Muskelzucken, im Fachjargon auch als Faszikulationen bekannt, sind ein weit verbreitetes Phänomen. Sie äußern sich als unwillkürliche, feine Zuckungen kleiner Muskelstränge direkt unter der Haut, die von außen sichtbar sein können. Typischerweise betrifft es nicht einen großen Muskelstrang, sondern mehrere kleine, die weder einzeln noch synchron zucken. Es wirkt eher, als ob ein kleines "Gewitter" über die betroffene Stelle läuft, wobei einzelne Stränge eines kleinen Gebiets rasch nacheinander zucken. Die betroffenen Stellen können ebenfalls rasch wechseln.
Was sind Faszikulationen? Eine Definition
Muskelzuckungen sind blitzartige, meist arrhythmische Zusammenziehungen einzelner kleiner Muskelbündel, den sogenannten Faszikeln. Daher spricht man beim Muskelzucken im Oberarm, Bein oder in anderen Körperteilen auch von Faszikulationen. Sie sind unregelmäßige und unwillkürliche Kontraktionen von Muskelfaserbündeln, die sich durch sichtbare Muskelzuckungen bemerkbar machen, besonders wenn sie in oberflächlichen Muskelschichten entstehen.
Arten von Faszikulationen
Experten unterscheiden zwischen zwei Arten von Muskelzuckungen:
Benigne Faszikulationen: Der Begriff "benigne" bedeutet "gutartig". Bei dieser Art von Muskelzucken entsteht das Zucken der Muskeln meist durch Stress, aber auch durch körperliche oder anderweitige nervliche Belastung. Es ist auch möglich, dass bestimmte Medikamente oder fehlende Nährstoffe für das Zucken verantwortlich sind. Diese Zuckungen finden sich primär in den Waden, im Bereich um die Augen (speziell im Augenlid) sowie in der Oberarmmuskulatur. Benigne Faszikulationen haben eine gute Prognose und erfordern in der Regel keine Behandlung.
Pathologische Faszikulationen: Fachleute sprechen von pathologischen Faszikulationen, wenn das Muskelzucken in der Brust, im Bein oder am ganzen Körper aufgrund einer Schädigung der Nervenzellen auftritt. Diese Form des Muskelzuckens ist typischerweise bei der Krankheit ALS (amyotrophe Lateralsklerose) zu beobachten. Die Prognose hängt stark von der zugrunde liegenden Erkrankung ab.
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Ursachen benigner Faszikulationen
Benigne Faszikulationen sind in der Regel harmlos und haben keinen Krankheitswert. Sie können durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden:
- Stress und psychische Belastungen: Die mit Abstand häufigste Ursache für Muskelzucken ist Stress. Psychische Probleme und andere Belastungen erhöhen den Stresspegel und sorgen für eine Überlastung des Gehirns. Dies kann zu unwillkürlichen sowie unerwünschten Reizweiterleitungen führen, die sich möglicherweise durch Muskelzucken äußern.
- Elektrolytmangel: Ein Ungleichgewicht im Mineralienhaushalt - vor allem in Bezug auf Calcium und Magnesium - kann zu Störungen der Muskelaktivität führen. Elektrolyte leiten im Körper Nervensignale an die Muskelzellen, wodurch sich die Muskeln anspannen oder entspannen. Ist der Elektrolythaushalt gestört, können die Impulse der Nerven nicht richtig weitergeleitet werden. Auch das kann beim Muskelzucken die Ursache sein.
- Flüssigkeitsmangel: Ist der Körper dehydriert, verdickt sich das Blut. Dadurch können die Nährstoffe nicht mehr gut zu den Muskelzellen gelangen, was sie in ihrer Funktion beeinträchtigen und zu Muskelzuckungen führen kann.
- Bewegungsmangel: Ein Bewegungsmangel kann einen verminderten Blutdruck zur Folge haben. Dadurch ist die Muskulatur unterversorgt und reagiert darauf möglicherweise mit Faszikulationen.
- Falsche Körperhaltung: Werden Teile des Körpers dauerhaft falsch belastet, werden Muskeln u.U. ständig oder auf unnatürliche Weise angespannt. So können Krämpfe entstehen und Durchblutungsstörungen. Es ist auch möglich, dass verspannte Muskeln Nerven beeinflussen. Dies alles kann zu Muskelzucken führen.
- Koffein und Alkohol: Stimulierende Substanzen wie Koffein oder Alkohol können zu sogenannten "Impulskurzschlüssen" führen. Die Folge kann ein ungewolltes Muskelzucken sein.
- Weitere Ursachen: Kälte (Unterkühlung), Schlafmangel, unzureichende Magnesiumversorgung, Überbelastungen sowie ein Elektrolytmangel, zum Beispiel durch übermäßiges Schwitzen.
Wo können Faszikulationen auftreten?
Faszikulationen können grundsätzlich an allen Muskeln des Körpers auftreten. Es gibt jedoch Körperregionen, in denen sie deutlich häufiger vorkommen. Dazu gehören vor allem mechanisch stark beanspruchte Muskelregionen wie Arme, Beine, Füße und Hände. Besonders häufig treten Faszikulationen im Bereich des Augenlids auf. Auch die Zunge kann betroffen sein. Faszikulationen an den Waden treten verhältnismäßig häufig auf und sind meist eine Reaktion auf Überlastung oder muskuläre Anspannung.
Symptome und Begleiterscheinungen
Faszikulationen sind meist eindeutig und fast immer selbst wahrnehmbar. Betroffene spüren das schnelle Zusammenziehen von Muskeln oder bestimmten Muskelbereichen. Dieses Phänomen ist auch sichtbar, vor allem wenn es sich um größere Muskelpartien handelt. In der Regel verursachen Faszikulationen keine Schmerzen, können aber je nach Körperregion ein leicht unangenehmes Gefühl verursachen. Schmerzen entstehen meist nur dann, wenn große Muskeln sich stark kontrahieren. In einigen Fällen können daraus auch Krämpfe resultieren, die als mäßige bis starke Schmerzen empfunden werden.
Manche Patienten nehmen ihr Faszikulieren überdeutlich wahr, dann wird es zur quälenden Empfindung. Das mit dem Faszikulieren verbundene Gefühl macht sie fast wahnsinnig. Es okkupiert ihre ganze Aufmerksamkeit, sie können sich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Oft laufen sie kopflos herum und fühlen sich wie ein Tiger im Käfig. Manche Betroffenen nimmt diese merkwürdige Empfindung beim Faszikulieren so mit, dass sie ernsthaft depressiv werden - auch deswegen, weil ihnen keiner glaubt (auch die Ärzte nicht), sie keiner versteht und sie nirgends Hoffnung auf Erlösung von ihrer Qual sehen. Tatsächlich verstärken sich Faszikulationen oft in Belastungssituationen, wenn sich allgemein die Spannung im Gewebe erhöht.
Nicht verwechseln sollte man Faszikulationen an den Unterschenkeln mit Restless legs. Das ist ein Unruhegefühl in den Beinen, das vor allem nachts auftritt und die Betroffenen mit einem unbändigen Bewegungsdrang aus dem Bett treibt.
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Diagnose von Faszikulationen
Faszikulationen sind in der Regel eine Blickdiagnose, wenn sie zum Zeitpunkt der Untersuchung sichtbar sind, oder sie können anhand der Patientenbeschreibung diagnostiziert werden. Da Faszikulationen jedoch oft nur selten im Laufe des Tages auftreten, ist es beim Arztbesuch meist ein Zufall, diese tatsächlich zu beobachten. Unter Umständen kann ein Neurologe Faszikulationen gezielt auslösen, da bei betroffenen Patienten die Reizschwelle der Muskeln deutlich niedriger ist.
Weitere diagnostische Maßnahmen:
- Anamnese: Der Arzt wird den Patienten ausführlich nach seinen Beschwerden, Begleitsymptomen und Vorerkrankungen befragen.
- Körperliche Untersuchung: Tests der Reflexe, der Reizübertragung, des Gleichgewichtssinns, der Koordinationsfähigkeit und der Muskelkraft.
- Elektroneurografie (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um Nervenschädigungen zu erfassen.
- Elektromyografie (EMG): Messung der elektrischen Muskelaktivität.
- Blutuntersuchung: Zur Feststellung, ob eine Stoffwechselerkrankung, ein Mangelzustand oder eine zu hohe Konzentration bestimmter Substanzen im Körper vorliegt.
- Ultraschall: Im Ultraschall wirken Muskeln, die gerade nicht faszikulieren, völlig unauffällig.
- MRT (Magnetresonanztomografie): Ein MRT der Muskeln wird immer dann benötigt, wenn Faszikulationen nicht erklärbar sind, große Muskeln betroffen sind und diese Faszikulationen über einen langen Zeitraum oder immer wieder auftreten.
Behandlung von benignen Faszikulationen
In aller Regel müssen die reinen Faszikulationen selbst nicht behandelt werden. Sie sind vielmehr ein Symptom einer auslösenden Ursache, die es zu behandeln gilt.
Allgemeine Maßnahmen:
- Stressreduktion: Stress ist ein deutliches Zeichen, dass der Betroffene sehr angespannt und psychisch überlastet ist. Entspannungsverfahren wie Meditation, Yoga oder autogenes Training können helfen.
- Ausgewogene Ernährung: Achten Sie auf eine ausreichende Zufuhr von Magnesium, Kalium und Calcium. Magnesiumpräparate können die Versorgung mit dem Muskel-Mineral unterstützen, wenn diese nicht ausrechend gewährleistet ist.
- Ausreichend Flüssigkeit: Trinken Sie ausreichend Wasser oder ungesüßten Tee, am besten 2-3 Liter pro Tag.
- Regelmäßige Bewegung: Achten Sie auf eine ausreichende körperliche Aktivität, um Muskelzuckungen vorzubeugen.
- Richtige Körperhaltung: Achten Sie auf eine gute Körperhaltung, um falsche Belastungen zu vermeiden.
- Koffein- und Alkoholkonsum reduzieren: Reduzieren Sie die Menge des aufgenommenen Koffeins und Alkohols.
- Ausreichend Schlaf: Schlafmangel kann die Reizschwelle der Muskulatur herabsetzen.
Medikamentöse Behandlung:
Meistens werden einfache und manchmal auftretende Faszikulationen gar nicht behandelt. Es gibt jedoch Situationen, in denen Patienten einen hohen Leidensdruck erfahren. Dies macht es dann manchmal notwendig, einen Behandlungsversuch mit einem Medikament zu unternehmen. Hier steht zum einen einfaches Magnesium zur Verfügung, das dann einige Tage gegeben werden kann. Weiterhin, und vor allem beim Ausbleiben einer Besserung, werden mitunter auch Medikamente gegen Faszikulationen eingesetzt, die aus der Epilepsiebehandlung bekannt sind. Diese Medikamente erhöhen die Hemmschwelle des Muskels, sich zusammenzuziehen, das heißt, es bedarf eines größeren Reizes, bis sich dann ein Muskel kontrahiert.
Hausmittel:
- Kaliumreiche Ernährung: Führen Sie dem Körper ausreichend Kalium zu.
- Wärme- oder Kälteanwendungen: Je nach Empfinden können warme Bäder, Wärmflaschen oder auch kurze Kälteanwendungen helfen.
Pohltherapie®:
In der Pohltherapie® werden die von Faszikulieren betroffenen Patienten ernst genommen. Therapeuten behandeln in erster Linie das Bindegewebe / Faszien der Haut und Unterhaut, wobei sie davon ausgehen, dass durch Verspannungen dort Rezeptoren gereizt werden, die die Minimotorik in Gang setzen. Sollten die Unterschenkel sich insgesamt in Dauerkontraktion befinden (manchmal fühlen sie sich an wie aus Holz), so behandeln die Therapeuten auch gegen die zugehörige Fehlhaltung (meist ein Startmuster mit zurückgelegtem Oberkörper, was zu Dauer-Anspannung in den Waden führt).
Übungen gegen Faszikulationen:
Welche Übungen gegen Faszikulationen zum Einsatz kommen, hängt zunächst von der Ursache der Faszikulationen ab, zum anderen aber auch davon, welche Muskelgruppen von den Faszikulationen betroffen sind. Man unterscheidet muskelaufbauende Übungen von muskeldehnenden Übungen und schließlich muskellockernden Übungen. Dehnungsübungen spielen in der Behandlung von immer wiederkehrenden Faszikulationen eine zentrale Rolle, da sich verkürzende Muskeln eher zu Faszikulationen neigen.
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- Obere Extremität: Stellen Sie sich gerade hin. Legen Sie die Hand des betroffenen Arms auf das Schulterblatt. Greifen Sie mit der anderen Hand den nach oben stehenden Ellenbogen und ziehen Sie ihn in Richtung Wirbelsäule. Halten Sie diese Position einige Sekunden.
- Untere Extremität: Stellen Sie sich gerade hin und greifen Sie mit einer Hand den Fuß des betroffenen Beins. Ziehen Sie den Fuß in Richtung Gesäß, wodurch ein Ziehen im Bereich des Oberschenkels spürbar wird. Halten Sie diese Position einige Sekunden. Die Ausfallschrittübung ist ebenfalls hervorragend geeignet, um Muskeln zu dehnen.
- Waden: Faszikulationen der Waden können durch den sogenannten Zehengang behandelt werden. Dabei stemmt man sich langsam, aber kraftvoll auf die Zehen, abwechselnd mit dem linken und dann rechten Bein.
- Augenlider: Setzen Sie sich bequem und gerade auf einen Stuhl. Drücken Sie beide Augen kräftig zu, sodass das Ziehen der Augenmuskeln seitlich spürbar wird. Nach einigen Sekunden können die Augen wieder geöffnet werden.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Meist ist das Zucken der Muskeln harmlos. Im Blick haben sollte man es dennoch. In einigen Fällen sollte man sich von einem Arzt oder einer Ärztin untersuchen lassen:
- Das Muskelzucken hält seit 2 bis 3 Wochen an.
- Das Zucken ist von Schmerzen begleitet.
- Das Muskelzucken tritt am ganzen Körper auf.
- Weitere Symptome wie Taubheitsgefühl oder Müdigkeit treten auf.
Der Arzt wird dich vermutlich zu einem Neurologen oder einer Neurologin überweisen, um die Ursachen für das Muskelzucken zu finden. Der Nervenarzt bzw. die Nervenärztin wird dann eine passende Behandlung einleiten.
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