondere zu Beginn der Erkrankung entlasten.
  • Achten Sie auf Bewegung. Körperliche Aktivität hilft nachweislich bei depressiven Symptomen. Selbst kleine Bewegungseinheiten können die Stimmung und die mentale Gesundheit verbessern.
  • Vermeiden Sie große Veränderungen. Ein Umzug, der Verlust einer vertrauten Bezugsperson oder andere tiefgreifende Veränderungen können Ängste und depressive Phasen verschärfen.
  • Schaffen Sie Sicherheit. Vermeiden Sie stressige Themen wie Geld, die Demenzerkrankung oder die damit verbundenen Einschränkungen. Auch Lärm oder Orte mit vielen Menschen können überfordern.
  • Bieten Sie einfache, sinnvolle Beschäftigung an. Kochen, musizieren oder gärtnern - das, was früher Freude gemacht hat, kann helfen. Wichtig ist: nicht überfordern.
  • Gestalten Sie den Alltag so ruhig und angenehm wie möglich.

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