Nervenschäden bei Kindern: Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

Nervenschäden bei Kindern können verschiedene Ursachen haben und sich durch vielfältige Symptome äußern. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um langfristige Beeinträchtigungen zu minimieren. Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten Aspekte von Nervenschäden bei Kindern, von den möglichen Ursachen über die Symptomatik bis hin zu den verschiedenen Therapieansätzen.

Einführung

Nervenschädigungen, auch bekannt als Mono- oder Polyneuropathien, bezeichnen Beeinträchtigungen eines oder mehrerer Nerven des peripheren Nervensystems. Diese Nerven befinden sich in Armen, Beinen oder Organen. In manchen Fällen kann auch das zentrale Nervensystem (ZNS) in Gehirn und Rückenmark betroffen sein. Die Ursachen für Nervenschäden sind vielfältig, und es gibt keine einzelne Ursache, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren, die zu einer Polyneuropathie führen können. Experten gehen von über 300 verschiedenen Ursachen aus. In manchen Fällen bleibt der genaue Grund jedoch unklar.

Ursachen von Nervenschäden bei Kindern

Die Ursachen für Nervenschäden bei Kindern sind vielfältig und können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:

Genetische Ursachen

Einige Nervenerkrankungen sind genetisch bedingt und können bereits im Kindesalter auftreten. Ein Beispiel hierfür ist die Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT), eine häufige, genetisch bedingte Erkrankung des peripheren Nervensystems. Bei CMT werden die impulsübertragenden Axone mit ihrer isolierenden Myelinschicht geschädigt, was im Verlauf der Erkrankung zu einer Störung der Erregungsweiterleitung führt. Die Erkrankung wird oft von den Eltern an das Kind weitergegeben, wobei die Eltern nicht zwingend selbst erkrankt sein müssen, sondern Träger des Krankheitsmerkmals sein können. Es ist auch möglich, dass es zu einer spontanen Mutation des Chromosoms kommt.

Stoffwechselerkrankungen

Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus können auch bei Kindern zu Nervenschäden führen. Bei Diabetes mellitus (Typ 1 und Typ 2) entwickeln Betroffene häufig Nervenschädigungen, die als diabetische Neuropathie bezeichnet werden. Experten gehen davon aus, dass die überhöhten Blutzuckerspiegel die Blutgefäße der Nerven schneller verstopfen, was zu einer Unterversorgung der Nervenzellen mit Sauerstoff führt.

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Entzündungen und Infektionen

Nervenentzündungen (Neuritis), die durch Viren, Bakterien oder Giftstoffe ausgelöst werden, können ebenfalls Nervenschäden verursachen. Auch Infektionen mit Herpes-, Grippe- oder Hepatitis-Viren sowie das Pfeiffersche Drüsenfieber (Epstein-Barr-Virus) bergen diesbezüglich ein gewisses Risiko. Alle Menschen, die bereits an Windpocken erkrankt sind, tragen die auslösenden Varizella-Zoster-Viren in sich. Diese können erneut aktiviert werden und eine Gürtelrose verursachen, die bei zu später oder nicht ausreichender Behandlung Schäden am Hautnerv verursachen kann.

Verletzungen und äußere Einwirkungen

Externe Verletzungen, wie sie beispielsweise bei Operationen, Unfällen oder körperlichen Angriffen auftreten können, können ebenfalls zu Nervenschäden führen. Beispielsweise ist es bei Operationen möglich, dass Gewebe durchtrennt wird und gleichzeitig Nerven beschädigt werden. Auch Unfälle im Straßenverkehr oder an schweren Maschinen können bleibende Nervenschäden hinterlassen. In manchen Fällen können Amputationen notwendig werden, insbesondere wenn durchtrennte Gefäße oder Nerven chirurgisch nicht mehr miteinander verknüpft werden können.

Autoimmunerkrankungen

Bei Autoimmunerkrankungen richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper und kann auch das Nervensystem angreifen. Die dabei entstehenden Entzündungsreaktionen können in der Folge Nervenschädigungen verursachen. Zu den häufigen Erkrankungen dieser Art zählen beispielsweise Multiple Sklerose (MS), bei der sowohl das periphere als auch das zentrale Nervensystem betroffen sein kann. Bei der MS wird die Myelinschicht, eine Schutzschicht der Nervenfasern, zunehmend zerstört. Bei Kindern kann dabei auch die Nervenfaser selbst beschädigt werden.

Medikamente und Toxine

Bestimmte Medikamente, insbesondere Chemotherapeutika, können Nervenzellen angreifen und Nervenschäden verursachen. Vor allem bei der medikamentösen Behandlung verbreiten sich die schädlichen Stoffe überall im Körper und können daher zu einer Vielzahl von Symptomen führen. Auch der Konsum von Alkohol kann Nervenschäden verursachen, da das Ethanol im Alkohol die Nervenzellen direkt angreift und gleichzeitig eine einseitige und mangelhafte Ernährung einhergeht, die zu einer Unterversorgung mit wichtigen Vitaminen führt.

Multiple Sklerose (MS)

Obwohl die Multiple Sklerose (MS) normalerweise bei Erwachsenen zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr erstmals auftritt, können auch Kinder und Jugendliche betroffen sein. Bei Kindern und Jugendlichen werden die gleichen Krankheitszeichen beobachtet wie bei Erwachsenen, hierzu gehören Gefühls-, Seh- oder Gleichgewichtsstörungen sowie motorische Beeinträchtigungen. Im Unterschied zur MS bei Erwachsenen äußert sich die Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen fast immer in Schüben.

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Symptome von Nervenschäden bei Kindern

Die Symptome von Nervenschäden bei Kindern können vielfältig sein und hängen von der Art und dem Ausmaß der Schädigung sowie den betroffenen Nerven ab. Einige häufige Symptome sind:

  • Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheit, Brennen oder Schmerzen in den Extremitäten (Arme, Beine, Hände, Füße). Auch ein vermindertes Temperatur- oder Schmerzempfinden ist möglich.
  • Motorische Beeinträchtigungen: Muskelschwäche, Muskelkrämpfe, Muskelzuckungen oder Lähmungen. Bei der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung beispielsweise kommt es zu einer (durch eine Nervenerkrankung hervorgerufenen) Muskelatrophie.
  • Gleichgewichtsstörungen: Unsicherheit beim Gehen oder Stehen, häufiges Umknicken des Fußes. Im Rahmen der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung tritt auch eine Standunsicherheit auf.
  • Schmerzen: Brennende, stechende oder schneidende Schmerzen in den betroffenen Körperregionen.
  • Vegetative Störungen: Probleme mit der Steuerung der Organe, wie Schwindel, Blasenschwäche, Durchfall oder verstärktes Schwitzen.
  • Fußfehlstellungen: Insbesondere bei der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung treten häufig Fußfehlstellungen wie Hohlfuß auf.

Bei Kindern mit MS können die Symptome von Müdigkeit, Minderung der Konzentrationsfähigkeit und Kopfschmerzen begleitet werden. Da die Anzeichen so unterschiedlich sein können, wird die MS auch als „Krankheit der 1000 Gesichter“ bezeichnet.

Diagnose von Nervenschäden bei Kindern

Die Diagnose von Nervenschäden bei Kindern erfordert eine sorgfältige Anamnese, körperliche Untersuchung und verschiedene technische Untersuchungen. Folgende Methoden kommen häufig zum Einsatz:

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte und die vorliegenden Beschwerden des Kindes.
  • Körperliche Untersuchung: Der Arzt prüft die Muskelkraft, Reflexe, Sensibilität und Koordination des Kindes.
  • Elektroneurographie (ENG): Bei der Elektroneurographie wird die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen, um festzustellen, ob die Nerven Signale normal weiterleiten.
  • Elektromyographie (EMG): Bei der Elektromyographie wird die elektrische Aktivität der Muskeln gemessen, um festzustellen, ob die Muskeln richtig auf Nervensignale reagieren.
  • Blutuntersuchung: Eine Blutuntersuchung kann helfen, andere Krankheitsursachen auszuschließen und Hinweise auf Stoffwechselerkrankungen, Entzündungen oder Infektionen zu finden.
  • Liquoruntersuchung: Eine Untersuchung des Liquors (Nervenwassers) kann notwendig sein, um Entzündungen oder andere Erkrankungen des zentralen Nervensystems auszuschließen.
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) oder Ultraschall können eingesetzt werden, um Nervenstrukturen darzustellen und Schädigungen zu erkennen.
  • Nervenbiopsie: In seltenen Fällen kann eine Nervenbiopsie erforderlich sein, um eine Gewebeprobe des Nervs zu entnehmen und unter dem Mikroskop zu untersuchen.
  • Quantitative Sensorische Testung (QST): Bei der standardisierten Quantitativen Sensorischen Testung werden durch verschiedene Gefühlstests an der Haut Werte ermittelt, um zu erkennen, welche Nervenfasern genau geschädigt sind und wie stark die Schädigung fortgeschritten ist.

Bei Verdacht auf MS sind eine MRT und möglicherweise auch eine Untersuchung des Liquors notwendig. Eine Ultraschalluntersuchung des Bauchs, eine Untersuchung der Augen und ein EEG werden meist ebenfalls durchgeführt. Ergeben sich keine Hinweise auf eine andere Erkrankung, wird schließlich die Ausschluss-Diagnose „Multiple Sklerose“ gestellt.

Behandlung von Nervenschäden bei Kindern

Die Behandlung von Nervenschäden bei Kindern richtet sich nach der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung. Ziel ist es, die Ursache zu behandeln, die Symptome zu lindern und dieFunktion der betroffenen Nerven wiederherzustellen oder zu verbessern.

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Behandlung der Ursache

Wenn die Ursache der Nervenschädigung bekannt ist, sollte diese gezielt behandelt werden. Bei Diabetes mellitus ist eine gute Blutzuckereinstellung wichtig, um weitere Nervenschäden zu vermeiden. Bei Infektionen können Antibiotika oder Virostatika eingesetzt werden. Bei Autoimmunerkrankungen können Immunsuppressiva oder Kortikosteroide helfen, die Entzündung zu reduzieren. Bei Vitaminmangel kann eine entsprechende Supplementierung erfolgen. Alkoholabhängige Menschen profitieren von einer Suchttherapie.

Symptomatische Behandlung

Zusätzlich zur Behandlung der Ursache können verschiedene Maßnahmen eingesetzt werden, um die Symptome zu lindern:

  • Schmerztherapie: Schmerzen können mit Schmerzmitteln, Antidepressiva oder Antikonvulsiva behandelt werden. Capsaicin-Pflaster auf der Haut können ebenfalls helfen, Schmerzen zu lindern und die Durchblutung zu steigern.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft, Koordination und Beweglichkeit zu verbessern. Neurophysiologische Therapiekonzepte können eingesetzt werden, um Potenziale von Muskeln zu wecken und Bewegungen anzubahnen.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, dieAlltagsfähigkeiten des Kindes zu verbessern undKompensationsstrategien zu entwickeln.
  • Logopädie: Bei Sprach- oder Schluckstörungen kann Logopädie helfen.
  • Orthopädische Hilfsmittel: Orthesen oder Schienen können helfen, Fehlstellungen zu korrigieren und die Stabilität zu verbessern.
  • Psychotherapie: Psychotherapeutische Unterstützung kann den betroffenen Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern helfen, die seelischen Belastungen, die mit der Erkrankung einhergehen, zu verarbeiten.

Spezielle Therapien bei Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung

Bei der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT) können spezielle Therapien eingesetzt werden, um die Symptome zu lindern und dieProgression der Erkrankung zu verlangsamen. Dazu gehören:

  • Sehnentransfers: Bei Sehnentransfers werden Sehnen von stärkeren Muskeln auf schwächere Muskeln verlagert, um dieFunktion der schwächeren Muskeln zu verbessern.
  • Korrekturosteotomien: Bei Korrekturosteotomien werden Knochen durchtrennt und in einer korrigierten Position wieder fixiert, um Fehlstellungen zu korrigieren.
  • Arthrodesen: Bei Arthrodesen werden Gelenke versteift, um Schmerzen zu lindern und die Stabilität zu verbessern.
  • Fußdruckmessung (Pedobarometrie): Die Veränderung der Muskelaktivität lässt sich auch in der Pedobarometrie (Fußdruckmessung) beobachten.

Behandlung von MS-Schüben

Die Behandlung des akuten MS-Schubs bei Kindern ist nicht identisch mit der Dauertherapie im symptomfreien Zeitraum. Im akuten Schub erhalten die Kinder meist auch ein Glukokortikoid, um den Entzündungsprozess im Bereich der Myelinschicht so schnell wie möglich einzudämmen. Für eine Dauertherapie ist Kortison jedoch ungeeignet. Je nachdem, ob die Erkrankung mild bis moderat oder schwer verläuft, stehen für die Behandlung während der symptomfreien Intervalle unterschiedliche Arzneistoffe zur Verfügung. Diese regulieren das Immunsystem. Ziel ist es, bleibende Schäden so lange wie möglich hinauszuzögern. Um schwere Nebenwirkungen zu vermeiden, erfolgt die Einstellung der medikamentösen Therapie in Spezialzentren.

Umgang mit Nervenschäden im Alltag

Kinder mit Nervenschäden können im Alltag vor besonderen Herausforderungen stehen. Es ist wichtig, dass sie und ihre Familien die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um ein möglichst normales Leben zu führen.

Schule und Ausbildung

Krankheitsschübe können zur Folge haben, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen immer wieder in der Schule fehlen. Müdigkeit und Konzentrationsstörungen können ferner dazu beitragen, dass sie phasenweise den Unterrichtsstoff nicht gut aufnehmen können. Gemeinsam mit den Lehrkräften müssen daher Wege gesucht werden, wie die Betroffenen den verpassten Stoff nachholen können, damit Zukunftsängste die ohnehin schwierige Situation nicht zusätzlich belasten. Kinder mit MS sollen sich bewegen und somit auch am Schulsport teilnehmen. Lediglich starke körperliche Belastungen sollten sie vermeiden. Unabhängig davon muss auf eventuelle Behinderungen Rücksicht genommen werden. Langfristig kann der Verlauf der Erkrankung die schulische Laufbahn und die Berufswahl beeinflussen. Dabei sollten sich die Betroffenen und ihre Eltern die Unterstützung suchen, die sie benötigen.

Bewegung und Sport

Regelmäßige Bewegung und Sport sind wichtig für Kinder mit Nervenschäden, um die Muskelkraft, Koordination und Beweglichkeit zu erhalten oder zu verbessern. Es ist jedoch wichtig, dass die sportlichen Aktivitäten an die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse des Kindes angepasst werden. Starke körperliche Belastungen sollten vermieden werden. Geeignete Sportarten sind beispielsweise Schwimmen, Radfahren oder Yoga.

Unterstützung und Beratung

Es gibt verschiedene Organisationen und Selbsthilfegruppen, die Kinder mit Nervenschäden und ihre Familien unterstützen und beraten. Diese könnenInformationen über die Erkrankung, Behandlungsmöglichkeiten undHilfsangebote geben. Auch psychologische Unterstützung kann hilfreich sein, um mit den emotionalen Belastungen der Erkrankung umzugehen.

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